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Nacktheit pp 63-120 | Cite as

Drei historische Skizzen

  • Oliver König

Zusammenfassung

Die Nacktheit ist immer weit mehr als dieses “Eigentliche” der Kleiderlo-sigkeit, ein “Zustand”, der so eindeutig wie banal erscheint. Dies kommt auch durch die Länge des 7 spaltigen Artikels in Zedlers Lexikon von 1740 zum Ausdruck, der an Ausführlichkeit alle nachfolgenden Lexika Artikel bei weitem übertrifft. Im Brockhaus von 1979 bleiben zur Nacktheit nur noch 17 Zeilen übrig, formuliert in der Trockenheit einer wissenschaftlich-sachlichen Sprache, die keinen Eindruck mehr von den damit verbundenen vehementen Konflikten bietet.

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Anmerkungen

Anmerkungen zu Kapitel III.1: Stichwort: Nackt — Nacktheit

  1. 1.
    Zur Interpretation des Sündenfall Mythos vgl. Kapitel IV.1.: Scham und Schamgefühl.Google Scholar
  2. 2.
    Der Unterschied zwischen “Sein” und “Handeln” bzw. “Haben” findet sich wieder in der Unterscheidung von Aristokrat und Bürger sowie in der von Mann (Arbeit) und Frau (Sein bzw. Aussehen).Google Scholar
  3. 3.
    Es wird eine Rechtsverordnung zitiert, “daß, wer mit blosser Wehr zu einem Nackenden in die Badstuben kommt, und ihn blutig und blau schlägt, mit dem Schwerte bestraft werden soll” (Zedier, 1740, S. 307f.) Nur indirekt wird dadurch deutlich, daß die mittelalterliche Badestube als “befriedeter” Raum ein wichtiger sozialer Treffpunkt war.Google Scholar
  4. 4.
    Reiches Material hierzu unter dem Stichwort “Nackt, Nacktheit” in Bächtold-Stäubli (1934).Google Scholar
  5. 5.
    Die Nacktheit galt im gesamten östlichen Mittelmeerraum als Zeichen der Unterwerfung und Mittel der Erniedrigung. Ganze Heere wurden nackt in die Gefangenschaft geführt, so auch das Volk Israels in die ägyptische Gefangenschaft.Google Scholar
  6. 6.
    Die Vorstellung, daß vor Gott die Menschen in ihrer Nacktheit alle gleich seien, muß besonders eindringlich gewesen sein in einer Zeit, in der die Ungleichheit der Menschen sich in einer durch eine Kleiderordnung geregelten Welt unmittelbar an ihrer Kleidung ablesen ließ. Abgeschafft wurde die Kleiderordnung erst 1766 durch Maria Theresia von Österreich.Google Scholar
  7. 7.
    Im Vorwort schreibt ein gewisser M. v. Lexer, daß die Arbeit “hinter den anforderun-gen, die man an das vor nahezu vierzig jahren begonnene werk heute zu machen pflegt, in mehr als einer hinsicht zurückgeblieben ist”. Seine Erfahrungen aus früheren lexikalischen Arbeiten sei jedoch der “knappheit und kürze des ausdrucks” zu gute gekommen und habe dem werk “mehr den Charakter eines Wörterbuchs gewahrt” (Grimm, 1889, S. 5).Google Scholar
  8. 8.
    Dies können durchaus auch die “nackten Tatsachen” des Lasters sein. “Faust hatte nun gelegenheit, den menschen in seiner schauerlichen nacktheit (in dem zustande, wo er sich den gröbsten ausschweifungen ergibt) zu beobachten” (Grimm, 1989, S. 249). Polemisch gewendet wird diese Bedeutung der Nacktheit von Peter Sloterdijk: “In einer Kultur, in der man regelmäßig belogen wird, will man nicht bloß die Wahrheit wissen, sondern die nackte Wahrheit” (Sloterdijk, 1983, S. 401).Google Scholar
  9. 9.
    Die 19. Auflage vom Brockhaus ist zur Zeit in Arbeit.Google Scholar

Anmerkungen zu Kapitel III.2: Das Baden

  1. 1.
    Clemens von Alexandria, “heidnischer” Philosoph des 2. Jahrhunderts, der später Christ wurde. Eine Textstelle von ihm macht deutlich, daß die Anprangerung vor allem der Un-schambarkeit der Frauen in der europäischen Kultur auf eine lange Tradition zurückblik-ken kann. “Frauen werden sich vor ihren Ehemännern wohl kaum vollständig entblößen, sondern irgendeinen glaubwürdigen Vorwand von Schamhaftigkeit heucheln. Aber alle anderen, die es wollen, können sie zu Hause in ihren Bädern erblicken, denn dort genieren sie sich nicht, sich vor Zuschauern zu entkleiden, gleichsam, als wollten sie ihre Person zum Kauf anbieten. Die Bäder stehen sowohl Männern wie Frauen offen. Diejenigen, die noch nicht allen Schamgefühls bar sind, schließen wohl Fremde aus, baden jedoch gemeinsam mit ihren Dienern und entledigen sich ihrer Kleider vor ihren Sklaven, lassen sich von ihnen abreiben, und gewähren so diesen Wollüstigen Freiheiten, in denen sie ihnen frei zu hantieren gestatten. Sklaven, die ihrer nackten Herrin nahen durften, entkleideten sich auch selbst mit dreister Begierde, da sie infolge des lasterhaften Brauches alle Furcht ablegen” (zit.n. Schall, 1977, S. 61). Solche Bemerkungen machen deutlich, daß es sich bei dieser Form des Schamgefühl nicht um einen innerpsychischen Mechanismus handelt, wie es heute verstanden wird, sondern das die Scham sozial “hergestellt” wird.Google Scholar
  2. 2.
    Das für ein solches Vorhaben zur Verfügung stehende Material ist beschränkt, da es kaum umfangreichere Vorstudien zum Baden bzw. zur Badebekleidung, geschweige denn zu den damit verbundenen Auseinandersetzungen gibt. Eine eigenständige Aufarbeitung der primären Quellen, die für das ausgehende Mittelalter sehr zahlreich sind, kann im Zusammenhang dieser Arbeit nicht geleistet werden. So mußte ich mich mit den zur Verfügung stehenden Sekundärquellen zufrieden geben. Im 19. und den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entstehen eine ganze Reihe historischer Studien, die aber, sofern sie das Thema überhaupt kontrovers behandeln, diese Auseinandersetzungen eher weiterführen, als daß sie sie aufdecken. Hierzu gehören Arbeiten wie: Bäumer (1903), Fuchs (1909, Bd.l), Kochendörffer (1892), Ritter (1855), Rudeck (1897), Schultz (1892). Das verwendete Material ist in allen diesen Veröffentlichungen weitgehend das gleiche. Aus diesen Studien ragt besonders eine Arbeit von Alfred Martin (1906) heraus. Martin verarbeitet nicht nur die Quellen aller seiner Vorgänger, auch die nach ihm erschienenen Arbeiten berufen sich entweder auf ihn oder auf von ihm verwendete Quellen. Die Auseinandersetzungen um die Nacktheit spielt allerdings bei ihm nur eine untergeordnete Rolle. Ich werde mich dennoch fast ausschließlich auf ihn berufen.Google Scholar
  3. 2a Während in der Diskussion um die FKK-Bewegung zwischen den Kriegen sehr häufig Bezug auf historisches Material genommen wird, zumeist um den eigenen Umgang mit Nacktheit mit Berufung auf frühere Zeiten zu rechtfertigen, ist das Thema nach dem zweiten Weltkrieg für eine wissenschaftliche Arbeit nicht seriös genug. Die Veröffentlichungen aus dieser Zeit sind ausschließlich populärwissenschaftlich, z.B. Hansen 81967), Schall (1977), Schreiber (1966), Luz (1958). Die Titel dieser Arbeiten sprechen für sich. Sorgfältiger und weniger “flapsig” ist die Arbeit von Prignitz (1986). Auch soziologisch orientierte Untersuchungen wie die von Elias (1939) oder von Us-sel (1970) berufen sich ausschließlich auf einige der genannten Arbeiten aus dem 19. Jahrhundert. Jüngst hat zwar Duerr (1988, bes. S. 38–73) die Geschichte der mittelalterlichen Badestuben nochmals beschrieben, allerdings im wesentlichen ohne neues Material zu verarbeiten.Google Scholar
  4. 2b Lohnenswert ist es, die Geschichte mancher Zitate durch die Arbeiten der verschiedenen Autoren hindurch zu verfolgen und herauszuarbeiten, wie sie zur Belegung ganz verschiedener moralischer Standpunkte und historischer Sichtweisen verwendet wurden (Vgl. Anm. 19).Google Scholar
  5. 3.
    So z.B. auf einem Mosaik einer der romanischen Kirchen Ravennas aus dem 6. Jahrhundert. Allerdings handelt es sich hier um eine Kirche der Arianer, für die Christus nicht selbst Gott, sondern von diesem erschaffen war, und also nackt dargestellt werden konnte.Google Scholar
  6. 4.
    “Besonders fromme Personen verzichten dauernd auf den Genuß desselben (des Bades). Der Bischof Reginard von Lüttich (gest. 1037) badete nie, und die heilige Elisabeth erklärte mit dem Eintauchen eines Fußes in das Wasser das Bad für beendet, als sie sich auf Zuspruch endlich entschlossen hatte, ein solches zu nehmen. Cäsarius von Heisterbach erzählt, wie ein frommer Mönch eine Weltdame, die in sündiger Liebe zu ihm entbrannt war, auf immer dadurch heilte, daß er ihr seinen von Unsauberkeit und Ungeziefer starrenden Körper zeigte” (Martin, 1906, S. 9).Google Scholar
  7. 5.
    Neben Paulus und seinen Schülern gilt der im vierten nachchristlichen Jahrhundert lebende Augustinus als Hauptvertreter einer frühen restriktiven christlichen Sexualmoral.Google Scholar
  8. 6.
    “In einem Brief von 1330 hat uns Petrarca die älteste Nachricht über das Johannisbad auf deutschem Boden hinterlassen. Am Vorabend des Johannisfestes beobachtete er selbst den alten Brauch. ‘Kaum war ich bei meiner Ankunft zu Köln in der Herberge abgestiegen, wo meine Freunde mich empfingen, als sie mich an den Rhein führten, um ein eben an diesem Tage bei Sonnenuntergang aus dem Altertume überkommenes Schauspiel in ihrer Gesellschaft anzusehen. Das ganze Ufer war mit einer langen Reihe von Weibern bedeckt. Ich stieg auf einen Hügel, um eine bessere Aussicht zu gewinnen. Unglaublich war der Zulauf. Ein Teil der Frauen war mit wohlriechenden Kräuterranken geziert, mit zurückgeschobenem Gewande fingen Weiber und Mädchen plötzlich an, ihre weißen Arme in den Fluß zu tauchen und abzuwaschen. Dabei wechselten sie in ihrer mir unverständlichen Sprache lächelnd einige Sprüche miteinander. Man antwortete mir, daß dies ein uralter Brauch unter der weiblichen Bevölkerung Kölns sei, die in der Meinung lebt, daß alles Elend des ganzen Jahres durch die an diesem Tage bei ihnen gewöhnliche Abwaschung im Fluße weggespült werde und gleichdarauf alles nach Wunsch gelinge. Es sei also ein jährliches Reinigungsfest, welches von jeher mit unverbrüchlicher Pünktlichkeit gefeiert werde”‘(Martin, 1906, S. 21).Google Scholar
  9. 7.
    In manchen Burgen gibt es kleine Galerien, von denen die Damen die Ritter im Bad beobachten können (vgl. Schall, 1977, S. 70). Üblicherweise werden die Ritter dabei von Frauen bedient. In der Parzival-Erzählung des Wolfram von Eschenbach reagiert dieser sehr schamvoll, als nach einem Kampf die Hoffrauen im Bad seine Verwundungen ver sorgen und sehen wollen, ob er auch an den unteren Körperteilen Blessuren davongetragen habe (vgl. Duerr, 1978, S. 391). Viele Darstellungen in mittelalterlichen Hausbüchern zeigen Badeszenen auf Ritterburgen. In der manessischen Handschrift ist auf einem Bild der Minnesänger Jakob von Warte in der Wanne zu sehen. Bedient wird üblicherweise von Frauen. Berühmt ist die Geschichte von König Wenzel von Böhmen, der 1393 von den Bürgern seiner Stadt Prag gefangengenommen wird und einen Aufenthalt im Bad zur Flucht nutzt. In Erinnerung an diese Flucht wird er häufig im Bad sitzend dargestellt.Google Scholar
  10. 8.
    “Speyer hatte im 14. Jahrhundert neun Badestuben, eine davon wird noch im 17. Jahrhundert erwähnt, Basel elf und Kleinbasel fünf. In Riga waren im 13. und 14. Jahrhundert die drei Bäder städtisch. Mainz hatte im 14. Jahrhundert vier Badestuben, Regensburg im 15. ebenfalls vier, Ulm im Mittelalter zehn, Würzburg zwölf; 1479 noch neun…. Nach Urkunden von 1426–1515 hatten fünf Dörfer bei Ulm jedes seine eigene Badestube, im 15. baten die Leipheimer, eine zweite errichten zu dürfen…. Die Zahl der Wiener Badestuben betrug im Mittelalter einundzwanzig, 1534 elf, Anfang des 18. Jahrhunderts sieben…. In Frankfurt a.M. kommen von 1290–1500 fünfzehn öffentliche Badestuben urkundlich vor… 1555 waren noch zwei Badestuben in Betrieb und diese nur an zwei Wochentagen, sie bestanden noch 1706. 1809 stellte auch die letzte aus alter Zeit ihre Tätigkeit ein, die rote Badestube, welche 1356 zuerst erwähnt wird, 1498 wegen Syphilis und 1597 wegen der Pest eine Zeitlang geschlossen war” (Martin, 1906, S. 210f.).Google Scholar
  11. 9.
    In einem alten Spruchgedicht heißt es: “Am Montag baden die truncken, am Aftermontag die reichen, am Mittwoch die witzigen, am Donnerstag die gryndig und lausig seind, am Freytag die ungehorsamen, am Samsstag die hochvertigen” (Bächtold-Stäubli, 1934, S. 799).Google Scholar
  12. 10.
    “Im Freibad zu Baden (Schweiz) war der Andrang am Samstag Abend am größten, wo nicht nur gebadet und geschröpft, sondern auch bis in die Nacht getrunken wurde. Mehrmals wurde in den Berner Kapitelakten über das ärgerliche Unwesen in den Bädern, namentlich am Samstag abend und Sonntag geklagt, weswegen der Rat 1650 das Baden zu dieser Zeit verbot. Betroffen wurden sechs Bäder…, weil Samstag zu Nacht und am Sonntag mehrenteils nur Knechte und Mägde von Üppigkeit wegen in diese Orte zögen. Die Klagen gehen bis zum Jahre 1673” (Martin, 1906, S. 337).Google Scholar
  13. 11.
    Einige Vorfälle um die Badefahrten beweisen, daß die Doppelmoral keine Erfindung des 19. Jahrhunderts ist. “Selbst Zürichs Bürgermeister Waldmann (1489 hingerichtet), der in seiner Stadt durch strenge Sittenmandate den Ausschweifungen wehrte, ging, als wären die Mandate nicht für ihn gemacht, häufig mit einer Schar lockerer Gesellen nach Baden, um auf die zügelloseste Art der Freude und Lust zu frönen. Ein St. Galler war Augenzeuge, daß der Bürgermeister auf einer Gesandtschaft nach Baden neben seiner Frau noch sechs Weibsbilder bei sich führte und zugleich einer Baslerin durch Geschenke vergebens nachstellte. Endlich konnte er den Badwäscher bestechen, der ihn zu ihr führte. Sie aber widerstand und klagte nachher Waldmann öffentlich an. Wir finden auch in späteren Jahrhunderten die Züricher öfter in Baden, um die heimatlichen Sitten- und Luxusgesetze zu umgehen, weswegen die Badefahrten zu wiederholten Malen verboten wurden.” (Martin, 1906, S. 249).Google Scholar
  14. 12.
    Vor allem Frauen sind Gegenstand des Spottes oder der Kritik, obwohl die Männer einen größeren Teil des Badepublikums darstellen. So zitiert Fuchs einen zeitgenössischen Beobachter: “Etliche Weiber ziehen auch gern in die Sauerbrunnen und warme Bäder, weilen ihre Männer zu alt und zu kalt sind” (Fuchs, 1909, Bd. 1, S. 460). Etwas krasser heißt es in einem anderen Badespruch: “Das Bad und die Kur war allen gesund, Denn schwanger ward Mutter und Tochter, Magd und Hund” (S. 461).Google Scholar
  15. 13.
    Bildliche Darstellungen des Badelebens sind mit die wichtigsten Quellen für die Untersuchung des Umgangs mit Nacktheit. Während die frühen Bilder in ihrer “naiven” Darstellungsweise noch eher als “dokumentarisch” einzuschätzen sind, trifft dies ab dem 16. Jhd. für Deutschland nicht mehr zu, da die künstlerische Produktion sich zunehmend mehr eigenen ästhetischen Kriterien unterwirft. Entsprechend uneinheitlich werden die Bilder von späteren Autoren beurteilt. So hält Schultz die Darstellungen für übertrieben. Sie drücken seiner Meinung nach die “Vorliebe des Mittelalters für derbe handgreifliche Scherze” (Schultz, 1892, S. 68) aus. Ähnlich äußert sich auch Martin, der meint, daß Künstler der Zeit wie z.B. Dürer oder Beham, von denen es viele Badebilder gibt, die Badestube nur zum Anlaß genommen hätten, um im Stil der Renaissance eine ästhetisier-te Nacktheit zu malen (vgl. Martin, 1906, S. 210). Fuchs hingegen hält diese Bilder trotz ihrer Tendenz zur Ästhetisierung und Idealisierung für den “absoluten Grundton” der Zeit (Fuchs, 1909, Bd. 1, S. 462).Google Scholar
  16. 13a Die Auseinandersetzung über die Nacktheit läßt sich auf dieser Ebene weiterführen, wie dies jüngst auch die Kritik von Duerr an Elias zeigt, dem er einen unkritischen Umgang mit den diversen Badebildern vorwirft, die seiner Meinung nach nicht als ethnographische Dokumente anzusehen seien (Duerr, 1988, S. 65ff.). Es ist dem zuzustimmen, insofern auch diese Bilder Teil des Streits um das Baden und die angemessene Kleidung sind.Google Scholar
  17. 14.
    Z.B. in der Wenzel Bibel und im Sachsenspiegel. Vgl. Martin (1906, S. 165f.).Google Scholar
  18. 15.
    Martin übernimmt die deutsche Übersetzung von Schultz (1892). Die Verwendung des Wortes “Genußsucht”, das erst im 18. Jahrhundert auftaucht (mündliche Mitteilung von Wolf Schönleiter), läßt vermuten, daß in der Übersetzung die moralische Botschaft verstärkt wurde, wie dies in der folgenden Anmerkung für ein anderes Zitat aufgezeigt wird.Google Scholar
  19. 16.
    An diesem Text wird deutlich, wie problematisch die Verwendung von Sekundärliteratur sein kann. Martin benutzt eine Übersetzung aus dem Jahre 1800, während Alwin Schultz 1892 den Text anscheinend selbst neu übersetzt hat. Er läßt nicht nur Poggios moralischen Schlußappell einfach aus, sondern es zeigen sich auch kleine Übersetzungsunterschiede, die die moralische Botschaft des Berichtes verändern. Wo Martin vom “unendlichen Reiz” spricht, übersetzt Schultz mit “ungemessenen Frohsinn”. “Lustig” wird zu “lächerlich”, “Schüchternheit” zu “Schamgefühl”, “Vergnügen” zur “Lust” und ähnliches mehr. Wie flexibel einsetzbar Poggio auch heute noch ist, zeigt, daß dieser Brief von Duerr 1978 noch gegen Elias angeführt wird (vgl. Duerr, 1978, S. 383), 1988 aber als ethnographisch unbrauchbares moralisches Phamplet abgetan wird (vgl. Duerr, 1988, S. 59).Google Scholar
  20. 17.
    Das Zusammenrücken von Bad und Schlafzimmer im Laufe des 18. Jahrhunderts sowie ihre architektonische Isolierung wäre eine gesonderte Untersuchung wert. Zur Entwicklung des Dampfbades als “Einzelzelle” und der Mechanisierung des privaten Bades sowie der “Demokratisierung des Komforts” (S. 734) findet sich Material bei Gie-dion (1982, S. 679ff.).Google Scholar
  21. 18.
    So schreibt Guarinonius in seinem “Wälzer” unter anderem über die “schädlichen Greuelen menschlicher Ergötzlichkeit und Krankheiten an dem Gemüt”, womit u.a. die üble Freude an unzüchtigen Gemälden gemeint ist (Kap. 20, S. 224ff), sowie über die “Greuel der öffentlichen Stadtbäder” (Kap. 26, S. 944ff.) und die “Badwildigkeit” als da sind “Unzucht” und “Geilheit”. “Es gehn durchs Bad vil mehr zugrund, als da kommen zum Gesund” (S. 952ff.). Weiter geht’s gegen die “Abscheulichkeit des nackenden Schlaffs” (S. 1302f.). Zu Guarinonius vgl. Bücking (1968)Google Scholar
  22. 19.
    Der Teil dieses Zitats, der sich direkt mit der Nacktheit der Bürger auf dem Weg zum Bad beschäftigt, wird in der gesamten Literatur zitiert als Beleg für die weitgehende Akzeptanz der Nacktheit, z.B. bei Elias (1939, Bd. 1, S. 223), Fuchs (1909, Bd. 1, S. 446), Borst (1983, S. 403), Schall (1977, S. 98), Martin (1906, S. 146), Rudeck (1897, S. 5f.). Nur Rudeck und Martin zitierten nachweislich direkt aus Guarinonius, alle anderen übernehmen das Zitat. Von keinem Autor wird genaueres über die allgemeine Stoßrichtung des Buches von Guarinonius gesagt. Bäumer (1903, S. 49) hält ihn für einen verlässlichen Beschreiber “aller Mißbräuche des Badelebens”, wohl da er mit dessen moralischer Aussage einverstanden ist. Elias relativiert die Bedeutung des Zitates durch eine vorsichtige Einführung. “Es scheint, wenigstens in den Städten, häufig gewesen zu sein, daß, man sich zu Hause auszog, bevor man ins Badhaus ging” (Elias, 1939, Bd.l, S. 223). Er übernimmt das Zitat von Rudeck, der sagt, daß dies nur für die “Angehörigen der unteren Volksklassen” gelte, während die “Personen aus höheren Klassen… völlig angekleidet ins Badhaus” gehen. Im gleichen Atemzug erwähnt er, daß Guarinonius dieses Verhalten “wohlerzogenen Bürgern und Bürgerinnen” zuschreibt (Rudeck, 1897, S. 5f.). Es wird also weder die Frage der Schichtzugehörigkeit ernst genommen, noch wird untersucht, wer hier eigentlich gegen wen polemisiert. Stattdessen wird der Text wie ein Tatsachenbericht benutzt, aus dem auf einen dementsprechenen Umgang mit Nacktheit geschlossen wird. Duerr (1988, S. 62f.) macht zwar auf den polemischen Charakter der Schrift aufmerksam und hält den Katholiken Guarinonius für etwas prüde — sein Bericht sei daher etwas übertrieben -, doch nach einem Vergleich mit anderen Zeugnissen der Zeit zu urteilen in der Grundtendenz zutreffend. Zu diesem Urteil kommt Duerr wohl vor allem, um gegen Elias argumentieren zu können, nach dessen Theorie es zu Anfang des 17. Jahrhunderts eine solche “Unbefangenheit” gar nicht mehr geben dürfte.Google Scholar
  23. 20.
    Es erscheinen in dieser Zeit auch die ersten Abhandlungen über das Schwimmen. Interessant sind die in der Form eines Gesprächs verfaßten Jugenderinnerungen von Nicolaus Wynmann über das Schwimmen. Die Schwimmer tragen nach diesem Bericht Badehemden, Jungen und Mädchen schwimmen zusammen, und von den Mädchen wird gesagt, daß “wenn sie einmal sich die Fertigkeit erworben haben, (sie) in dieser Kunst mehr Gewandtheit zeigen als die Männer” (zit.n. Martin, 1906, S. 55).Google Scholar
  24. 21.
    Vgl. Martin (1906, S. 44). Luz zitiert ein Badeverbot von 1752 des Rates der Stadt Nürnberg, das sich besonders gegen die “jungen Pursche” richtet, die sich nicht scheuen, “mannigfache Schand und Leichtfertigkeit öffentlich zu verüben” (Luz, 1958, S. 124). Die Gemeindediener werden aufgefordert, den Missetätern die Kleider wegzunehmen, damit diese sich nicht der Strafe entziehen könnten, eine eigenartige Methode, jemanden zur “Schicklichkeit” anzuhalten.Google Scholar
  25. 22.
    Es ist sicherlich eine lohnenswerte Aufgabe, die Hintergründe für diese regionalen Verschiedenheiten herauszuarbeiten. Ein interessanter Bericht hierzu findet sich bei Martin. Er zitiert einen zeitgenössischen Autor (Wetzler, 1819 u. 1825), der berichtet, “daß sich in Augsburg in vier Häusern Schwitzbäder vorfanden, welche die Woche zweimal bereitet und von den Webern, Fabrikarbeitern, Taglöhnern usw. zahlreich benutzt wurden. Viele besuchten sie das ganze Jahr hindurch, und sie waren ihnen so zum Bedürfnis geworden, daß sie sich unwohl fühlten, wenn sie dieselben einmal nicht besuchen konnten. Von vornehmen Leuten wurden diese vier Badestuben nicht gebraucht. Wetzler erst riet ‘rechtlichen Bürgern’ und sogenannten Honorationen, bei Rheumatismen die Bäder eigens heizen zu lassen, um allein baden zu können, und im geschlossenen Wagen hinzufahren. Wetzler bezeichnet diese vier Augsburger Schwitzbäder nicht als Badestuben, sondern schreibt, es sei keine Schande, daß die deutschen Badestuben eingingen. Er habe selbst solche in Bayern und Schwaben gesehen, die enge, finstere Löcher ohne Lufterneuerung waren… Das Bad kostete nur vier Kreuzer. Beide Geschlechter badeten zusammen…Er hielt die Anstalten, so mangelhaft sie wären, doch für eine große Wohltat für die Arbeiter, namentlich die Weber, welche in Augsburg auch den Winter unter der Erde arbeiteten” (Martin, 1906, S. 219). Die noch vorhandenen städtischen Schwitzbäder werden also gar nicht als Bäder aufgeführt, da sich in bürgerlichen Kreisen das Wasserbad durchgesetzt hat. In einem Buch über Baineotechnik von 1803 werden daher “sämtliche in Deutschland bestehende Bäder aufgeführt, aber keine einzige alte deutsche Badestube” (ebd.). Dies macht deutlich, wieso es so wenige Berichte über solche Schwitzstuben gibt, sie werden von bürgerlichen Kreisen ignoriert, ihre Geschichte müßte daher mühsam ausgegraben werden, wenn sie überhaupt noch rekonstruierbar ist. Diese Ausblendung hängt auch damit zusammen, daß das Schwitzen in bürgerlichen Kreisen mit körperlicher Arbeit und von daher mit den Unterschichten in Zusammenhang gebracht wird. Ins Blickfeld kommt die Schwitzstube erst unter dem Aspekt, daß sie auch für bürgerliche Kreise von gesundheitlichem Nutzen sein könnte. Darüber hinaus werden sie als sinnvoll anerkannt, da sie der Wiederherstellung der Arbeitskraft der unteren Schichten dienen. Über den Umgang mit Badebekleidung wird nicht berichtet.Google Scholar
  26. 23.
    Vgl. Ussel (1970) sowie Hentze (1979). Hier einige Kostproben, entnommen der Arbeit von Hentze.Google Scholar
  27. 23a Johann Bernhard Basedow (1723–1790), Anweisung an die Kinder: “Übertritt in keiner Handlung die Ehrbarkeit. Wende die Augen ab von entblößten Körpern, vornehmlich des anderen Geschlechts. Entblöße dich selbst nicht in Beisein anderer ohne die äußerste Not. Die Teile deines Leibes, welche du wegen der Ehrbarkeit nicht offen zeigen darfst, berühre nur in höchster Not und mittelbar” (S. 54).Google Scholar
  28. 23b Joachim Heinrich Campe (1746–1818) zitiert lobend die Vorschläge eines nicht genannte Autors zur gründlichen Körperreinigung. Die Kinder sollte man “alle vierzehn Tage oder 4 Wochen von einem alten schmutzigen und häßlichen Weibe, ohne Beisein anderer Zuschauer, von Kopf bis Fuß reinigen… lassen, wobei doch Eltern und Vorgesetzte nöthige Aufsicht haben müßten, daß auch ein solches altes Weib sich bei keinem Teil un-nöthig aufhielte” (S. 96).Google Scholar
  29. 23c Pragmatischer und dadurch “menschlicher” gibt sich Winterfeld: “Da es nicht möglich ist, eure Kinder stets vor der Nacktheit zu bewahren, daß sie solche weder an sich noch in Bildern erblicken, so gewöhnt sie daran, damit sie ihnen unschädlich werde. Laßt sie sich selbst, laßt sie ihres Gleichen, ja, laßt sie, wenn es seyn kann, Erwachsene nackend sehen… Es muß aber geschehen, ehe die unordentlichen Begierden bei ihnen erwachen” (S. 96f.).Google Scholar
  30. 24.
    Wetzlar (1819–1825) berichtet über die verschiedenen bürgerlichen Bäder zu Beginn des 19. Jahrhunderts und die häufigsten Krankheitsbilder ihrer Besucher. Aufgezählt werden z.B.: Atrophie, Hypochondrie, Melancholie, Gelbsucht, Auszehrung, Gicht, Rheumatismus, sowie die große Anzahl von “Nervenkrankheiten und krankhafter Reizbarkeit” (Bd. 2, S. 424) wie Nervenschwäche, Hysterismus, Krämpfe, Konvulsion, Magenkrankheiten, Erkrankungen der Blase und der Geschlechtsorgane. Die meisten der Krankheitsbilder würde man heute als stark psychosomatische bestimmt ansehen. Sie verweisen zudem zumeist auf einen sexuellen Hintergrund. Es ist dies ein praktischer Ausdruck für die “Neurotisierung” dieser bürgerlichen Badegäste.Google Scholar
  31. 25.
    Als frühe Protagonisten des ohne Bekleidung eingenommenen Luftbades gelten “1803 Lord Monboddo in London, der es selbst ohne Hemd neben seinem Haus täglich nahm und auf der anderen Seite desselben oder auf freiem Altane von seinen Töchter gebrauchen ließ” (Martin, 1906, S. 364), sowie Benjamin Franklin, der es sich angewöhnt hatte, morgens eine Stunde nackt am Schreibtisch zu arbeiten. Als Heilmethode wird das Sonnenbad zuerst von dem Nicht-Mediziner Arnold Rickli (1823–1904) eingeführt (vgl. Spitzer, 1983, S. 25).Google Scholar
  32. 26.
    Vgl. Altonaer Museum (1986, S. 194f.). Zu den ersten Gründungen gehören: Dobe-ran, 1794; Norderney, 1797; Travemünde, 1802; Cuxhaven, 1816; Juist, 1840; Bor-kum, 1850.Google Scholar
  33. 27.
    Das Duschbad bzw. das “lauwarme Brausebad” wird von Lassar aus wirtschaftlichen Gründen als Badeform der Zukunft angesehen, da es weniger koste und weniger Platz brauche als die bisher üblichen Wannenbäder. Er spricht sich gleichfalls gegen die schon im 19. Jahrhundert gebräuchliche Gewohnheit aus, Bäder als Repräsentationsbauten zu errichten. “Volks- und Arbeiterbäder bedürfen keinerlei Luxus. Wenn sie brauchbar, reinlich, einladend sind, so erfüllen sie ihren Zweck besser als durch übel angebrachte Großartigkeit” (Lassar, 1888, S. 15). Die Dusche bleibt in besseren Kreisen noch lange Zeit verpönt. Erst auf dem Umweg über die Vereinigten Staaten setzt sie sich nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik durch. Das wöchentliche Bad wird durch die tägliche Dusche ersetzt, die den Erfordernissen des Arbeitsalltages entgegenkommt, wobei heute wiederum der erhöhte Wasserverbrauch beim Duschen beklagt wird.Google Scholar
  34. 28.
    So z.B. der Arzt G Penike 1848: “Ganze oder theilweise Bedeckungen des Körpers im Wasser durch Schwimmhosen oder Bademäntel sich gänzlich zu vermeiden, und auch die gebräuchlichen Badekappen nur in einzelnen Fällen zu gestatten. Für die günstige Wirkung des Badens ist die unmittelbarste Berührung des Wassers mit dem Körper durchaus erforderlich, und wenn überhaupt Bestandtheile des Seewassers in die Haut eindringen können, ist dies gewiß nur bei unbedecktem Körper möglich” (zit.n. Altonaer Museum in Hamburg, 1986, S. 26). Das Zitat macht deutlich, daß es sich bei der Nacktheit beim Baden nicht so sehr um eine “wissenschaftlich” zu klärende Frage handelt, sondern eher um eine Frage des Glaubens und der damit verbundenen Moral, und die ist bezüglich des Badens im 19. Jahrhundert fest in der Hand der Mediziner.Google Scholar

Anmerkungen zu Kapitel III.3: Das Bild der Nacktheit

  1. 1.
    Laut Stowasser Schulwörterbuch in der Bedeutung von 1. schmutzig, häßlich; 2. unzüchtig, unsittlich; 3. unheilvoll. Schon bei den Griechen diente das Etikett “Obszön” zur Diffamierung ihrer etruskischen Feinde (vgl. Leibbrand, 1972, S. 246). Seit der Sexuali-sierung der Erbsündentheorie bei Augustinus im 5. Jahrhundert wurden die Geschlechtsteile als “obscenae partes” bezeichnet (ebd. S. 568). Am deutlichsten hat diese Ab- und Ausgrenzungsfunktion des Begriffs für die neuere Zeit Ludwig Marcuse herausgearbeitet (1962). Nach ihm liegt das Kennzeichen des Obszönen nicht in einem bestimmten Tatbestand, der das Phänomen der Entrüstung hervorruft, sondern in dem Tatbestand der Entrüstung, der nach einem Phänomen sucht, das ihn erfüllt. Ursache und Wirkung sind in ihrer Kausalität vertauscht. Anfangs auf alles angewandet, was gegen die “guten Sitten” verstößt, bezieht sich der Begriff heute fast ausschließlich auf den Bereich des Sexuellen und wird im alltagssprachlichen zumeist gleichbedeutend mit dem Begriff “Pornographie” benutzt.Google Scholar
  2. 2.
    Im Griechischen die “Beschreibung des Lebens, der Sitten und der Tätigkeiten von Prostituierten” (Borneman, 1968, Bd. 3., S. 1105ff.), laut Borneman durchaus nicht, laut Andrea Dworkin (1987) sehr wohl abwertend gemeint. In der Kunst wird üblicherweise argumentiert, “daß ‘Pornographie’ aufhört Pornographie zu sein, wenn sie von einem Künstler stammt” (Borneman, 1968, S. 1106). Die Widersprüchlichkeit von Pornographie ist wohl am ehesten darin zu sehen, daß sie gesellschaftliche Machtverhältnisse widerspiegelt, z.B. in der Art der Darstellung der Geschlechter, diese aber gleichzeitig auch angreift durch die Überschreitung, die sie beinhaltet. “Pornographie ist also reaktionär, insofern sie eine Flucht aus der Realität und ihrer Verantwortung darstellt. Sie enthält aber auch eine dreifache revolutionäre Potenz: die Publizierung des Tabuierten, die Veröffentlichung des Privaten, und die Unwiderruflichkeit des einmal Veröffentlichten” (Borneman, 1968, S. 1111).Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. Duerr (1978, S. 90). “Mit dem ausgehenden Mittelalter werden also Bilder gemalt, die einen Betrachter ansprechen, während die Maler in den Zeiten davor eher Bilder schufen, die, wie man gesagt hat, ‘für das Auge Gottes’ sichtbar waren. Gott sah weniger, als daß er wußte, und so sah auch der Betrachter der romanischen Eva nicht so sehr deren Brüste, als daß er wußte, was gemeint war”.Google Scholar
  4. 4.
    Dieses “Bewußtsein” der Renaissance wird zumindest in der heutigen Kunstgeschichte, natürlich in modernem Vokabular, besungen: “Der nackte Körper drückt alles, was wir ersehnen, und alles, was wir befürchten, in sich aus. Er ist der Ursprung unserer tiefsten Freuden und Verletzungen; unsere ganze Welterfahrung ist von Körpererfahrung konstituiert, von vergessenen, doch alles durchdringenden kindlichen Phantasien. Nackt zu sein, kann Erniedrigung, Angst, Scham bedeuten. Nacktheit kann aber auch eines unserer tiefsten narzißtischen Bedürfnisse befriedigen, den Trieb, gesehen zu werden, der ebenso fundamental ist wie der zu sehen. Einen anderen Menschen nackt zu sehen, kann beruhigen und beunruhigen, unsere Neugier befriedigen und Schuldgefühle wecken, Begierde oder Ekel — oft beides zusammen. Der Körper bewahrt die Erinnerung an eine verlorene Einheit und trägt den Keim des Todes in sich” (Walters, 1979, S. 11).Google Scholar
  5. 5.
    Zu den ersten Kunstakademien gehören: Rom 1577/99, Paris 1648, Wien 1692, Berlin 1696, Stuttgart 1761, Dresden 1764 (vgl. Köhler; Barche, 1985, S. 63).Google Scholar
  6. 6.
    Diese Idealisierung findet ihre Entsprechung in der Definition des Aktes in der Kunstgeschichte, die damit einerseits die Haupttradition des Aktes beschreibt, andererseits aber auch die in dieser Tradition gründende Ideologie mitübernimmt. So heißt es bei Clark: “To be naked is to be deprived of our clothes and the word implies some of the embar-ressment most of us feel in that condition. The word ‘nude’, on the other hand, carries, in educated(!) usage, no uncomfortable overtone. The vague image it projects into the mind is not of a huddled and defenseless body, but of a balanced, prosperous and confident body: the body re-formed” (1956, S. 3). Im Deutschen entspricht die Unterscheidung von nude — naked am ehesten der von Akt (unbekleidet) — nackt (ausgezogen). Abweichende Aktdarstellungen werden von Clark entweder einfach als “alternative convention” bezeichnet, so die gesamte gotische Kunst, oder schlicht übergangen. Entsprechende Schwierigkeiten hat Clark mit der “häßlichen” Nacktheit und mit allzu individualistischen Aktdarstellungen in der Art eines Portraits.Google Scholar
  7. 6a John Berger macht eine ähnliche Unterscheidung, bei der aber eine tendenziell entgegengesetzte Wertung durchscheint. “Nacktheit enthüllt sich selbst, ein Akt wird zur Schau gestellt. Nacktheit bedeutet, man selbst zu sein… Der Akt ist dazu verdammt, niemals nackt zu sein; der Akt ist eine Form der Bekleidung” (Berger, 1974, S. 51). Wo der eine (Berger) das wahre Selbst enthüllt sieht, findet der andere (Clark) nur die Hinfälligkeit des menschlichen Körpers.Google Scholar
  8. 6b Worum es auch noch geht, wird in einer Schrift des Volkswartbundes deutlich. Es gibt ein “keusches, naives Unbekleidetsein” und ein “kokettes, lüsternes Ausgezogensein” (Lennartz, 1908, S. 32).Google Scholar
  9. 7.
    Vgl. zum öffentlichen Frauenakt, Warner (1985), zur nationalsozialistischen Plastik, Wol-bert (1982), zur Friedhofsplastik, Ohlbaum (1986).Google Scholar
  10. 8.
    Am berühmtesten ist wohl das Badezimmer des Kardinals Bibbiena, das sich dieser von Raffael mit erotisch-mythologischen Szenen ausmalen ließ (vgl. Martin, 1906, S. 118).Google Scholar
  11. 9.
    Vgl. Walters (1979, S. 69). Wie hochgradig ideologisch die Kunst Michelangelos von einigen hundert Jahren Kunstgeschichtsschreibung besetzt ist, zeigte der Wirbel nach der Restaurierung der sixtinischen Kapelle, die die Bilder in unerwartet kräftigen Farben wiederherstellte, und damit einige Theorien in Frage stellte.Google Scholar
  12. 10.
    Die wohl umfangreichste Materialsammlung findet sich bei Fuchs (1908, bes. Bd. 3; sowie 1909–1912). Weiteres Material in Veröffentlichungen von Lo Duca (1965).Google Scholar
  13. 11.
    Gay (1986, S. 380ff.) beschreibt an verschiedenen Beispielen, wie sich einzelne Maler im 19. Jahrhundert fortlaufend mit dem Vorwurf auseinandersetzen müssen, ihre Bilder seien zu “lasziv” gemalt. Gleichwohl wußten sie, daß sich Nacktes gut verkauft. Von einem der Meister der erotischen Zeichnung, Aubrey Beardsley, heißt es, daß er vor seinem Selbstmord versucht habe, sich von den “Sünden” seiner Jugend loszusagen und seine erotischen Zeichnungen zerstören zu lassen, glücklicherweise ohne Erfolg.Google Scholar
  14. 12.
    Zum Verhältnis von (meist männlichem) Maler und (meist weiblichem) Modell vgl. Berger (1984), sowie Krininger (1986).Google Scholar
  15. 13.
    So schreibt Paul Schultze-Naumburg, der zu einem der maßgeblichsten Kunsttheoretiker des Nationalsozialismus wurde, in einem Studienführer für angehende Maler im Jahre 1900: “Der Laie hat von den Modellen meist eine falsche Vorstellung. Er denkt sich darunter üppige, verführerische, rosige Weiber, die ihre Reize in holder Scham preisgeben.… thatsächlich besteht die Kaste der Modelle aus blöd dreinschauenden Dienstmädchengesichtern, selten mit durchaus gutem Wuchs, sondern meist nur teilweise brauchbar, mit jämmerlich verschnürtem Brustkorb und den verkrüppelten Füßen der ganzen ‘civilisierten’ Menschheit. Dabei unsauber, mit fettigem Haar.… Blöd und ohne Scham entkleiden sie sich, ohne Anmut stehen sie da. Selten verirrt sich einmal ein hübsches Exemplar darunter, eine Schönheit nie” (zit.n. Berger, 1984, S. 108).Google Scholar
  16. 14.
    Ein frühes Beispiel dafür sind die Akte von Rembrandt, die die Regeln der Idealisierung durchbrechen. Für Clark bedeutet dies dann gleich “the showing of the… humiliating imperfection to which our species is usually condemned” (Clark, 1956, S. 341). Dies verdeutlicht, daß die Rolle der Kunst als Abwehrmechanismus gegen den reellen Körper sich auch auf der Ebene der Kunstgeschichtsschreibung fortsetzt, wird dieser Körper doch als “erniedrigend” erfahren.Google Scholar
  17. 14a Entsprechend umgekehrt bewertet dies Berger, der gerade in der Durchbrechung der Idealisierung die größte künstlerische Leistung sieht. “Das Typische und das Außergewöhnliche in der Kunsttradition kann mit Hilfe der einfachen Antinomie Akt-Nacktheit bezeichnet werden” (Berger, 1974, S. 55). Die das “wahre Selbst” des Modells zeigende Nacktheit bei Rembrandt erfährt bei ihm daher besondere Wertschätzung (Vgl. auch Anm. 6).Google Scholar
  18. 15.
    Die Frage, wann der Voyeurismus in der Kunst auftaucht, kann selbst wieder Teil der wissenschaftlichen Auseinandersetzung um “Zivilisiertheit” und “Unzivilisiertheit” werden, soll aber hier nicht weiter untersucht werden. Vgl. Duerr (1988, S. 41f.).Google Scholar
  19. 16.
    Eine ganz andere Bewertung erfährt diese Situation noch in der griechischen Mythologie, sie kann für den Mann äußerst gefährlich werden. So muß Aktaion sterben, weil er die Jagdgöttin Artemis- Diana nackt gesehen hat (vgl. Duerr, 1978, S. 76f.).Google Scholar
  20. 17.
    Berger geht sogar soweit, die gesamte Aktmalerei unter dem Gesichtspunkt des Voyeurismus zu beurteilen. “In der durchschnittlichen europäischen Aktmalerei ist die Hauptperson niemals dargestellt worden: Gemeint ist der als Mann vorausgesetzte Betrachter vor dem Bild…. Das Bild wurde gemacht um seine Sexualität zu reizen; mit ihrer Sexualität hat es nichts zu tun” (Berger, 1974, S. 52f.). Es fragt sich, ob diese Kritik männlicher Sichtweise nicht die Rolle der Frau etwas unterschätzt. Weiteres Material zum Voyeurismus in der Kunst bei Fuchs (1908), sowie zum Meister praller Frauendarstellungen, Peter Paul Rubens, bei Mittig (1985).Google Scholar
  21. 17a Es ist aufschlußreich, dies einigen Überlegungen über Familiendarstellungen in Malerei und Photographie gegenüberzustellen (vgl. Schneider, Laermann, 1977, S. 36ff.). Das Verhältnis kehrt sich in gewisser Weise um. Diesmal wendet sich der Mann dem Betrachter außerhalb des Bildes zu, während die mitabgebildete Frau sich dem Mann auf dem Bild zuwendet, Ausdruck ihrer Abhängigkeit, denn “weder sieht sie, was der Mann sieht, noch bemerkt sie, ob er das bemerkt. Sie vermag sich mithin keinerlei Klarheit darüber zu verschaffen, ob sie wahrgenommen wird und wie sie wahrgenommen wird” (ebd. S. 38). Dieses Verhältnis würde sich, etwas ketzerisch ausgedrückt, schlagartig ändern, würde sie sich ausziehen.Google Scholar
  22. 18.
    Daß dieses Bildthema, obwohl es inzwischen anerkanntes “Bildungsgut” geworden ist, gegebenenfalls noch Streitigkeiten auslösen kann, beweisen die Vorfälle um ein Werbeplakat für die “Kulturstadt Köln”. “Eine versonnen lächelnde Nackte auf dem Heinrich Böll-Platz vor dem Museumsneubau am Dom — da hatten Mitarbeiter des Amtes für Wirtschaftsförderung einige Mühe, empörte Anrufer zu besänftigen. Die entblößte Dame in Begleitung zweier Herren war im Auftrag der städtischen Wirtschaftswerber vor das Museum montiert und samt werbender Texte in Anzeigenteilen überregionaler Blätter veröffentlicht worden. Um ‘auf fröhliche, ungewöhnliche Art die Botschaft von der Kölner Kunst für die Welt zu vermitteln’, wurden Anleihen bei Eduard Manets Gemälde ‘Frühstück im Grünen’ aus dem Jahre 1863 gemacht. … Das weibliche Modell, eine Amateurin, war der Ansicht, ‘weibliche Nacktheit auch in der Öffentlichkeit sei längst nichts Besonderes mehr, wo ‘Frauen sich schon in den Parks textilfrei sonnen’. Das Foto habe schließlich nichts ‘Anmachendes’ an sich. …Auch der Leiter des städtischen Presse- und Informationsamtes… beteuert, man habe die Nacktheit ebenso ‘erhöhen’ wollen wie es seinerzeit Manet getan hat” (KStA v.Google Scholar
  23. 30.7.1986).Google Scholar
  24. 19.
    Ob das Aktzeichnen zum Pflichtprogramm gehört, wird allerdings unterschiedlich gehandhabt. So ist dies zur Zeit (1987) an der Kunstakademie Düsseldorf nicht der Fall, wohl aber an der Fachhochschule für Kunst und Design in Köln. “Konservativere” Schulen legten, laut Aussage eines Fachhochschulabsolventen, eher Wert auf den Akt. Zudem ist die Beliebtheit der Aktklassen von Modeströmungen abhängig. So erfreut sich heute das gegenständliche Zeichnen und Malen neuer Beliebtheit. Entsprechend überbelegt sind zur Zeit die Aktkurse an der Kölner Fachhochschule.Google Scholar
  25. 20.
    Vgl. Wolbert (1982). Die Kunstgeschichte der Nachkriegszeit hat nach wie vor große Schwierigkeiten, die Okkupierung klassisch- bürgerlicher Ideale durch den Nationalsozialismus zu erklären. So mußte auch der Klassizismus entnazifiziert werden. Wie unbe-wältigt dieses Problem jedoch nach wie vor ist, beweisen die jüngsten Diskussionen über die Frage der Aufnahme der Kunst des Dritten Reiches in die Museen, so z.B. im Kölner Museum Ludwig. Einer der Größen nationalsozialistischer “Nacktkunst”, Arno Breker, heute um die 80 Jahre alt, erfreut sich in der “guten” Gesellschaft nach wie vor großer Beliebtheit, seine Figuren stehen teilweise noch an ihren alten Standorten, z.B. in der ehemaligen Villa des Reichsleiters Martin Bormann im Münchener Nobelvorort Pullach, in der heute sinnigerweise der Bundesnachrichtendienst residiert (vgl. KStA v. 27/27.3.1986).Google Scholar
  26. 21.
    Aus dem SS-Organ “Das Schwarze Korps” v. 25.11.1937. “Worauf es vielmehr ankommt bei der Darstellung des nackten Menschen und des nordischen Rassetyps ist die Offenbarung, die Enthüllung im eigentlichen Sinne einer beseelten Schönheit, den reinsten und unmittelbarsten Ausdruck eines ursprünglichen gottähnlichen Menschentums zu finden und zu gestalten. Nur dann ist sie ein wirksames Mittel der Erziehung unseres Volkes zu sittlicher Kraft, völkischer Größe und nicht zuletzt zu einer wiedererstandenen rassischen Schönheit” (zit.n. Bleuel, 1972, S. 223). Vgl. auch Kap. IV.4.3.Google Scholar
  27. 22.
    Einer der beeindruckensten Zeichner und Maler bürgerlicher Sexualängste und Sehnsüchte ist Félicien Rops, dessen Bilder zugleich erregen und beunruhigen (vgl. Hassauer, Roos, 1984). Sie muteten selbst dem sonst eher aufgeklärten Hausenstein zu viel zu. “Die Kunst will keine Sexualphilosophie — und wenn Sexualphilosophie doch sein soll, so muß sie mindestens bildmäßigen Anschauungswert besitzen, wie ihn die Kriegsphilosophie Goyas besitzt. Es ist gut, wenn Künstler menschlich leiden; das gibt den Reichtum. Es ist gut, wenn sie die enorme technische Macht haben, die Rops besitzt. Aber ein drittes soll nicht fehlen — ein künstlerischer Takt, der das Maß der Anzüglichkeiten reguliert, eine gewisse Empfindung für das im besten Sinne ‘Schickliche’“(Hausenstein, 1913, S. 186f.). Im gleichen Atemzug empfiehlt Hausenstein als positives Beispiel einen Akt von Habermann, eine auf dem Bett sich räkelnde Frau in “Anbietpose”. Die beängstigende Sexualität verstößt gegen die “Schicklichkeit”, nicht aber die “Verfügbare”. Wie sehr auch heute noch Rops aneckt, zeigen die Proteste über ein Theaterplakat des Hamburger Schauspielhauses, auf dem eine Nackte mit Strapsen und einem Schwein an der Leine für Wedekinds Lulu wirbt. Ähnliche Themen wie bei Rops, diesmal aber als Selbstpor-traits, finden sich in den Bildern von Egon Schiele am Anfang dieses Jahrhunderts.Google Scholar
  28. 23.
    Maler wie Ernst Ludwig Kirchner und Max Beckmann, die beide als Invaliden aus dem Ersten Weltkrieg zurückkommen, greifen auch wieder auf den gemarterten Christus am Kreuz zurück, um die Schrecken des Krieges darzustellen (vgl. Walters, 1979, S. 217ff.). In Picassos “Guernica” dient die kubistische Verzerrung und Zerstückelung halbbekleideter Körper der Darstellung von Tod und Sterben. In den Bildern von George Grozs und Otto Dix werden Kriegsgewinnler, Bonzen und nackte Prostituierte als Karikaturen verzerrt gezeigt.Google Scholar
  29. 24.
    Vgl. den berühmten Aufsatz von Walter Benjamin (1966), auf den sich auch Berger bezieht. “Die modernen Reproduktionsmittel auf der Grundlage der Fotographie haben die Autorität der Kunst zerstört und die Kunst, aus welchem Reservat auch immer, befreit, oder — besser gesagt — sie haben die durch sie reproduzierten Bilder aus ihrer abgeschiedenen Sonderstellung befreit. Zum erstenmal überhaupt sind Bilder aus dem Bereich der Kunst beiläufig geworden, sind überall zu finden, sind unwesentlich, benutzbar, wertlos und frei. Sie sind in der gleichen Art um uns, in der uns eine Sprache umgibt. Sie sind eingegangen in den Strom des Lebens, über das sie nun keine, in ihnen selbst liegende Macht mehr haben” (Berger, 1974, S. 32).Google Scholar
  30. 25.
    So schreibt Stefan Zweig in seinen Erinnerungen, in denen er die Prüderie des 19. Jahr hunderts geißelt und die neue Freizügigkeit lobt, über seine Schulzeit kurz vor der Jahrhundertwende: “Kaum fand sich ein Zaun oder ein verschwiegenes Gelaß, das nicht mit unanständigen Worten und Zeichnungen beschmiert war, kaum ein Schwimmbad, in dem die Holzwände zum Damenbad nicht von sogenannten Astlochguckern durchbohrt waren. Ganze Industrien, die heute durch die Vernatürlichung der Sitten längst zugrunde gegangen sind, standen in heimlicher Brüte, vor allem die jener Akt- und Nacktphoto-graphien, die in jedem Wirtshaus Hausierer unter dem Tisch den halbwüchsigen Burschen anboten. Oder die der pornographischen Literatur ‘sous le manteau’ — da die ernste Literatur zwangsweise idealistisch und vorsichtig sein mußte — Bücher allerschlimm-ster Sorte, auf schlechtem Papier gedruckt, in schlechter Sprache geschrieben und doch reißenden Absatz findend, sowie Zeitschriften ‘pikanter Art’, wie sie ähnlich widerlich und lüstern heute nicht mehr zu finden sind” (Zweig, 1986, S. 96). Es ist dies ein gutes Beispiel dafür; wie sich, ähnlich wie bei D.H. Lawrence (z.b. in Pornographie und Obszönität, 1929), der Kampf gegen Prüderie und Pornographie verbindet. Zweig wäre über die heutige Kombination von “Freizügigkeit” und “lüsternen” Publikationen erstaunt und resigniert zugleich.Google Scholar
  31. 26.
    Zur eher rassistischen Fraktion ist der Mediziner und Salonethnologe Karl Heinrich Stratz zu rechnen, dessen Bücher (1898, 37. Aufl. 44. Tausend 1922; sowie 1901) auch heute noch zu beliebten Sammlerobjekten gehören. Vanselow zählt zur bürgerlich-se-xualreformerischen Fraktion. In seinem Verlag erscheinen nicht nur Aktbände, sondern auch Populärwissenschaftliches, so die Zeitschriften “Geschlecht und Gesellschaft” und “Sexualreform” (Vgl. Kap. IV.2).Google Scholar
  32. 27.
    Vgl. Sellmann (1935, bes. S. 107ff.). Zwei Jahre nach der Machtergreifung feiern die “Westdeutschen Sittlichkeitsvereine” ihr 50. Jubiläum und die Wichtigkeit des Nationalsozialismus im “Kampf gegen die Unsittlichkeit und für die Volkserneuerung” (Ausführlicher in Kap. IV.4.1).Google Scholar
  33. 28.
    “Das ungenierte, nicht durch den Kunstvorbehalt des §1 Abs. III Nr. 2 GjS (Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften v. 9.6.1953 — O.K.) gedeckte Zurschaustel-len des menschlichen Körpers ohne Bedeckung der Geschlechtsorgane widerspricht… der Anschauung der überwiegenden Mehrheit des deutschen Volkes und der von dieser vertretenen abendländisch-christlichen Weltanschauung. Es ist geeignet, gerade in labilen jugendlichen Betrachtern falsche Vorstellungen über das hervorzurufen, was Sitte und Sittlichkeit entspricht”, so der Amtsrichter Portrykus (1960, S. 25) in einer Schriftenreihe des Volkswartbundes.Google Scholar
  34. 29.
    Der 1949 neu gegründete Deutsche Verband für Freikörperkultur e.V. (DFK) begegnet dem Problem auf eigene Weise, nämlich durch die Einführung einer Selbstzensur, FBK (Freikörperkultur-Bildkontrolle) genannt. Gleichzeitig distanziert sich der Verband von nun an (1963) von allen Zeitschriften, die sich der Kontrolle der FBK nicht unterwerfen. Das Monatsheft “Organ der deutschen Freikörperkultur” erscheint unter neuer Leitung “in moderner Form mit dezenter Bebilderung” (Masalskis, 1964, S. 77; vgl. Kap. IV.4.8).Google Scholar
  35. 30.
    Die Aktionen von Mühl ziehen zum Teil ihre Wirkung daraus, daß ein schöner Frauenkörper von Männern mit allem möglichen Dreck “besudelt” wird. Die Frau bleibt weitgehend passiv, es agieren allein die Männer. Diese Happenings sind schon zu ihrer Entstehungszeit sehr umstritten und würden heute sicherlich sowohl von linker wie von rechter Seite einen Sturm der Entrüstung hervorrufen. Zu Happenings vgl. Faber in Köhler, Barche (1985, S. 137ff.).Google Scholar
  36. 31.
    Zu den Schwierigkeiten der feministischen Aktionskünstlerin Manon, in ihren Arbeiten weiterhin mit (der eigenen) Nacktheit zu arbeiten, vgl. Kap IV.7.4.Google Scholar
  37. 32.
    Zur Abbildung der Geschlechterhierarchie in den Bildmotiven der Werbung vgl. Goffmann (1981), sowie Schmerl (1980), die ein auf den ersten Blick plausibles Kriterium für “offen” frauenfeindliche Werbung einführt, das sich aber auf den zweiten Blick als problematisch erweist. “Man kann besonders schön veranschaulichen, was frauenfeindlich, frauendiskriminierend ist, wenn man die entsprechende Werbeanzeige oder den entsprechenden Werbetext einfach mal umkehrt, nämlich in ‘männlich’ übersetzt.… Fazit ist jedoch: die Umkehrung ins Männliche klappt nicht, ist nicht mehr witzig, ist sinnleer. Sie macht aber eins besonders klar: den negativen, herabsetzenden Charakter der Aussage, wenn sie plötzlich für einen Mann gelten soll” (Schmerl, 1980, S. 7), was aber erst einmal nur heißt, daß der eine nicht sein darf, was die andere sein soll. Ein weiblicher Mann ist eben lächerlich. Diese Wertung aber in dieser Form unhinterfragt als Analysemerkmal zu übernehmen, heißt letztendlich, daß die kritisierte Abwertung, die in der Werbung eingesetzten Vorstellungen von “Weiblichkeit”, in der Analyse nochmals verdoppelt wird.Google Scholar
  38. 33.
    Diese Entwicklung beschränkt sich natürlich nicht auf die Bundesrepublik, wie die sehr umfangreiche Zeitschriftensammlung des FKK-Archives in Kassel erkennen läßt.Google Scholar
  39. 34.
    In der deutschen Ausgabe des Buches von Walters (1979) wird als in Klammern hinterhergestellte Übersetzung vorgeschlagen: “etwa: das offene Visier” (ebd. S. 238). Im deutschen ergibt dies eine ganz neue Doppeldeutigkeit, wenn man etwa an das Bild des Ritters denkt, der sein Visier öffnet, um sich (nach dem Kampf) seinem Gegner zu erkennen zu geben.Google Scholar
  40. 35.
    Eine ideologisch-feministische Rechtfertigung, warum das so sei, findet sich bei Breitling (1982). Eine Ausnahme unter den Photographinnen ist Herlinde Koelb, die mit ihrem Photoband “Männer” (1984) einiges Aufsehen erregte.Google Scholar
  41. 36.
    So erhitzte ein nackter Männertorso auf einem Wahlplakat der Grünen die Gemüter in Odenthal im Bergischen Land. Es war ein griechischer Torso, statt mit Feigenblatt mit Brille und Pappnase ausgerüstet. Erst als sich herausstellte, daß es sich nicht um einen “echten” Männerkörper handelte, legte sich die Aufregung. “Aus der Nähe, gab der stellvertretende Gemeindedirektor… zu, sei der kleine Unterschied ja auch zu erkennen, schließlich stünden solche Statuen ‘in Griechenland ja auch überall frei herum’“(zit.n. KStA v. 15.1.87).Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1990

Authors and Affiliations

  • Oliver König

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