Verkehrsformen und Schreibverhältnisse pp 234-251 | Cite as
Virtuelle Städte und ihre Wirkung auf Metropolenbewohner — ein neues „Zuhause für die Grenzenlosen“?
Zusammenfassung
Es gibt eine Parallelität zwischen dem Medium Computer und dem Medium Stadt, und es gibt eine Allianz: Im Internet machen zur Zeit Projekte von sich reden, die die Stadtmetapher gewählt haben, um eine neue Form der Strukturierung des globalen Netzwerkes zu fördern. Es kommt nicht von ungefähr, daß die Begründer ihre lokal angebundenen Bürgernetze Internationale Stadt Berlin oder De digitale Stad Amsterdam nennen. Die Stadt als Ort, an dem aktive Nachbarschaftpflege betrieben wird und als kompakter Funktionszusammenhang, steht als Idee hinter den meisten der Projekte, die ich vorstellen werde. Doch genau hier liegt auch die Crux der neuen Allianz zwischen dem Internet und den Metropolen: Das Phänomen Großstadt und das Verhältnis des Städters zu seiner Stadt lassen sich nicht auf den Begriff „Funktionszusammenhang“ reduzieren. Die Intensitäten, mit denen das Subjekt in der und durch die Stadt konfrontiert wird, die sinnlichen Qualitäten des metropolitanen Lebens finden in den Überlegungen der Begründer digitaler Stadtkulturen keinen Raum. In dieser kulturanthropologischen Studie wird es darum gehen, herauszufinden, inwiefern die elektronische Vernetzung die Großstadt und ihre Bewohner bereichert — und um was es sie ärmer macht.
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Literatur
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- 14.Ebd.. 41. In der medienbedingten Zerstreutheit der Rezeption hat Walter Benjamin die Kunstrezeption der Postmoderne und der Popkultur vorweggenommen. Im Film und seiner Collagetechnik und später im Video erfüllt sich genau der von Benjamin vorhergesagte Paradigmenwechsel. Die Zerstreutheit ist jedoch kein Charakteristikum des Umganges mit dem Internet. Ganz im Gegenteil: Durch die Interaktivität wird wieder ein hoher Grad an Konzentration vom Rezipienten eingefordert. Konsequenterweise müßte man die Frage stellen, ob das Medium Internet wirklich ein Massenmedium ist. Vieles spricht dafür, daß es das nicht ist.Google Scholar
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- 19.Ich greife mit diesem Begriff einer Thematik vor, die ich im Zusammenhang mit den Aussagen von Marleen Stikker, Bürgermeisterin der Digitalen Stad Amsterdam,noch weiter ausführen werde: Apologeten der digitalisierten Kommunikationskultur folgen dem Grundsatz: ‘Sprechen gleich Sein’.Google Scholar
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- 25.Florian Rötzer, Urbanität in den Netzen. Vom Take-Over der Städte,in: Mythos Metropole,s.o., 195–208; hier 208.Google Scholar
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- 36.De digitale Stad steht, was die Anzahl der täglichen “Clientel” angeht, ganz vorne.“The total number of visitors to the city averages more than 4,000 per day (Dec ‘84): around 120,000 per month. More than a million ”pages“ are consulted every month. The Digital City expects usage to double every 6 months in the period 1995–1997.” (http://www.dds.nl/dds/info/english/dds-english)Google Scholar
- 37.Der Sinn des Clubnetzes erschöpft sich darin, das bekannte Club-“Geschwätz” in den Cyberspace zu übertragen. Der Reiz der Kommunikation liegt natürlich darin, daß man/frau einerseits den Gesprächspartner nicht sieht. (was sich anregend auf die Phantasie auswirkt), und daß andererseits die Anonymität, bzw. die Möglichkeit sich zu maskieren, die Gesprächspartner “mutiger” als im wirklichen Leben werden läßt. Ein großer Reiz der elektronischen Sprechakte besteht darin, daß das sprechende Subjekt nicht mit der eigenen Identität übereinstimmen muß. Es liegt im Wesen der Sache. daß der “Chat” regelmäßig in eine veritable Anmache übergeht. Die Frage. ob es sich bei dieser Form des virtuellen erotischen Gespräches schon um “Csbersex” handelt, kann im Rahmen dieser Arbeit leider nur angedeutet werden.Google Scholar
- 40.Vgl. dazu Holmes, a.a.O., 6 “The internet (CHRW(133)) exhibits the dual quality of being a carrier or register of information and a means of communication. That is to say, it is itself a storage network as well as an interactive environment. In this way the internet is unique in its ability to combine possibilities of engagement which were hitherto spread across technologies of extending the properties of speech, of writing and the image.”Google Scholar
- 41.Die Begriffe De-und Reterritorialisierung bzw. de-und reterritorialisierend werden von mir hier im Sinne von Gilles Deleuze und Félix Guattari verwandt, d.h. sie bezeichnen Bewegungungen, die über die reine Örtlichkeit hinaus eine Machtstruktur unterstützen bzw.ihr entgegenlaufen. Vgl.dazu Gilles Deleuze und Félix Guattari, Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie, Frankfurt a.M. 1988, 45f.Google Scholar
- 42.Die gängige Abkürzung für Multi User Dungeons,vernetzte Datenbänke, auf die viele verschiedene User gleichzeitig Zugriff haben und in denen sie gemeinsam in einem virtuellen Raum spielen oder sich unterhalten können Vgl. dazu Florian Rötzer, Urbanität in den Netzen,a.a.O., 203.Google Scholar
- 44.Insofern funktionieren die virtuellen Städte auch zu einem Gutteil als virtuelle Kioskstände, die Informationen über die Stadt zur Verfügung stellen, die sich der interessierte Großstädter auch durch Stadtmagazine oder andere Broschüren zukommen lassen könnteGoogle Scholar
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