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Nacktheit pp 25-62 | Cite as

Die Logik der Abgrenzung

  • Oliver König

Zusammenfassung

Grundlage der Wahrnehmung der sozialen Welt ist das Prinzip der Teilung in logische Klassen (vgl. Bourdieu, 1982, bes. S. 727–755). Ihnen liegt ein gemeinsamer Stamm von grundlegenden Wahrnehmungsmustern zugrunde, die allen Akteuren einer Gesellschaft gleichermaßen vertraut den Aufbau einer gemeinsamen sinnhaften Welt ermöglichen. Sie bauen auf ein allgemeines System von Gegensatzpaaren auf, mit denen Menschen und Dinge sowohl klassifiziert wie auch bewertet werden. So erscheint etwas als leicht oder schwer, hoch oder niedrig, spirituell oder materiell, frei oder gezwungen, fein oder roh. Diesem Wahrnehmungsprinzip entspricht die Teilung in soziale Klassen, seien es Alters-, Geschlechts- oder Gesellschaftsklassen, wie auch in ethnische Gruppen. Deren Mitglieder bedienen sich dieser Attribute zur Einteilung der sozialen Welt, deren grundlegendes Merkmal in der Differenz von “Oben” und “Unten”, von der “‘Elite’ der Herrschenden und der ‘Masse’ der Beherrschten” (Bourdieu, 1982, S. 731) zu sehen ist, ebenso wie sie deren Bedeutung dadurch fortwährend neu hervorbringen, daß mit ihnen bestimmte Dinge, soziale Zustände und Menschen(-gruppen) bezeichnet und bewertet werden.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Die Differenzierung setzt sich natürlich innerhalb der einzelnen “Kategorien” weiter fort. Dem entspricht die bekannte Teilung zwischen Kopf und Bauch, wobei letzterer innerhalb des therapeutischen Jargons zu neuer Ehre gekommen ist, ebenso wie die zwischen Kopf und Hand. “Der Streit, welchem Organ die Krone zukommt, ist alt und in seinem ideologischen Charakter enttarnt. Im zweiten Buch des Livius (Kap 36) erzählt Menenius Agrippa die bekannte Fabel vom verdauenden Magen, der als Ernährer der anderen Glieder von zentraler Bedeutung für den Körper sei. Die Geschichte genügt, um die revoltierenden Handarbeiter bei Laune zu halten” (Jeggle, 1986, S. 29). Am Kopf wiederum stehen die “edleren” Sinne Augen und Ohren den “einfacheren” Sinnen Nase und Mund gegenüber.Google Scholar
  2. 2.
    Die Haut ist zugleich das größte wie auch das am wenigsten erforschte aller Körperorgane. Erst jüngstens wird ihre zentrale Rolle für den gesamten Körperhaushalt in der medizinischen Forschung stärker untersucht (vgl. Spiegel-Titelgeschichte v. 27.6.88).Google Scholar
  3. 3.
    Eine zusammenfassende Darstellung gibt es von Hirning (1973). Er bezieht sich dabei weitgehend auf das vorzügliche Buch von Flügel (1930).Google Scholar
  4. 4.
    Schon Charles Darwin äußerte sich über die weitgehende Kleiderlosigkeit der Feuerländer trotz eines sehr kalten Klimas. Er hielt dies aber für ein Zeichen von Dummheit und Kulturlosigkeit, ein Ausdruck ihrer “Tiernatur”. Die beste Sammlung von ethnologischen Daten zum Umgang mit Nacktheit findet sich bei Duerr (1988). Lesenswert ist aber weiterhin auch Ellis (1907).Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. z.B. Neumann (1980, S. 142). Die Abschreckungsfunktion der Nacktheit und vor allem der Geschlechtsteile wird in der ethnologischen, kulturhistorischen und psychoanalytischen Literatur als apotropäische Kraft im Sinne einer sozialen Drohgebärde behandelt.Google Scholar
  6. 6.
    Bei Alfred Kinsey findet sich hierzu die lapidare Bemerkung: “Nacktheit. In vielen Kulturen der Welt haben sich die Menschen häufig mit der Frage nach der Berechtigung, den nackten Körper ganz oder teilweise in der Öffentlichkeit zu zeigen, beschäftigt. Für wenige Dinge sind die Sitten so spezifiziert, und es gibt nur weniges im sexuellen Verhalten, was mit stärkeren Reaktionen beantwortet wird, wenn diese Sitten verletzt werden. Sie sind bei den verschiedenen Völkern und Kulturen außerordentlich verschieden und sogar bei verschiedenen Gruppen in den einzelnen Ländern…. Die Sitten stehen außerhalb aller vernunftsmäßigen Beurteilung, und für ihre Erklärung kann man nichts anderes als die Tradition anführen. Der Gebirgsindianer aus dem wärmeren Teil von Südmexico ist sorgfältig bekleidet, der Gebirgsindianer aus dem kältesten Teil von Nordmexico hat weniger an als die Einwohner im heißesten Teil der mexikanischen Tropen. Aber es gibt wahrscheinlich keine einzige Gruppe auf der Erde, die in dieser Hinsicht von allen Tabus frei wäre. Die Geschichte der Entstehung der Kleidung ist mehr eine Geschichte der sich auf die Nacktheit beziehenden Tabus als eine Geschichte der Zweckmäßigkeit von Kleidungsstücken” (Kinsey, 1964a, S. 331).Google Scholar
  7. 7.
    Z.B. bei Flugel (1930, S. 192): “Nature has, in fact, provided that modesty can never finally attain its end except through its own disappearance”.Google Scholar
  8. 8.
    Die Begriffe “Sexualität” und “Erotik” sind natürlich selbst wieder als soziale Konstruk-te zu behandeln, wie dies für die “Sexualität” neuerdings Michel Foucault getan hat, dazu mehr in Kapitel IV.3. Zugleich sind sie ein Teil des Systems der Differenzen. So umschreibt z.B. Philippe Aries Erotik als “ein Ensemble von Praktiken, die den Koitus hinauszögern, wenn sie ihn nicht gänzlich vermeiden, und zwar mit dem Ziel, besser und länger zu genießen, also ausschließlich der Lust wegen” (zit.n. Honnef, in: Koelbl, 1984, S. 15). Nach diesem Verständnis würde einer derartigen “feinen” Erotik eine auf unmittelbare Befriedigung ausgerichtete “grobe” Sexualität gegenüberstehen. Ihre Abgrenzungsfunktion ist unübersehbar.Google Scholar
  9. 9.
    “Geld macht sinnlich” heißt es bei Bertold Brecht (Der gute Mensch von Sezuan). Beispiele für die Kaufbarkeit von Schönheit bieten heute die Medieneinblicke in das Leben der “oberen Zehntausend” oder der Stars aus “Film, Funk und Fernsehen”.Google Scholar
  10. 10.
    Dieser Gebrauch des Begriffs der “sozialen Klasse” entspricht offensichtlich nicht der soziologischen Tradition, in der “Klasse” im Sinne einer erworbenen Eigenschaft ausschließlich über die ökonomische und kulturelle (Stand) Verortung definiert ist, während z.B. Geschlecht als zugeschriebene Eigenschaft auf einer anderen Ebene angesiedelt wird (vgl. Beck, 1983), und dies obwohl einige der soziologischen Klassiker, z.B. Marx und Durkheim, bei der Beschreibung der Klassenbildung durch Arbeitsteilung den Mikrokosmos der geschlechtlichen Arbeitsteilung als Vorbild der gesellschaftlichen Arbeitsteilung verstehen, diesen aber im weiteren Verlauf ihrer Theorie weitgehend ignorieren.Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. Arnold-Carey (1972), sowie Kessler; McKenna (1978, bes. S. 81–112), die aufzeigen, was für komplexe Zuschreibungsprozesse ein Kleinkind in seinen ersten Lebensjahren beherrschen lernen muß, um sich so etwas wie einer Geschlechtsidentität zu erarbeiten.Google Scholar
  12. 12.
    Ein wie für den Soziologen geschaffenes Beispiel einer solchen Doppelstrategie findet sich in dem dreibändigen Werk von Wetzler (1819–1825). So schreibt er über das Schinz-acher (Habsburger) Bad im schweizer Kanton Aargau: “An den Sonntagen wimmelt es von Gästen, deren Anzahl der große Raum kaum zu fassen vermag. Viele finden aus den benachbarten Städten sich ein; noch größer ist aber die Anzahl der Landleute, die truppweise zu Fuße oder auf Wagen in größtem Putze anlangen.… Der Fremde kann sich besonders an den schönen, blühenden, reizenden Landmädchen nicht satt sehen.” In einer Anmerkung dazu heißt es: “Welcher Abstand zwischen diesen, und den Mädchen, zumal den vornehmeren, in den Städten in Absicht auf blühendes Aussehen? Ich habe in den Schweizer Städten eben so viele Mädchen, wie in den deutschen, mit jener Physiognomie gesehen, welche der Spiegel jener geheimen Jugendsünde ist, die nur zu häufig unter den Mädchen in den Städten herrscht, die Blüthen ihrer Schönheit und Reize knickt, und die Quelle von mancherley Krankheiten ist”. Wenig später heißt es in einer Anmerkung über die Landmädchen: “So großes Vergnügen einerseits die Betrachtung dieser schönen, reizenden Mädchen gewährt; so sehr wird andrerseits das moralische Gefühl durch den Gedanken empört, das vielleicht keine von allen, die man da sieht, mehr jungfräulich, unbefleckt sind. Denn auch im Kanton Aargau herrscht, zumahl in dem Theile desselben, der ehemals zum Kanton Bern gehörte, die Sitte des Kiltens (Probenächte — O.K.)…. Gewiß wäre zu wünschen, daß dieser unsittliche Kiltgang könnte abgeschafft werden”(S. 108 ff.). Ob die Mädchen dann aber wohl noch so blühend aussehen würden?Google Scholar
  13. 13.
    Dies gilt auch heute noch, wie sich am erneuten Erfolg des zuerst 1920 erschienenen Buches “Der Papalagi” von Erich Scheuermann zeigt, wie insgesamt die “Lebensweisheiten” dieser “einfachen” Völker heute den Buchmarkt beleben und zur Zivilisationskritik benutzt werden.Google Scholar
  14. 14.
    Das weitgehend vernachlässigte Gegenbild hierzu stellt wohl am ehesten die Vorstellung vom Mann als Ernährer und Beschützer bzw. als Trottel und Schwein dar. Vgl. Thies-sen (1981, S. 169).Google Scholar
  15. 15.
    Vgl. Büttner; Werner (1959). Bei den Adamiten hat es sich vorrangig um Angehörige der Unterschicht gehandelt (vgl. Rettich, 1976, S. 255). Ein anderes, vielzitiertes Beispiel für den Einsatz von Nacktheit bei einer Sekte sind die Doukhobors, eine Gruppe ehemals russischer Christen, die an gemeinsames Eigentum, Gleichheit aller — auch der Frauen -und einen radikalen Pazifismus glaubten. Sie emigrierten 1899 nach Sasketchewan in Kanada und kamen hier sehr bald in Konflikt mit den Behörden. Bei ihren Protestmärschen gegen behördliche Maßnahmen traten sie nackt auf (vgl. Hawthorn, 1955). In den 70er Jahren erregten die Sanjassins von Bagwhan nochmals Aufsehen mit ihren nackten Tanzmeditationen.Google Scholar
  16. 16.
    Es sind dies Arbeiten aus dem Bereich der sozialwissenschaftlich orientierten Sexualwissenschaft, wie sie in der Nachfolge von Kinsey entstanden ist, z.B. Hartmann u.a. (1970), sowie die Dissertation von Weinberg (1965), der in der Folgezeit eine ganze Reihe von Artikeln über die Probleme des organisierten Nudismus in den USA veröffentlichte (siehe Bibliographie).Google Scholar
  17. 17.
    Vgl. Wouters (1977), bei dem sich einige interessante Anmerkungen darüber finden, wie Elias implizit seine Argumentation gemäß diesen Klassifizierungen ausrichtete (S. 285f.).Google Scholar
  18. 18.
    Zur Problematik des Begriffs der Mittelschicht und des Bürgertums siehe neuerdings Gay (1986, S. 27–55). Die Begriffsverlegenheit führt dazu, daß selbst für die griechische Kultur von “Mittelschichten” geredet wird, so z.B. bei Galsterer (1983, S. 36).Google Scholar
  19. 19.
    Vgl. Bourdieu (1982). Es wäre zu klären, inwiefern sich die Unterscheidung nach Kapitalsorten auch zur Analyse des mittelalterlichen Bürgertums eignet, bzw. wann sich diese Fraktionen herausdifferenzieren in der von Bourdieu beschriebenen Art. Dies gilt entsprechend für die Unterscheidung von aufsteigendem und absteigendem Ast einer Schicht.Google Scholar
  20. 20.
    Mehr hierzu im Kapitel über “Das Baden”. An dieser Stelle sei nur ein Zitat von Kant angeführt, das bestens die Abgrenzungsfunktion als Teil der Disziplinierungsbemühun-gen belegt. “Die Sinne gebieten nicht über den Verstand. Sie bieten sich vielmehr nur dem Verstande an, um über ihren Dienst zu disponieren.… Die Sinne machen darauf keinen Anspruch und sind wie das gemeine Volk, welches, wenn es nicht Pöbel ist (igno-bile vulgus), seinen Obern, dem Verstande, sich zwar gern unterwirft, aber doch gehört werden will” (Werke, Hg. W. Weischedel, Bd. 12, S. 434f., zit. n. Hentze, 1979, S. 136).Google Scholar
  21. 21.
    Da die Forschung über die reformpädagogischen Strömungen weitgehend in den Händen von geisteswissenschaftlich-normativ ausgerichteten Pädagogen zu liegen scheint, konnte ich keine Arbeit finden, die diese Vereinnahmung bzw. das Umkippen dieser Reformbestrebungen darstellt. Pädagogische Arbeiten wie die von Hentze bieten zwar eine ansehnliche Materialsammlung, sind aber durchweg affirmativ ausgerichtet in dem Bemühung herauszuarbeiten, was von den Reformpädagogen “bleibt” bzw. was sie “eigentlich” wollten.Google Scholar
  22. 22.
    So versucht neuerdings Gay (1986) das Bild vom prüden 19. Jahrhundert zu entkräften, ebenso wie er die ständige Rede von der Doppelmoral relativiert. Er stellt sich dabei explizit gegen Autoren wie Marcus (1979), der die sexuelle Besessenheit und Doppelmoral des 19. Jahrhunderts betont.Google Scholar
  23. 23.
    Vgl. Erikson (1959, S. 233f). Die von Erikson entwickelte Vorstellung von den Phasen des Menschen ist stark philosophisch geprägt und aus heutiger Sicht manchmal etwas hölzern. Dennoch ist seine Konstruktion von dualen Strukturen (z.B. Autonomie gegen Scham und Zweifel) sehr anregend und brauchbar.Google Scholar
  24. 24.
    Z.B. Snitow (in: Dies. u.a., 1985, S. 63–88). Auch Stoller (1979, S. 123). Dies bleibt natürlich nicht unwidersprochen, vgl. Schmidt (1986). Schmidt wendet ein, daß die herkömmliche Pornographie trotz ihrer vorrangig männlichen Prägung auch immer Pornograpie für Frauen sei. Die Gewalttätigkeit der üblichen Pornographie sei durchaus nicht ausschließlich Männersache, Macht und Feindseligkeit als Motor weiblicher Sexualität zu leugnen, würde bedeuten, “Frauen mit dem Etikett ‘Friedfertigkeit’ zu kastrieren” (Schmidt, 1986, S. 130).Google Scholar
  25. 25.
    Dies hat jüngst nochmals Dworkin (1987) sehr eindringlich sowohl für de Sade als auch für seine Rezeption aufgezeigt.Google Scholar
  26. 26.
    Für Snitow (1985, S. 19) ist die Prostitution das Thema des 19. Jahrhundert, die Vergewaltigung Thema des 20. Jahrhunderts. Letztere signalisiert die Aufkündigung der Besitzideologie, die nun in der Praxis durch die gewalttätige Aneignung ersetzt würde. Der Vergleich von Gliedverlust und Besitzverlust sowie Kastration und Vergewaltigung ist durch einige Bemerkungen von Jeggle (1986) inspiriert. Diese Gedankengänge sollen keineswegs die Existenz der Phänomens der Kastrationsangst leugnen. Nur ist die Vergewaltigung demgegenüber eine “realere” Angst. Man muß sich einmal das Kopfschütteln vorstellen, das einsetzen würde, wenn jemand eine Theorie auf der Vergewaltigung aufbauen würde, so wie dies berechtigterweise mit Versuchen in diese Richtung innerhalb der von Alice Schwarzer betriebenen “PorNo” Debatte geschieht (“Pornographie ist die Theorie, Vergewaltigung ist die Praxis”).Google Scholar
  27. 27.
    Dieser Zusammenhang, der heute in der Werbung für Kosmetika, Saunen, Schönheitssalons, einen gesunden Lebensstil etc. transportiert wird, wurde schon zu Ende des 19. Jahrhunderts von dem Arzt Oscar Lassar, dem “Erfinder” der Volksbäder, sehr eindringlich formuliert, wobei er es noch mit seinen Vorstellungen von der “Reinheit” des Weibes zu verbinden wußte. “Die Aesthetik ist im gewissen Sinne der Codex der gesund-heitspflegenden Reinlichkeit. Alles, was unschön, ekel, den veredelten Lebensgewohnheiten widrig ist, birgt den Charakter des Schädlichen in sich. Die köstlichste Frucht, wenn sie zu Boden fällt, wird uns ungenießbar, der verlockenste Reiz weiblicher Schönheit erstirbt, wo die Reinlichkeit aufhört. Alle Grundsätze des sittlich Schönen, die Gesammtforderungen der Aesthetik und der Ethik entsprechen dem Selbsterhaltungstriebe der Menschheit und nichts fordert dieses gebieterischer als Reinlichkeit!” (Lassar, 1888, S. 2).Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1990

Authors and Affiliations

  • Oliver König

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