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Nach der Revolte. Die literarische Verarbeitung der Studentenbewegung

  • Michael Buselmeier
Part of the LESEN book series (LES)

Zusammenfassung

Mit der triumphierenden Parole „Jetzt dichten sie wieder!“ glaubte die Illustrierte „stern“ im Oktober 1974 den resignierenden Rückzug der Schriftsteller aus der Politik trendmäßig festschreiben zu können. Oberflächlich betrachtet scheint die literarische Entwicklung seit 1973 die marktbezogene Trend-Bestimmung des „stern“ auch zu bestätigen. Großkritiker und Literaturprofessoren haben, nicht ohne innere Befriedigung, in eindimensionalen Einschätzungen die Illustriertenschreiber oft noch übertroffen. Das Politische gegen das Poetische ausspielend, konstatiert Marcel Reich-Ranicki anläßlich der Frankfurter Buchmesse 1975 eine „Abwendung von Theorie, Ideologie und Politik einerseits und Hinwendung zum Künstlerischen in der Literatur“ andererseits. Die „Rückkehr zur schönen Literatur“, das Interesse „für Privates und Individuelles“ sei nur „die Folge einer einseitigen Politisierung der Literatur“2. Und Eberhard Lämmert spricht wenige Monate später, im Blick auf die ersten vier Bände der Zeitschrift „Literaturmagazin“, von einem „Bereinigungsprozeß der intellektuellen Linken“; die „Götterdämmerung eines vordergründigen politischen Engagements“ sei im Gang: „Die Erde hat sie wieder.“3

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Anmerkungen

  1. 1.
    H. M. Enzensberger: Verteidigung der Wölfe, Frankfurt/M. 1957, S. 70.Google Scholar
  2. 2.
    M. Reich-Ranicki: Rückkehr zur schönen Literatur, in: FAZ, B. 10. 1975.Google Scholar
  3. 3.
    E. Lämmert: Die Erde hat sie wieder, in: DIE ZEIT 2/1976. Umgekehrt warnt M. Zeller in einer Rezension von,Literaturmagazin 5’ (FAZ, 24. 7. 1976) vor „gefährlich resignativen Beiträgen“, in denen er die Revolte von 1968 „verraten” wähnt. Um zu solchem Ergebnis zu gelangen, muß er die eigentlichen Intentionen der Autoren übersehen: sie wollen die Zerstörung des Realitätssinns der Menschen sichtbar machen sowie Formen des Standhaltens, z. B. in der Verteidigung von Heimat und Natur. Diesen vermittelt politischen Ansatz will der FAZ-Kritiker durch willkürlich herausgegriffene Zitate diskreditieren, wobei er sich zum Schein auf die Seite der begrifflichen Aufklärung schlägt und die Linke zur „Wachsamkeit“ mahnt.Google Scholar
  4. 4.
    W. Schütte: Ober das,Literaturmagazin 4’, in: FR, 11. 10. 1975.Google Scholar
  5. 5.
    H. Marcuse: Konterrevolution und Revolte, Frankfurt/M. 1973, S. 124.Google Scholar
  6. Vgl. auch J. Habermas: Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus, Frankfurt/M. 1973, S. 110;Google Scholar
  7. P. Gorsen: Transformierte Alltäglichkeit oder Transzendenz der Kunst?, in: Das Unvermögen der Realität. Beiträge zu einer anderen materialistischen Ästhetik, Berlin 1974, S. 129 ff.Google Scholar
  8. 6.
    Gorsen, a. a. 0., S. 139.Google Scholar
  9. 7.
    Vgl. H. J. Krahl: Konstitution und Klassenkampf, Frankfurt/M. 1971;Google Scholar
  10. J. Schmierer: Zur Analyse der Studentenbewegung, in: Rotes Forum 5/1969;Google Scholar
  11. O. Negt/A. Kluge: Öffentlichkeit und Erfahrung, Frankfurt/M. 1972;Google Scholar
  12. Marxistische Aufbauorganisation: Die Krise der kommunistischen Parteien, München und Erlangen 1973;Google Scholar
  13. M. Kukuck: Student und Klassenkampf, Hamburg 1974.Google Scholar
  14. 8.
    R. zur Lippe: Objektiver Faktor Subjektivität, in: Kursbuch 35/1974, S. 1 ff.Google Scholar
  15. 9.
    P. P. Zahl: Von einem, der auszog, Geld zu verdienen, Düsseldorf 1970, S. 119 f.Google Scholar
  16. 10.
    F. Viebahn, in: Sie schreiben zwischen Moers und Hamm, hrsg. von H. E. Käufer und H. Wolff, Wuppertal 1974.Google Scholar
  17. 11.
    W. Schütte: Zeitgenosse Lenz, in: FR, 13. 10. 1973.Google Scholar
  18. 12.
    P. Laemmle: Büchners Schatten, in: Akzente 5/1974, S. 469.Google Scholar
  19. 13.
    Vgl. die in ihrer Tendenz ähnlichen „Lenz“-Rezensionen von W. SchröderGoogle Scholar
  20. in: Weimarer Beiträge 12/1974, S. 128 ff.Google Scholar
  21. K. Dautel, in: Sozialistische Zeitschrift für Kunst und Gesellschaft 23–24/1974, S. 106 ff.Google Scholar
  22. Grobschlächtig argumentiert auch M. Schneider, in: Die lange Wut zum langen Marsch, Reinbek 1975, S. 317 ff.Google Scholar
  23. Unübertroffen in Borniertheit und Dogmatik ist freilich der Artikel über P. Schneider, in: Kommunistische Volkszeitung, 26. 2. 1976 („Die Kunst des Kapitulantentums“).Google Scholar
  24. 14.
    P. Schneider: Lenz, Berlin 1973, S. 40.Google Scholar
  25. 15.
    P. Schneider: Ansprachen, Berlin 1970, S. 7 ff.Google Scholar
  26. 16.
    P. Schneider: Die Phantasie im Spätkapitalismus und die Kulturrevolution, in: Kursbuch 16/1969, S. 27.Google Scholar
  27. 17.
    P. Schneider: Können wir aus den italienischen Klassenkämpfen lernen?, in: Kursbuch 26/1971, S. 1.Google Scholar
  28. 18.
    Vgl. dazu: „Wir wollen alles“, die wichtigste spontaneistische Zeitung in der BRD, die zwischen März 1973 und Juni 1975 in 27 Nummern erschien.Google Scholar
  29. 19.
    Georg Büchner: Werke und Briefe, Leipzig o. J., S. 108.Google Scholar
  30. 20.
    U. Timm: Heißer Sommer, München 1974, S. 52.Google Scholar
  31. 21.
    U. Timm: Diskussionsbeitrag in: Arbeitstagung der DKP zu Fragen der Literatur, München 1974, S. 136.Google Scholar
  32. 22.
    Wenn H. P. Piwitt (Rückblick auf heiße Tage, in: Literaturmagazin 4/1975, S. 41) das Scheitern der DKP-Romane primär auf das „Handikap der falschen Erzählhaltung“ zurückführt, so greift er damit zu kurz. Er drückt sich um die politische Kritik politisch gemeinter Romane. Zumal sich Wirklichkeit aus der Er-Perspektive durchaus differenziert darstellen ließe, wie aktuelle Beispiele zeigen.Google Scholar
  33. 23.
    Wesentlich plumper inszeniert Klaus Konjetzky in einer Kneipenszene seiner lyrischen Autobiographie „Poem vom Grünen Eck“ (München 1975, S. 48) Selbsthaß und Arbeiterfetischismus: „Wir (die Studenten) reden/ über die Titten der Bedienung./ Sie (die Arbeiter am Nebentisch) diskutieren/ über die Unruhe in Werkshalle 9.” Umgekehrt wäre wenigstens eine Pointe abgefallen. — Zu Konjetzkys Partei-Idylle in der Kneipen-BehaglichkeitGoogle Scholar
  34. vgl. J. Theobaldy/G. Zürcher: Veränderung der Lyrik, München 1976, S. 156 ff.Google Scholar
  35. 24.
    Es ist wohl kaum ein Zufall, daß der Vertreter der traditionalistischen Linie im SDS und spätere DKP-Funktionär im Roman „Lister“ heißt. Den Namen trug der stalinistische Kommandant der 11. Division im spanischen Bürgerkrieg, der 1937 für die Liquidierung der Selbstverwaltung der Bauern in Aragon verantwortlich war.Google Scholar
  36. 25.
    R. Lang: Ein Hai in der Suppe oder Das Glück des Philipp Ronge, München 1975,S. 176.Google Scholar
  37. 26.
    P. Handke: Die Tyrannei der Systeme, in: DIE ZEIT 2/1976.Google Scholar
  38. 27.
    Piwitt, a. a. O.Google Scholar
  39. 28.
    A. Kluge: Gelegenheitsarbeit einer Sklavin. Zur realistischen Methode, Frankfurt/M. 1975, S. 232.Google Scholar
  40. Vgl. auch die Ausführungen von Negt/Kluge (a. a. O., S. 384 ff.) zur Lagermentalität der KPD vor 1933.Google Scholar
  41. 29.
    Vgl. dazu: Kontext 1. Literatur und Wirklichkeit, hrsg. von U. Timm und G. Fuchs, München 1976. Speziell die Aufsätze von Timm, Mattenklott, Lang, Hitzer, Ritter und Fuchs zeichnen sich durch dogmatische Beschränkung aus.,Entlarvt` werden einmal mehr all jene, denen die kapitalistische Klassengesellschaft undurchschaut bleibe und der Staat schlechthin als das dem auf Selbstverwirklichung drängenden Individuum Feindliche erscheine (Brinkmann, Handke, Struck, Born); diese Haltung sei Ausdruck „spätbür-Google Scholar
  42. gerlicher Dekadenz“ (S. 254). Für einen naiven Abbild-Realismus und gegen „bourgeoise Ideologieplaner” (worunter er so verschiedene Leute wie Peter Demetz, Reich-Ranicki, Jörg Drews und Peter Bruckner subsumiert) plädiert R. Lang; Autoren wie Brückner, die von der Weltanschauung des Marxismus-Leninismus abweichen, „huren in der marxistischen Theorie herum“ (Lang, a. a. O., S. 83). Auf welch hohem Niveau stand dagegen selbst Lukâcs’ Dekadenzvorwurf gegen die Moderne (Proust, Kafka, Joyce, Beckett) in seinem Buch „Wider den mißverstandenen Realismus” (1958). Doch läßt sich, was Adorno damals gegen Lukacs einwandte, bruchlos auf die DKP-Literaturtheorie übertragen: „Die gesamte moderne Literatur, soweit auf sie nicht die Formel eines sei’s kritischen, sei’s sozialistische Realismus paßt, ist verworfen, und es wird ihr ohne Zögern das Odium der Dekadenz angehängt, ein Schimpfwort, das nicht nur in Rußland alle Scheußlichkeiten von Verfolgung und Ausmerzung deckt… Die Rede von Dekadenz ist vom positiven Gegenbild kraftstrotzender Natur kaum ablösbar; Naturkategorien werden auf gesellschaftlich Vermitteltes projiziert“ (Tb. W. Adorno: Erpreßte Versöhnung, in: Noten zur Literatur II, Frankfurt/M. 1961, S. 156 f.).Google Scholar
  43. 30.
    R. Lettau: Eitle Überlegungen zur literarischen Situation, in: Literaturmagazin 4, S. 21.Google Scholar
  44. 31.
    Th. W. Adorno: Form und Gehalt des zeitgenössischen Romans, in: Akzente, 1. Jg. 1954, Heft 5, S. 412.Google Scholar
  45. 32.
    P. Handke: Falsche Bewegung, Frankfurt/M. 1975, S. 51 f.Google Scholar
  46. 33.
    P. Handke: Als das Wünschen noch geholfen hat, Frankfurt/M. 1974, S. 76 f.Google Scholar
  47. 34.
    J. Theobaldy: Blaue Flecken, Reinbek 1974, S. 38. Der Fall des Assessors Topp liegt auch Peter Schneiders „… schon bist du ein Verfassungsfeind“ (Berlin 1975) zugrunde.Google Scholar
  48. 35.
    Ober die Schwierigkeiten linker Literatur“, in: Marxistische Studenten-Zeitung (München), Nr. 3/1975.Google Scholar
  49. 36.
    W. Schütte: Ober das,Literaturmagazin 4’, a. a. O. Vgl. auch J. Theobaldy: Das Gedicht im Handgemenge, in: Literaturmagazin 4, S. 64 ff.;Google Scholar
  50. H. Dittberner: Unterwegs mit den Leuten, in: FR, 20. 9. 1975.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1977

Authors and Affiliations

  • Michael Buselmeier

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