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Zweiter Weltkrieg und Nationalsozialismus: Zwei Themen ohne Zusammenhang?

Ein Vergleich der Lebensgeschichten
  • Gabriele Rosenthal

Zusammenfassung

Sind nun — wie mancher Kritiker der hermeneutischen Verfahren und verstehenden Soziologie einwenden mag — die hier besprochenen Biographien Einzelfalle, die nichts über das Allgemeine aussagen, sondern zufallig aus einer unbestimmten Gesamtheit ausgewählt wurden und nur das Subjektive, das Individuelle repräsentieren? Da wir keine Fetischisten sind, die in einzelne Teile verliebt sind und die nicht zwischen Respräsentant und Repräsentat zu trennen vermögen1, gehen wir von der prinzipiellen Auffindbarkeit des Allgemeinen im Besonderen aus. Vor dem Hintergrund eines dialektischen Verhältnisses von Individuellem und Allgemeinem stellt sich nicht die Frage, ob man von einzelnen Biographien ausgehend über das Allgemeine überhaupt etwas sagen kann, sondern vielmehr die Frage nach der Qualität unserer theoretischen Verallgemeinerungen. Da wir das Allgemeine nicht im numerischen Sinne verstehen, hängt diese Qualität nicht von der Häufigkeit des Auftretens eines Phänomens ab, sondern vielmehr vom nötigen Spürsinn zum Auffinden des Allgemeinen in jedem einzelnen Fall, von der Phantasie, dem „Freilegen-Können von wirklichen, produktiven Fragen“ (Gadamer 1966: 107f).

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Anmerkungen

  1. 1.
    Der Psychiater Erwin Straus (1930) diskutiert im Zusammenhang der Frage des Allgemeinen im Individuellen den Fetischismus unter dieser Lesart.Google Scholar
  2. 2.
    Zum ,politischen Soldaten’ vgl. Hans-Jochen Gamm (1964:28ff), Gabriele Rosenthal (1987b: 73ff), Fritz Stippel (1957: 178ff).Google Scholar
  3. 3.
    Zur nachlassenden Identifikation mit dem NS und zunehmenden mit der Institution der Wehrmacht bei den Schülersoldaten, den Flakhelfern, vgl. Schörken (1984).Google Scholar
  4. 4.
    Hier treffen wir ein Soldatentum an, das sich mit den Analysen von Lutz Niethammer (1986: 226 ff.) von Arbeiterbiographien etwa der gleichen Jahrgänge deckt.Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. die von Angelika Puhlmann (1986) besprochene Lebensgeschichte von Klaus Tischler und die von Gabriele Rosenthal (1986a) von Manfred Sommer.Google Scholar
  6. 6.
    Zum Zusammenhang zwischen Orientierungskrisen und Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit vgl. Rosenthal (1987: 108-U4) sowie dies. (1989).Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. hierzu auch die Befragung von ca. 500 deutschen Familien im Winter 1946 / 47 von Hilde Thurwald (1948). Hier wird insbesondere auch über die Schwierigkeit der Männer mit der von Frauen erreichten Selbständigkeit berichtet (197 ff.)Google Scholar
  8. 8.
    Zum Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Lebenskrisen und bedrohter Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit vgl. Rosenthal (1989).Google Scholar
  9. 9.
    Zur theoretischen Diskussion von Erleidensprozessen vs. Handlungsprozessen vgl. Fritz Schütze (1981; 1983a).Google Scholar
  10. 10.
    Zur Problematik der NS-Vergangenheit in Familien vgl. Bar-On (1988b; 1989); Overbeck (1987); Salm (1988); Stierlin (1988).Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1990

Authors and Affiliations

  • Gabriele Rosenthal

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