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Nacktheit pp 121-322 | Cite as

Scham, Zivilisationsprozeß und Narzißmus Zur Ideen- und Zeitgeschichte seit 1900

  • Oliver König

Zusammenfassung

Die Scham1 vor der Nacktheit steht in der christlichen Mythologie am Anfang der Schöpfungsgeschichte, in der Gott als der Erschaffer der Welt zum strafenden Gott wird und der Mensch zum Träger von Schuld, zu deren Symbol die Nacktheit erhoben wird. Höchst unangenehm sind die Folgen, denn dies bringt dem Mann die Mühen eines arbeitsamen Lebens (3.17), der Frau die Schmerzen der Geburt (3.16) und beiden zusammen die Geschlechterfeindschaft (3.15) und die Sterblichkeit (3.19). Gleichzeitig jedoch erwirbt der Mann (3.22) das Wissen um Gut und Böse, d.h. die moralische Urteilsfähigkeit, die ihn zum Träger von Kultur macht. Die körperliche Scham ist ein Teil des Preises, der dafür bezahlt werden muß.

Anmerkungen

Anmerkungen zu Kapitel IV.1: Scham und Schamgefühl

  1. 1.
    Das Wort “Scham” stammt aus dem altgermanischen und ist verwandt mit dem Begriff “Schande”. Abgeleitet ist die Bedeutung “beschämen”, die darauf verweist, daß Scham sowohl “erlitten” wie “zugefügt” werden kann. Der Begriff dient ebenfalls zur Bezeichnung der weiblichen Geschlechtsteile, wodurch seine geschlechtsspezifische und ideologische Bedeutung deutlich wird (Vgl. Grimm, 1893, Bd. 14, S. 2107ff.). “Scham” und “Schamgefühl” werden zumeist als synonyme Begriffe benutzt, wobei letzterer sich als psychologisierende Variante verstehen läßt.Google Scholar
  2. 2.
    Das bekannteste ist sicherlich die “Psychopathia Sexualis” von Richard v. Krafft-Ebing, ein Buch das in unzähligen Auflagen bis weit ins 20. Jahrhundert immer wieder aufgelegt wird. Obwohl es sich wie der Katalog eines Horrorkabinetts liest, wurde es 1970 von einem kritischen Sexualwissenschaftler wie Ussel als ein Fortschritt gegenüber den reinen Entartungstheorien angesehen. Inzwischen äußert er sich, wie aus dem angeführten Zitat hervorgeht, anders. Dieser Glaube an den “Fortschritt” der Wissenschaft findet sich auch bei Wettley (1959).Google Scholar
  3. 3.
    Die Spannbreite reicht von reinen Reisedarstellungen von Privatleuten bis zu ethnologischen Klassikern, die vorrangig fürs Fachpublikum geschrieben wurden. Der Übergang zur ethnologischen Salonliteratur ist fließend, besondere Beliebtheit erfreuen sich die Darstellungen über Frauen, z.B. die Bücher von Heinrich Ploss und Max Bartels (1884) und Karl Heinrich Stratz (1898). Zum ethnographischen Akt vgl. Steiger, Taureg, in: Köhler (1985).Google Scholar
  4. 4.
    Es finden sich hierunter manche marxistisch orientierten Autoren wie Rudeck (1897) und Fuchs (1909–1912). Sie stechen durch eine kritische Aufarbeitung des Materials hervor, sind aber marxistisch-idealistisch im Glauben an einen unausweichlichen Fortschritt auch des sittlichen Lebens zu immer größerer “Vollkommenheit” gefangen. Auf dem Wege dahin gelte es vor allem, die bürgerliche Moral zu überwinden. Steven Marcus (1979) fällt zu diesen Arbeiten nur Polemisches ein. Es handele sich um Bücher, “deren Pedanterie echt, deren Gelehrsamkeit vorgetäuscht und deren Borniertheit überwältigend ist. Solche Hervorbringungen waren einstmals eine Spezialität der deutschen Kultur, inzwischen sind sie die Spezialität von jedermann und entsprechend häufig” (S. 69).Google Scholar
  5. 5.
    Obwohl auch er die Scham vor der Nacktheit als Beispiel aufführt, so sieht er doch die noch zu besprechende Arbeit von Havelock Ellis (1900), die er anfangs erwähnt, als unzureichend an, da sie zwar die “Veranlassung und Färbung des Schamgefühls, sobald es auf dem sexuellen Gebiete auftritt” (Simmel, 1901, S. 141), erkläre, nicht aber, warum es gerade ein Schamgefühl sein, das auf diese Weise ausgelöst würde. Ihm ist vielmehr an einer grundsätzlichen Erklärung gelegen.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. den Aufsatz “Das Relative und das Absolute im Geschlechter-Problem”, in: Simmel (1911).Google Scholar
  7. 7.
    “Die Scham ist vorbei” heißt ein Klassiker der “Frauenliteratur” von Anja Meulen-belt (1976), der seinen Titel einem Ausspruch einer anderen bekannten Feministin, Kate Millet, entnimmt.Google Scholar
  8. 8.
    Ellis Henry Havelock war Arzt, Essayist und Herausgeber. Zu seinen bekanntesten Arbeiten gehört die 7-bändige Reihe “Studies in the Psychologie of Sex”, 1900–1928.Google Scholar
  9. 9.
    Auf die Problematik eines solchen Vergleichs verweist schon Simmel (1901, S. 141), was aber bis heute viele Autoren nicht davon abhält. Dies gilt in gewisser Weise auch für Hans Peter Duerr, der die in einem solchen Vergleich üblicherweise angelegte Abwertung der “Primitiven” zurückweist, die Methode aber beibehält. Verbaut wird durch solche Vergleiche die Möglichkeit, über die Beschäftigung mit der magischen Bedeutung von Nacktheit bei “Primitiven” jenseits der sexualisierten ethnozentristischen Sichtweise etwas über die Spuren eines solchen Umgangs in den westlichen Kulturen zu erfahren.Google Scholar
  10. 10.
    Vgl. Gay (1989). Seine Ambivalenz zeigt sich auch in einer Bemerkung zur Triebhaftigkeit der “Primitiven”, die nach seiner Theorie ähnlich wie beim Kinde noch unge-bändigt sein müßte. “Über den heute lebenden Primitiven haben wir durch sorgfältige Erkundung erfahren, daß sein Triebleben keineswegs ob seiner Freiheit beneidet werden darf; es unterliegt Einschränkungen von anderer Art, aber vielleicht von größerer Strenge als das des modernen Kulturmenschen” (Das Unbehagen in der Kultur, 1978, II, S. 403, zit.n. Duerr, 1988, S. 341)Google Scholar
  11. 11.
    “Überbleibsel” dieser “Partialtriebe” finden sich nach Freud im Traumleben des Erwachsenen wieder, wobei er sich bei der Interpretation dieser Träume nur auf die “Verlegenheitsträume” bezieht, die vom Träumenden als unangenehm empfunden werden, hingegen andere als angenehm empfundene Varianten ausdrücklich ausschließt (vgl. Freud, 1900–1901, S. 206ff.), ein Hinweis auf seine Fixierung auf die “dunklen” Seiten der Sexualität.Google Scholar
  12. 12.
    In einer Arbeit von Iwan Bloch (1872–1922), gleichfalls ein Klassiker der Sexualforschung, heißt es: “Das echte, natürliche, biologische Schamgefühl ist eine Schranke der Lust. Wir verdanken ihm die Veredelung und Vergeistigung des rohen Sexualtriebes, es ist die Voraussetzung einer Individualisierung desselben. ... Das Schamgefühl hat den Geschlechtstrieb zivilisiert, ohne seine Grundlage zu verleugnen und zu verneinen” (Bloch, 1906, S. 175). Mann und Frau müssen sich zwar gleichermaßen den allgemeinen Schranken der Scham unterwerfen, die Kultur möglich machen, doch die Frau muß sich darüber hinaus noch einer Scham unterwerfen, die dem Mann “beim weiblichen Wesen geschlechtlich wünschenswert erscheint” (ebd., S. 139). Vgl. auch Forel (1904), Gerson (1919), Moll (1911), Seidel (1912). Auch einer der “Kohlrabiapostel” der Lebensreformbewegung hat, ohne selbst aktiver “Nacktkultur”-Anhänger zu sein, ein umfangreiches Buch zum Thema geschrieben, das durchaus hier einzureihen wäre. Es handelt sich um Johannes Guttzeit (1909), ehemaliger bayrischer Offizier, der für Reformkleidung, naturgemäße Lebensweise, Pazifismus und Emanzipation der Frau werbend durch die Schweiz und Italien zog, und von Gerhard Hauptmann in der Erzählung “Der Apostel” verewigt wurde.Google Scholar
  13. 13.
    Das Buch von Elias ließe sich daher auch als ein Anschreiben gegen die “Unzivilisiert-heit” und die “Irrationalität” des Nationalsozialismus begreifen. Einige sehr einfühlsame Bemerkungen zum Zusammenhang von Werk und Biographie finden sich in: Gleichmann (1987).Google Scholar
  14. 14.
    Im alten Fahrwasser bewegt sich auch die biologistische Argumentation von Morris (1968), der in der Tradition Darwins einen kausalen Zusammenhang zwischen Erscheinungsbild (z.B. Erröten), Gefühl, Situation und Funktion der Scham herzustellen versucht, ganz ähnlich wie einige Jahrzehnte vor ihm Gerson (1919). Eine recht lesenswerte kulturhistorische Abhandlung gibt es von einem FKK-Begeisterten: Schliep-hacke (1962).Google Scholar

Anmerkungen zu Kapitel IV.2: Die Freikörperkulturbewegung bis 1933

  1. 1.
    Eine eigenständige, explizit soziologisch orientierte Arbeit zur Geschichte der FKK-Bewegung liegt bislang nicht vor, eine in Anbetracht der Menge des zur Verfügung stehenden Materials bedauerliche Tatsache. Neben der Sichtung einer erheblichen Menge Materials in der “Internationalen FKK-Bibliothek Kariwilli Damm” (IFK) in Kassel beziehe ich mich auf folgende Veröffentlichungen: Spitzer (1983), Krabbe (1974), Frecot u.a. (1972). Nach Fertigstellung dieser Arbeit erschien ein weiteres Buch, das vor allem wegen seiner sorgfältigen und einmaligen Bebilderung von Interesse ist. Andritzky, Rautenberg (1989). Aus den Reihen bzw. dem Umkreis der FKK-Bewegung liegen zwei Arbeiten vor: Vossen (1956), Pfitzner (1964).Google Scholar
  2. 2.
    Ellis (1900–1927, zit.n. der 3. Auflage von 1917/18, Bd. 6, S. 95–117, Kap.: “Sexual Education”). Drei Ziele sieht er durch die Nacktheit verwirklicht, wobei er weitgehend der FKK-Argumentation folgt. Die Nacktheit sei wichtig für die sexuelle Hygiene, sie fördere den Sinn für Schönheit und wirke sich vor allem positiv auf die Moral aus. “The spectacle of nakedness has its moral value in teaching us to learn to enjoy what we do not possess, a lesson which is an essential part of the training of any kind of fine social life. The child has to learn to look at flowers and not to pluck them; the man has to learn to look at woman’s beauty and not desire to possess it” (ebd. S. 115). Die Nacktheit ist also zulässig, wenn sie die sexuelle Besitzordnung nicht durcheinanderbringt (vgl. Kap. IV.1.4.). Ellis schrieb auch in der Zeitschrift “Schönheit” über “Geschlechtliche Aufklärung und Nacktheit” (Bd. 8, Hf. 5, Aug. 1910) und verfaßte ein Vorwort für ein amerikanisches Buch über die deutsche FKK, vgl. Parmelee (1927).Google Scholar
  3. 3.
    Die ersten Protagonisten der Nacktheit verwendeten die Begriffe “Nacktkultur” sowie vereinzelt auch “Nudismus”. Eher verharmlosend und den Vereinszweck verbergend waren Begriffe wie “Lichtfreund” und “Sonnenfreund”. Nach dem ersten Weltkrieg entstand dann der Begriff “Freikörperkultur’’, um sich von der kommerziellen “Nacktkultur” sowie von früheren Organisationen abzugrenzen. Der Begriff “Naturismus” ist insofern irreführend, als daß es auch Naturisten gibt, die keine Nudisten sind. Die unterschiedlichen Begriffe sind Ausdruck der internen Differenzierung und Entwicklung. Sofern es nicht explizit um diese Abgrenzungen geht, verwende ich im folgenden oftmals übergreifend den Begriff “Freikörperkultur” bzw. “FKK”.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. Pfitzner (1964, S. 19). Ein Jahr später gab es schon eine englische Übersetzung (vgl. Pudor, 1893/94). Pudor übersetzte in seiner späteren nationalistischen Zeit seinen Namen ins Deutsche und nannte sich einige Jahre lang Heinrich Scham.Google Scholar
  5. 5.
    Wie sehr diese Schönheitsabende mit der gesamten Nacktkultur gleichgesetzt wurden, zeigt eine polemische Schrift gegen die Nacktkultur, die sich im Titel sehr moderat gibt, Lennartz (1908). Herausgeber war der “Volkswart”, der Vorläufer des “Volkswartbundes”, der zum Kampf zum Zwecke der “Reinerhaltung der Seelen unserer Kinder, der Wahrung der Ehre unserer Frauen, der Erhaltung deutscher Manneskraft” aufrief (ebd. S. 65).Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. Spitzer (1983, S. 82). Die Titelblätter waren zumeist gezeichnet, wiesen aber in deutlicher Weise auf die Anzahl der im Buch enthaltenden Bilder hin. Die Auflagen der Bücher von Ungewitter kamen insgesamt auf 300.000 Exemplare (vgl. Spitzer, 1983, S. 221). Die Nacktheit, Auflage 1907–1923, 60.000; Nackt, Auflage 1909–1921, 90.000 (vgl. Kuntz-Stahl, 1985, S. 76).Google Scholar
  7. 7.
    In den diversen Darstellungen der Vereinsgeschichte ist nur von einer einzigen Frau die Rede, Thérèse Mülhause-Vogeler, die später dem RFK angehörte und die Zeitschrift “Volksgesundheit” herausgab (vgl. Spitzer, 1983, S. 127ff.). Nur in den vielen Erlebnisberichten aus der Zeit zwischen den Weltkriegen spielen immer wieder Frauen eine wichtige Rolle, besonders als Gymnastiklehrerinnen, z.B. like Dieball, die mit Adolf Koch zusammenarbeitete (vgl. Spitzer, 1987, S. 177) und die auf zahlreichen Photos in FKK-Publikationen der 20er und 30er Jahren zu sehen ist. Beim Durchblättern vieler Zeitschriften fallen auch andere weibliche Modelle ins Auge, die immer wieder auftauchen, aber nie namentlich aufgeführt werden, wohl aus berechtigten Anonymitätsanforderungen.Google Scholar
  8. 8.
    Die dahinter zu vermutenden Begebenheiten entbehrten nicht einer gewissen Komik. “Zur ersten Versammlung der Nacktkörperkulturvereinigung ‘Hellas’ in Berlin erschienen etwa 40 Herren und nur 2 bis 3 Damen, was mit allgemeiner Enttäuschung zur Kenntnis genommen wurde” (Frecot, 1972, S. 49). Zahlen über den Anteil der Geschlechter sind noch seltener zu finden als genaue Mitgliederzahlen. Der “Deutsche Verein für vernünftige Leibeszucht” zählte unter seinen 516 Neuzugängen zwischen 1906 und 1908 27,5% Frauen auf (aus: “Kraft und Schönheit”, nach Krabbe, 1974, S. 94).Google Scholar
  9. 9.
    Die Auswahl der (männlichen) Mitglieder wurde später zu einem zentralen Konfliktpunkt innerhalb der FKK, und ist es wohl auch heute noch. Die Vagheit, mit der dieses Problem angesprochen wird, verdeutlicht die Angst, daß bei einer genaueren Benennung der gegen die Männer gerichteten Verdachtsmomente (Voyeurismus, Exhibitionismus), diese bei Außenstehenden den Eindruck erwecken könnten, bei der FKK seien doch noch andere Motive im Spiel als die behaupteten. So ist auch in einem neueren “FKK-Ratgeber” nur die Rede von “Einzelpersonen”, die von manchen “Vereinen mit einem gewissen Mißtrauen betrachtet, manchmal gar nicht hereingelassen” (Merten, 1982, S. 10) würden. Zwischen den Zeilen liest sich so etwas auch heute noch anders, z.B. in einem jüngeren Artikel über die seit 1905 bestehende Licht-Luft-Sportgemeinschaft Rellinghausen: “Wer verlobt, verheiratet ist oder eine Freundin (!) hat, muß seinen Partner mitbringen” (zit.n. Westdeutsche Allgemeine v. 17.7.85).Google Scholar
  10. 10.
    Spitzer glaubt zwar, bei Ungewitter von Anfang an das Primat der Eugenik nachweisen zu können (vgl. Spitzer, 1983, S. 87), doch meiner Meinung nach hat die rassistische Argumentation anfangs vor allem die Aufgabe, die Nacktheit zu legitimieren, während sich Ungewitter dadurch später vor allem von anderen FKKlern abgrenzt.Google Scholar
  11. 11.
    Zu den “verruchtesten” Tänzerinnen dieser Zeit gehörte Anita Berber mit ihrem Partner Sebastian Droste. Kennzeichnend dafür ist der Titel eines von ihnen gemeinsam herausgegebenen Buches, “Die Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase” (1923). Es gibt inzwischen eine Biographie über ihr kurzes und schnelles Leben (Fischer, 1984), sowie eine halbdokumentarischen Film von Rosa von Praunheim.Google Scholar
  12. 12.
    In den Tiraden des Abgeordneten Richard Kunze verdeutlichen die ironisch-zotigen Passagen, daß man sich über alle Parteigrenzen hinweg gemeinsam über Nacktheit und Moral lustig machen konnte, ein Umgangston, der auch in heutigen Parlamenten nichts von seiner Beliebtheit verloren hat. “Herr Stadtschulrat Paulsen, der Sie sich so warm der Bestrebungen dieses Lehrers Adolf Koch angenommen haben, ich stelle an Sie die sehr ernsthafte Frage, ob Sie es wohl unternehmen würden, im Interesse der Kräftigung dieser sehr ehrenwerten Mitglieder des Hauses mit den Damen und Herren Nackttänze aufzuführen. (Heiterkeit) (Stadtschulrat Paulsen: Nein das können sie nicht verlangen!) Ich möchte gleich hinzufügen, um nicht mißverstanden zu werden, daß ich der Auffassung bin, daß an der Moralität dieser Damen und Herren nicht mehr so viel verdorben werden könnte wie an den Kindern. (Schallendes Gelächter. Trampeln mit den Füßen. Wiederholtes Glockenzeichen.)” (zit.n. Koch, 1931, S. 5).Google Scholar
  13. 13.
    Vgl. Pfitzner (1964, S. 36ff.). Seit 1917 war Weidemann Mitarbeiter der “Schönheit”. Nach dem Ersten Weltkrieg veröffentlichte er in den Zeitschriften des Robert Laurer Verlages “Die Freude”, “Licht- Land”, “Lachendes Leben”.Google Scholar
  14. 14.
    Das Manuskript zum Film stammte von einem Arzt, Nicholas Kaufmann. In einem Sonderheft des Verlages “Die Schönheit”, “Körperkultur im Film”, schrieb er über die Vorbereitungen: “Und noch eines beweisen die bei der Herstellung diese Films erworbenen Erfahrungen: es ist wirklich die Körperkultur, die ehrliche gymnastische Arbeit und das folgerichtig durchgeführte Hegen und Pflegen des Körpers in Sonne, Luft und Licht allein, die den schönen Menschen schaffen! Vergeblich gingen wir an die Stätten ‘mondäner’ Schönheit; die ‘Ensembles’ der ‘Revuen’, die Tänzer und Tänzerinnen des Parketts und alle die Großstadt-Kinder, die durch ihren Beruf am Theater, am Ballett und beim Film das Alleinrecht auf körperliche Schönheit auf ewig gepachtet zu haben glauben, sie alle schieden bis auf verschwindende Ausnahmen für diesen Film aus! Und die verschwindend wenigen, die nicht ausschieden, waren diejenigen unter ihnen, die selbst Körperkultur trieben!” (zitn. Karkosch, 1954, S. 6). Nur das “Ehrliche” und “Gute” kann also “wirklich schön” sein.Google Scholar
  15. 15.
    Vgl. Jansen (1987). Die genannten Titel kamen 1927/28 zur Aufführung, als der Stern Kleins schon im Sinken begriffen war, und die Inflationierung der Nacktheit diese Entwicklung aufzuhalten helfen sollte. Schon 1924 machte sich Klein in dem eingangs zitierten Lied “Das hat die Welt noch nicht gesehen” aus der gleichnamigen Revue selbstironisch über die mit den Nacktdarstellungen verbundene Doppelmoral lustig.Google Scholar
  16. 16.
    Vgl. Koch (1931, S. 19ff.). Folgende Verbände schickten Vertreter: Bund für Mutterschutz, Liga für Sexualreform, Arbeiter-Sport- und Kulturkartelle, Entschiedene Schulreformer, Liga für Menschenrechte, Bund der Freidenker, Arbeiterjugend und Naturfreunde. Einige Berichte aus der Presse sind abgedruckt bei Salardenne (1930, S. 106ff.).Google Scholar
  17. 17.
    Charly Straesser schrieb in einer Erinnerung zu Kochs Tod 1970, bei aller Verschiedenheit hätten sie doch immer für die gleiche Sache gekämpft, der eine auf der “Sonnenseite”, der andere auf der “Schattenseite” des Lebens (Mein Roter Bruder, Unveröffentlichtes Manuskript, IFK, 2066).Google Scholar
  18. 18.
    Krabbe (1974, S. 150) spricht von 100.000, davon etwa 60.000 der sozialistischen FKK zugehörig. Koch (1931, S. 25) spricht von 60.000 insgesamt. Vossen (1956, S. 25) schätzt die Unorganisierten auf mehrere Hunderttausend. Straesser (1981b, S. 3) redet von je 3000 Mitgliedern bei AFK, RFK, Liga und Koch Gruppen. Das amerikanische Ehepaar Francis und Mason Merril erwähnen in ihrem Buch über die europäische FKK-Bewegung eine wohl etwas übertriebene Berliner Zeitungsschlagzeile von 1930, die von 3 Millionen “Germans now practising nudity” (1932, zitn. 1931, S. 184) berichtete.Google Scholar
  19. 19.
    Ins Deutsche übersetzt wurden z.B. Merril (1932, engl. 1931), Salardenne (1930, franz.Google Scholar
  20. 1930), Parmelee (1931, engl. 1927). Von deutschen Autoren wurden z.B. übersetzt: Pu-dor (1893, engl. 1894), Suren (1924, engl. 1924), Seitz (1923, engl. 1923).Google Scholar
  21. 20.
    Vgl. Vossen (1956, S. 24). Mitglieder waren England, Holland, Frankreich, Österreich, Schweiz, Ungarn, Italien.Google Scholar
  22. 21.
    Spitzer verweist darauf, daß Hitler Surens Bücher gekannt und diesen außerordentlich verehrt habe (vgl. Spitzer, 1983, S. 107). Von dem wohl radikalsten Rassentheoretiker im Umkreis der FKK-Bewegung, dem Österreicher Jörg Lanz-Liebenfels, heißt es, er sei “Der Mann, der Hitler die Ideen gab”, so der Titel eines Buches von Wilfried Daim (1958).Google Scholar

Anmerkungen zu Kapitel IV.3: Innere und äußere Kontrollinstanzen — Selbstzwang und Fremdzwang

  1. 1.
    Die Übersetzung ist von mir gegenüber der als Buch vorliegenden leicht verändert worden, da diese durch einen Tempuswechsel den Tonfall des Originals verändert (vgl. im engl. Orig., 1985, S. 9/13).Google Scholar
  2. 2.
    Während eine ideengeschichtliche Darstellung bei genügendem zeitlichem Abstand zum Gegenstand unproblematisch ist, wenn ausreichend Material zur Verfügung steht, verändert sich dies, sobald man in die unmittelbare Gegenwart vorstößt. Gegenstand der kritischen Darstellung und die eigenen, teils unaufgedeckten, Grundannahmen nähern sich zunehmend an, vor allem da der von mir als Orientierung gewählte Ansatz von Bour-dieu hier das erste Mal explizit in der Darstellung auftaucht. Der chronologische Aufbau ist daher nicht so strikt wie im Kapitel über “Scham und Schamgefühl”.Google Scholar
  3. 3.
    Eine Auseinandersetzung mit diesen Annahmen findet sich bei Bronislaw Mali-nowski (1949, zuerst 1926). Malinowski wirft seinen Kollegen vor, daß sie die Informationen über die Regeln des sittlichen Lebens mit diesem Leben selbst verwechseln. Aber “das wahre Problem besteht nicht darin, zu wissen, wie das menschliche Leben sich den Gesetzen unterwirft — denn es tut dies einfach nicht; das wahre Problem ist, zu wissen, wie die Gesetze dem Leben angepaßt werden” (ebd. S. 118). Angesprochen ist damit das Verhältnis von gesellschaftlicher Norm und realem Verhalten und Malinowski zeigt, daß es selbst bei den schwersten Tabuverletzungen in “primitiven” Gesellschaften einen Moralhüter geben muß, der die Bestrafung des Tabu-Verletzers einklagt, diese Tabus also nicht “dumpf” befolgt werden, sondern ihre Übertretung in einem Definitionsprozeß benannt und geahndet werden muß.Google Scholar
  4. 4.
    Z.B. Piers (1953, S. 54f.) in dem psychoanalytischen Teil der Studie. Schuld erscheint hier als “abbüßbar”, Scham eher als “abarbeitbar”. Die Problematik der Übertragung solcher psychoanalytischer Begrifflichkeit auf die kulturell-historische Ebene beschreibt im gleichen Buch Singer.Google Scholar
  5. 5.
    Diese Ebenen sind: “1. Feelings of shame and guilt aroused in the physical presence of an audience; 2. feelings of shame and guilt aroused in the mental presence of an audience, i.e., in the presence of a fantasy or ‘eidetic’ audience; 3. feelings of shame or guilt aroused without conscious or ‘realistic’ reference to an actual or imaginary audience and presumably representing a reactivation of anxieties originally aroused in childhood by parental disapproval or punishment; and 4. feelings of shame and guilt aroused without conscious reference to a physical or fantasy audience and presumably depending only on abstract moral principels accepted by the self” (Piers, Singer, 1953. S. 97). Piers versucht eine inhaltliche Unterscheidung zwischen unbewußter Scham und Schuld, indem er die beiden Mechanismen auf die unterschiedlich begründeten Kategorien “Ich-Ideal” und “Über-Ich” bezieht. Diese Unterscheidung nehme ich an anderer Stelle wieder auf (Kap. IV.5.9.).Google Scholar
  6. 6.
    Elias behandelt die Wandlung in der Einstellung zu den Beziehungen zwischen Mann und Frau vorrangig an den Schriften von Erasmus von Rotterdam ab (1939, Bd. 1, S. 230ff). In Band 2 spricht er das Problem im Kapitel über Scham und Peinlichkeit in einer Fußnote an (S. 401), und kündigt einen zweiten Band an zum Thema des sich verändernden Geschlechterverhältnisses, da dies im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht zu leisten sei. Es ist dies einer der vielen angekündigten, aber nie geschriebenen zweiten Bände.Google Scholar
  7. 7.
    Als ein Beispiel sei hier nur die Popularisierung des Bodybuilding angeführt. War es bislang vorrangig in den Unterschichten beliebt, so ist es heute ebenso Bestandteil des “Yup-pie”-Lebensstils. Die vermeintlich dadurch signalisierte soziale Angleichung relativiert sich ebenso schnell, wie sich die verschiedenen “Szenen” in “ihre” Studios zurückziehen und zugleich für die neuen Kunden eine Begrifflichkeit geschaffen wird, die etwas “Edeleres” signalisiert, (Body-Styling, Body-Tuning). Ähnliche Ausdifferenzierungen sind in anderen Branchen der Körperkultur, z.B. bei Saunen und Nacktbadestränden aber auch im Sexbusiness zu beobachten, in dem es vom teuren Striptease-Programm bis zur Eine-Mark-Peep-Show für vielerlei “Geschmäcker” und jede Brieftasche etwas gibt.Google Scholar
  8. 8.
    “Geschmack” läßt sich ohne weiteres durch “Moral” ersetzen, eine Parallelität, auf die Bourdieu an anderer Stelle hinweist (1982, S. 382). Beide Kategorien gehören zum Feld der “symbolischen Auseinandersetzungen”.Google Scholar
  9. 9.
    Bourdieu verweist auf die illusionäre “Neutralität” der Einordnung einer solchen “neuen” Moral. “Muß eigens gesagt werden, daß ein Unternehmen in hohem Maße Gefahr läuft zu irren, wenn es sich (wie hier) eine gesellschaftliche Moral zum Gegenstand nimmt -und auch noch eine, die gerade dabei ist, sich mit der allem Beginnen eigenen Aggressivität durchzusetzen, und der gegenüber hellsichtigen Abstand zu bewahren doch bloß bedeuten kann, daß man einem entgegengesetzten Ethos anhängt? ... Kurz, in jedem Fall wäre die lebendige Kehrseite der soziologischen Objektivierung zu rekonstruieren” (1982, S. 576). Dazu zählt für ihn der “asketische Tugendglauben” wie auch die “Unschuld des Befreiungskultes”, die auf die gesellschaftlichen Produktionsweisen zurückzuführen wären. Ähnliches gilt im Zusammenhang dieser Arbeit für den Umgang vor allem mit den organisierten Formen der FKK-Bewegung, aber auch anderer “Befreiungsbewegungen” des Körpers.Google Scholar

Anmerkungen zu Kapitel IV.4: Nationalsozialismus und Nachkriegszeit

  1. 1.
    Z.B. Vossen (1956, S. 30) “Der Weg der Anpassung, ja Tarnung, war notwendig, aber in dem Verzicht auf Kleidung und Titel, dem nach wie vor üblichen Du lag auch die Ablehnung des Geistes jener Jahre verborgen, mag es dem Einzelnen bewußt geworden sein oder nicht”. Vossen ist es wohl erst nach 1945 “bewußt geworden”, denn vorher gehörte er unter seinem richtigen Namen Hermann Wilke zu den maßgeblichen Vertretern einer nationalsozialistischen FKK. In anderen Darstellungen wird die Zeit zwischen 1933 und 1945 mit nur einigen Zeilen erwähnt, im Gegensatz zu der ausführlich geschilderten Zeit der Weimarer Republik, obwohl die eigentliche Blütezeit vor dem Verbot von 1933 auch nur etwa 10 Jahre umfaßt, im Vergleich zu den 12 Jahren des “Tausendjährigen” Reiches.Google Scholar
  2. 2.
    Spitzer hält den Beitrag Kochs im Tonfall für ironisch, eine etwas naive Einschätzung in Anbetracht der Anpassungsbewegungen der meisten gesellschaftlichen Gruppierungen zu Anfang des Nationalsozialismus. Koch war sich der Pläne der Nationalsozialisten bezüglich der FKK wohl schon vor der Machtübernahme bewußt, denn es kam im Mai 1932 zu einer Einladung Kochs an die Mitglieder des NS-Studentenbund, um ihnen das Konzept einer sozialistischen Freikörperkultur zu erläutern, und sicherlich auch, um das bevorstehende Verbot abzuwenden, indem er für seine Ideen warb, zu dieser Zeit allerdings noch ohne jegliche strategische Übernahme von nationalsozialistisch geprägten Argumenten (vgl. Spitzer, 1985, S. 97f.).Google Scholar
  3. 3.
    In einer Veröffentlichung von 1950, dem ersten größeren Buch zur FKK nach dem Krieg, geht Koch darauf nur in einem Nebensatz ein (Koch, 1950, S. 70). Vgl. auch Spitzer (1983, S. 150).Google Scholar
  4. 4.
    In der Verbandsgeschichte von Vossen ist ohne Quellenverweis der gleiche Text abgedruckt, allerdings in einer erweiterter Fassung, die sich in dieser Form nicht in der Zeitschrift des Verbandes finden ließ. Der Text geht bei ihm folgendermaßen weiter: “Wir sind der Ansicht, daß eine solche Erziehung des gesamten Menschen vom Leibe her und eine solche Entwicklung aller seiner Kräfte von der körperlichen Haltung aus, zu einem hervorragenden Mittel der rassischen Auslese wird, weil sie körperlich und willensmäßig bestimmte Anforderungen stellt, die nur ein leistungsfähiger und somit erbgesunder Mensch, in dem sie wahrhafte Schönheit zur Entfaltung und Offenbarung bringt, erfüllen kann” (zit.n. Vossen, 1956, S. 27). Dieser Unterschied läßt sich sehr wahrscheinlich darauf zurückführen, daß es eine A und eine B Ausgabe der “Zeitschrift für Leibeszucht’’ gab, ohne das dies in den einzelnen Nummern vermerkt wäre. Doch selbst diese vorsichtige Nennung von Zielen der “rassischen Auslese” läßt jede Radikalität vermissen, im Vergleich etwa zu den Schriften von Richard Ungewitter (vgl. z.B. 1913, S. 122).Google Scholar
  5. 5.
    Z.B. Spitzer, der dies schon im Gesamtaufbau seiner Arbeit über den Deutschen Naturismus (1983) nahelegt, indem er den Bund für Leibeszucht im Kapitel über völkische Nacktkultur abhandelt. Im folgenden Kapitel über die “undogmatische” Nacktkultur finden sich Magnus Weidemann, Bernhard Schulze, Walter Fränzel, die alle drei in der Zeitschrift des nationalsozialistischen Bundes für Leibeszucht veröffentlichten, Weidemann mit ganz offen rassistischem Tonfall, wie man dem Eingangszitat entnehmen kann.Google Scholar
  6. 6.
    Bis auf die Frage der Parteimitgliedschaft stammen die Angaben über Bückmann von Spitzer (1983, S. 113), die NSDAP-Mitgliedschaft Bückmanns bestätigte mir Carl Strasser.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. Spitzer (1983, S. 98 ff./114). Surén fiel später in Ungnade, nach einem Veröffentlichungsverbot folgte Hausarrest und schließlich Zuchthaus. Nach dem Krieg veröffentlichte er nicht mehr und widmete sich fernöstlichen Meditationstechniken und Religionen. In der Verbandsarbeit spielte er ebenfalls keine Rolle mehr, obwohl er Ehrenmitglied des DFK (Deutscher Verband für Freikörperkultur) und des Deutschen Sportlehrer Verbandes wurde. Nachrufe auf seinen Tod 1972 (Karlwilli Damm in FKK, April 1972) riefen heftige Diskussionen über seine Rolle im Nationalsozialismus hervor, vor allem aus der FKK-Jugend kamen kritische Töne. Der Gefängnisaufenthalt wird in dieser Auseinandersetzung als Argument angeführt, daß Surén sich mit den Nationalsozialisten letztlich nicht arrangieren konnte. Charly Sträßer berichtete mir, daß Karlwilli Damm diesen Gefängnisaufenthalt schon in den 60er Jahren recherchierte und herausfand, daß Surén wegen Exhibitionismus verurteilt worden war. Beide wollten diese Information allerdings nicht veröffentlicht sehen. Inzwischen ist dies geschehen. “Surén wurde mehrfach von zwei Frauen aus einem seinem Berliner Haus benachbarten Haus dabei beobachtet, wie er — nackt auf der Terasse sich bewegend — onanierte. Unmittelbar nach der Anklageerhebung wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses in Tateinheit mit Beleidigung leitete die Ortsgruppe Zehlendorf der NSDAP das Ausschlußverfahren ein” (Pforte in: Andritzky; Rauschenberg, 1989, S. 175, Anm. 8) Das geringe Interesse, bzw. das Stillschweigen über diesen Vorfall, diente wohl vor allem dazu, Suréns Ruf nicht zu schädigen, der ohnehin nur innerhalb bestimmter Teile der heutigen FKK ungebrochen ist. Dies verweist auf ein nur sehr eingeschränktes Interesse an der eigenen Geschichte, auf die man keine Schatten fallen lassen will. Die bezüglich der Person Suréns daher beide gleichermaßen blinden Rechtfertigungs- und Verurteilungsstrategien übersehen den zugrundeliegenden Spannungsbogen zwischen öffentlicher Rolle und Wirkung (als Ideologe der FKK sowie Vorbereiter und späterer Vertreter nationalsozialistischer Ideen) und persönlicher Biographie (sein Lebensthema ist wohl am besten mit den Begriffen Einsamkeit und Suche nach Berührung zu beschreiben).Google Scholar
  8. 8.
    Dennoch war Ungewitter mit seiner wirren Radikalität nur bedingt tragbar, denn in einer “Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums” (Leipzig 1938) ist ein Titel von ihm aufgeführt: “Aus Entartung zur Rasse-Pflege. Weckruf in 12. Stunde, 1934”. Sein Rassismus entsprach offensichtlich nicht der offiziellen Linie (vgl. Pfitzner, 1964, S. 27). Über die neben Surén und Ungewitter dritte zentrale Gestalt der völkischen FKK, Josef Michael Seitz, konnte ich kaum etwas in Erfahrung bringen. Im “Bund für Leibeszucht” spielte er anscheinend keine Rolle, obwohl er in seiner Zeitschrift veröffentlichte. Nach dem Krieg verlieren sich seine Spuren völlig, noch nicht einmal sein Todesdatum konnte ausfindig gemacht werden (geb. 1896, vlg. Pfitzner, 1964, S. 29), es sei denn, er lebt noch. Carl Straesser teilte mir mit, seines Wissens habe Seitz nach dem Krieg in Berlin als Buchhändler gearbeitet.Google Scholar
  9. 9.
    Die Galapremiere des vierstündigen Films fand zu Hitlers 49. Geburtstag am 20.4.1938 statt. Bei der Biennale in Venedig erhielt er den ersten Preis und wurde nochmals 1948 vom Internationalen Olympischen Komitee ausgezeichnet. Ihn nur als faschistische Propaganda abzutun, wird dem Phänomen daher nicht gerecht (Vgl. Robert Wistrich, Wer war wer im Dritten Reich, 1983). Genannt sei noch ein anderer FKK Film aus dieser Zeit, “Natürliche Leibeserziehung” (1939) von dem Photographen Kurt Reichert, der mit dem Prädikat “Volksbildend” ausgezeichnet wurde. Von Reichert stammt auch das erste Farbphotobuch der deutschen FKK-Literatur, “Von Leibeszucht und Leibesschönheit” (1940), (vgl. Pfitzner, 1964, S. 55).Google Scholar
  10. 10.
    In der Nachkriegszeit löste dies in der Kunstgeschichte etliche Bemühungen aus, die Okupierung dieser klassisch-bürgerlichen Ideale durch die Nazis als Vergewaltigung dieser Ideen hinzustellen, jener bürgerlicher-emanzipatorischer Ideale von der Würde und der Gleichheit der Menschen, die im Kampf gegen den Absolutismus des 18. Jahrhunderts entstanden waren, aber nun bei den Bürgerlichen nur noch als Standesideologie dienten. Wolbert (1982) zeigt sehr ausführlich belegt auf, wie diese von Anfang an als Abgrenzungsstrategien entstandenen Ideale durch die Nationalsozialisten von ihrem störenden Beiwerk befreit wurden, um dann ihrerseits auf nationaler und rassistischer Ebene als Abgrenzung zu dienen.Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. Wolbert (1982, Anm. 131, S. 249), in der er sich auf Eike Hennig bezieht (Bürgerliche Gesellschaft und Faschismus in Deutschland. Ein Forschungsbericht, 1977, S. 186f.). Hennig konstatiert eine “Art Anpassung an die Oberschichten, Verschiebungen in der Struktur der NS-Oligarchie, denn die Funktionsträger von Propaganda und Gewaltanwendung entstammten den alten Eliten”, wobei mit Wolbert festzuhalten ist, “daß das Sozialprofil der NS-Oligarchie verschieden ist von der breiten Masse der Parteimitglieder sowie der Wählerschaft”. Dies ist für die FKK ganz ähnlich anzunehmen, wobei für eventuelle Verschiebungen unter den Mitgliedern keine Angaben vorliegen. Ausgeschieden sein werden wohl vor allem Juden und politisch links Orientierte, bei denen das Interesse an der Nacktheit durch das Interesse an der nackten Existenz abgelöst wurde. Spitzer behauptet, daß sich nach dem Verbot von 1933 die meisten FKKler von den Verbänden abgewandt und in private Kreise zurückgezogen hätten (vgl. Spitzer, 1983, S. 211). Zum Teil mag dies stimmen, zum Teil ist es aber als ein weiteres Beispiel für den affirmativen Charakter der Darstellung Spitzers anzusehen.Google Scholar
  12. 12.
    In einem Brief an Gertrud Prellwitz schreibt Fidus am 21.10.37: “Ich durfte erwarten, daß das ‘Dritte Reich’ seinen alten geistigen Vorkämpfern wenigstens nicht die alten Möglichkeiten beschneidet, geschweige denn eine Schaffens-Erleichterung zukommen ließe. Und darum versuchte ich, durch direkte Eingaben, und da diese nicht halfen, suche ich Brücken zu einem der Führer, am liebsten natürlich zu Hitler selbst. Denn es geht nicht an, daß er noch länger z.B. von mir nichts weiß” (zit.n. Frecot, 1972, S. 203). Warum dies so ist, kommt ansatzweise in einem Aufsatz zu seinem 70ten Geburtstag zum Ausdruck. Im Heimatblatt “Die Mark” schreibt Friedrich Sierakowski: “Fidus lebte und webte in Mystik und theosophischen Gedankengängen. Wir stehen fest auf dieser Erde. Die Rassenerkenntnis und die Arbeit an uns selbst zum Nutzen der Gemeinschaft sind wertvoller als die Spekulationen auf eine übersinnliche Welt und ein sich damit ständig beschäftigendes ‘Debattieren’“ (zit.n. Frecot, 1972, S. 206).Google Scholar
  13. 13.
    Als Autor nennt die Redaktion des “Schwarzen Korps” einen “bekannten norddeutschen Dichter” der “mit Freuden ... unsere Anregung aufgenommen” habe. Es liegt die Vermutung nahe, daß es sich dabei um Magnus Weidemann handelte. Charly Straesser allerdings, dem ich den Artikel zeigte, meinte, der Artikel sei nicht im Stil Weidemanns geschrieben. In einem Briefwechsel zwischen Bernhard Schulze und Charly Straesser aus den 80er Jahren ist die Rede von zwei Redakteuren des “Schwarzen Korps”, den Brüdern d’Al-quen, die der FKK mit Sympathie gegenübergestanden hätten (Brief Schulze an Straesser v. 3.3.86, IFK 1389c). Es müssen also recht gute Kontakte bestanden haben.Google Scholar
  14. 14.
    In der FKK-Literatur wird allerdings so getan, als ob das FKK-Verbot bis 1942 bestanden habe, wohl um den Eindruck der anti-nationalistischen Ausrichtung der FKK zu verstärken. In die gleiche Richtung geht die Bemerkung Masalskis, daß das Gesetz “bereits vor 1933 vorbereitet” worden wäre und “nun endlich Wirksamkeit erlangt” hätte (Masalskis, 1964, S. 75). Vgl. auch Vossen (1956, S. 29f.), sowie Spitzer (1983, S. 115), der das Gesetz als Durchbruch bezeichnet und den Prozeß von 1938 nicht erwähnt.Google Scholar
  15. 15.
    Vgl. Masalskis (1964, S. 128f.). Die bayrische Verordnung von 1957 schreibt Badekleidung vor und erwähnt keine Ausnahmen. Die Regelung der DDR von 1956 ähnelt in der Bestimmung über das Nacktbaden der Ordnung von 1942, untersagt aber ausdrücklich “die Bildung von Vereinigungen, deren Ziel darin besteht, die Freikörperkultur zu organisieren, zu fördern oder zu propagieren” (§ 2, zit.n. Masalskis, 1964, S. 129).Google Scholar
  16. 16.
    Dies hinderte Vossen allerdings nicht daran, den Krieg “zum Förderer der Sache” zu erklären. “Denn wieder wurden viele Soldaten naturnahem Leben näher gebracht. Den in Finnland und Nordrußland eingesetzten Männern wurde die Sauna zum Erlebnis” (Vossen, 1956, S. 29). Auch Adolf Koch redet vom “Gemeinschaftsgeist der Front” (vgl. Koch, 1950, S. 61). Zur nostalgischen Ideologie vom “Fronterlebnis” vgl. Sloter-dijk (1983, S. 749).Google Scholar
  17. 17.
    Vgl. Pfitzner (1964, S. 55). Anderen Orts heißt es, Bückmann sei 1946 in russischer Gefangenschaft umgekommen (vgl. Briefwechsel Schulze-Holthus — Straesser, Brief v. 11.9.85, IFK 2066a). In einem späteren Nachruf heißt es: “Die rote Flut schwemmte ihn im Jahre 1945 in Torgau fort von der Stätte seines Wirkens, fort aus diesem Dasein” (FKK, Nov. 1953, S. 132).Google Scholar
  18. 18.
    Z.B. Seitz (1923, S. 137), der einen Zusammenschluß sämtlicher FKK-Vereine mit dem Hinweis ihrer unterschiedlichen weltanschaulichen Ausrichtung ablehnte. Für eine einheitliche Führung, natürlich unter nationalsozialistischer Führung, plädierte später Hans Surén (1924, vgl. Ausgabe v. 1936, S. 129).Google Scholar
  19. 19.
    Vgl. Spitzer (1983, S. 151), sowie Pfitzner (1964, S. 34). Die “Liga für freie Lebensgestaltung” wurde von Robert Laurer gegründet und war eng mit dessen Verlag verflochten, was zu Spannungen und der Trennung von Verlag und “Liga” führte. Danach trat die “Liga” dem RFK bei (Vgl. Kap.IV.2.7). Sehr frei kann die “Liga” nicht gewesen sein, denn Salardenne schreibt über Laurer: “Robert Laurer ist ein Mensch, mit dem man nicht gern zu tun hat. Er gibt vor, daß er allein die richtige Nacktpflege kennt und bewirft die anderen mit Anklagen und Beleidigungen ... Er sagte mir wörtlich, daß alle anderen Gruppen gar nichts mit Freikörperkultur zu tun hätten” (Salardenne, 1930, S. 48). Die Satzung der Liga ist abgedruckt bei Vossen (1956, S. 22).Google Scholar
  20. 20.
    Hildegard Knefs Partner Gustav Fröhlich meint in seinen Memoiren allerdings, der Skandal damals sei nicht auf die bißchen nackte Haut sondern auf den Doppelselbstmord der Hauptdarsteller zurückzuführen, handelte es sich hierbei doch um eine “Todsünde” (Waren das Zeiten, Mein Film-Heldenleben, 1982, S. 310).Google Scholar
  21. 21.
    Der vollständige Gesetzestext ist mit anderen für die FKK wichtigen Gesetzen und Verordnungen abgedruckt bei Hans Masalskis (1964, S. 124ff.).Google Scholar
  22. 22.
    Erst ab 1955 nannte sich der DFK “Verband” und löste damit die altmodische Bezeichnung “Bund” ab.Google Scholar
  23. 23.
    Reichhaltiges doch leider nicht ausgewertetes Material zu einigen Prozessen sowie einige Propaganda-Schriften des Volkwartbundes finden sich in der IFK-Bibliothek in Kassel.Google Scholar
  24. 24.
    Genannt werden für die Nachkriegszeit Bücher von Herbert Rittlinger und Hajo Ortil (Pseudonym für Hans Joachim Oertel). Hierbei handelt es sich ausschließlich um Romane und Photoreportagen. Die Photobücher und -Magazine von Hajo Ortil waren innerhalb der FKK ebenso umstritten wie begehrt. Viele von ihnen kamen auf Ferienfahrten mit Kanus zustande, auf die er ausgesuchte Jugendliche mitnahm. Die Bilder sind oftmals voller Vitalität und Erotik, und es wurden von ihm auch private Sammler beschickt (Vgl. Quick v. 28.6.64, S. 43f.). Bei anderen Veröffentlichungen wie den oft zitierten Bücher von Arno Vossen oder Hans Masalskis handelt es sich um FKK-interne historische Aufarbeitungen bzw. um DFK-Verbandswerbung.Google Scholar
  25. 25.
    Magnus Weidemann beschäftigte sich mit religiös-mystischen Themen, Bernhard Schulze veröffentlichte unter dem Doppelnamen Schulze-Holthus Schriften zum Orientalismus, Charly Straesser arbeitete nach dem Krieg als Musiker und eröffnete eine Tanzschule. Er blieb der FKK zwar noch wohlgesonnen, wandte sich aber von ihr weitgehend ab, mit der Begründung, daß ihre ideologischen Konstruktionen zur Legitimierung der Nacktheit nicht haltbar seien (vgl. Straesser, 1962).Google Scholar
  26. 26.
    DFK-Vorsitzende: 1949–1950 Karlwilli Damm (Lehrer), 1950–1963 Erhard Wächtler (Ingenieur), 1963–1967 Lothar Wilhelm (Jurist), 1967–1977 Oskar Hörrle (Kaufmann), 1977–1979 Rudolf Emmel (?), ab 1979 Heinz Simanowski (Industriekaufmann). Die Angaben sind verschiedenen Ausgaben der Verbandszeitschrift “FKK” entnommen.Google Scholar
  27. 27.
    Diese Zahl stammt aus der Süddeutschen Zeitung vom 7.8.1962. Da bei vielen Vereinen nicht die Einzelmitglieder sondern “Familieneinheiten” gezählt werden, hat selbst der DFK keinen genauen Überblick. Weitere Schätzungen würden, wenn sie zutreffend sind, auf eine starke Mitgliederzunahme in den 60er Jahren verweisen. 1964–100.000 (Neue Illustrierte v. 31.5.64), 1966–150.000 (WAZ v. 3.4.1967). Spitzer redet von 100.000 Mitgliedern zu Anfang der 80er Jahre (vgl. Spitzer, 1983, S. 166).Google Scholar
  28. 28.
    Material hierzu in der ersten großen Artikelserie, die eine deutsche Zeitschrift über die FKK brachte: Die Nackten — verblüffend, amüsant, objektiv — Ein Bericht über Abessi-nien in Deutschland von Rolf Lasa, Neue Illustrierte, 1964, Nr. 22–26.Google Scholar
  29. 29.
    Vgl. Borneman (1974): “FKK Gelände: Abessinien, Äthiopien, Gelände, Hawaii, Kamerun, Nackedonien, Samoa. Pfad zwischen zwei Nacktbadestränden, den man nur bekleidet begehen darf: Textilkorridor, polnischer Korridor. Sylt: Verkehrsinsel. Westerland auf Sylt: Verlobungsbad, Vögelbad” (Ziffer 53.17).Google Scholar
  30. 30.
    Einer davon war wohl Fritz Dittmar-Lichtblick, der sich laut der Neuen Illustrierten “Vater der Abessinienstrände” nennen ließ (Nr. 24, 1964, S. 40). Vgl. Masalskis (1964, S. 76). Er sah das Ziel der FKK-Arbeit mit der Freigabe der Strände für erreicht an, während der Vorsitzende Lothar Wilhelm mit den Worten zitiert wird: “Weiß der Himmel, aber wir bekommen die Unorganisierten nicht in den Griff” (zit.n. Neue Illustrierte, Nr. 23, S. 31).Google Scholar
  31. 31.
    Da es keine empirischen Arbeiten zur deutschen FKK gibt, bin ich hierbei auf Vermutungen und allgemeine Eindrücke angewiesen, die aus einer umfangreichen Lektüre entstanden. Belegt sind die Auswirkungen des FKK-Lebens auf die Gestaltung der privaten Kontakte allerdings in einigen Untersuchungen aus dem amerikanischen Raum, deren Ergebnisse mir zumindest in der Tendenz übertragbar erscheinen. Vgl. Ilfeld, Lau-rer (1964).Google Scholar
  32. 32.
    Die Antwort Wächtlers findet sich zusammen mit dem ebenfalls abgedruckten Koch-Artikel in FKK (Feb. 1959, S. 27ff.).Google Scholar
  33. 33.
    Nach der offiziellen Version handelte es sich bei der FBK um eine “unabhängige Gutachterstelle, die aber mit dem Verband eng zusammenarbeitet und Auswüchse in der Bebilderung der Schriften, vor allem unter dem Gesichtspunkt der Jugendgefährdung, zu verhindern sucht”, so Masalskis (1964, S. 77), der ab 1963 das Verbandsorgan “FKK” “in moderner Form mit dezenter Bebilderung” herausgab (ebd). Vgl. dagegen zur Leitung der Kommission durch den DFK-Vorsitzenden Wilhelm die Neue Illustrierte (Nr. 26, 1964, S. 44).Google Scholar
  34. 34.
    Vgl. Pfitzner (1964, S. 73) und Masalskis (1964, S. 77). Gleichzeitig mit Adolf Koch wu0072de auch Karlwilli Damm aus dem DFK ausgeschlossen. Damm war 1963 aufgrund einiger FKK-Aktivitäten als Lehrer zwangspensioniert worden, ein Vorgang, der vom DFK-Vorstand in keinster Weise behandelt wurde (Vgl. Helios Nr. 148), obwohl es sich immerhin um den ersten DFK-Vorsitzenden nach dem Krieg handelte. Damm widmete sich daraufhin fast ausschließlich seiner Internationalen FKK-Bibliothek (IFK), der ich einen Großteil meiner Materialien über die FKK-Bewegung verdanke. Seine Bibliotheksarbeit kann als ein Versuch angesehen werden, einer zukünftigen Forschung die Möglichkeit zu geben, eine andere FKK- Geschichte als der DFK zu schreiben.Google Scholar
  35. 35.
    Vgl. Wilhelm in: Masalskis (1964, S. 5–10). Die Rede von dieser “Wahrhaftigkeit” steht nicht nur in Kontrast zu der Art und Weise, mit der gegen Koch und Damm vorgegangen wurde. Schon 1964 hatte Koch gegen Wilhelm den Vorwurf der Veruntreuung von Vereinsgeldern erhoben, was er allerdings mangels Beweise zurücknehmen mußte (Vgl. AKI Rundschreiben, IFK 130). 1967 wich Wilhelm aufgrund offensichtlich weiterhin bestehender Verdachtsmomente auf den Posten des 2. Vorsitzenden aus, von dem er kurz darauf auf einem außerordentlichen Verbandstag ebenfalls zurücktreten mußte. Seinem Nachfolger Oscar Hörrle erging es nicht besser. Er mußte 1977 wegen dubioser Geldgeschäfte zurücktreten (Vgl. FKK Feb. 1977). Es ging um Beträge um die 500.000 DM (Vgl. Stern Nr. 12 v. 10.3.1977, S. 224).Google Scholar
  36. 36.
    Auch der sonst eher affirmativ berichtende Spitzer sieht mit dem Verbandsausschluß von Koch und Damm die lebensreformerische Ausrichtung der FKK als beendet an (Vgl. Spitzer, 1983, S. 154).Google Scholar

Anmerkungen zu Kapitel IV.5: Sexualität, Geschlecht und Narzißmus

  1. 1.
    Die Flut der Veröffentlichungen während der Weimarer Republik allein aus der FKK-Bewegung ist unübersehbar. Die Grenzen zwischen Verbandszeitschriften, Pamphleten, Pornographie, “künstlerischer” Aktphotographie, Lebensberatung und Wissenschaft sind fließend, was an den Verweisen in Form von Besprechungen und vor allem Anzeigen in den einzelnen Veröffentlichungen deutlich wird. Der zu Anfang des Jahrhunderts von Karl Vanselow betriebene Verlag Die Schönheit’ ist ein gutes Beispiel für ein breit ge-fächertes Angebot.Google Scholar
  2. 2.
    So meint z.B. Lieselotte Arnold-Carey (1972), daß die sinnlich vermittelte Erkenntnis der Geschlechtsunterschiede Voraussetzung für logische Erkenntnis überhaupt sei. Nacktheit steht bei ihr zum Teil nur als Metapher, zum Teil aber auch als Voraussetzung für das kleine Kind, eine solche Unterscheidung als Vorbild für die spätere Entwicklung des logischen (!) Denkens überhaupt machen zu können. Die Beobachtungen hierzu stammen aus einer kinder-therapeutischen Praxis. Vgl. auch die ethnomethodologische Arbeit von Kessler, McKenna (1978) die diesen etwas simplifizierten Zusammenhang differenzierter aufschlüsselt.Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. Müller (1984). Das reichliche Material Müllers aus den unterschiedlichsten Kulturen läßt aufgrund der festgestellten universalen Ungleichheit von Mann und Frau die Annahme einer Unumgänglichkeit dieses Verhältnisses trotz Ideologiekritik gefährlich na-herücken.Google Scholar
  4. 4.
    Dies trifft nur zu, solange man sich auf die gesellschaftlich vorgegebenen Normen bezieht, die sich als “männlich” ausweisen. Ist aber von Männern die Möglichkeit der Körperpräsentation als solche anerkannt, läßt sich dieses der Frau zugesprochenen Reservoir als Machtbereich verstehen. Dabei sollte Macht hier nicht mit Herrschaft gleichgesetzt werden. Wenn sich jedoch die Männer diesen neuen Bereich erobern, bedeutet dies für die Frauen auch eine Konkurrenz auf einem ihnen “ureigenen” Gebiet. So äußerte sich das “Penthouse Pet of the Month” (Dez. 1980) Anna Fraley: “(For) a man looks dont matter ... The last thing I need in the morning ... is a man who looks better than I do”.Google Scholar
  5. 5.
    Die verbale Herabsetzung des anderen Geschlechts ist vielerorts auch Sache der Frauen so gut wie die der Männer. Tyrell (1986, S. 465) weist darauf hin, daß sie — z.B. in der Ethnologie — meist nicht so gut gehört wurde wie die entsprechende männliche Sicht. Manche Veröffentlichungen der feministischen Presse machen deutlich, daß die Frauen auch hier auf dem besten Wege sind, einiges nachzuholen. Eine amüsante Darstellung dieses weiblichen Blickes (aus männlicher Perspektive) findet sich in dem kanadischen Film, “Der Untergang des amerikanischen Imperiums”, in dem ein männlicher Regisseur eine Gruppe von Frauen recht rüde über Männer reden läßt — und das beim Body-Building.Google Scholar
  6. 6.
    Aufschlußreich in dieser Hinsicht waren die feministischen Angriffe auf die männlichen Verteidiger in Vergewaltigungsprozessen. Die Angeklagten wurden in die Nähe von Tieren gerückt, die sich das Recht auf jegliche Verteidigung verwirkt hätten. Eine Analyse der Sonderhefte “Sexualität” der Frauenzeitschrift “Emma” bietet hierzu reiches Material (vgl. Nitzschke, 1984). Auch das Buch “Männerphantasien” von Theweleit (1980) kommt manchmal der bedenklichen Annahme sehr nahe, alle Männer seien potentielle Faschisten.Google Scholar
  7. 7.
    In einer zugleich poetischen wie verdeckt pornographischen Weise kommt dies in einem Interview mit dem Maler Max Ernst zum Ausdruck. “Frage: Was halten sie von Kant? (Cunt — englischer Vulgärausdruck für Vagina — O.K.) Antwort: Die Nacktheit der Frau ist weiser als die Lehre des Philosophen” (Ernst, 1962, S. 3).Google Scholar
  8. 8.
    Die beiden bekanntesten Malerinnen aus der Zeit der Jahrhundertwende, die sich mit Aktmalerei beschäftigten, Suzanne Valadon und Paula Modersohn-Becker, malten vorrangig Frauenakte (vgl. Krininger, 1986). Auch heute noch ist ein Photoband von einer Frau mit ausschließlich Männerakten eine ungewöhnliche Ausnahme (Koelbl, Männer, 1984). Bevorzugt werden Männerakte wiederum von homosexuellen Künstlern.Google Scholar
  9. 9.
    Die Autorin bemerkt die Paradoxie ihrer Forderung an die Männer gar nicht. Stattdessen weicht sie auf bekannte Verallgemeinerungen aus. “Die erotische Kunst von Frauen setzt dem männlichen Außen ein weibliches Innen gegenüber” (Breitling, 1982, S. 26). “Erotische Kunst von Männern ist nicht auf der Suche nach dem weiblichen Gegenüber” (S. 29). “Es ist denkbar, daß die besondere Affinität der Frau zur Liebe nicht nur eine Zwecklüge der patriarchalischen Ideologie ist, sondern ein aus sehr frühen Zeiten herübergerettetes Wissen” (S. 31).Google Scholar
  10. 10.
    Zudem setzt man sich selber den psychoanalytisch geprägten Deutungen aus, was die Diskriminierungsfunktion allerdings deutlich werden läßt. Besonders beliebt ist dies in der neueren Diskussion, worauf Berthold Rothschild hinweist (Der neue Narzißmus — Theorie oder Ideologie, in: Psychoanalytisches Seminar Zürich, 1981, S. 28). “Pflegt der Autor vielleicht seine narzißtisch nicht aufgelöste Rest-Neurose? Begibt er sich nicht auf die Seite konservativer Tendenzen, wenn er neue Theorien derart in Frage stellt? Handelt es sich vielleicht um eine (in der psychoanalytischen Bewegung keineswegs unbekannte) elitär-snobistische Attitüde einer vermeintlichen Vulgarisierung gegenüber?”.Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. Pfandl (1935, S. 261ff.), Wieseler (1856), Wunderli (1983). Nicht nachgegangen werden kann hier der Frage, inwiefern der römisch-christliche Einschlag der Überlieferung die ursprünglichen Quellen schon maßgeblich veränderte.Google Scholar
  12. 12.
    Die Narzisse gehört zur Gruppe der Amaryllisgewächse wie z.B. die Osterglocke und gilt als Frühlingsbote. Ihre Zwiebel ist stark toxisch und bei Verzehr tödlich. Ich konnte nichts darüber in Erfahrung bringen, inwiefern sie auch als Droge verwendet wurde. Die Verwandlung in Pflanzen und Tiere ist darüberhinaus in der griechischen Mythologie ein sehr geläufiges Thema und verweist auf die symbolische Verknüpfung von Natur und Götterwelt. Ausführlicher dazu bei Wieseler (1856, S. 99–135). “Es liegt auf der Hand, daß die Narcisse das Gefühl der Alten nach zwei verschiedenen Richtungen hin in Anspruch nahm, indem sie einerseits schön, lieblich und angenehm erschien, andererseits aber auch betäubend wirkte. Fragen wir nun nach der Anwendung im Leben und nach der Beziehung im Mythos und Cultus, so wird es erhellen, dass hier dem gedoppelten Eindruck, den die Blume machte, Rechnung getragen wurde, so aber, dass der von uns als der vorwiegende bezeichnete Eindruck nicht allein am frühesten, sondern auch in ausgedehntester Weise Geltung gewann, indem er die Beziehung der Narcisse auf Tod und die Wesen der Unterwelt in Mythos und Cultus zu der beinahe ausschließlichen machte und auch in dem Gebrauche des Lebens dadurch hervortreten Hess, dass man die Pflanze zum Schmuck der Todten und der Gräber und bei der Zauberei verwandte. ... Die Narcisse gehörte zu den gewöhnlichen Kranzblumen wie andere Blumen, die einen ergötzlichen Anblick oder lieblichen Geruch gewähren. Sie kommt insbesondere auch zu Liebeskränzen verwendet vor, und wird bei einem späteren Dichter dem Eros zur Bekränzung gegeben, als Blume der Liebessehnsucht, in unverkennbarer Beziehung auf die Sage von Narkissos” (S. 125f.).Google Scholar
  13. 13.
    Vgl. Kerényi (1958–64, Bd. 1, S. 170). Auch Hermes und Aphrodite gelten aufgrund ihres gemeinsamen Geburtstages als Zwillinge.Google Scholar
  14. 14.
    Freud war sich durchaus bewußt, daß der Abstraktheit der Bestimmung von “männlich” und “weiblich” eine tatsächliche Vermengung der Anteile in der einzelnen Person gegenüber steht. Durch die Gleichsetzung bestimmter analytischer Begriffe (z.B. der “Libido” in den “drei Abhandlungen”, 1904/05, S. 120) mit dem männlichen Prinzip wird die Bewertung der Geschlechter zur Grundlage des gesamten Gedankengebäudes. Daß ihm dadurch der Blick auf die Frau, bzw. die “Weiblichkeit” weitgehend verstellt wurde, blieb auch Freud in späteren Schriften nicht verborgen. Einen Teil der Sprengkraft des Begriffs “Narzißmus” könnte man daher darin sehen, daß er sich als “weibliches” Prinzip der “männlichen” Libido entgegenstellt. Dies ergäbe eine interessante Parallelität zu der Interpretation der Jungianerin Ursula Eschenbach (1985), die den Mythos an der Schwelle zwischen Matriarchat (mal abgesehen davon, ob es ein solches in dieser Allgemeinheit überhaupt gegeben hat) und Patriarchat angesiedelt sieht (Bd. 1, bes. S. 87ff.).Google Scholar
  15. 15.
    Eine sehr eindringliche Interpretation des Narzißten als Rebell findet sich bei Herbert Marcuse (1965, zit.n. 1957). “Ist Prometheus der Kulturheld der Mühsal, der Produktivität und des Fortschritts durch Unterdrückung, dann müssen die Symbole eines anderen Realitätsprinzips auf dem entgegengesetzten Pol zu finden sein. Orpheus und Narziß stehen für eine sehr andere Wirklichkeit... Sie wurden niemals die Kulturheroen der westlichen Welt: ihr Imago ist die der Freude und der Erfüllung, ist die Stimme, die nicht befiehlt, sondern singt; die Geste, die gibt und empfängt; die Tat, die Friede ist, und das Ende der Mühsal der Eroberung, ist die Befreiung von der Zeit, die den Menschen mit Gott, den Menschen mit der Natur eint (S. 158). ... Die orphische und narzißtische Welterfahrung negiert die Erfahrungsform, die die Welt des Leistungsprinzips aufrecht erhält” (S. 162). In Bezug auf Freuds Beschreibung des “ozeanischen Gefühls” des Narzißten sowie den Begriff “primärer Narzißmus” heißt es weiter: “Die Entdeckung des primären Narzißmus bedeutete tatsächlich mehr als nur einfach die Anfügung einer weiteren Phase der Libidoentwicklung; mit ihr trat der Archetypus einer anderen existentiellen Beziehung zur Realität ins Blickfeld.... Das verblüffende Paradox, daß der Narzißmus, der im allgemeinen als egoistischer Rückzug vor der Wirklichkeit verstanden wird, hier mit der ‘Verbundenheit mit dem All’ in Zusammenhang gebracht wird, verrät die neuen Tiefen des Begriffs: jenseits aller unreifen Autoerotik bezeichnet der Narzißmus eine fundamentale Bezogenheit zur Realität, die eine umfassende existentielle Ordnung schaffen könnte. In anderen Worten: der Narzißmus könnte den Keim eines andersartigen Realitätsprinzips enthalten: die libidinöse Kathexis des Ich (des eigenen Körpers) könnte zur Quelle und zum Reservoir einer neuen libidinösen Kathexis der Dingwelt werden — die Welt in eine neue Daseinsform überführen” (S. 164f.). Interessant ist ebenfalls, daß die literarische Umsetzung des Themas, das sich im Mittelalter und dann erst wieder im 19. und 20. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreute, vor allem in Frankreich vorgenommen und dort weniger als “ein Problem der Selbstverliebtheit als ... ein erkenntnistheoretisches Problem, ein waches, tief aufmerksames Anschauen des Geistes” (Mitlacher, 1933, S. 376) abgehandelt wurde. Mitlacher stellt den “Narziß als die vollkommenste Symbolisierung des Statischen ... der Faustgestalt, der vollkommensten Verkörperung des Dynamischen gegenüber” (ebd. S. 373). Den Schwerpunkt der Faustliteratur sieht er in Deutschland. Faust steht als Symbol des uneingeschränkten Fortschrittglaubens, der auch über Leichen geht — selbst wenn es die eigene ist — der erotisierten “Dekadenz” Frankreichs gegenüber. Es ist dies ein gutes Beispiel für den Einsatz des “Narzißmus” in den moralischen Auseinandersetzungen.Google Scholar
  16. 16.
    In: Ellis (1900–1928, zit.n. Ausgabe von 1917/18, Bd. 1, S. 206), im Kapitel über “Auto-Erotism”. Obwohl Ellis den Begriff in seiner eigentlichen Bedeutung für eine Übersteigerung der Liebe zum eigenen Körper benutzen will, die sexuelles Interesse an anderen ausschließt, wird die Nähe zum Begriff der “Eitelkeit” deutlich. Diese wird schon in der christlichen Ideologie im Motiv der “Frau vor dem Spiegel” als Sünde dargestellt. Ellis hebt jedoch auch die Nützlichkeit der Eitelkeit für die Rolle der Frau hervor. “The extreme form of auto-erotism is the tendency for the sexual emotion to be absorbed and often entirely lost in self-admiration. This Narcissus-like-tendency, of which the normal germ in women is symbolized by the mirror, is found in a minor degree in some men, and is sometimes well marked in women, usually in association with an attraction for other persons, to which attraction it is, of course, normally subservient”.Google Scholar
  17. 17.
    Die weitere Entwicklung des “Narzißmus” Begriffs wird als Bruchstelle angesehen, von der an Freud die erste “Topik” von Unbewußt, Vorbewußt und Bewußt durch die zweite “Topik” von Ich, Es und Über-Ich ersetzte (vgl. Laplanche, Pontalis, 1972, S. 317).Google Scholar
  18. 18.
    Zwei Hauptstränge sind zu unterscheiden: Zum einen die Soziologisierung des Begriffs durch Ziehe (1975), Strzyz (1976), Lasch (1980). Die transportierten kulturellen Werte sollen später Gegenstand sein. Zum anderen die Ausformulierung von therapeutischen Theorien, die eher nach ihrer “Brauchbarkeit” als nach ihrer “Wahrheit” zu befragen wären. Zwar liegen auch in ihnen kulturelle Wertigkeiten verborgen, doch als therapeutische Konzepte sind sie nicht Gegenstand dieser Untersuchung. Vgl. z.B.: Grunber-ger (1976), die unter Psychoanalytikern vieldiskutierten wie auch umstrittenen Konzepte von Kohut (1966, 1973), sowie Kernberg (1971, 1978).Google Scholar
  19. 19.
    Beim Lesen der verschiedenen Texte Freuds stößt man immer wieder auf die Tatsache, daß er da, wo er nicht explizit von der Frau redet, den Mann meint; und dies obwohl er seine Überlegungen zum allergrößten Teil aus der analytischen Arbeit mit (“hysterischen”) Frauen entwickelte (vgl. Gay, 1989).Google Scholar
  20. 20.
    Heute spiegelt sich dieser Alleinvertretungsanspruch der Psychoanalyse in den Auseinandersetzungen um die Kassenzulassung neuerer Therapieformen wider. Analytiker ziehen sich dabei gerne auf ihr hermetisch geschlossenes Begriffssystem zurück, um den Machtkampf hinter vermeintlichen Kompetenz- und Inhaltsfragen zu verbergen. Ziel dieser Ausgrenzung sind heute vor allem die Körpertherapien (Gestalt, Primär, Bioenergetik), während die behavioristischen (Verhaltenstherapie) Modelle und die Gesprächstherapie sich zumindest bei den Kassen teilweise durchgesetzt haben. Der Körper ist vielen Analytikern auch heute noch suspekt (vgl. dazu die neueren Arbeiten des Analytikers Tilmann Moser).Google Scholar
  21. 21.
    Eine durchaus eigenständige Rolle entwickelt die Schutzfunktion der Kleidung nach Flugel in der Abwehr von magischen Kräften. Viele der in der ethnologischen Literatur aufgeführten Schamphänomene sind eher als Ausdruck eines solchen Schutzes zu deuten. Im Mittelpunkt stehen zumeist die Genitalien. In der psychoanalytischen Umsetzung taucht ein solches Abwehrmotiv als Kastrationskomplex wieder auf. Kleidung bietet aber auch im übertragenen Sinne Schutz “against the general unfriendliness of the world as a whole;... a reassurance against the lack of love” (Flugel, 1930, S. 77). Die Kleidung dient als Burg.Google Scholar
  22. 22.
    Einer der ersten Psychologen, der sich mit Nacktheit nicht nur theoretisch beschäftigte, macht zudem in origineller Weise den Unterschied zwischen teilweiser und totaler Nacktheit deutlich. “It had never before been my fortune to bathe without a suit, in any body of water larger than the household tub. The new experience exceeded all expectations. The difference between bathing with even the scantiest suit, and bathing in the nude, can only be compared to the difference between a partial and the total solar ek-lipse — the phenomena in each case belong to two distinct categories” (Warren, 1933, S. 346). In keinster Weise verpönt war die “Kindlichkeit” noch zu Zeiten Goethes, bemerkte dieser doch, daß die Erfolg einer Badekur maßgeblich davon abhänge, ob eine Rückkehr zu einer solchen Kindlichkeit gelänge (vgl. Schreiber 1966, S. 146).Google Scholar
  23. 23.
    “Viewed in cross-cultural perspective the practice of concealing the woman’s genital region with some type of clothing is far more common than is covering the maskuline sex organs. There are a number of societies in which the woman customarily covers her pubic region with some form of clothing, whereas the man does not conceal his genitals. Although there are a few societies in which both sexes are usually nude, there are no peoples who insist upon the man covering his genitals and at the same time permit the woman to expose her genital region” (Ford, Beach, 1951, S. 100).Google Scholar
  24. 24.
    Hinter dieser auch heute sowohl für die westlichen als auch die “primitiven” Kulturen weitgehend akzeptierten Annahme verbergen sich eine Reihe von Problemen. Zum einen handelt es sich bei den Ethnologen, die das Material sowohl aus dem außereuropäischen wie dem europäischen Kulturraum sammelten, um Männer, die ihre Informationen weitgehend wiederum von Männern erhielten. Im Zentrum der Wissenschaftler wie auch ihrer Informanten standen die Frauen. Wichtig ist auch, als was die Regeln der Scham wahrgenommen werden, d.h. welche Bewertung sie in einer geschlechtsspezifischen Klassifikation erfahren, die von der männlichen Seite dominiert wird. Die Scham kann sowohl als Einengung, bzw. als in starkem Maße von außen auferlegt empfunden werden, aber auch als identitätsstiftend, im Sinne der europäischen bürgerlichen Ideologie als selbstauferlegte “Tugend”. Ein äußerlich sehr ähnliches Verhalten kann daher bezüglich seiner Abhängigkeit von Schamregeln sehr unterschiedlich beurteilt werden. Die dem Mann geltenden Regeln fallen oft als Schamregeln nicht ins Auge, weil sie selbstauferlegte Herrschaftsregeln sind. Auf diese Funktion der Schambedeckung der Männer in “primitiven” Kulturen weist Eckhard Neumann am Beispiel der Penishüllen der Stämme Neu Guineas hin. “Das Bedecken der männlichen Genitalien kündigt die Trennung von dem Einfluß der Frau und auch der Mutter an und damit den Beginn einer Erziehung zu einer männlichen Identität, die auf mehr oder weniger starker Abgrenzung von der Frau beruht... (und) wird damit zum sozialen Erkennungszeichen und Rangzeichen der Aufnahme in die Männergesellschaft und versinnbildlicht die Übernahme der sozialen Rollenidentität. ... Die Schambedeckung macht somit als Symbol einen Komplex sozialer, im Vaterrecht wurzelnder Funktionen sichtbar” (Neumann, 1980, S. 135f). Neumann weist zudem entschieden die psychoanalytische Kulturinterpretation zurück, die die Kindheit des Einzelnen mit der Kindheit der Menschheit sowie das “primitive” Denken mit dem vorlogischen Denken des Kindes gleichsetzt.Google Scholar
  25. 25.
    Flugel weist darauf hin, daß dem männlichen Körper oft eine phallische Bedeutung zukommt. Diese findet sich dann nicht nur symbolisch in einzelnen Kleidungsstücken wieder (Krawatte, Hut, Schuhe), sondern betrifft die Körperstatur als ganze. Demnach würde jede teilweise Entblößung des Mannes weniger als erotisch, sondern vielmehr als obszön wahrgenommen und bewertet werden.Google Scholar
  26. 26.
    Vgl. Walters (1979), sowie diese Arbeit Kap. III.3. bes. 4/5 Diese Lobpreisung kann sicherlich nicht auf die Homosexualität eines Künstlers zurückgeführt werden, so z. B. bei Michelangelo, der mit seiner Homosexualität, die von der Kirche seiner Zeit verdammt wurde, Zeit seines Lebens zu kämpfen hatte. Die Sinnlichkeit seiner Männerfiguren entsprach wohl doch eher dem “legitimen” Geschmack.Google Scholar
  27. 27.
    Vgl. auch König (1985), Krammer (1963). Ganz ähnlich wird die Nacktheit einige Jahrzehnte später von den Frauen der Studentenbewegung aufgefasst, die ihren Busen vor Gericht entblößten, “um dem Patriachat Beine zu machen” (vgl. Kap. IV.7.4.).Google Scholar
  28. 28.
    Dies macht deutlich, daß der Proletarier nicht nur aufgrund seiner Unfähigkeit zur Ästhetisierung nicht “narzißtisch” sein kann, sondern auch aufgrund der Minderbewertung seiner Arbeit. Zur Darstellung eines “vom körperlichen ins Geistige abgedrängten Narzißmus” (Pfandl, 1935, S. 286) bei gleichzeitiger Beibehaltung der “Pathologisierung” bieten sich für die bürgerliche Ideologie Intellektuelle und Künstler an, die im gleichen Maße bewundert wie mit Mißtrauen betrachtet werden. Neben Schopenhauer, Nietzsche, Oscar Wilde, Walt Whitman, Leo Tolstoi und Strindberg werden bei Pfandl als “alle miteinander psychopathisch mehr oder weniger schwer belastet” (ebd. S. 303) Chamisso, Hoffmann, Heine, Raimund, Jean Paul, Ewers, Musset, Maupassant, Poe, Kipling, Dostojewski bezeichnet. Selbst Goethe wird in diesem Zusammenhang aufgeführt. Der psychoanalytische Wahn, die Welt in “Normale” und “Pathologische” einzuteilen, führt zu dem hier tunlichst vermiedenen, aber gar nicht unoriginellen Gedanken, die Mehrzahl der europäischen Kulturgüter als Werke von “psychopathischen Narzißten” aufzufassen.Google Scholar
  29. 29.
    Betrachtet man die Sozialwissenschaften dieses Jahrhunderts als hervorragendes Produkt dieser Konstruktion, als Ausdruck eines hochentwickelten Voyeurismus, so wird die methodologische Forderung nach größtmöglichster Objektivität im Sinne von Distanz zwischen Forscher und Erforschtem als Angstabwehr deutlich. Vgl. Deve-reux (1967). Eine sehr gelungene Kombination von wissenschaftlichem und auf den Körper bezogenen Voyeurismus liegt sicherlich in einer wissenschaftlichen Arbeit über Nacktheit. Entsprechend direkt stellt sich das Problem der Angstabwehr.Google Scholar
  30. 30.
    Vgl. Sartre (1982), der die Verwandlung der Welt in Objekte durch den Blick beschreibt (S. 338ff.) und die erotische Funktion des Sehens verdeutlicht. “Sehen ist Genuß, sehen heißt deflorieren. Untersucht man die gewöhnlich gebrauchten Vergleiche, mit denen die Beziehung des Erkennenden zum Erkannten beschrieben wird, so stellt man fest, daß viele von ihnen sie wie eine Vergewaltigung durch den Anblick darstellen. Das nicht erkannte Objekt ist wie unbefleckt, jungfräulich gegeben, dem Weißen vergleichbar. Es hat sein Geheimnis noch nicht ‘verraten’, der Mensch hat es ihm noch nicht ‘entrissen’. All diese Bilder heben hervor, daß das Objekt nichts von den Forschungen und Instrumenten weiß, die auf es zielen: es ist sich nicht bewußt, erkannt zu werden, es lebt vor sich hin, ohne den Blick zu bemerken, der ihm nachspäht, wie eine Frau, die ein Wanderer im Bad überrascht. Dumpfere und deutlichere Bilder wie das der ‘unverletzten Tiefen’ der Natur erinnern genauer an den Koitus. Man reißt der Natur den Schleier ab, man enthüllt sie; ... jede Untersuchung enthält stets die Idee einer Nacktheit, die man aufdeckt, indem man die sie bedeckenden Hindernisse beseitigt, wie Aktäon die Zweige zur Seite schiebt, um Diana im Bad besser zu sehen. Übrigens ist die Erkenntnis eine Jagd. Bacon nennt sie die Jagd Pans. Der Forscher ist der Jäger, der eine weiße Nacktheit überrascht und mit seinem Blick vergewaltigt. Das Insgesamt solcher Bilder enthüllt uns somit etwas, was wir den Aktäon-Komplex nennen wollen. Nehmen wir übrigens diese Idee einer Jagd zum Leitfaden, so entdecken wir ein anderes, vielleicht noch ursprünglicheres Symbol: denn man jagt, um zu essen. Beim Tier entspringt die Neugier stets der Sexualität oder der Nahrungssuche. Erkennen heißt, mit den Augen essen” (ebd. S. 726f.). Vgl. auch zur “subjektlosen Wahrnehmung” und “objektlosen Vorstellung” des Mannes, Schneider, Laermann (1977, S. 36ff.).Google Scholar
  31. 31.
    Vgl. Mattenklott (1982). “Aus der Perspektive des distanzierten Blicks und des Auges als fast schon theoretischen Organs werden die hungrigen Augen mit wachsender Geringschätzung beurteilt. Der Panerotismus des Verlangens nach Vereinigung, der in der archaischen Vorstellungswelt die gesamte Schöpfung einbezog und deshalb am angemessensten durch Götterbilder befriedigt wurde, wird nun spezialistisch eingegrenzt und auf die Erotik im Geschlechterverhältnis beschränkt. Doch auch dort setzt sich das Ideal des milden Schauens durch, und das Verschlingen mit den Augen legt den Verdacht auf einen Wüstling nahe, auf Perversion, Hexerei oder Schlimmeres: auf die Acedia, die Todsünde der Melancholie” (ebd. S. 94). Die Geißelung dieser Todsünde wird heute zumeist im Vokabular der Psychoanalyse vorgenomen, als “Verharren in der Vorlust”, oder sie wird im “Stellvertretungscharakter der Schaulust” gefunden (Schneider, Laermann, 1977, S. 50f.).Google Scholar
  32. 32.
    Eine beispielhafte Darstellung ist die Geschichte von Kandaules und Gyges. Der Lyder-könig Kandaules preist gegenüber einem Leutnant seiner Wache die Schönheit seiner Frau und führt sie ihm nackt vor. Sie ist darüber so erbost, daß sie Gyges auffordert, ihren Mann Kandaules wegen der ihr angetanen Schmach zu töten. Nach vollzogenen Mord nimmt sie Gyges zum Mann. Abgesehen von der Verdoppelung des auch in der Malerei ab dem 15. Jahrhundert häufig auftauchenden Voyeurismusthemas (Suzanna im Bade, Bathseba), dadurch, daß Kandaules Gyges beobachtet, wie dieser seine Frau beobachtet, enthält die Geschichte eine vielschichtige Moral. Die Frau weiß sich der Verding-lichung durch ihren Mann in sehr handfester Weise zu erwehren, genießt aber das Angeschautwerden doch so sehr, daß sie Gyges als neuen Mann nimmt. Eine Version dieser Geschichte bei Friedrich Hebbel, Gyges und sein Ring, 1854. In der Sexualwissenschaft des 19. Jahrhunderts wurde daraus prompt eine als “Kandaulesismus” bekannte Perversion. Quellen hierzu bei: Mittig (1985). Aktuelles Material bei Friday (1973, 1980).Google Scholar
  33. 33.
    Vergewaltigung ist ein häufiges und ausschließlich von Männern verübtes Delikt, Ausdruck der Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern. Eine über eine reine Verurteilung hinausgehende Diskussion gerät aufgrund der emotionalen Aufladung leicht in den Verdacht, durch eine Erklärung der Situation diese entschuldigen zu wollen. Die in Män-nerhaß umschlagende Projektion wird deutlich, wenn die den Männern vorgeworfene Gewalt, wird sie von Frauen gegen das eigene Geschlecht praktiziert, zur sadomasochistischen Befreiung ausgerufen wird. Zu diesem letzten Schrei einer radikalen Fraktion der Frauenbewegung siehe den Bericht von Suzanne Matthiessen, Leder, Peitschen, Sinnlichkeit (Kölner Illustrierte, März 1986), ebenso Heider, Sadomasochismus — eine romantische Liebe (Dies., 1986). Die Kehrseite hierzu findet sich im männlichen Selbsthaß, der in der These Theweleits (1980) von der bei jedem Mann vorfindbaren potentiell faschistischen Einstellung gegenüber Frauen auftaucht. Zur Analyse einiger männerverachtender Argumentationen aus der Frauenbewegung siehe Nitzschke (1984), sowie Gambaroff (1984, Kap.l).Google Scholar
  34. 34.
    Trotz des aufdringlichen Chauvinismus findet sich Material bei Bernard (1981).Google Scholar
  35. 35.
    Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, daß es unter anderem ein Stern-Titel mit Grace Jones war, der den “Emma”-Prozeß gegen den Stern auslöste (vgl. Kap. IV.7.4.)Google Scholar
  36. 36.
    Eine empirische “Bestätigung” der unterschiedlichen sexuellen Erlebnisweisen von Mann und Frau findet sich bei Kinsey (1964b). Kinsey der der Psychoanalyse äußerst mißtrauisch gegenüberstand, attestierte den Frauen eine größere Variationsbreite in der Reaktion auf psychologische Reize, den Männern eine größere Reizbarkeit bezüglich visueller Reize. Allerdings stellt er für die Männer eine größere Bedeutung von gesellschaftlichen Faktoren (Bildungsgrad) für die Ausbildung sexueller Verhaltensweisen fest. Für die Frauen erscheint hingegen ihr Geschlecht als ein wesentlicherer Bestimmungsfaktor ihrer Identität als bei den Männern.Google Scholar
  37. 37.
    Die Homologien können auf vielen Ebenen weitergedacht werden. Eine wichtige, von der Narzißmus-Debatte wie viele andere Diskussionsstränge nicht wahrgenommene, betrifft die Frage der Rolle von Frauen in der Wissenschaft. Evelyn Fox Keller (1986) beschreibt die Entwicklung von “Objektivität” in der Wissenschaft als eine durchweg männliche und abgrenzende Grundhaltung, die es den Frauen in diesem Bereich schwer mache. Die Schwierigkeit der Objektbildung wird hier, ohne jeglichen Bezug zur Narzißmus-Debatte, als Kennzeichen der weiblichen Sozialisation beschrieben. Der unzureichenden Abgrenzung der Frauen steht eine exzessive Abgrenzung der Männer gegenüber. Die Frage, für wen denn die Sozialisationsbedingungen in Bezug auf eine “gelungene” Objektbildung leichter seien, vor allem in der psychoanalytischen Literatur häufig geführt, läßt sich zudem als eine Fortsetzung der symbolisch-moralischen Auseinandersetzung mit anderen Mitteln auffassen.Google Scholar
  38. 38.
    Vgl. Kap. III.2. Das Baden. Diese Lobpreisungen sind, wie aufgezeigt wurde, selbst wieder Gegenstand der Auseinandersetzung. Dem Bad als Mittel zur Sauberkeit steht das Bad als Ort des Genusses gegenüber. Zur Erinnerung: “Die Geschichte des Badewesens zeigt uns, daß das Bad stets nur das bleiben muß, was es ist: Ein Mittel zur Erfrischung und Reinigung des Körpers, ein hygienisches und kulturförderndes Element ersten Ranges” (Bäumer, 1930, S. 75). Diese Bedeutung verliert es, wenn es “zu einem bloßen Genußmitter (S. 32) herabsinkt.Google Scholar
  39. 39.
    Vgl. Stoffer (1966), bei dem sich viele Beispiele aus der Literatur und Dichtung, finden; ebenso bei Ellis (1900). Über die Wiederherstellung des “narzißtischen” Gleichgewichts durch ein warmes Bad und das dadurch gesteigerte “Gefühl der Kohärenz des Körper-Selbst” berichtet selbst noch der ansonsten eher abstrakt-metapsychologisch argumentierende Heinz Kohut (1973, S. 153).Google Scholar
  40. 40.
    Mit dem “nudistischen Erleben” ist die “soziale Nacktheit” gemeint, d.h. nicht der einsame Sprung ins Meer, sondern eine Situation, in der die Nacktheit mit anderen “geteilt” wird. Material zum “nudistischen Erleben” bei FKKlern und bei “wilden” Nackten vor allem aus Hartmann u.a. (1970), Ilfeld, Lauer (1964), Stoffer (1966), Douglas u.a. (1977). Ergänzen läßt sich dies durch einige Erlebnisberichte aus dem Bereich der En-countergruppen, die Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre vor allem in den USA stattfanden. In der allgemeinen Experimentierfreudigkeit dieser Zeit wurden bald auch Nackt-Encounters abgehalten. Am bekanntesten wurden die von Paul Bindrim. Vgl. Ruitenbeek (1974, Kap. 7), Bindrim (1968, 1969). Ein Bericht einer Teilnehmerin über eine Bindrim-Gruppe findet sich in Howard (1970, S. 86ff). Die Ausweitung der Erlebnisfähigkeit bei den Teilnehmern wurde allerdings durch das Verbot von sexuellem Kontakt unterstützt, der die Nacktheit sozusagen auf die “gewohnten” Erlebnisqualitäten “reduziert” hätte, ganz abgesehen davon, daß Bindrim mit äußerster Vorsicht vorgehen muß-te, um nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen. So mußten diese Encounters mit einer Art konspirativen Geheimnistuerei vor der nächsten Umgebung abgeschirmt werden, da sie sofort mit “Gruppensex” identifiziert wurden. Nach Informationen von Lothar Nellesen, einem Gruppendynamiker der “ersten Stunde”, fanden solche Encounters in den 70er Jahren auch in der Bundesrepublik statt. Es gibt über sie allerdings kein Material.Google Scholar
  41. 41.
    Die “genitale Fixierung” zeigt sich nicht nur in Erektionsängsten, sondern auch in ihrem Gegenteil, den Minderwertigkeitsgefühlen aufgrund zu kleiner Geschlechtsteile. Auf diese Interpretation greifen fast alle Autoren in Anlehnung an psychoanalytische Ideen (Kastrationskomplex) zurück. Angesichts der Vielfalt der zu besichtigenden Geschlechtsteile relativieren sich diese Ängste schnell. Dahinter stehen Vorstellungen über mit der Größe des Penis verbundene sexuelle Leistungskraft, ein Maßstab, der sich in dieser körperlichen Übertragung nicht auf Frauen anwenden läßt. Dieser Blick der Männer auf ihr (im Sinne des Wortes) eigenes Geschlecht beim anderen findet eine Parallele im Vergleich der körperlichen Attraktivität unter Frauen. Daß sie die verschiedenen Attribute (Busen, Beine, Po) gleichberechtigt nebeneinanderstellen, läßt sich ebenfalls auf ihre größere körperliche “Diffusität” zurückführen. Aus feministischer Sicht erscheint diese Konkurrenz als von außen, von Seiten der Männer, aufgezwungen. Beides sind gute Beispiele für die in diesem Bereich gebräuchlichen “Teilwahrheiten”.Google Scholar
  42. 42.
    Jack Douglas (1970) berichtet von einem “wilden” Nacktbadestrand die männliche Technik des “Seizing it up” als Imponiergeste. Sie besteht darin, sich kurz vor einem Gang den Strand hinunter gezielt einen “schlappen Halbsteifen” zu verschaffen. Ohne sich gleichzeitig der “Peinlichkeit” einer Erektion auszusetzen, kann so das Spiel um die sexuelle Konkurrenz mit leicht gezinkten Karten angegangen werden.Google Scholar
  43. 43.
    Neuankömmlingen in Nudistencamps wird in unterschiedlicher Weise Gelegenheit gegeben, sich an die neue Situation zu gewöhnen. Während Männer sich dem Verdacht des Voyeurismus aussetzen, wenn sie sich nicht direkt entkleiden, wird Frauen oft eine längere Eingewöhnungsphase zugestanden (vgl. z.B. Casier, 1964).Google Scholar
  44. 44.
    Die Unterscheidung von (gelebtem) Körper und (erlebtem) Leib, wie sie in der Literatur häufig vorgenommen wird, ist in der Beschreibung des kindlichen Erlebens unangemessen, setzt sie doch eine schon abgeschlossene Unterscheidung von Ich und Nicht-Ich, von innen und außen, d.h. ein reflexives Vermögen voraus.Google Scholar
  45. 45.
    Eine Einbettung der Methoden der Kindererziehung in ein größeres kulturelles Konzept unternimmt Jean Liedloff (1980). Sie beschreibt die Kleinkinderziehung einiger Indianerstämme Südamerikas am Orinoco. Die Vorstellung von wissenschaftlichen “Entdeckungen” auf diesem Gebiet werden dadurch ad absurdum geführt.Google Scholar
  46. 46.
    Ein Beispiel aus Fenichel (1974–1977, Bd. 1, S. 105). “Intensiver Lustgewinn aus Wärmeempfindungen, der sich häufig in neurotischen Badegewohnheiten ausdrückt, findet sich gewöhnlich bei Personen, die zugleich andere Zeichen einer passiv-rezeptiven Haltung zeigen, insbesondere im Hinblick auf die Regulierung ihrer Selbstwertgefühle. Solche Personen können eine ‘Liebeszuwendung’ nur als ‘Wärme’ auffassen. Sie sind ‘erfroren’ und ‘tauen in einer warmen Atmosphäre auf’. Stundenlang können sie in einem warmen Bad oder auf einem Heizkörper sitzen”. Knapper und polemischer bei Rosebu-ry. “Wir verwandeln uns zu einem Volk gebadeter und desodorierter Neurotiker” (1972, S.9).Google Scholar
  47. 47.
    Eine besondere Rolle räumt Erik Erikson (1959) der Scham ein (vgl. Kap 11.11). Scham wird als ein gegen das Ich gewandter Zorn, als ein Minderwertigkeitsgefühl angesehen, das zusammen mit dem Gefühl des Zweifeins über die Möglichkeiten der Stuhlkontrolle der Kategorie “Autonomie” gegenübergestellt wird. Und: “Die mit dem Sehen zusammenhängende Scham geht der mit dem Hören zusammenhängenden Schuld voraus” (ebd. S. 233). Schamgefühle werden als nonverbal vermittelt angesehen, da sie in eine frühere Entwicklungsphase fallen. In der therapeutischen Literatur werden damit zusammenhängende Probleme daher gegenüber Schuldproblemen als schwieriger zu behandeln angesehen.Google Scholar
  48. 48.
    Beispiele für den affirmativen Einsatz einer solchen Klassifizierung finden sich bei Seidel (1925, S. 24f.). Die ideologiekritische Aufarbeitung der Funktion solcher Klassifikationen ist bei Müller zu finden (1984, speziell S. 295).Google Scholar
  49. 49.
    Bestensfalls wird diese Frage angesprochen, wenn sie schon nicht behandelt wird. So z.B. bei Kohut (1966, S. 561), der feststellt, daß sich in der “Neigung, ihn (den Narzißmus), sobald das Feld der Theorie verlassen wird, mit einem vorgefaßten Werturteil zu betrachten ... der unzulässige Einfluß des altruistischen Wertsystems der westlichen Kultur bemerkbar macht”. Ebenso bei Kernberg (1977, S. 48). “Betrachten wir nun die Realitätsfaktoren, die die normale Regulation des Selbstwertgefühls beeinflussen. Sie können differenziert werden in 1. von äußeren Objekten stammende libidinöse Befriedigung; 2. Erfüllung der Ich-Ziele und -Strebungen durch soziale Effektivität oder Erfolg; 3. in der Umwelt realisierte Befriedigung intellektueller und kultureller Strebungen. Die zuletzt genannten Befriedigungen enthalten Wertelemente und spiegeln ebenso Forderungen des Über-Ichs und des Ich wie Realitätsfaktoren wieder Sie belegen, welch hohe Bedeutung ethische und ästhetische Wertsysteme oder das kulturelle System überhaupt neben den früher erwähnten psychosozialen und psychobiologischen Systemen für die Regulierung des Selbstwertgefühls haben”. Die Reflexion über die angesprochenen Wertsysteme unterbleibt jedoch auch bei Kernberg.Google Scholar
  50. 50.
    Von einem Übergewicht zu reden, bedeutet, daß sich die Frauen zwar ehemals männliche Möglichkeiten erkämpft haben, dies aber nicht in gleicher Weise für die Eroberung weiblicher Bereiche durch Männer gilt. Die Werthaftigkeit der Klassifikation von “männlich” und “weiblich”, die das eine über das andere stellt, bleib dabei bestehen. Dies bedeutet aber auch, daß das Verhaltensrepertoire (inklusive der damit verbundenen Zerissenheit) der Frauen wesentlich stärker anwächst als das der Männer. In der Frage der Veränderung des Geschlechterverhältnisses ergibt sich durch die Gegensätzlichkeit der Argumentation ein Anflug von Aussichtslosigkeit. Die von manchen Autoren ausgemachte Angleichung der Geschlechtsrollen läßt sich als die Angst vor dem Fremden interpretieren, die durch Einebnung der Unterschiede bekämpft wird. Insofern wäre diese Angleichung ein idealistischer Ausdruck für die Entstehung des geschlechtlich “eindimensionalen” Menschen. Die Betonung der Unterschiede geht jedoch in den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen fast unvermeidlich mit der Konservierung patriachialischen Machtverhältnissen einher, da diese Unterschiede sogleich ein Teil des Systems von “oben” und “unten” werden.Google Scholar
  51. 51.
    “Seiner Definition nach dient der Narzißmus nur sich selbst. Sein Dasein ist nicht zweckgebunden, da er zu nichts nütze ist” (Grunberger, 1964, S. 119). So formuliert in einer Anmerkung, die sich auf die Funktion der Klitoris bezieht, die “in erster Linie typisch narzißtisch ist, weil sie ausschließlich der Lust dient” (ebd. S. 119). Daran schließt sich eine Diskussion um den vaginalen und klitoralen Orgasmus an, ein gutes Beispiel für eine wahrhaftig “symbolische Auseinandersetzung”. Weitere Geschlechtsklassifikationen finden sich in reicher Auswahl, zJB.: “Die Frau befindet sich wegen ihres ursprünglichen Narzißmus, wegen der besonderen narzißtischen Besetzung ihres Körpers, ihrer Beschäftigungen, ihrer Umgebung und ihres ‘Innern’ annähernd immer in einem solchen Zustand narzißtischer Sexualerregung, auch wenn diese Erregung nicht unbedingt die eigentlichen erotischen Formen abdeckt. Normalerweise müßte diese Erregung zur Einleitung der sexuellen Annäherung und des Geschlechtverkehrs dienen. Das ist zwar oft, aber keinenswegs immer der Fall. Das heißt, es muß der Sexualpartner eingreifen und das realisieren, wozu die vorbereitende narzißtische Erregung der Frau nicht in der Lage ist” (ebd. S. 116).Google Scholar
  52. 52.
    Natürlich läßt sich das Moment der Ideologie auch in den therapeutischen Ansätzen aufspüren, wie es gerade in Bezug auf einen der exponiertesten Vertretern, Heinz Kohut, immer wieder geschieht. Siehe hierzu z.B. Psychoanalytisches Seminar Zürich (1981). So fällt es schon bei oberflächlicher Beschäftigung mit einem der Hauptwerke Ko-huts (1973) auf, daß sich unter den etwa ein Dutzend illustrierenden Fallgeschichten nur drei Frauen finden. Als zentrales Symptom wird bei den Männern durchweg und auch bei einer der Frauen Arbeitsstörungen genannt, wobei davon auszugehen ist, daß es sich um gut bezahlte mittelständische Berufe handelt.Google Scholar
  53. 53.
    Die einzigen Stellen, an denen bei Ziehe der Faktor Geschlecht ins Spiel kommt, verdeutlichen die Willküriichkeit der Argumentation. “Weder kann sich der Sohn intensiv mit dem schwachen Vater identifizieren, noch die Tochter mit der ödipalen Mutter; beide, Sohn und Tochter, beharren auf der narzißtischen Mutterbindung. Von daher ist es zu erklären, daß die zu beobachtende An-gleichung der Geschlechtsrollen häufig als ‘Verweiblichung’ interpretiert wird; sie ist eigentlich aber eine auf archaische Entwicklungsstadien zielende Regression” (Ziehe, 1975, S. 131). “Bei beiden Geschlechtern steht also im Zentrum der Präadoleszenz die Auseinandersetzung mit der präödipalen Mutter Während sie sich jedoch für den jungen bedrohlichkastrierend darstellt und daher abgewehrt werden muß, bedeutet sie für das Mädchen die Versuchung, Schutz in der Regression zu suchen, was durch phallisch-aktive bzw. heterosexuelle Identifikation abgewehrt wird. Die aus dieser Konstellation erwachsende vorübergehende Angleichung des Mädchens an die Jungen berechtigt also zu der Feststellung, daß die ‘klassische’ Präadoleszenz zunächst eine gewisse ‘Maskulinisierung’ beinhaltet” (ebd. S. 149).Google Scholar
  54. 54.
    So im Vorwort der Herausgeber Häsing, Stubenrauch, Ziehe (1979, S. 8). Und weiter: “Die Diskussion über den ‘neuen Sozialisationstypus’ — den ‘narzißtischen Charakter’ — geht einher mit der Krise der Linken, was die Frage nahelegte: Handelt es sich bei seiner Identifikation nicht ‘um eine Projektion frustrierter Motivationen, um einen Vorgang, bei dem die Enttäuschungen der linken Bewegung über eigene Unzulänglichkeiten und über die Übermächtigkeit der Verhältnisse der heranwachsenden Generation als Charaktermängel zugeschrieben werden?’ (Paul Walter)” (ebd. S. 53).Google Scholar
  55. 55.
    In einer gelungenen Parodie äußerte sich die amerikanische Schauspielerin Shelley Winters kurz vor ihrem fünfzigsten Geburtstag zu dem sich immer weiter verbreitenden Umgang mit Nacktheit. “I think it is disgusting, shameful and damaging to all things American. But if I were twentytwo with a great body, it would be artistic, tasteful, patriotic and a progressive religious experience” (Time v. 11.7.1969, S. 63).Google Scholar
  56. 56.
    Wie diese Klage bei Lasch zustande kommt und welche soziale Position sie repräsentiert, wird zwischen den Zeilen sichtbar. “Die moderne kapitalistische Gesellschaft läßt nicht nur narzißtische Persönlichkeiten prominent werden, sondern kitzelt auch bei jedermann narzißtische Züge heraus und gibt ihnen Nahrung. Sie tut es auf vielerlei Art: indem sie Narzißmus auffällig und in attraktiver Gestalt zur Schau stellt; indem sie die elterliche Autorität aushöhlt und damit den Kindern das Erwachsenwerden erschwert; vor allem aber, indem sie so viele und verschiedenartige Formen bürokratischer Abhängigkeiten hervorbringt. Diese Abhängigkeit, die sich zunehmend weiter ausbreitet in einer Gesellschaft, die nicht nur paternalistisch, sondern auch maternalistisch ist, macht es den Menschen immer schwerer, die Schrecknisse der Kindheit hinter sich zu lassen und die Annehmlichkeiten des Erwachsenenalters zu genießen” (Lasch, 1980, S. 288f). Zum einen verwandelt sich hier die eigene Biographie projektiv (Schrecknisse der Kindheit, maternalistische Gesellschaft) in Kulturkritik, zum anderen gibt es offensichtlich auch für Lasch eine legitime Form des Genusses (die Annehmlichkeiten des Erwachsenenalters), die allerdings nicht im Kontrast zum “narzißtischen” Genuß beschrieben wird. Es handelt sich wohl um den “stillen” und “maßvollen” Genuß des amerikanischen Bildungsbürgertums.Google Scholar
  57. 57.
    Ziehe verwahrt sich allerdings gegen diese Gleichsetzung und eine vermeintliche soziologische Verkürzung psychoanalytischer Konzepte. Vgl. Ziehe (in Häsing u.a., 1979, S. 130). Zum Gegenargument im gleichen Band vgl. S. 70.Google Scholar
  58. 58.
    Um diese Nützlichkeit” des Narzißmus für sich arbeiten zu lassen, bedurfte es auf Seiten der Frauen immer eines gewissen Arbeitsaufwandes. Entsprechend gehört es zum allgemeinen Alltagswissen, daß Frauen eher den Versuchungen der Konsumwelt erliegen, um dort die für den Narzißmus nötigen Assessoires zu erwerben. Dahingehend äußert sich auch mit ironischem Unterton die Amerikanische Feministin Susan Brownmiller (1984, S. 99). “Shopping is indeed the Woman’s opiate, yet the economy would suffer a new crisis if the American woman dropped her feminine interest in clothes and ceased to be a conspicuous consumer”. Vgl. zum “demonstrativen Konsum” als “Aufgabe” der Frau, Veblen (1899).Google Scholar
  59. 59.
    Diese “Überwindung” gibt es in den verschiedensten Versionen, z.B. im Vorwurf der Entpolitisierung “der Jugend” (Ziehe und auch Strzyz), aber auch in der therapeutischen Variante und ihrer kulturkritischen Aufbereitung. “Nützliche, schöpferische Arbeit, die das Individuum mit ‘ungelösten geistigen und ästhetischen Problemen’ konfrontiert und so den Narzißmus für Aktivitäten außerhalb des eigenen Ichs aktiviert, bietet dem Nar-zißten, laut Heinz Kohut, die größte Chance, seine unangenehme Lage zu überwinden” (Lasch, 1980, S. 35). In der therapeutisch-moralischen Version: “Weil das Leben des mdernen abendländischen Menschen nicht mehr in einem Überzeitlichen, Ewigen gründet, bedeuten Altern, Krankheit und Tod Unglück oder Katastrophe. Wo es nur noch ein vergängliches, irdisches Glück gibt, wird das Verlangen nach diesem zur Sucht. Hedonisie-rung und Profanisierung gehen stets parallel” (Wunderli, 1983, S. 32). Wie schnell die alten Werte der Selbstbeherrschung allerdings wiedererweckt werden können, zeigt die Diskussion um Aids.Google Scholar
  60. 60.
    In einem Text über Bodybuilding und Narzißmus (Küchenhoff, Body Building: der Körper als Statue, in: Fragmente, 1983) bezieht sich der Autor auf den Schriftsteller Bodo Kirchhoff, der ein Buch über Body-Building veröffentlichte (Body-Building. Erzählung. Schauspiel. Essay. 1980). “Kirchhoff trainiert heute noch selten und schreibt viel — diese ‘Verschiebung des Phantasmus’ (Kirchhoff; S. 157) ist ein Lösungsversuch, mit dem er unzufrieden scheint: ‘... der eine stopft seine Löcher, der andere macht Schlupflöcher daraus — es bleibt sich gleich. Ja, ich halte Muskeltraining sogar für geeigneter als alle noch verstohleneren Mittel, wie Plagiate von Plagiaten, um etwas wie Identität zu erleben, wenigstens in Form eines Doubles” (Küchenhoff, S. 24). Der Schrecken muß Küchenhoff in die Glieder gefahren sein, wird doch sein Schreiben als ebenso vergebliches, ja sogar ungeeigneteres Schlupfloch bezeichnet. Diese Gefahr muß gebannt werden — durch Schreiben. “Aber hat Kirchhoff recht, wenn er das Body- Building dem Schreiben im Grunde gleichsetzt, ja das Body-Building aufrichtiger findet? ... In den Bewältigungsversuchen des Schreibens bleibt der Mangel bestehen, er wird erlebt und die Sprache umkreist ihn; diesen Spielraum hat der Body-Builder nicht, er muß eine Befriedigung konkretistisch am eignenen Körper suchen” (ebd. S. 24f.). Die Gefahr ist gebannt — theoretisch, was anscheinend allemale besser ist als “konkretistisch”, konkret gehts wohl eh nicht.Google Scholar
  61. 61.
    Obwohl er als ein typischer Vertreter der “Körperideologien” anzusehen ist, hat sich hierzu der Reich-Schüler Aexander Lowen wesentlich kritischer geäußert als die diversen “Ideologie-Kritiker”.Google Scholar
  62. “The ego, as Sigmund Freud said, is first and foremost a body ego. As it develops, however, it becomes antithetical to the body — that is, is sets up values in seeming opposition to those of the body. On the body level an individual is an animal, selfcentered and oriented toward pleasure and the satisfaction of needs. On the ego level the human being is a rational and creative being, a social creature whose activities are geared to the acquisition of power and the transformation of the enviroment. Normally, the ego and the body form a close working partnership. In a healthy person the ego functions to further the pleasure principle of the body. In the emotionally disturbed person the ego dominates the body and asserts that its values are superior to those of the body. The effect is to split the unity of the organism, to change a working partnership into an open conflict. ... The ego’s identification with the body is weakened. Feelings of shame and guilt are symptoms of this loss of identification. To restore the unity of the personality, the feeling of shame about the body must be overcome” (Lowen, 1967, S. 7/265). Sieht man von der problematischen Konstruktion eines “natürlichen”, d.h. nicht gesellschaftlichen, Körpers ab, wird hier der Grundkonflikt zwischen verschiedenen Wertsystemen deutlich.Google Scholar

Anmerkungen zu Kapitel IV.6: Ausgegrenzte und abgewertete Nacktheit

  1. 1.
    In einer neueren juristischen Dissertation heißt es ganz unverblümt: “Wie ein Blick auf die Geschichte zeigt, sind Wahl und Ausgestaltung des Geschlechtslebens seit jeher kein allein privates Anliegen, denn hier werden fundamentale Interessen der Gemeinschaft und der jeweiligen Kulturform berührt. Bei sexuellen Ärgernissen stand und steht deshalb weniger das Individuum und dessen Integritätsinteressen im Vordergrund strafrechtlichen Schutzes, als vielmehr die durch die Promiskuität verletzten Grenzen sozialer Adäquanz. Folglich beinhaltet ein allgemein anstößiges Auftreten vor allem ein Verstoß gegen bestimmte Ordnungsregeln der sozialen Gemeinschaft, die unter anderem auch den sexuellen Bereich umfassen” (Benz, 1982, S. 184f.).Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. Lautmann (1984, S. 90). “Zur Realität des Exhibitionismus liegen einige Untersuchungen vor, die — wie auch sonst im Bereich des Sexualkriminologie — unter spezifischen Vorbehalten zu betrachten sind. Nicht nur stützen sich diese Forschungen meist auf geringe Fallzahlen; selbst die analysierten Fälle sind ‘ausgelesen’, d.h., sie repräsentieren nicht die Grundgesamtheit der jeweiligen Delikte. Zum einen entstammt dann die Stichprobe den — bei Polizei oder Justiz — aktenkundig gewordenen Fällen, zum anderen und weiter auslesend werden oft nur solche Beispiele untersucht, die den Psychiatern zur Begutachtung der Schuldfähigkeit überwiesen wurden. Ein solch minimaler Ausschnitt aus den sich tatsächlich ereignenden Handlungen der Exhibition, Pädophilie usw. ist mit Gewißheit von anderer Natur als die Grundgesamtheit. Die mehrfache Selektion filtert die schwerer wiegenden Fälle heraus. Zur Kenntnis der Behörden gelangen tendenziell solche Delikte, die seitens der Opfer als eher schlimm definiert werden (wie man aus Untersuchungen zum Anzeigeverhalten der Bevölkerung weiß). Ähnliche Selektionen finden im Verlauf der Karriere des Einzelfalls durch die Verfolgungsinstanzen statt (Intensität polizeilicher Nachforschungen, Einstellungsneigung bei der Staatsanwaltschaft, Er-Öffnung des Hauptverfahrens durch das Gericht). Schließlich wird ein Gutachten zur Schuldfähigkeit eher bei absonderlichem Verhalten des Täters bestellt. Die in der Sexualkriminologie gefundenen Quantitäten zeichnen somit ein negativeres Bild, als es die Gesamtheit der betreffenden Delikte tun würde”.Google Scholar
  3. 3.
    Ein anderer früher Autor, der kulturhistorisches Material verwendete, wies zwar den Vergleich zum “Atavismus” zurück, ersetzte dies aber dadurch, daß er fast alle sexuellen Abweichungen als Regressionserscheinungen im Sinne von Infantilismus bezeichnete. Gleichzeitig wird die Kindheit des Menschen mit der Kindheit der Menschheit gleichgesetzt, von der es sich zu befreien gilt. Ziel des Menschen sei es “auch in seinem Sexualleben seine Infantilismen zu überwinden und sich fortzuentwickeln zum Edel-Menschen, zum Höhen-Menschen, zum Menschen der Zukunft” (Stekel, 1922, Bd. 5, S. 598). Stekel war Analytiker und gehörte eine Weile zum Wiener Kreis um Freud.Google Scholar
  4. 4.
    Material hierzu bei Eckstein (in: Bächtold-Stäubli, 1934, Bd. 6, S. 824ff.), Fe-renczi (1919), Rickles (1950), Goja (1921).Google Scholar
  5. 5.
    Z.B. Montagu (1971), S. 139. “Frauen entblößen im allgemeinen nicht die Geschlechtsteile, sondern Brust und Gesäß. Das haben sie übrigens, den Grillen der Mode entsprechend, Millionen von Jahren ganz unbefangen getan.... Aber der kühnste Versuch, die Aufmerksamkeit auf die äußere Genitalien zu ziehen, der Minirock, ist eine Entwicklung der sechziger Jahre.... Diese Phänomene sind jedoch in keinem Sinn pathologische Zeichen einer sexuellen Störung. Sie beweisen und äußern nur das Bedürfnis nach Liebe, und da Liebe und sexueller Trieb in der westlichen Welt identisch geworden sind, wird sexuelle Anziehungskraft zum Mittel Liebe zu wecken. ... Je mehr Haut die Frau entblößt, desto liebenswerter wird sie”. Trotz der “positiven” Formulierung ein gutes Beispiel für männliche Moralvorstellungen.Google Scholar
  6. 6.
    Das “schöne Geschlecht” wurde aufgrund seiner Schönheit immer sowohl bewundert als auch beschimpft. “The preservation of youthful beauty is one of the few intense preoccupations and competitive drives that society fully expects of its women, even as it holds them in disdain for being such a narcissistic lot” (Brownmiller, 1984, S. 167).Google Scholar
  7. 7.
    §183: “Ein Mann, der eine andere Person durch eine exhibitionistische Handlung belästigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft”.Google Scholar
  8. 8.
    Material hierzu bei: Hartmann (1970), Ilfeld, Lauer (1964). So wurden z.B. in dieser Zeit in amerikanischen Klubs alleinstehende Männer nur aufgrund von Empfehlungen aufgenommen und auch dann anfangs einem sorgfältigen informellen und formellen Screening unterzogen. Diese Situation dürfte sich gelockert haben (Vgl. Kap. IV.4.8/7.2). Wie sehr sich z.B. die amerikanischen Nudisten auch vor Wissenschaftlern in Acht nehmen mußten, zeigt eine Untersuchung von Blank und Roth (1967). Sie verglichen Nudisten und Nicht-Nudisten (College-Studenten) bezüglich solcher Persönlichkeitseigenschaften wie z.B. “Femininity” (Testfrage: I like to cook), “Neuroticism” (Testfrage: I cry easily). Bei nudistischen Männern wird ein Mangel an “masculinity” festgestellt (Testfrage: I would like to be a florist). Der Artikel ist ein gutes Beispiel für (wissenschaftliche) Pathologisierungs-Strategien. “The nudists, however, manifested statistically significant differences in favor of unclothed drawings and gross sexuality compared to the engineering students and suburban males”. Andere Forscher “found clothing omitted more often in the drawings of schizophrenics than normals. The male nudists seem to have distinctly more disturbed body images and sexual concepts (although not necessarily (!) more schizophrenic)” (ebd. S. 395).Google Scholar
  9. 9.
    Muß hier nochmals extra betont werden, daß dies auch ohne die Übernahme der üblicherweise dahinter stehenden Wertung konstatiert werden kann, dies sich aber dem gängigen Gebrauch des Begriffs entgegenstellt. Die Schwierigkeit zeigt sich auch bei Frauen, die dieser weiblichen “Fähigkeit” durchaus aufgeschlossen gegenüberstehen. Bei Claudia Gehrke führt dies zum Beispiel zu der Vorstellung, daß ein Mann diese Wertung nur bei der eigenen Frau unterlasse, alle anderen aber sexualisiere, d.h. aufgrund ihres Exhibitionismus verdingliche. “Die Frau ist das Objekt der männlichen Blicke, der männlichen Schaulust — in der Nachtclubatmosphäre, in der Vorhalle des Bordells, auf den vielen Pin-up-Bildern, aber auch auf den Straßen; einzig die eigene Frau hat jenen ästhetisierten Körper. Alle anderen Körper sind sexualisiert. Die Frauen zeigen in verschiedener erotisierender und je nach Mode unterschiedlicher Umhüllung ihren begehrenswerten Körper unentwegt” (Gehrke, 1985, S. 352).Google Scholar
  10. 10.
    Dieser plausible und nicht besonders erstaunliche Zusammenhang ist auch empirisch überprüft, allerdings nur in einer amerikanischen Untersuchung (vgl. Boles, Garbin, 1974, S. 312ff.; Skipper, McCaghy, 1971, S. 275ff.).Google Scholar
  11. 11.
    So wird in der Zeit vom 26.2.82 explizit davon geredet, daß es sich um “Studentinnen, Hausfrauen, Sekretärinnen (keine Prostituierten)” handele, was implizit darauf verweist, daß es sich “eigentlich” um einen Prostituiertenjob handelt.Google Scholar
  12. 12.
    Gemeint ist Ilona Staller genannt “La Cicciolina”, Abgeordnete der radikalen Partei Italiens, die seit ihrer Wahl durch ihre Nacktauftritte einigen Wirbel verursacht (vgl. Kap. IV.7. Anm. 11).Google Scholar
  13. 13.
    Eine der berüchtigsten Nackttänzerinnen der 20er Jahre war Anita Berber, die manchen aus der Tanzszene in dem Fritz Lang Film “Dr. Mabuse der Spieler” bekannt sein dürfte. Obwohl sie in über zwei Dutzend Filmen spielte, ist sie heute fast vergessen, stand sie doch zu sehr auf der Grenze zwischen der “Halbwelt” des Frivolen und Nackten und der “ernsten” erotischen Kunst. Dies läßt sich unschwer an der Einschätzung des Filmtheoretikers Bêla Balazs ablesen, der den wesentlich größeren Erfolg ihrer Zeitgenossin Asta Nielsen darin begründet sieht, daß ihre Erotik “vergeistigt” gewesen sei. “Die Augen sind es hier, nicht das Fleisch, die diese Wirkung ausüben. Sie zeigt sich nie entkleidet, sie zeigt nicht ihre Schenkel wie Anita Berber, und doch könnte dieses tanzende Laster bei der Nielsen in die Schule gehen. Die Berber mit ihren Bauchtänzen ist ein Lamm gegenüber der angekleideten Asta Nielsen” (Der sichtbare Mensch, 1924, zitn. Fischer, 1984, S. 47f.).Google Scholar
  14. 14.
    Was eine Peep-Show ist, soll einem Schriftsatz entnommen werden, der in einer 1982 stattfindenen Verhandlung des Bundesverwaltungsgerichtes zu einem eventuellen Verbot die Sachlage schilderte. Eine Peep-Show sei eine Einrichtung, in der “auf einer runden, drehbaren Bühne mit einem Durchmesser von fünf Metern eine weibliche Person bei Musik ihren unbekleideten Körper den Zuschauern in 21 kreisförmig um die Bühne angeordneten Ein-Personen-Kabinen zeigen sollte. Die Fenster der Kabinen zur Bühne sollten jeweils durch eine Blende abgedeckt sein, die erst nach dem Einwurf einer Geldmünze für eine bestimmte Zeit verschwinden sollte, und mit einem Glas versehen sein, das die Kabinen von der Bühne aus nicht einsehbar machen sollte” (zit.n. Spiegel v. 15.3.82, S. 114).Google Scholar
  15. 15.
    Z.B. im Frankfurter Bahnhofsviertel, das der CDU-Bürgermeister Wallmann schon seit Jahren von den “Auswüchsen” des Sexbusiness befreien will, wobei es fraglich ist, ob dies der Moral oder der bekannten Frankfurter Spekulationsmafia zugute kommen soll. Im Sommer 1989 war er endlich erfolgreich. Die Peep-Shows mußten geschlossen werden. Sie werden durch Strip-Shows oder durch Solokabinen ersetzt.Google Scholar
  16. 16.
    Elisabeth B., die außerhalb der Peep-Show Interviews mit den Kunden machte, natüiiich ohne sich als Peep-Show-Giri erkennen zu geben, faßt dies in einem klassisch anmutenden Gesprächsausschnitt zusammen. “‘Was denken Sie über die Girls?’ ‘Kein Mann, der auf sich hält, würde so eine heiraten!’ (Kunde, 39, Computerfachmann)” (Elisabeth B., 1983, S. 29).Google Scholar
  17. 17.
    Eine andere Frau, die ähnlich wie Elisabeth B. diese Grenze überschritten hat, wird in dem Interviewband Hans und Gilles (1979) befragt. Es handelt sich um eine Psychoanalytikerin, die ein Buch über Prostitution veröffentlicht hat, Judith Belladonna (wohl eher der Künstlername aus ihrem “vorherigen” Leben). “‘Sie waren Stripteasetänzerin. Könnten Sie mir sagen, welche Rolle der Exhibitionismus bei Ihnen und Ihren früheren Kolleginnen spielte?’ ‘Da war einerseits der Verstoß gegen Verbote. Aber noch viel mehr als das. Solche Verstöße sind nämlich sehr schnell getan. Danach landet man bei etwas anderem. Und eine Stripperin übertritt zwar Grenzen, entdeckt danach aber sofort andere Regionen. Sicher, sie ist entfremdet, aber mit Rissen, und das fasziniert mich, diese manchmal durchblitzende Freiheit”‘ (S. 67). Für ein Bild-Essay zu diesem “Aufblitzen” siehe: Roswitha Hecke, Liebesleben, Bilder mit Irene (1978), eine Hommage an eine Prostituierte.Google Scholar
  18. 18.
    Dazu gehören auch schlechte Erfahrungen mit Männern, angefangen mit traumatischen Vaterbeziehungen bis hin zu Vergewaltigungen (vgl. Skipper, McCaghy, 1971, S. 293). In Verbindung mit den beruflichen Bedingungen (andauernder intimer Kontakt mit anderen Frauen, häufiger Ortswechsel usw.) ist hier sicherlich ein Grund dafür zu sehen, daß sich unter Stripperinnen viele lesbische Frauen finden (vgl. McCaghy, Skipper, 1974, S. 154ff.). Dies allerdings würde wiederum die Argumentation durcheinanderbringen, daß es sich bei Stripperinnen um “Lustobjekte” der Männer handelt. Der Strip würde dann eher zu einer “Rachehandlung”. Zur tristen und ausbeuterischen Berufsrealität im Sexbusiness vgl. auch: Emma, Nov. 1987.Google Scholar
  19. 19.
    Zu Erleben in einer ZDF Talkshow am 29.10.87 mit Alice Schwarzer und dem Pornostar Karin Schubert.Google Scholar
  20. 20.
    Skipper und McCaghy (1971) beschreiben eine Vielzahl von solchen Inszenierungstechniken, bei denen die Zuschauer teilweise sehr provokativ angegangen werden. eine entgegengesetzte Lösung liegt im völligen Ignorieren des Publikums, symbolisiert durch oft bei Auftritten eingesetzte Spiegel, die die Illusion erwecken, die Stripperin würde in völliger Selbstversenkung nur für sich selbst tanzen.Google Scholar
  21. 21.
    Z.B. Roland Barthes (1964, S. 68ff.), der diese Interpretation zugleich aufhebt und wiederholt. “Das Striptease — zumindest das Pariser Strip-tease — ist in einem Widerspruch befangen: die Frau in dem Augenblick zu entsexualisieren, in dem man sie entkleidet. ... Einzig die Dauer der Entkleidung macht aus dem Publikum den Voyeur.... Es gibt beim Striptease eine ganze Serie von Einkleidungen, die sich in dem Maße um den Körper der Frau legen in dem, sie vorgibt, ihn zu entkleiden” (S. 68).Google Scholar
  22. 22.
    Zur FKK vgl. Kap. IV.5.8. Zur Modellsituation vgl. Burmeier (1984, S. 139ff.). “Jede Aktzeichensitzung beginnt mit der selbstverständlichen, daher meist unausgesprochenen Forderung, das Modell möge sich ausziehen. Das Modell macht daraus keinen Striptease. Im Gegenteil. Hinter einem Paravant, unmerklich in einer nicht belebten Ecke des Raumes zieht es sich aus. Die Zeichner bemühen sich eher, diesen Vorgang nicht be-wußt zu beobachten, sie scheinen darüber hinwegzusehen. ... Ich ziehe mich nie hinter einem Paravant aus, bevor ich aktstehe. Nicht versteckt in einer Ecke, nicht hinter einem sogenannten Sichtschutz, welcher nicht nur der Schamhaf-tigkeit des Modells entgegenkommt, sondern die Spannung für den Maler erhöht. Die Einheit der Person bleibt durch die Transparenz des Entkleidungsvorgangs vielmehr enthalten. Die mögliche Brisanz dieses Prozesses wird zudem durch die darin ebenfalls enthaltenen banalen Elemente unterlaufen, wenn sie nicht wie beim Striptease bewußt in ausgefeilte Posen und Handgriffe umgewandelt werden” (S. 139f.). Ob dies die Zuschauer auch alle so sehen, dürfte immerhin fraglich sein, die Aktionen von Christel Burmeier leben jedoch von diesen andauernden Grenzüberschreitungen. Zum Auskleiden beim Arzt vgl. Henslin, Biggs (1971). Arzt, Krankenschwester bzw. Sprechstundenhilfe und Patientin strukturieren die Situation gemeinsam, so daß “all the interaction be defined as nonsexual” (ebd. S. 244). Ohne die komplexe Analyse der verschiedenen situationellen Übergangsphasen, die die beiden Autoren beschreiben, hier im einzelnen aufzulisten (z.B. Ausziehen im Nebenzimmer), sei auf die Rolle verwiesen, die die Patientinnen einnehmen müssen, damit die “Desexualisierung” erfolgreich ist, nämlich “to ‘play the role of being an object’“ (ebd. S. 264), die allerdings der “Lust-Objekt-Rolle” entgegengesetzt ist.Google Scholar
  23. 23.
    Vgl. den Kommentar des Sexualwissenschaftlers Eberhard Schorsch über das Urteil im Spiegel v. 12.7.82. “Hier wird deutlich, wohin in diesem Falle höchstrichterliche Männerphantasien zielen: Die Frau, die dem Mann Lust macht, ‘etwas bietet’, nämlich am liebsten sich selbst, und zwar total, nicht nur ihre Anatomie, sondern ihre ‘personale Subjektsituation’; die Frau, die den Mann ‘animiert’ (beseelt), ihn zu verführen sucht, ihn einwickelt und überhaupt wickelt — all dies widerspricht der Würde der Frau nicht; denn es ist viel zu ähnlich dem, wozu die Frau nun einmal geschaffen ist. Der Mann hat schließlich nicht umsonst seine Rippe geopfert. Ob die Frau es im Heim und am Herd bietet oder im Separee und auf der Bühne in ‘herkömmlicher Tanzschau’, ist zwar ein moralischer, aber kein prinzipieller, mithin ein kleiner Unterschied” (S. 61). Daß diese kleinen und “feinen Unterschiede” nicht prinzipiell seien, darin irrt Schorsch allerdings.Google Scholar
  24. 24.
    Koketterei soll hier verstanden werden als eine weibliche “Defensivstrategie”, wie sie Barbara Sichermann analysiert hat (Sind Frauen friedlicher? in: Dies., 1987), und die mindestens seit Scheherazade zum klassischen weiblichen Verhaltensrepertoire gehört. Durchaus affirmativ aber zutreffend beschrieb dies Georg Simmel so: “Die Macht der Frau dem Manne gegenüber offenbart sich an dem Ja oder Nein und eben diese Antithese, in der das Verhalten der Koketterie schwingt, begründet das Freiheitsgefühl, die Nichtgebundenheit des Ich durch das eine wie das andere, das Fürsichsein jenseits der beherrschten Gegensätze. Die Macht der Frau über Ja und Nein liegt vor der Entscheidung; hat sie entschieden, so ist, in beiden Fällen, ihre so gefärbt Macht zu Ende. Die Koketterie ist das Mittel, diese Macht in einer Dauerform zu genießen” (Simmel, Koketterie, in: Ders., 1911, S. 111).Google Scholar
  25. 25.
    Für die “normale” Peep-Show sieht das dann in einer “verherrlichenden” Version so aus: “Ich fische zappelig mein letztes Markstück. Oh ja, es geht wieder los, die glückliche Vereinigung dieser wunderbaren Exhibitionistin und dieser vielen Voyeure. Wie sind alle vereint, ein Kollektiv kurzen Glücks öffnet sich für Sekunden” (Ottmar Bergmann, Peep Show, in: Gehrke, Schmidt, 1982, S. 137). Für einen ähnlichen Bericht über eine Peep Show, der in der linken Szene Furore machte, vgl. Gailer (1980).Google Scholar
  26. 26.
    Was bedeuten kann, daß der Ekel in Verachtung umschlägt ähnlich der Verachtung der Kunden gegenüber den Frauen. Es kann aber auch Gelassenheit entstehen. “Nein, ich entwickele keine Verachtung gegen Männer, eher umgekehrt eine fast verzeihende Haltung, wenn man vieles gesehen hat und einem nichts Menschliches mehr fremd ist. Auch Wichser sind Menschen ...” (Elisabeth B., 1983, S. 117).Google Scholar
  27. 27.
    Kohoutek analysiert die Peep-Show als eine Inszenierung der “Knaben-Sexualität”, womit er nicht das Alter der Männer, sondern ein bestimmtes männliches, in der Pubertät erlerntes “Sexualitäts- Dispositiv” meint. “Grundlegend für das ungestörte Schauen auf das ‘lebende Objekt Frau’ — welches sonstwo kaum in dieser Radikalität möglich ist -, wie auch für die ungestörte Onanie ist die Einzelkabine, die Klo-Zelle, klassisches Revier des Knaben (real oder im Mythos). Die Zelle der Peep-Show steht dabei ebenso für das Klo in der elterlichen Wohnung, wie für die Sexualität der öffentlichen Toilettenanlagen ... Die Privatisierung in der Zelle entspricht der ‘sexuellen Not’ des Knaben: Gefängnis und Beichtstuhl-Atmosphäre. Die ganze Anordnung der PS inszeniert ‘Verbot’ und ‘Übertretung’ in einem; Verbot, die nackte Frau zu schauen; Onanieverbot; durch Geldeinwurf wird der Blick freigegeben für die Übertretung; die ‘Schuld’ für das unerlaubte Schauen wird mit dem Geld-Opfer abgegolten. Von der Onanie freilich will die Institution PS nichts wissen; nur die Reinigungsfrau (Dienstmädchen, Kindermädchen) wird zur diskreten Mitwisserin der Sünden des jungen Herrn; sie muß den Dreck beseitigen” (Kohoutek, 1983, S. 97).Google Scholar
  28. 28.
    Alexis von den “Liberty Boys” zu diesem Problem: “Nein wir haben nichts gegen Männer. Frauen und Männer gehen ja auch zusammen in die Lokale wo Frauen strippen, wieso sollten die Männer dann nicht zuschauen, wie wir uns ausziehen? Aber wenn sie sich wenigstens dabei richtig verhalten würden. Da kommen sie mit ihrer Frau oder Freundin rein und wenn die Frau uns sieht und ausflippt, dann sagt der Mann ‘was findest du denn an denen?’ Es ist besser, wenn nur Frauen da sind, die können dann besser aus sich heraus gehen” (zit.n. Blitz, Nov. 1984, S. 18). Wenn Frauen schauen bedeutet das anscheinend “mehr” als bei Männern, eine Verunsicherung, die aus der ungewohnten Regelübertretung entsteht.Google Scholar

Anmerkungen zu Kapitel IV.7: Freisetzung und Vereinnahmung — 1964–1988

  1. 1.
    Für die, denen die Sprache Dylans Schwierigkeiten bereitet, sei hier die deutsche Übersetzung von Carl Weissner und Walter Hartmann wiedergegeben. “Verzagte Worte, die wie Geschosse explodieren Während menschliche Götter ihre Ziele anvisieren Angefangen von Spielzeugpistolen, die funkeln Bis zu fleischfarbenen Christussen, die glühen im Dunkeln Die Einsicht ist klar und läßt sich nicht verdunkeln Daß es nicht viel gibt was noch heilig ist. Priester predigen von bösen Taten Lehrer vermitteln Wissen in Raten Und daß Galadiners auf den Tüchtigen warten Und daß Wissen beflügelt zu guten Taten Doch selbst der Präsident der Vereinigten Staaten Steht eines Tages mal nackt da” (Bob Dylan, Songtexte 1962–1985, 1987, S. 485).Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. die Jim Morrison Biographie von Jerry Hopkins und Danny Sugarmann “No one here gets out alive” (1980). Morrison sang nicht nur seine eigene Version der Ödipus-Ge-schichte (The End, 1967), sondern prägte mit einer Zeile dieses Liedes das Lebensgefühl einer ganzen Generation. “We want the world and we want it… now!!!” Die heutige Version dieses Spruches lautet: Wir wollen alles, aber pronto! Nicht nur diese Forderung, sondern auch die Tatsache, daß Morrison ein Opfer dieses Lebensgefühls wurde (er starb unter nie ganz geklärten Umständen 1971 in Paris) bieten es geradezu an, ihn als den Narzißten der 60er Jahre anzusehen. Eine musikalische Version des Narzißten als “the story of the deaf, dumb and blind boy” lieferte 1969 die britische Band “Who” mit der Rockoper “Tommy” (Heal me, touch me). Zu “Tommy” und zur “narzißtischen” Entmischung und Grenzüberschreitung als Thema des Tanzes in der Rockmusik vgl. Thiessen (1981, S. 142ff.).Google Scholar
  3. 3.
    Heute werden viele der alten Platten erneut aufgelegt. Die Hendrix-LP ist nun nur noch in der alten, unzensierten Version zu haben, paßt diese doch inzwischen bestens zum Zeitgeist.Google Scholar
  4. 4.
    Auch in Frankreich rief Hair bei seiner Erstaufführung ähnliche Konflikte hervor, die, wie schon anfangs bemerkt, von Pierre Bourdieu in seiner Einleitung zu den “Feinen Unterschieden” geradezu genüßlich als Beispiel für den Unterschied zwischen “Sinnen-Geschmack” und “Reflexions-Geschmack” aufgeführt werden (vgl. Kap. I. Anm. 1). Im Unterschied zu Deutschland besitzt Frankreich jedoch eine ausgeprägtere Tradition erotischer Unterhaltung. In Deutschland ist die Differenzierung daher eine Stufe tiefer anzusetzen, da Erotik insgesamt als eine Sache des “Sinnen-Geschmacks” eingeschätzt wird, aber auch hier wieder zwischen einem “künstlerischen” und einem “revuemäßigen” unterschieden wird.Google Scholar
  5. 5.
    Auch Kolle pirscht sich vorsichtig ans Thema heran. Zuerst geht es um “Dein Kind, das unbekannte Wesen” (1964), dann folgt 1967 “Dein Mann,…” und “Deine Frau,…”, und erst 1968 geht es schließlich um “Das Wunder der Liebe”.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. Grob (1985). Eine Besprechung des Buches von Reiche, “Sexualität und Klassenkampf — Zur Abwehr repressiver Entsublimierung”, findet sich im Spiegel vom 18.9.68. Daß es auch Reiche um — allerdings verdeckte — Normierungen geht, sieht auch Rudolf Augstein. “Reiche spricht es nicht aus, aber er scheint den Instanzen der Sex-Manipulation nicht weniger übelzunehmen, daß sie die falschen Bedürfnisse wecken, als daß sie den richtigen Weg revolutionärer Sexualisierung nicht aufweisen, den er zu kennen scheint” (S. 69).Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. Duerr (1988, S. 418), der ein Dokument aus der Studentenbewegungszeit zitiert. Es geht darin darum, wie in der Berliner Kommune 2 die dreijährige Grischa sehr handfeste Untersuchungen am Penis eines erwachsenen Mitbewohners vornimmt.Google Scholar
  8. 8.
    Eine Interpretation dieses Ereignisses findet sich bei Sloterdijk (1983, Bd. 1, S. 27f./219f.). Die erste Erwähnung findet es am Ende der Einführung und dient, ähnlich wie bei Bourdieu, der Erläuterung der zentralen Fragestellung, ein Zeichen für die Symbolvielfalt der Nacktheit. “Nicht nackte Gewalt war es, was den Philosophen stumm machte, sondern die Gewalt des Nackten. Recht und Unrecht, Wahres und Unwahres waren in dieser Szene unentwirrbar vermischt, in einer Weise, die für Zynismen schlechthin typisch ist. Zynismus wagt sich mit nackten Wahrheiten hervor, die in der Art, wie sie hervorgebracht werden, etwas Unwahres behalten” (S. 27f.). Das “Unwahre” besteht nach Sloterdijk darin, daß hier jemand zum Objekt der Kritik wird, “ohne den kaum einer der Anwesenden erfahren hätte, was Kritik bedeutet”.Google Scholar
  9. 9.
    Eine derartige feministische Busenentblößung ist heute kaum mehr vorstellbar, ist die Nacktheit in der Konsumwerbung doch zu übermächtig, als daß frau sie mit ihren eigenen Waffen schlagen könnte. Im politischen Raum ist die Nacktheit als Protest allenfalls noch auf der Straße möglich, dazu später mehr. In der Politik ist sie wohl nur noch von einer Außenseiterfigur wie der Italienerin Ilona Staller einsetztbar, die heute durch die Entblößung ihres Busens die parlamentarischen “Puppen zum Tanzen bringt”, so jüngst in Portugals “Hohem Haus”, was von einem konservativen Abgeordneten als “eine Beleidigung der Würde der Nationalversammlung” bezeichnet wurde (zit.n. KStA v. 21/22.11.87).Google Scholar
  10. 10.
    Nach einer allerjüngsten Schätzung der Internationalen Naturisten-Föderation (IFN) sollen es heute 12 Millionen Bundesbürger sein (KStA v. 16.3.88), während die Zahl der FKKler weltweit von 220.000 (1982) auf 240.000 gestiegen sei. Mit diesen Zahlen sind wohl nicht Einzelpersonen, sondern Familieneinheiten gemeint (vgl. Kap. IV.4.8 Anm. 27).Google Scholar
  11. 11.
    In diesem Zusammenhang ist es aufschlußreich, daß 1988 eine “unabhängige” Sachverständigenkommission, die sich mit dem Gemeinnützigkeits- und Spendenrecht beschäftigt, den Sport zukünftig nicht mehr dem gemeinnützigen Bereich zuordnen wollte, da Sport- und Freizeitvereine nicht mehr die notwendigen Bedingungen für “Ideal-körperschaften” erfüllten, die laut Gutachten Organisationen seien, “die unmittelbar gemeinnützige oder andere ideelle Zwecke im Rahmen der Rechtsordnung und der guten Sitten verfolgen” (zit.n. KStA v. 25.3.88). Zwar ist dieser Versuch an den heftigen Protesten der Sportlobby gescheitert, doch fällt auf, daß er in einer Zeit unternommen wird, in der Sport nicht mehr so sehr unter “ideellen” oder Leistungs-, Disziplin- und Askesegesichtspunkten betrieben wird, sondern zunehmend “Spaß” und “Freude” am Körper sowie gesteigerte “Erlebnisfähigkeit” thematisiert werden (mal abgesehen davon, daß auch diese Entwicklung einen bestimmten “Trend” darstellt).Google Scholar
  12. 12.
    Vgl. Sauna und Freizeit (1986, Nr 6, S. 5). Folgt man dem Artikel über “50 Jahre Sauna in Deutschland” in der Publikumszeitschrift des Deutschen Sauna-Bundes e.V., so beginnt die Popularisierung der Sauna mit den olympischen Spielen von 1936, bei denen das erste Mal im breiten Rahmen dieses Wort in der Presse auftauchte, da die finnischen Wettkämpfer sich im olympischen Dorf eine Sauna bauen ließen.Google Scholar
  13. 13.
    Vgl. KStA v. 23.10.85. Neben den angeführten Gründen wird in Köln ein entsprechender Antrag im Sportausschuß des Stadtrates auch deswegen abgelehnt, weil ein früher schon einmal eingerichteter FKK-Termin keine Publikumsresonanz gefunden habe. Dies ist wohl weniger auf fehlendes Interesse zurückzuführen als darauf, daß aufgrund ihres antiseptischen Klimas städtische Bäder den inzwischen vorhandenen Familiensaunen, die in der Regel auch Schwimmbecken haben, keine Konkurrenz machen können.Google Scholar
  14. 14.
    Diese Argumentation, die nicht eigentlich zu “belegen” ist, findet sich auch bei Heider (1986, S. 93).Google Scholar
  15. 15.
    Vgl. Blackman, Crow (1974). Das Blitzen wird gar zum ureigenen amerikanischen Wert erhoben. “The irony of Streaking is that it is made of just the stuff that gives our society its resiliency. The very thing that the establishment criticizes about Streaking has been the strength of America from the beginning — foolhardy independence. It is in the finest tradition of revolutionary clowning. It is a true gesture of defiance in the classic sense. Stripping one’s clothes off is stripping the official badge of humanity from higher office” (S. 22).Google Scholar
  16. 16.
    Vgl. Newsweek v. 18.3.74, S. 42f.; Time v. 18.3.74, S. 50f.; Spiegel v. 18.3.74, S. 150f.; Neue Illustrierte Revue v. 18.3.74, S. 12f.; Stern v. 21.3.74, S. 62f.. Die gleichzeitige Veröffentlichung von Artikeln über das “Blitzen” in so unterschiedlichen Zeitschriften macht deutlich, wie sehr die Presse daran beteiligt ist, daß ein Phänomen wie das “Blitzen” in Deutschland überhaupt zu einem solchen wird. Abgesehen von einigen Kurzmeldungen bleibt es in den folgenden Jahren in der Bundesrepublik bei diesen Märzartikeln.Google Scholar
  17. 17.
    Z.B. 1975 in der Oberpfalz, als sich die Dorfbewohner der Gemeinden Hochdorf und Duggendorf bis an den Landtag wendeten, um die Einrichtung eines FKK-Geländes zu verhindern, denn “die bloße Existenz dieses Vereins könnte eine sexuelle Herausforderung für Kinder und Heranwachsende werden”, so der katholische Ortspfarrer (zit.n. Stuttgarter Zeitung v. 4.12.75).Google Scholar
  18. 18.
    Die Stadtverwaltungen versuchen wiederholt, FKK-Vereine für die Aufsicht und Verwaltung von “wilden” Nacktbadestränden zu gewinnen, so z.B. auch an den Münchener Isar-wiesen bei Wolfratshausen (vgl. Münchener Merkur v. 1.10.76), was diese nun aber häufiger ablehnen, da deutlich wird, daß solche Gelände nicht zu kontrollieren sind, und sich die Stadtverwaltungen vorrangig eines Problems zu entledigen versuchten.Google Scholar
  19. 1978.
    brechen ähnliche Konflikte am Bodensee aus und die Schlußbemerkung in einem darüber berichtenden dpa-brief macht deutlich, worum es in den nächsten Jahren gehen wird. “Am Bodensee wird sich vermutlich sehr bald die Frage stellen, ob es nicht besser ist, das Nacktbaden in gewissen Grenzen und an einigen Strandstellen offiziell freizugeben als zuzuschauen, wie überall ‘wilde’ FKK-Plätze entstehen und ständig unnötigen Ärger machen” (dpa v. 22.8.78).Google Scholar
  20. 1983.
    berichtet nochmals der Stern über einen Streit um “wilde Nackte”, auch dieser in Bayern. 50,- DM kostet die Betroffenen der “Spaß” (Spiegel v. 21.7.83, S. 131). 19 1983 bläst die griechische Kirche zum erneuten Angriff gegen die Nackten, doch die Regierung schreitet ein, wohl vor allem aus Angst vor Devisenverlusten aufgrund zurückgehender Touristenzahlen (vgl. Spiegel v. 1.10.84). Zur gleichen Zeit wird die Frage der Nacktheit auch in Italien gerichtsnotorisch. Oben-Ohne wird erlaubt, Nacktheit bleibt weiterhin verboten. Allerdings widerspricht oft ein Gerichtsurteil dem nächsten, und dies wird zudem von dem traditionellen italienischen Spott über die Behördenmentalität begleitet. So werden die Richter in Zeitungskommentaren aufgefordert, der Öffentlichkeit doch nun endlich “den in moralischen Fragen durchschnittlich empfindenden Italiener” zu präsentieren (zit.n. KStA v. 7.5.83), von dem in den Gerichtsurteilen immer so viel die Rede sei.Google Scholar
  21. 20.
    Eines dieser unerlaubt aufgenommenen und auf der Titelseite von Bild veröffentlichten Photos kommt dieser Zeitung teuer zu stehen. “Nach einem Urteil des Oberlandesgerichts München muß der Axel Springer Verlag einem Ingenieur 16855 Mark und jeden Monat 793 Mark (bis 31. März 1988), 1114 Mark (bis März 1989) und 1452 Mark vom April 1989 an zahlen. Damit soll ausgeglichen werden, was dem Mann an Gehalt entging, da er nach der Veröffentlichung des Fotos nicht befördert wurde. Unter dem Titel ‘Nackter im Englischen Garten’ war der Mann mit einer nur schwer zu erkennenden Badehose bekleidet zwischen nackten Frauen abgelichtet worden. Der Springer Verlag kündigte Revision an” (KStA v. 8.12.87). Dies zeigt, daß Nacktheit mit bestimmten beruflichen Positionen nicht vereinbar ist, zumindest nicht, wenn sie so assoziationsträchtig (Voyeur, Exhibitionist) in einer Zeitschrift wie Bild veröffentlicht wird. Dies gilt auch für Frauen, nicht zuletzt sogar bei Berufen, in denen die äußere Erscheinung wichtig ist, z.B. bei Fernsehansagerinnen oder Sekretärinnen. So hat es in den letzten Jahren immer wieder Schwierigkeiten für berufstätige Frauen gegeben, wenn sie “Nacktphotos” von sich veröffentlichen ließen. Sogar Anwärterinnen auf Miß-Titel haben die strikte Auflage, bei Androhung der Titelaberkennung keine Nacktaufnahmen machen zu lassen, wohl um den Ruf des “Gewerbes” nicht zu “schädigen”. Der Nachweis solcher Photos ist daher auch ein Mittel, um Konkurrentinnen aus dem Weg zu schaffen.Google Scholar
  22. 21.
    Der Kürze halber sei hier nur Alice Schwarzer zitiert, da sie gleich Beispiele für beide Seiten liefert. Zu der Reaktion der Medien schreibt sie:” Auf dem Papier landete Übliches. Den Frauen-Argumenten hatten die Medien-Herren nichts, aber auch gar nichts entgegenzusetzen, also versuchten sie es wie gewohnt mit der Diffamation und Einschüchterung der Protestierenden — um so vom Protest selbst abzulenken. Stil: ‘freudlose Grauröcke’, ‘jämmerliches Selbstbewußtsein’, ‘Zwangsfixierung aufs Objektsein’ (Mannen); ‘mangelndes Selbstwertgefühl’, ‘ärgerliches Selbstmitleid’, ‘Meinungs- und Geschmacksdiktatur’ (Augstein). Nun wollen wir uns ersparen auszuloten, auf welche persönliche Verfassung und Lebensweise der Autoren diese Töne schließen lassen… (die… stehen im Original, O.K.). Wir wollen uns nicht ablenken lassen, sondern zur Sache kommen” (Emma, Aug. 78, nachgedruckt im Okt. 87).Google Scholar
  23. 22.
    Würde man(n) dieser Argumentation folgen, dann stellen sich die von einer Vielzahl von Kritikern als “kalt” und “unnahbar” beschriebenen Frauenakte von Helmut Newton geradezu als “feministische” Nackte dar. Das gleiche gälte für die übermächtigen Frauen in Russ Meyer’s Filmen, die die Männer konstant nur als “Sexualobjekte” mißbrauchen. Der Haken an der Sache ist nur, daß diese Frauen von Männern so dargestellt werden, was sie von vorneherein als männliche Projektion verdächtigt macht und sie daher quasi definitionsgemäß über den “Objektcharakter” gar nicht herauskommen können.Google Scholar
  24. 23.
    Dies erscheint auch als unausweichlich, denn: “Im Grunde reicht ja bereits die Tatsache, daß wir überhaupt weibliche Körper haben!” (Emma, Nov. 1984, S. 31). Die letzte irrwitzige Folgerung vermeidet sie allerdings. Formuliert wird sie in einem Streit um die Veröffentlichung eines “frauenfeindlichen” Photos des Kölner Künstlers Jürgen Klauke in der Kölner Stadt-Revue (Nr. 1, 1988, S. 80), allerdings von einem Mann. “Ich frage mich, inwieweit darf sich überhaupt ein Mann bildnerisch in Beziehung auch nur zum kleinsten Stück nackter weiblicher Haut setzen, ohne der Frauenfeindlichkeit bezichtigt zu werden? Oder, noch reduzierter: Inwieweit darf überhaupt ein Stück besagter Haut erscheinen? Darf es sie eigentlich geben? Ist am Ende etwa der ganze weibliche Körper frauenfeindlich? Wie?” (Leserbrief in SR Nr. 3, 1988, S. 6).Google Scholar
  25. 24.
    Die einzigen kalifornischen Verhaltensforscher, die mir bekannt sind, berichten allerdings von einem sehr “bewegten” Strandleben (vgl. Douglas u.a., 1977).Google Scholar
  26. 25.
    Ich erinnere hier nochmals daran, daß schon Freud in seinen Klassifizierungen zum Narzißmus den Proletarier nicht erwähnt, dafür eine ganze Reihe anderer sozialer Positionen (Frauen und Kinder, vgl. Kap. IV.5.4.). In den Klassifizierungen zum Schamgefühl von Ellis spielt der Proletarier allerdings eine wichtige Rolle (vgl. Kap. IV.1.4.). Hier ist es schon angelegt, daß der Narzißmus erst in der “Massengesellschaft” zum allgemeingesellschaftlichen Problem erhoben wird. Diesen “Wertverlust” der Nacktheit durch ihre “Vermassung” sprechen auch implizit die beiden französischen “Chaoten” Pascal Bruckner und Alain Finkielkraut an (1979, S. 61). “Nicht die Körper sind heute obszön, sondern das Umsonst der Zurschaustellung. Nicht mehr die Entblößung selbst wird beklagt, sondern die Tatsache, daß sie nicht im Dienst irgendeiner Bedeutung steht. Um als Schwein (man könnte hier ergänzen: narziß-tisches Schwein, O.K.) beschimpft zu werden, muß man doppelt entblößt sein: von den Kleidern und von der Transzendenz”. Diese “Transzendenz” zu bestimmen, fällt sicherlich in die Zuständigkeit des “legitimen” Geschmacks. Wollen sich zu viele ihrer bedienen, dann geht sie verloren.Google Scholar
  27. 26.
    Vgl. in Kap. IV.2.4. die Begründung von Josef Michael Seitz für die völkische Ausrichtung der FKK der Weimarer Republik, die den “unedlen Motiven der Selbstsucht” entgegengestellt wird.Google Scholar
  28. 27.
    Vgl. Duerr (1988, bes. § 9/10), der die informellen Regelungen im Umgang mit Nacktheit bei FKKlern und bei den Angehörigen von “primitiven” Kulturen untersucht.Google Scholar
  29. 28.
    Natürlich fehlte hierbei auch nicht die linke Presse, die sich über die Entrüstung entrüstete, sich aber im Einsatz der Nacktheit als verkaufsförderndes Mittel nur wenig von der Boulevard Presse unterschied. So berichtete “Konkret”, ausgehend von den Hamburger Ereignissen, über Zensurmaßnahmen an bundesrepublikanischen Schulen und die Widersprüchlichkeit der dabei angelegten Maßstäbe. Das Titelblatt dieser Konkret Ausgabe war dem “Hertz-Welle” Titel nachgestellt, zeigte aber im Gegensatz zu diesem nur einen einzelnen in den Bildhintergrund gerückten nackten Jungen, dafür im Vordergrund zwei prallbrüstige Mädchen. Zur Dokumentation der Vorfälle vgl. Sexualpädagogik und Familienplanung (1982).Google Scholar
  30. 29.
    November 1983 wurden die sexualpädagogischen Materialien “Betrifft: Sexualität”, die bislang von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung vertrieben wurden, vom Familienministerium, damals noch unter Heiner Geißler, eingezogen und vernichtet, da in ihnen der “Wert der grundgesetzlich geschützten Institution Ehe und Familie in Frage gestellt” würde (zit.n. Konkret, Sonderheft Sexualität, 1984, S. 85). Die bemängelten Aussagen in den Materialien kamen denen in der Schülerzeitung im Stil relativ nahe, z.B.: “‘Sex nur bei Liebe’ kann deshalb keine moralische Forderung sein. Ob es richtig ist, zu bumsen oder nicht zu bumsen, könnt also im Grunde nur ihr miteinander entscheiden” (ebd.).Google Scholar
  31. 30.
    Was nicht bedeutet, daß sich die Opfer dieser Verspottungsgesten nicht mehr getroffen fühlen. Der nackte Arsch spricht dafür eine zu deutliche Sprache und verweist darüber hinaus auf eine erstaunliche Gemeinsamkeit zwischen “Primitiven” und “Zivilisierten”. So begrüßte ein Maori die britische Königin Elisabeth II. bei ihrem offiziellen Neuseelandbesuch mit seinem entblößten Hinterteil. Obwohl es in der Zeitungsschlagzeile hieß, “Queen übersah Beleidigung mit starrem Blick” (KStA v. 26.2.86), wurde der Maori wegen dieser auf eine lange Tradition zurückblickenden Beleidigungsgeste verhaftet. In deutschen Landen ist sie u.a. als “schwäbischer Gruß” bekannt, der bei Protesten gegen Kernkraftwerke und US-Stützpunkte, wie auch 1985 beim Besuch des US-Präsidenten Reagan unmißverständlich Verachtung und Ablehnung ausdrückte. Vgl. Jung-wirth (1986, S. 154f.).Google Scholar
  32. 31.
    Vgl. zum Begriff “Pornographie” Borneman in III.3., Anm 2. Ganz ähnlich auch jüngst Selg (1986, S. 21ff./bes. S. 29), der drei Dimensionen ausmacht, von der nur eine erfüllt werden muß, um ein Produkt als pornographisch auszuweisen. Es ist das Ausmaß an sexuellem Inhalt, der Grad an (sexistischer) Gewalt und das Ausmaß der Konventionsverletzung.Google Scholar
  33. 32.
    Dies mußte sich z.B. Nancy Friday aufgrund ihres Buches “Die sexuellen Phantasien der Frauen” (1980) vorwerfen lassen, da sie über masochistische und Vergewaltigungsphantasien der interviewten Frauen berichtete. Dies bestätige nur den Mythos, daß Frauen mit Gewalt genommen werden wollten. Zum einen ist jedoch zu bezweifeln, daß die, die so denken, eine solche Rechtfertigung benötigen. Zum anderen führt die Verleugnung solcher Phantasien zur Mystifizierung weiblicher Sexualität als “rein” und “friedlich”.Google Scholar
  34. 33.
    Vgl. Alice Schwarzer in Emma (Dez. 1987, S. 18), von deren Diffamierungskampagnen gegen Männer mann sich nicht den Blick für ihre Argumentation verstellen lassen sollte.Google Scholar
  35. 34.
    Reichliches Material dazu findet sich in den Emma Heften seit Anfang der PorNo Kampagne im Oktober 1987, z.B.: “Wir müssen handeln! Es ist spät, aber noch nicht zu spät. Wir müssen uns wehren! Mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln” (Okt. 1987).Google Scholar
  36. 35.
    Vgl. Kinsey (1964a, S. 329ff.). Kinsey macht bei den höheren Schichten eine “größere Bejahung der Nacktheit” als bei den niederen Schichten aus (S. 333), doch werden die Männer dieser sozialen Herkunft seiner Meinung nach mehr durch Bilder stimuliert als Männer niederer Schichten, was einer Theorie von der Erotisierung durch Tabuisierung widersprechen würde. Für diesen Unterschied führt er ein “klassisches” Distinktions-merkmal an. “Der höhere Grad an Erotisierung des Mannes der höheren Schichten mag auch mit seiner größeren Fähigkeit zusammenhängen, sich bestimmte Situationen in der Phantasie vorzustellen” (S. 330). Für den Proletarier muß es dann schon “grob” an stößig sein. Heute wird das gleiche Merkmal zur Unterscheidung von Männern und Frauen (aus den Mittelschichten) eingesetzt. Ein Porno-Händler teilte laut Spiegel (1.11.1971, S. 97)) seine Kundschaft so ein: “Zwischen 35 und 65 Jahre alt, 80 bis 90% Männer, ‘untere Mittelklasse’, Buchhalter, Vertreter, kleine Beamte, eher Angestellte als Arbeiter, kaum Akademiker oder Geschäftsleute”. Letztere ließen sich vorrangig über den Versandhandel versorgen.Google Scholar
  37. 36.
    Im amerikanischen “Pornographie-Report” (1971) — der für Selg (1986, S. 47ff.) den Schlußpunkt der älteren Forschung darstellt, da er den bis 1970 erreichten Forschungsstand zusammenfaßt — wird eine diesbezügliche Untersuchung aufgeführt (S. 104).Google Scholar
  38. 37.
    Für die verschiedensten Lebensbereiche eindrucksvoll dargestellt ist dies bei Pierre Bour-dieu (1982), der idealtypisch den “Notwendigkeitsgeschmack” der unteren Schichten mit seiner größeren Aufmerksamkeit gegenüber dem “Inhalt”, den kleinbürgerlichen Lebensstil der “Prätention” und den “Distinktionsgeschmack” der oberen Klassenfraktionen mit seiner größeren Aufmerksamkeit gegenüber der “Form” unterscheidet.Google Scholar
  39. 38.
    In einer Schwerpunktnummer der linken “StreitZeitSchrift” zum Thema Pornographie (Heft VII/1 1969) schreiben 26 Männer und zwei Frauen. Auf das Thema “Geschlecht” wird nicht eingegangen, stattdessen wird die “emanzipative” Kraft der Pornographie hervorgehoben, und dies auch von Seiten der Autorinnen, ein Faktum, das von heutigen feministischen Autorinnen gerne verdrängt wird, anstatt es auf dem Hintergrund der damaligen politischen Situation zu sehen. So schreibt damals Gisela Dischner unter dem Titel “Säuberungsmissionare. Pornographie und Emanzipation”: “Sexuelle und politische Freiheit bedingen einander.… Pornographie befindet sich auf dem Weg zur sexuellen, und damit vermittelt, politischen Emanzipation. Freilich ist sie noch das Pubertätsstadium auf diesem Weg; von den Tabus, die sie verletzt, ist sie selbst — noch — negativ abhängig…. Im Fortschreiten zur Emanzipation wird sich die Pornographie (in der derzeitigen Definition) selbst aufheben. Sie existiert nur, solange Tabus bestehen” (S. 103f.).Google Scholar
  40. 39.
    Klaus Horn schrieb 1969 in der StreitZeitSchrift (Heft VII/1), allerdings durchaus nicht ohne einen moralisierenden Unterton: “Die Vielzahl der Behauptungen über Kausalzusammenhänge in diesem Bereich stimmt nur hinsichtlich eines Gesichtspunktes überein: es sind bloß Behauptungen, die sich auf nichts als gesellschaftlich tradierte, emotional determinierte Überzeugungen stützen können, die zum Teil sogar schon wissenschaftlich widerlegt sind. Dieser wissenschaftlichen Widerlegung trotzen sie allerdings. Es scheint ein weitverbreitetes Interesse zu bestehen, an diesen Behauptungen festzuhalten. So beweist die Forschung über die Massenmedien seit rund fünfundzwanzig Jahren, daß Kinder wie Erwachsene schlechten Einflüssen aus diesem Bereich nur zugänglich sind, wenn die dargebotene Skrupellosigkeit oder die schmutzige Wollust (!) einer den Kindern oder Erwachsenen bereits anerzogenen korrespondiert. Es kann angenommen werden, daß die Idee des sexuellen Verderbens durch äußere Einflüsse bloß von den Eltern und den schlechten Institutionen der sekundären Sozialisation, insbesondere den Schulen, auf andere Dinge verschoben wird. Deren Schuld, also zum Beispiel die Schuld der Massenmedien, wird zu gern geglaubt, weil es die Versager selbst — Eltern und Lehrer, also die soziale Majorität — sind, die gern von der Schuld anderer sprechen” (S. 50f.).Google Scholar
  41. 40.
    Einer davon ist Günter Amendt, für den die Pornographie geradezu zu einem Mittel der staatlichen Verschwörung wird. “Man muß sich fragen, warum sich Volkswartbund und FSK (freiwillige Filmselbstkontrolle) auf einem Rückzugsgefecht befinden vor der anhaltenden Welle pornographischer Literatur, vor Sexfilmwelle und Sexshops. Ist das die immer wieder beschworene ‘sexuelle Revolution’? Mitnichten. Die fleischstrotzende Nacktheit will etwas verbergen. Sie will verbergen, daß einer der wichtigsten Grundpfeiler dieser Gesellschaftsordnung ins Wanken geraten ist. Die Ehe geht in die Binsen” (1975, S. 77f.). Pornographie wird hier als der letzte Versuch der “Gesellschaftsordnung” interpretiert, die Monotonie der Ehe zu retten. Die zu dieser Zeit wohl anspruchsvollste Veröffentlichung zur Pornographie lieferte, im verbalerotischen Slang der Frankfurter Schule, Peter Gorsen (1972).Google Scholar
  42. 41.
    Vgl. hierzu Keßler, Schwickerath (1986), sowie Selgs (1986) Zusammenfassung der damaligen Forschung. Zwar sieht Selg die Untersuchungsergebnisse der entsprechenden Forschung durch die Auswahl der Untersuchungspersonen beeinträchtigt, “insofern Frauen, die zur Mitarbeit in sexual-psychologischen Erhebungen bereit sind, an Erotika interessierter und sexuell freier als andere” seien. Doch “wenn man diese Einschränkungen außer acht läßt, scheinen die Unterschiede zwischen den Geschlechtern nur graduell zu sein, und bestimmte Arten von Erotika erregen Frauen sogar mehr als Männer. Der Markt spiegelt diese Tatsachen nur wenig. Man kann davon ausgehen, daß die bei Frauen in sexueller Hinsicht noch erkennbaren ‘typischen’ Hemmungen wohl nicht biologischer Art, sondern durch die rollenspezifische Sozialisation anerzogen sind. Vielleicht kaufen Frauen deshalb kaum Erotika, weil es ihnen peinlich ist; das könnte sich mit fortschreitendem Selbstbewußtsein ändern. Wahrscheinlich spiegelt das Desinteresse aber auch die Tatsache wider, daß erotische Waren in ersten Linie von Männern für Männer gemacht werden” (ebd. S. 71 f.).Google Scholar
  43. 42.
    Interessante Hinweise hierzu finden sich bei Beate Klöckner (1984), die den in pornographischen Bildern enthaltenen Machtfaktor ähnlich prägnant wie Andrea Dworkin herausarbeitet, allerdings ohne dabei neu-alte Weiblichkeitsmythen zu produzieren. “In der pornographischen Phantasie werden aber Menschen durch Dinge ersetzt oder sie werden selbst als Gegenstände behandelt. Das macht die Frau letztlich überflüssig oder im anderen Fall ebenso zu einem Gegenstand, der jederzeit austauschbar und verfügbar wäre. Der männlich strukturierten Sexualität eines Zuschauers… ist dieses Trugbild geläufig. Seinetwegen geht er ins Kino. Für die Frauen bedeutet diese im pornographischen Film vorgenommene Entwertung ihrer Sexualität gleichzeitig eine Bedrohung des Stellenwerts der Sexualität in der Alltagsrealität, da sie die gesellschaftliche Konstruktion, in der sie ihre Sexualität leben — in der Regel eine Liebesbeziehung -, in gleicher Weise bedroht fühlen. Denn die dort praktizierte, nicht austauschbare Sexualität unterscheidet sich scheinbar von anderen, ähnlichen Beziehungen. Aber auch die Frauen kennen den Ort, wo sie ihre Sexualität inszenieren können: die Phantasie. Sie hat die triumphierende Macht des ‘Nicht-Abgebildeten’. Und das, was nicht sichtbar ist, ist nicht kommentierbar. Keine fremden Bestrafungen, nur solche, die man sich selbst zufügt, sind denkbar” (S. 45f.).Google Scholar
  44. 43.
    Es ist die 24jährige Nicole Dörfler. Vgl. das Interview mit ihr im Stern v. 11.5.88, S. 156. Darin findet sich eine Bemerkung über die Auswirkung der Zensur, die dafür sorgt, daß die “Mädchen” dumm aussehen. Stern: Was ist verboten? Dörfler: Schamlippen dürfen nicht gezeigt werden. Primäre Geschlechtsmerkmale sollen nicht im Vordergrund stehen. Die Mädchen sollen nicht lasziv posieren. Stern: Was ist eine laszive Pose? Dörfler: Das kann man dehnen wie Gummi. Das Mädchen sollte möglichst keinen Schlafzimmerblick haben und bei härteren Stellungen möglichst neutral in die Kamera blicken. Daher kommen immer die Vorwürfe, die Mädchen würden dumm dreinschauen.Google Scholar
  45. 44.
    Vgl. Selg (1986, S. 72f.). Die Unterscheidung zwischen “romantischer” Pornographie (für Frauen) und “pornographischer” Pornographie (für Männer) verweist auf die schon erwähnte Überlegung, erstere in der Liebes- und Kitschliteratur zu sehen (vgl. Kap. 11.11, Anm. 24).Google Scholar
  46. 45.
    Die Angaben über die Marketing Strategien sowie über die weiblichen Versandkunden stammen aus einem Fernsehinterview mit Beate Uhse im Herbst 1987 (in: Signale — Sex an jeder Ecke, WDR 3, 11.1.88), zu einer Zeit also, als die PorNo-Offensive von Emma schon angelaufen war.Google Scholar
  47. 46.
    Vgl. Spiegel v. 9.11.1987, S. 262f.. Der Spiegel bringt die Zunahme von harter Pornographie sogar damit in Zusammenhang, daß der “nackte” Frauenkörper ja jetzt schon gratis “zur Sommerzeit selbst in Münchener Stadtgärten zu bewundern” sei, dies ganz im Sinne des Prinzips, daß der “Skandal” von heute der “Ladenhüter” von morgen ist.Google Scholar
  48. 47.
    Vgl. Dworkin (1987, S. 124ff.). Dies heißt letztlich nichts anderes, als im Sinne Bour-dieus (1987, S. 57ff.) die Objektivierung zu objektivieren, indem untersucht wird, inwiefern eine bestimmte Theorie die Praxis einer bestimmten, in diesem Falle der männlichen Lebenswelt wiederspiegelt, wobei Dworkin diese allerdings wiederum durch eine weibliche (Teil-) Objektivierung zu ersetzen versucht.Google Scholar
  49. 48.
    Vgl. Nitzschke (1984). Nitzschke wertet u.a. das Emma Sonderheft “Sexualität” vom Herbst 1982 aus, in dem ausgiebig über den Sadomasochismus in der Lesbenszene berichtet wird (Vgl. dazu auch in Kölner Illustrierte (März 1986) den Bericht über ein Frauenfest, auf dem sich die Lesbenszene an Pornos erfreute — auch die Emma-Redaktion war anwesend). “Ich stöbere gern in Pornoshops und bedaure es sehr, daß es so wenig für Frauen gibt. Das ist eine Marktlücke!” — so klagt eine Schreiberin im Sonderheft (zit.n. Nitzschke, S. 157). Nitzschke arbeitet die Parallelität der Argumentation von Alice Schwarzer und einigen anderen feministischen Autorinnen mit der Otto Weiningers, einem der profiliertesten Frauenhasser aus der Zeit um die Jahrhundertwende, heraus, und bezeichnet die entsprechenden Schriften “als zur Gattung der Racheliteratur gehörig” (ebd. S. 176).Google Scholar
  50. 49.
    Diese Faszination hat Andrea Dworkin wohl auch weiterhin nicht verloren, sie setzt sie inzwischen in ihrem neuesten Roman “Ice & Fire” belletristisch um. Ein Ausschnitt daraus findet sich in einem kritischen Artikel zur PorNo-Kampagne der grünen Bundestagsabgeordneten Verena Krieger in der Kölner Stadt-Revue (März 1988, S. 22f). An den Reaktionen darauf läßt sich zudem ablesen, mit welchen Bandagen die vermeintlich so friedfertigen Frauen zu kämpfen wissen.Google Scholar
  51. 50.
    So zensiert die FSK neuerdings die Spielfilm-Ausstrahlung im Fernsehen (Vgl. KStA v. 7/8.5.1988).Google Scholar
  52. 51.
    Wie sehr dies zu der Vernebelung der Wahrnehmung auch bei Ereignissen führt, die die Argumente der PorNo-Kampagne bestätigen, zeigen die Reaktionen auf die Berichterstattung über die Indizierungsentscheidung im Kölner Stadt Anzeiger (4.3.1988). Während auf dem Hintergrund der laufenden “Emma”-Kampagne in Leserbriefen erörtert wird, ob Miller nun “frauenfeindlich” oder das beanstandete Buch “Kunst” sei, bleibt ein anderer Bericht völlig unbeachtet, der auf der selben Seite zu finden ist wie der Artikel über das Miller Buch. Es handelt sich um einen Promotion-Artikel für den Horrorfilm “Hellraiser — Das Tor zur Hölle” mit Ausschnitten aus einem Interview mit dem Regisseur Clive Barker. “Im Horror-Genre stellt man die Vorstellungen der Menschen über Moral, Sexualität und Politik auf den Kopf…. Guter Horror muß immer die Grenzen des Geschmacks überschreiten; die Leute wollen, daß einer ihre Tabus in Frage stellt — das ist genau das, was ich ihnen liefere.… Es ist doch leicht, eine Szene zu drehen, in der jemand eine junge Frau in seine Gewalt nimmt, diese in eine verwundbare Situation bringt und dann zu Tode hackt. Langweilig! Das ruiniert den Ruf der Horror-Filme. Horror-Filme sollen nicht nur Angst assoziieren, sondern dir auch etwas geben: Eindrücke. Du sollst Sachen erleben, die du dir in deiner tiefsten Einbildung noch nicht vorstellen konntest”. Für den Autor des Artikels über Barkers Film ist “dieses einzigartige, stilvoll inzenierte Schauermärchen… von imaginärer Schönheit, Perversität und Grausamkeit”. Auch die Überschreitung des “guten” Geschmacks kann also “geschmackvoll” und ästhetisch anspruchsvoll angegangen werden.Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1990

Authors and Affiliations

  • Oliver König

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