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Entpolitisierung durch Emotionalisierung

Deutscher Muttertag — Tag der Deutschen Mutter — Muttertag
  • Max Matter

Zusammenfassung

„Napoleon hat einmal gesagt, daß dem französischen Volke nichts fehle als gute Mütter, und wahrscheinlich hat er dabei mit neidischen Augen auf Deutschland geschaut. Denn in Deutschland hat es bis zum heutigen Tage kein Staatsmann und kein Fürst nötig gehabt, nach guten Müttern zu verlangen. Sie waren und sind von jeher in Deutschland eine Selbstverständlichkeit gewesen. Und darum gibt es auch in keinem andern Staat der Welt einen Tag, der der Mutter gewidmet ist. Das Symbol des völkischen Zusammenhaltes ist die Mutter und den Wert dieses Symbols hat Napoleon als kluger Staatsmann wohl erkannt, als er jenen Ausspruch tat: ‚Ein Volk, daß seine Mütter nicht über alles stellt, ist für diese Welt verloren, gibt sich selbst auf. Denn die Mutter ist die Wurzel aller guten völkischen Kräfte, ein unversiegbarer Born, aus dem es immer und immer wieder neuen Mut schöpft.‘Die Deutsche Mutter ist das Sinnbild der Wahrhaftigkeit und vor allem das Band, das die Familien zusammenhält, die beste und größte Stütze des Staates. Die Deutsche Mutter gibt der deutschen Familie und damit dem Staate erst den Halt, den er braucht, um all die großen Taten durchführen zu können, die der Staat im Interesse des gesamten Volkes auf sein Panier geschrieben hat. Der Vater hat die Pflicht, für des Lebens Notdurft zu sorgen. Die Mutter aber gibt der Familie den sittlichen Halt und die sittliche Kraft. Und wenn wir einen Muttertag begehen, so denken wir an diesem Tage alle an die eine Mutter, die als die des gesamten Deutschen Volkes symbolisch vor uns steht. Jeder meint seine eigene, und diese unzähligen Mütter verschmelzen für die Gesamtheit des Volkes zu einer einzigen.“1

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Anmerkungen

  1. 1.
    Ausschnitt aus einem Zeitungskommentar zum Muttertag 1933, wie er wahrscheinlich in verschiedenen Zeitungen erschienen ist. Hier zitiert nach dem „Mainzer Anzeiger“vom 13.5.1933. S. 4.Google Scholar
  2. 2.
    Ausschnitt aus einer Rede der Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink, übertragen in einer Rundfunk-Ringsendung der deutschen Rundfunkanstalten am 17.5.1942.Google Scholar
  3. 3.
    Als erster im Fach Deutsche Volkskunde hat sich 1936 John Meier mit der Herkunft des Muttertages befaßt: Meier, John: Muttertag. In: Zeitschrift für Volkskunde, 46. Jg. (1936/37). S. 100–112. Die erste wirklich erhellende, auf die amerikanischen Wurzeln hinweisende Darstellung brachte: Strübin, Eduard: Muttertag in der Schweiz. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Bd. 52 (1956). S. 95–121. Eine erste neuere sozialhistorische, das Schrifttum der Initiatoren in Deutschland auswertende Darstellung zur Geschichte des Muttertages publizierte Karin Hausen 1980: Hausen, Karin: Mütter zwischen Geschäftsinteressen und kultischer Verehrung. Der „Deutsche Muttertag“in der Weimarer Republik. In: Huck, Gerhard (Hrsg.): Sozialgeschichte der Freizeit. Wuppertal 1980. S. 249–280. Siehe dazu auch den ausführlicheren Beitrag ders.: Hausen, Karin: Mütter, Söhne und der Markt der Symbole und Waren: Der deutsche Muttertag 1923–1933. In: Medick, Hans und Sabean, David (Hrsg.): Emotionen und materielle Interessen. Sozialanthropologische und historische Beiträge zur Familienforschung. Göttingen 1984. S. 473–523.Google Scholar
  4. 4.
    Atlas der Deutschen Volkskunde, hrsg. von Harmjanz, Heinrich und Röhr, Erich. Bd. 1. Karten 1–120. Leipzig 1937–1939. Hier: Karten 33 und 34 (Vorkommen des Muttertages).Google Scholar
  5. 5.
    Hausen (1980).Google Scholar
  6. 6.
    Hausen (1984).Google Scholar
  7. 7.
    Matter, Beate-Cornelia: Der „Deutsche Muttertag“. Versuche einer Auswertung des ADV-Materials. In: Bringéus, Nils-Arvid u.a. (Hrsg.): Wandel der Volkskultur in Europa. (= Festschrift für Günter Wiegelmann zum 60. Geburtstag) Münster 1988. Bd. I, S. 151–163.Google Scholar
  8. 8.
    Blumen als Geschenk spielten seit Beginn der Geschichte des Muttertages eine wichtige Rolle. So verteilte bereits Ann Jarvis zur ersten öffentlichen Muttertagsfeier in Grafton, West Virginia, an die anwesenden Mütter rote Nelken und legte weiße Nelken auf das Grab ihrer eigenen Mutter. Die symbolische Kraft roter und weißer Nelken steigerte sich, nachdem 1914 in den USA der Muttertag zum Staatsfeiertag erklärt wurde (Mother’s Day Bill vom 9.5.1914). Der amerikanische Präsident und die Mitglieder seiner Regierung, die Abgeordneten des Senats und des Repräsentantenhauses trugen am Muttertag Nelken — eine rote Nelke zu Ehren der lebenden Mutter und eine weiße Nelke im Gedenken an die bereits verstorbene Mutter.Google Scholar
  9. 9.
    In Hausen (1980) scheint mir trotz allem die Leistung Dr. Rudolf Knaurs überbetont. Ohne eine positive Einstellung gegenüber der Muttertagsidee in weiten Kreisen der Bevölkerung, die ihre Grundlagen hatte in einer bereits im 19. Jahrhundert einsetzenden Phase des Mutterkults und übertriebener Mütterverehrung wäre dieser neue Festtag, auch mit noch so großem propagandistischem Einsatz des Verbandes Deutscher Blumenhändler, meines Erachtens in Deutschland nicht einzuführen gewesen. So haben bis heute Versuche der Blumengeschäftsinhaber, den ebenfalls aus dem angelsächsischen Bereich stammenden Valentinstag auch in Deutschland als Tag der Freundschaft und Blumengeschenkstag populär zu machen, trotz allen Werbeaufwandes weitgehend fehlgeschlagen.Google Scholar
  10. 10.
    Weiteres über die „Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung“entnehme man den von dieser herausgegebenen „Schriften zur Volksgesundung“. Berlin ab 1925. Siehe dazu auch: Hausen (1980). Anm. 4. S. 259f. sowie Hausen (1984). S. 480f.Google Scholar
  11. 11.
    Die von Dr. med. Dr. phil. Hans Harmsen herausgegebenen „Schriften zur Volksgesundung“widmeten ihre Hefte 3/1926 („Der deutsche Muttertag“), 5/1928 („Der deutsche Muttertag. Grundlegendes und Erfahrungen im Jahre 1927“), 9/1929 („Der Tag der Mutter — Muttertag“) und 13/1930 („Wie feiern wir den Muttertag?“) ganz der Propagierung des Muttertages und Ausführungen zur Festgestaltung. Daneben gab der „Vorbereitende Ausschuß für den Deutschen Muttertag“eine Sammlung von 50 Lichtbildern mit Text und Bilderläuterungen sowie Postkartenserien heraus, für die in den oben genannten Schriften geworben wurde.Google Scholar
  12. 12.
    Aus einem Schreiben des „Bundes der Kinderreichen Münster i.W.“an den Magistrat der Stadt Münster vom 8. April 1928. An dieser Stelle möchte ich Herrn Dr. Dietmar Sauermann für seine Freundlichkeit, mir den Schriftwechsel zwischen dem Magistrat der Stadt Münster und dem „Bund der Kinderreichen Münster i.W.“aus dem Stadtarchiv Münster zu beschaffen, danken.Google Scholar
  13. 13.
    Aktivitäten der evangelischen Frauenhilfe zum Muttertag setzten in den verschiedenen Landeskirchen und Ortsgruppen zum Teil bereits 1926, zum Teil 1927 ein. Das Interesse der evangelischen Kirche am Muttertag begann 1926; so heißt es etwa im „Amtsblatt der evangelischen Landeskirche der Pfalz“vom 7. 4. 1927: „Entsprechend einem Be-schluß der Landessynode 1926 ordnen wir hiermit an, daß der Muttertag am Sonntag, den 8. Mai lfd. Js. zum ersten Male in unserer pfälzischen Landeskirche allgemein gefeiert werde.“Weiteres hierzu siehe: Frauenarbeit in der protestantischen Landeskirche der Pfalz (Hrsg.): Aus der Geschichte der Evangelischen Frauenarbeit der Pfalz 1924–1974. Otterbach/Pfalz 1974. S. 27f.Google Scholar
  14. 14.
    Frauenhilfe. Blätter für Frauenarbeit in der evangelischen Gemeinde. 30. Jg., April 1930. S. 78.Google Scholar
  15. 15.
    Hausen (1984) S. 491.Google Scholar
  16. 16.
    Hausen (1984) S. 485 und 491.Google Scholar
  17. 17.
    Hausen (1984) S. 494.Google Scholar
  18. 18.
    Insbesondere ab Kap. 4, S. 513, scheint mir Karin Hausens Interpretation doch zu einseitig auf die Söhne, die nach dem verlorenen Krieg moralischen Schutz und Halt bei der Mutter suchen, ganz allgemein auf das besondere Verhältnis Mutter-Sohn ausgerichtet zu sein. Auch wenn ich den von Hausen subtil herausgearbeiteten Zusammenhang zwischen verlorenem Krieg und verstärktem Mutterkult nicht gänzlich in Abrede stellen will, so meine ich doch aufgrund der Ergebnisse meiner Recherchen, etwa einer Inhaltsanalyse von Muttertagsgedichten, -erzählungen und Kurzgeschichten, wie sie jeweils in den Zeitungen und Zeitschriften massenhaft zum Muttertag abgedruckt wurden und werden, behaupten zu können, daß auch in Deutschland die meisten Impulse von bürgerlichen Frauen und nicht von Männern ausgingen. Gegen die These Hausens sprechen auch die zum Teil ganz ähnlichen Entwicklungen in den skandinavischen Ländern und in der Schweiz, die vom Weltkrieg nicht betroffen waren.Google Scholar
  19. 19.
    „Verbandszeitung Deutscher Blumengeschäftsinhaber“vom 22. 4. 1927. S. 326. Hier zitiert nach Hausen (1984) S. 495.Google Scholar
  20. 20.
    wie Anm. 19; siehe Hausen (1984) S. 494.Google Scholar
  21. 21.
    Siehe dazu auch Hausen (1984) S. 499.Google Scholar
  22. 22.
    Hier kann selbstverständlich keine ausführliche Analyse der politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung in den Jahren der Weimarer Republik vorgelegt werden. Es sollen lediglich Hinweise auf einige zu unserem Thema wichtige Ereignisse und Tendenzen gegeben werden.Google Scholar
  23. 23.
    Siehe Hausen (1984) S. 502 sowie Petzina, D. u.a.: Sozialgeschichtliches Arbeitsbuch III. Materialien zur Statistik des Deutschen Reiches 1914–1945. München 1978.Google Scholar
  24. 24.
    Siehe dazu insbesondere Knodel, John E.: The Decline of Fertility in Germany, 1871–1939. Princeton 1974. Auch Hausen (1984) S. 502.Google Scholar
  25. 25.
    1927 erschien in deutscher Übersetzung das Buch: „Die Revolution der modernen Jugend“sowie später „Die Kameradschaftsehe“der beiden Amerikaner Lindsey und Evans, in denen der Jugend ein Recht auf eigenes, freies und ungehemmtes Leben — und dazu gehöre auch die Sexualität — zugestanden wurde. Das in der Zeit bekannteste und erstmals die Dinge beim Namen nennende Aufklärungsbuch „Die vollkommene Ehe“von Theodor Hendrik van de Velde erlebte von 1926–1928 32 Auflagen; die ersten Sexualberatungsstellen in den Großstädten wurden ebenfalls in den 20er Jahren eingerichtet. Siehe hierzu auch: Informationsblätter zu der Ausstellung „Frauenalltag und Frauenbewegung in Frankfurt 1890–1980“, hrsg. vom Historischen Museum Frankfurt. Frankfurt 1981. S. 51–56 und Frevert, Ute: Frauen-Geschichte zwischen bürgerlicher Verbesserung und neuer Weiblichkeit. Frankfurt 1986. S. 180–187.Google Scholar
  26. 26.
    Für das Jahr 1924 werden 875000 Abtreibungen im Deutschen Reich genannt; in den folgenden Jahren steigt ihre Zahl auf über 1 Million. Siehe hierzu: „Frauenalltag und Frauenbewegung in Frankfurt“(1981) S. 55.Google Scholar
  27. 27.
    Zur wirtschaftlichen Demobilmachung und zum Kampf gegen das sogenannte „ Doppelverdienertum siehe: Bajohr, Stefan: Die Hälfte der Fabrik. Geschichte der Frauenarbeit in Deutschland 1914–45. Marburg 1979. S. 159–188.Google Scholar
  28. 28.
    Siehe Frevert (1986) S. 172–178 und „Frauenalltag und Frauenbewegung in Frankfurt“(1981) S. 68f.Google Scholar
  29. 29.
    „Frauenalltag und Frauenbewegung in Frankfurt“(1981) S. 70.Google Scholar
  30. 30.
    „Mainzer Anzeiger“vom 6. 5. 1925. S. 4.Google Scholar
  31. 31.
    Rosenberg, Alfred: Der Mythus des 20. Jahrhunderts. München 1930. S. 512.Google Scholar
  32. 32.
    Aus einer Rede des Stellvertreters des Führers, Reichsminister Rudolf Heß, auf einer Großkundgebung der Berliner NS-Frauenschaft und des Frauenwerks in der Deutschlandhalle. Veröffentlicht im „Völkischen Beobachter“vom 27. 5. 1936.Google Scholar
  33. 33.
    wie Anm. 32Google Scholar
  34. 34.
    Zum Kampf gegen das Doppelverdienertum siehe Anm. 27. Eine der Maßnahmen, die das nationalsozialistische Deutschland gegen die Berufstätigkeit von Ehefrauen traf, war das „Gesetz zur Verhinderung von Arbeitslosigkeit“, erlassen im Juni 1933. Nach diesem Gesetz konnten jung Verheiratete nach einer eugenischen, politischen und wirtschaftlichen Prüfung und sofern die Frau ihre Berufstätigkeit aufgab, ein zinsloses Darlehen in einer Höhe bis zu 1000 RM erhalten. Die Darlehensschuld verringerte sich mit jedem geborenen Kind um ein Viertel.Google Scholar
  35. 35.
    Ausschnitt aus einer Rede des Reichsministers Wilhelm Frick zum Muttertag, die am 13. 5. 1934 über alle deutschen Rundfunksender übertragen wurde.Google Scholar
  36. 36.
    Das „Ehrenkreuz der deutschen Mutter“wurde in drei Abstufungen verliehen: Bronze für vier, silber ab sechs und gold für neun und mehr Kinder.Google Scholar
  37. 37.
    „Völkischer Beobachter“, 25. 12. 1938.Google Scholar
  38. 38.
    Aus dem Monatsbericht der Ortsgruppe Waiting, Kreis Eichstätt (Gau Franken) vom 25. 5. 1939. Zitiert nach: Broszat, Martin; Fröhlich, Elke; Wiesemann, Falk (Hrsg.): Bayern in der NS-Zeit. Soziale Lage und politisches Verhalten der Bevölkerung im Spiegel vertraulicher Berichte. Bd. 1. München und Wien 1977. S. 521.Google Scholar
  39. 39.
    wie Anm. 38Google Scholar
  40. 40.
    Ausschnitt aus einer Rede des Reichsministers Wilhelm Frick zum Muttertag 1941 unter dem Titel: „Die Mutter — Lebensquell des Volkes“.Google Scholar
  41. 41.
    So wenigstens im einzigen Artikel, der zum Muttertag 1946 im „Mainzer Anzeiger“erschienen ist.Google Scholar
  42. 42.
    Rede des Bundesministers für Familie, Franz-Josef Wuermeling, zum Muttertag 1955. Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 82 vom 3. 5. 1955. S. 6, 7 und 9.Google Scholar

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© Leske + Budrich, Opladen 1989

Authors and Affiliations

  • Max Matter

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