Alfred Anderschs Leben und Werk aus der Sicht der neunziger Jahre: Eine Problemskizze

  • Volker Wehdeking

Zusammenfassung

Andersch, der schon als Kind vom Schriftstellerberuf träumte, hielt nach einer kurzen aber intensiven Arbeit als politischer Jugendfunktionär und nach einem Dachau-Trauma fortan sein privates Ich aus seinen frühen Schriften so gut wie möglich heraus. In ersten Erinnerten Gestalten (1943/1986) und dann erst recht in der Nachkriegsprosa versteckte Andersch seine Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und mit seinen eigenen, oft ambivalenten Emotionen hinter immer neu zusammengesetzten Erzählfiguren, die den versäumten eigenen Widerstand im Dritten Reich nachspielten. Aber mit wachsender Reife maß er im Rückblick auch das eigene Handeln an seinen ersten existentiellen Modell-Konstellationen in der Erzählprosa der 50er Jahre. Dies führte, wie sich an Nachlaßentwürfen überprüfen läßt, zu wachsenden Schuldgefühlen und der neu entdeckten Liebe zum „Halbschatten“ der 60er Jahre im Lichte solch strenger Engagement-Forderungen, wie sie die französischen Existentialisten nur mit der moralischen Emphase eigener Résistance-Erfahrungen stellen konnten. Andersch machte dabei aber immer nur das Vorgefundene im Leben zum Stoff und versuchte, getreu seiner Vorstellung von Realismus in der Nähe des Lukácsschen Gesellschaftsromans wenig fiktional hinzuzuerfinden. Gerade die scheinbar geringfügigen Retouchen hatten es aber in sich.

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Anmerkungen

  1. 1.
    In: Über Alfred Andersch,hg. von Gerd Haffmans. Zürich 1980, S. 125.Google Scholar
  2. 2.
    Bernhard Jendricke: Alfred Andersch. Reinbek 1988. - Stephan Reinhardt: Alfred Andersch. Eine Biographie. Zürich 1990.Google Scholar
  3. 3.
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  4. 4.
    Ebd., S. 88 ff.Google Scholar
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  6. 6.
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  9. 9.
    Alfred Andersch: „Hundert Pfund“. Eine der frühesten, nicht veröffentlichten Erzählungen, ca. Mitte 1945 in den USA geschrieben, unter demselben Pseudonym „Anton Windisch” wie die Kurzgeschichte „Fräulein Christine“, die am 15.6.1945 im US-Ruf erschien. Ms. Typoskript, Nachlaß DLM. Veröff. in: Volker Wehdeking: Alfred Andersch. Zwei Texte, STZ 27 (1989), H. 112, S. 281–285.Google Scholar
  10. 10.
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  11. 11.
    Andersch, „Hundert Pfund“, STZ 27 (1989), H. 112, S. 284.Google Scholar
  12. 12.
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    In: Mittelweg 36, Themenheft „Aspekte der Nachkriegsliteratur“, H. Dez./Jan. 1992/93, S. 98.Google Scholar
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  18. 18.
    Hier nach dem Nachlaß-Ms. zitiert, Ms. Typoskript DLM, Bl. 4 f.Google Scholar
  19. 19.
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  20. 20.
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  26. 26.
    Vgl. „Fallengelassene und andere Vor-sätze“ im Nachlaß, dort als „Entwurf: Einleitung 20.12.71” präzis datiert, Ms. S. 2, Absatz 3, „Dr. Benno Schefold“; nachlesbar in: Volker Wehdeking: Anfänge westdeutscher Nachkriegsliteratur. Aachen 1989, S. 201 ff.Google Scholar
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  30. 30.
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    Andersch, Kirschen,S. 74.Google Scholar
  34. 34.
    Barrer, Andersch: Kirschen,1984,S. 9.Google Scholar
  35. 35.
    Vgl. Reinhardt 1990, S. 300.Google Scholar
  36. 36.
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  38. 38.
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  39. 39.
    Elisabeth Plessen: „Über die Frauengestalten in Alfred Anderschs Romanen“. In: Wehdeking (Hg.), Zu Alfred Andersch,S. 118–131.Google Scholar
  40. 40.
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  41. 41.
    Vgl. Rhys W. Williams in diesem Band.Google Scholar
  42. 42.
    Irene Heidelberger-Leonard: Alfred Andersch: Die ästhetische Position als politisches Gewissen. Frankfurt a.M. 1986, S. 143.Google Scholar
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  44. 44.
    Vgl. oben und der Beitrag von Martin Huber in diesem Band.Google Scholar
  45. 45.
    Andersch, Winterspelt,S. 64.Google Scholar
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  48. 48.
    NachlaBnotiz, Deutsches Literaturarchiv Marbach, Nr. 78.7323. Vgl. Anm. 53 bei Martin Huber in diesem Band.Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1994

Authors and Affiliations

  • Volker Wehdeking

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