Linguistisches Grundwissen pp 239-252 | Cite as
Sprache und Individuum (Psycholinguistik)
Zusammenfassung
„Sprachwissenschaft ist Teil der Psychologie und mithin der Biologie.“ Mit dieser provokativen Behauptung hat der Linguist Noam Chomsky hervorheben wollen, daß letztendlich das Ziel der Sprachwissenschaft darin bestehe, zu erforschen, was genau die Fähigkeit jedes Menschen ist, eine Sprache zu lernen und zu beherrschen. Der von ihm geprägte Begriff der „(Sprach)kompetenz“ bezeichnet die abstrakte Fähigkeit des Menschen, (mindestens) eine Sprache zu können, d. h. deren zugrundeliegenden Regeln (unbewußt) zu beherrschen, sowohl beim aktiven Gebrauch als auch beim Rezipieren (Analysieren, Verstehen). Diese Fähigkeit ist so natürlich wie die, auf beiden Beinen zu laufen oder auf bestimmte Weise bestimmte Substanzen zu verdauen. Deswegen kann man sich fragen, wie genau der Mensch „gebaut“ ist, daß er zur Sprache fähig ist. Natürlich braucht der Mensch bestimmte Artikulationsorgane: Die Schimpansen können schon deswegen nicht sprechen, weil sie keinen so ausgebauten Kehlkopf haben wie der Mensch. Aber sprechen ist nicht nur artikulierte Laute bilden, es setzt komplexe kognitive Aktivitäten voraus: Der Mensch verfolgt bestimmte Absichten, wenn er spricht, und aktiviert dabei — wie beim Rezipieren von Sprache auch — eine Menge sprachliches (und außersprachliches) Wissen (syntaktisches, semantisches usw.). Daß diese Aktivitäten sehr schnell und weitgehend unbewußt ablaufen, bedeutet nicht, daß es sie nicht gibt. Vielmehr daß es intensiver, gründlicher Forschung bedarf, bis wir wirklich verstanden haben, was im Menschen geschieht, wenn er Sprache produziert oder rezipiert.
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