»Eine Gegend voller Geheimnisse«

Zu Irene Disches Erzählung »Eine Jüdin für Charles Allen« und Wendehälsen der anderen Art
  • Susanne Klockmann

Zusammenfassung

Kurz bevor im Jahre 1989 die Berliner Mauer fiel, erschien in Deutschland das erste Buch von Irene Dische: Fromme Lügen.1 Der in der “Anderen Bibliothek” des Eichborn-Verlages erschienene Erzählungsband erregte sofort einiges Aufsehen. In den Medien wurde er vielfach und oftmals etwas ratlos besprochen.2 Die limitierte Auflage war nach wenigen Wochen vergriffen. Ihr folgte eine Erfolgsausgabe, etwas, was nur wenigen Bänden der Reihe beschieden ist. Ein großer Erfolg also! Die Erzählungen der in Deutschland lebenden amerikanischen Autorin handeln vor allem von der ersten und zweiten Generation vor dem Nationalsozialismus in die Vereinigten Staaten geflohener deutscher Juden, ihrem komplizierten Verhältnis zu sich selbst, zu ihrer neuen und zu ihrer alten Heimat. Und sie handeln vom Antisemitismus — vor allem von dem in ihrer alten Heimat.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Im weiteren Text erscheinen Seitenzahlen der Verweise auf den Text in Klammern.Google Scholar
  2. 2.
    Als Beispiele für das Medienecho seien hier nur genannt: Verena Auffermann, “Marmelade am Autogriff”, Frankfurter Rundschau, 7.4.1990; Georg Eyring, “Fertig wird man nie”, Die Zeit, 46/89 (10.11.1989); Günther Grack, “Gretchen will Esther sein — und umgekehrt”, Der Tagesspiegel 11.10.1989; Walter Hinck, “Im Wartesaal Berlin”, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4.11. 1989; Agnes Hüfner, “Mit frommen Lügen die Wahrheit aushalten”, Süddeutsche Zeitung, 14. 11.1989; Gunhild Kübier, “Auf der Demarkationslinie”, Neue Zürcher Zeitung, 21.12.1989; “Leben auf Leichenbergen”, die tageszeitung, 15.12. 1989; Rainer Traub, “Im Seziersaal der Literatur”, Der Spiegel, 40/1989, (2.10.1989), S. 261-265Google Scholar
  3. 3.
    Die Ausdrücke “wahre” und “falsche” Identität sind in Anführungszeichen gesetzt, weil Identität immer eine Fiktion ist, die im eigentlichen Sinne des Wortes nicht wahr oder falsch sein kann. Mit dem in dieser Geschichte angewandten Erzählmodell, das mit einem traditionellen allwissenden Erzähler operiert, kann dies jedoch weder benannt noch untersucht werden. Da es mir in diesem Aufsatz nicht um eine literarische Beurteilung der Erzählung geht, verwende ich die allgemein-sprachlich gängigen Begriffe in dieser Form.Google Scholar
  4. 4.
    Aus dem Munde ihrer Mutter wird uns dazu nur folgendes mitgeteilt: “Nach dem Krieg durfte er [der Vater] nicht mehr praktizieren, und ich habe uns als Putzfrau durchgebracht. Ich hatte ein schweres Leben und war nicht immer guter Dinge. Und dann bekommt Margret mit fünfzehn auf einmal diesen Tick. Behauptet, sie heißt Esther. Färbt sich ihr schönes Haar schwarz. Blonde Haare hatte sie, wie ein Engel. Man muß die Farbe wohl literweise drauftun, um sie so schwarz zu kriegen.” (S. 71) Esthers Antwort darauf lautet: “Das ist gar nicht meine richtige Mutter. [.] Die Nazis haben meine richtige Mutter gefunden, kaum daß ich geboren war. Sie haben sie ermordet. Das hier ist meine Stiefmutter, die mich immer gehaßt hat. Sie hat mir die Zähne eingeschlagen, als ich zehn war.” (S. 71)Diese beiden Bruchstücke oder Varianten eines Geschehens könnten kaum weiter voneinander entfernt liegen: die Version der Mutter “Ich hatte ein schweres Leben und war nicht immer guter Dinge,’” und Esthers Antwort “’sie hat mir die Zähne eingeschlagen, als ich zehn war”’ bleiben unverbunden und unaufgelöst nebeneinander stehen. Der Leser kann nur vermuten, daß die “Lügengeschichte” Esthers (S. 44/49), die sie in zwei Etappen und u. a. von einem Nachspiel des Klatschspiels unterbrochen auf einer Party erzählt, ein weiteres Bruchstück dessen ist, was sich damals zugetragen hat.Google Scholar
  5. 5.
    Auf diese Bedeutung für das Kollektiv verweist der Namenwechsel selbst. Der Name Margret zitiert sowohl das blonde Gretchen in Goethes Faust, als auch den Vers “dein goldenes Haar Margarete”, das in der “Todesfuge” Paul Celans dem Vers “dein aschenes Haar Sulamith” entgegengesetzt wird. (Paul Celan, “Todesfuge”, zitiert nach ders., Gedichte in zwei Bänden, I, (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1971), S. 41/42.) Die blonde, blauäugige Margret ist der literarische Inbegriff des Deutschen. Margret Becker nennt sich jedoch nicht nach Sulamith, an die das Lied der Lieder gerichtet ist und die bei Paul Celan zum Symbol des verbrannten Volkes wird, sondern nach der jüdischen Königin Persiens, die ihre Herkunft verbergen muß, um den König Ahasveros heiraten zu können. Erst als sie von der tödlichen Verschwörung Hamans gegen die Juden erfährt, offenbart sie sich und bewahrt ihr Volk vor der Vernichtung. Haman, der Feind der Juden, hatte zum König Ahasveros gesagt: “Gefällt es dem König, so lasse er schreiben, daß man sie [die Juden] umbringe; so will ich zehntausend Zentner Silber darwägen in die Hand der Amtleute, daß man’s darbringe in die Schatzkammer des Königs.” (Est. 9; zitiert nach der Übersetzung Luthers) (Schon damals war der Judenhaß mit eindeutigen materiellen Interessen verbunden.) Esther holt vom König die Erlaubnis ein, daß sich die Juden nach der Aufdeckung der Verschwörung Hamans an ihren Feinden rächen können. Haman wird an dem Galgen gehängt, den er für den Onkel Esthers, Mordechai, hatte errichten lassen.Google Scholar
  6. 6.
    Philipp Maußhard, “Es gibt zwei Leben vor dem Tod”, taz, 29.9.1995; “‘Es war oft auch recht lustig,’” Der Spiegel, 42/1995, S. 92-101; Birgit Lahann, “Was geschah in Kolomea”, Stern, 42/ 1995, S. 206-211. Als Beispiele für die in der taz erschienenen Artikel seien hier nur genannt: Edgar Hilsenrath, “Und immer ein jähes Ende”, die tageszeitung, 11.10.1995, S. 15; “‘Ich war ein kleiner, fanatischer Nazi,’” (Interview mit Otto Köhler), die tageszeitung, 25.10.1995, S. 18.Google Scholar
  7. 7.
    Wir dürfen vermuten, daß die Zwischenüberschriften der Erzählung dabei eine Art Wegweiser und Subtext zu dem inhaltlich-chronologischen Fortgang der Geschichte darstellen. Insgesamt sind es 38-davon sind fünf Abschnitte nicht aus der Perspektive Charles’, sondern aus einer unbekannten erzählt und zeitlich vorgezogen: Sie berichten von der Zeit Esthers mit Johannes Allerhand; die ersten drei tragen die Überschrift “Esther von innen — eine rätselhafte Landschaft”, die vierte heißt “Esther von innen — eine seltsame Landschaft”, und die fünfte lautet “Esthers Geburt in eine Gegend voller Geheimnisse.” Die Anzahl der Zwischenüberschriften-33 und 38 (nach ihrer jeweiligen zeitlichen Einordnung) — verweist darauf, daß es in der Erzählung u. a. um den Zeitraum zwischen 1933 und 1938 geht, als die Grundlagen der nationalsozialistischen Ausgrenzung und Ermordung der Juden gelegt wurden.Google Scholar
  8. 8.
    Das Verbergen selbst kehrt in dem Namenszusatz Mauer wieder, mit dessen Hilfe “Mauer-Schmidt” von den “wahren” Schmidts unterschieden wird.Google Scholar
  9. 9.
    Nach dem Mauerbau waren Vergleiche Ostberlins mit einem von Stacheldraht umzäunten Ghetto oder Konzentrationslager durchaus üblich. Siehe dazu den Dokumentationsband von Hans Werner Richter (Hg.), Die Mauer oder Der 13. August, (Reinbek: Rowohlt, 1961), darin vor allem S. 56 ff. und 129 f.Google Scholar
  10. 10.
    Diese These lehnt sich an eine Peter Brückners an, die er in seinem Buch Versuch, uns und anderen die Bundesrepublik zu erklären (Berlin: Klaus Wagenbach, 1978) ausführt.Google Scholar
  11. 11.
    Das Thema Geld durchzieht die gesamte Erzählung. Esther, die es mit allen Mitteln verdient, behauptet andererseits, daß der schlimmste Dreck von nassen Münzen komme. (S. 52) In dieser Abneigung ähnelt sie der anfänglichen Zimmerwirtin von Charles, die “Geld zwar notwendig [findet], aber so eklig wie Fäkalien.” (S. 11) Ihr Lamento über die gestiegenen Butterpreise hatte Charles veranlaßt, sich am 28. Tag seines Aufenthalts in Berlin doch noch um sein Erbe zu kümmern. (S. 7/8).Google Scholar
  12. 12.
    In zeitlicher Reihenfolge handeln sie — wie oben zitiert — von Esthers Flucht, von einem Ausflug Allerhands und Esthers an einen Berliner See, bei dem er noch einmal anfängt zu graben, um unter einem Baum eine Blechdose mit bundesrepublikanischen Pässen hervorzuholen (S. 52-54), von seinem Verlust der geschäftlichen Macht an Esther (S. 40/41), von seinem Freitod in Esthers Wohnung (S. 34/35) und von seiner Begräbnisfeier (S. 17-19).Google Scholar
  13. 13.
    Die Bedrohung durch den Osten erscheint in der Rede der Mutter, der Vertreterin der Tätergeneration, als Kaffeemangel, als extreme Bedürftigkeit, die zur Annahme von Almosen zwingt, die im Westen als falscher Verführungsversuch zurückgewiesen werden können. Charles verrät sie: “Den sie vorher hatte, der war viel zu alt für sie. Ich habe nie erfahren, wie er mit Vornamen hieß. Er hat mir immer Pralinen mitgebracht. Ich glaube, er wollte mich becircen. Im Osten brachte er mir Kaffee mit. Bei Kaffee konnte ich nicht nein sagen, wir hatten ja keinen. Aber die Pralinen solle er selbst behalten, habe ich ihm gesagt.” (S. 67).Google Scholar
  14. 14.
    Die vierte Szene beschreibt, wie Esther und Johannes Allerhand nach Hause kommen und er sie bittet, ihm Bratkartoffeln mit Speck zu machen. Sie verweigert ihm das. “‘Du bist alt und gräßlich,’ antwortete sie. ‘Du solltest nie wieder etwas essen dürfen. Verhungern lassen sollte man dich, schon aus humanitären Gründen.’” (S. 35) Als ihm Esther kurz darauf den Rücken zuwendet, weil sie sich am Herd zu schaffen macht, nimmt sich Allerhand das Leben: Er läßt sich mit dem Schlund auf ein Messer fallen. “Das Messer hielt ihn aufrecht, aber vor ihren Augen kippte sein Kopf zur Seite und fiel auf den Teller.” (S. 35) Esthers Kommentar: “‘Du widerliches Dreckschwein, wie ich dich hasse,’ sagte sie zu ihm.” (S. 35). Die fünfte Szene handelt weniger von ihrer “Unfähigkeit zu trauern”, als von der Unwilligkeit, dies zu tun. Gegen ihren Willen stürzen ihr plötzlich Tränen über ihr Gesicht. Als eine Nachbarin ihr ihre Aufwartung machen will, herrscht sie sie barsch an und begründet dies gegenüber ihren Freunden: “‘Die Frau hat Johannes gehaßt. Warum soll ich jetzt so tun, als wär ich die Güte selbst?’ Sie lachte schallend, und damit konnte die Party weitergehen.” (S. 19).Google Scholar
  15. 15.
    Daß Irene Dische selbst zu dieser biographischen Rezeption ihres ersten Buches wesentlich beigetragen hat, sei hier nur am Rande erwähnt.Google Scholar
  16. 16.
    Der Vergleich mit Faßbinder bezeichnet diese in der biographischen Rezeption enthaltene Annahme sehr genau. Dessen Stück “Die Stadt, der Müll und der Tod” konfrontiert das antisemitische Stereotyp ja gerade nicht mit einer anders gelagerten Geschichte, sondern wiederholt es. Ganz abgesehen davon, daß es erst nach heftigen Protesten der jüdischen Gemeinde Frankfurts gegen eine Aufführung des Stücks in der Stadt zum Mittelpunkt öffentlicher Kontroversen wurde. Das Stück selbst war ebenso wie der Roman von Gerhard Zwerenz, Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond, an den es sich anlehnt, vollkommen unbeachtet geblieben.Google Scholar
  17. 17.
    Der “Fall” Grubbe war nach einem Monat weitgehend aus den Medien verschwunden. Nach jeweils einem Bericht im Stern und im Spiegel beschäftigte sich nur noch die taz weiter damit.Google Scholar
  18. 18.
    Tilman Zülch, “Warum den alten Mann an den Pranger stellen”, taz, 29.9.1995. Dies ist auch Grubbes eigene Antwort auf die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen (die in merkwürdigem Gegensatz zu seiner Behauptung stehen, er selbst habe nichts Schlimmes getan, sondern den Menschen nur helfen wollen). Nachzulesen ist dies unter anderem in einem am 21.10.1995 in der taz veröffentlichten Artikel mit der Überschrift “Selbstdarstellung eines Selbstbetrügers”, der in Auszügen einen Brief Grubbes an Axel Eggebrecht wiedergibt, der in dessen Nachlaß gefunden wurde. Eggebrecht hatte seinem Freund Grubbe 1989 geschrieben und ihn aufgefordert, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. In seinem ausweichenden Antworfbrief behauptet Grubbe, bei seiner Tätigkeit als Kreishauptmann in Kolomea habe er das Schlimmste verhindern wollen. Dies sei eine Illusion gewesen. Nichtsdestotrotz habe er einzelnen Juden mit falschen Pässen helfen können. (Für diese Behauptung hat sich kein Zeuge gefunden.) Er habe aber versucht, aus seinen Fehlern zu lernen. Deshalb sei er nach 1945 nicht Richter geworden, wie er es der Ausbildung nach ja eigentlich sei, sondern habe versucht, Menschen zu helfen, die in Not seien.Google Scholar

Literatur

  1. Arendt, Hannah 1990: Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Leipzig: Reclam (ursprünglich München: Piper, 1964).Google Scholar
  2. Dische, Irene 1989: Fromme Lügen. Frankfurt am Main: Eichborn (Die Andere Bibliothek).Google Scholar
  3. Grubbe, Peter 1961: Im Schatten des Kubaners: Das neue Gesicht Lateinamerikas. Hamburg: Christian Wegner.Google Scholar
  4. Grubbe, Peter 1991: Der Untergang der Dritten Welt: Der Krieg zwischen Nord und Süd hat begonnen. Hamburg: Rasch und Röhrig.Google Scholar
  5. Maußhard, Philipp 1995: “Es gibt zwei Leben vor dem Tod”. In: die tageszeitung, 29. 9.Google Scholar
  6. Rürup, Reinhard (Hrsg.) 1987: Topographie des Terrors: Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt auf dem “Prinz-Albrecht-Gelände”. Eine Dokumentation. Berlin: Willmuth Arenhövel.Google Scholar
  7. Steinberg, Werner 1989: “Die Leiche im Keller des Peter Grubbe”. In: Sinn und Form: Beiträge zur Literatur, 41 (1989), Nr. 5, S. 975–991.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1996

Authors and Affiliations

  • Susanne Klockmann

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