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Wahrnehmen, Beschreiben und Erklären

  • Dieter Wunderlich
Part of the WV studium book series (WVST, volume 17)

Zusammenfassung

Wir erinnern uns kurz an die Art der Situationen, von denen gesagt wurde, in ihnen beginne Wissenschaft, sie würden zu einer wissenschaftlichen Fragestellung motivieren — sei es, daß sie dazu führen, ein Problem zum erstenmal sichtbar zu machen, sei es, daß sie zur Erneuerung einer Fragestellung im Rahmen einer Institution der Wissenschaft führen.1 Das Charakteristische dieser Situationen ist, daß sich die Menschen vorgängig in einem Kontext von Selbstverständlichkeiten bewegt haben: Sie haben gelernt, ihre lebenspraktischen Situationen zu bewältigen, und stützen sich dabei fraglos auch auf Erfahrungen, die nicht sie selbst, sondern andere gemacht haben und denen sie vertrauen, sie stützen sich auf Verallgemeinerungen, Abstraktionen, Annahmen, Wertvorstellungen, Vorurteile, Stereotype, ohne dabei zu fragen, wie sicher oder wie berechtigt diese sind. Eine primäre Problemsituation liegt dort vor, wo dieser Kontext von Selbstverständlichkeiten in bestimmter Weise gestört wird. Ich nenne drei typische Arten von Störung:
  1. 1.

    Es werden neue Erfahrungen gemacht, die sich in die bisherigen nicht eingliedern lassen; sie befremden, lassen erstaunen, sind rätselhaft. Dabei mag es sich um ganz neue Phänomene handeln oder um an sich bekannte Phänomene, die jedoch in Situationen vorkommen, in denen sie nicht erwartet wurden.

     

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Literatur

  1. 1.
    Ich rekonstruiere hier den Beginn von Wissenschaft in idealisierender Weise. Für den einzelnen beginnt Wissenschaft nicht unbedingt mit derartigen primären Problemsituationen: Dem Studenten werden viele Probleme aus zweiter Hand vermittelt, in der Wissenschaftsentwicklung sind die Probleme bereits strukturiert, und neue Probleme sind z. T. aus der wissenschaftlichen Arbeit selbst erwachsen. Dissertationen und Forschungsprojekte sind oft motiviert durch Zufälle, Interessen von Geldgebern, Verlegerinteressen, Vorlieben des «Doktorvaters» usw.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. F. Klix, Information und Verhalten, Berlin/Bern/Stuttgart/Wien 1971, 265 ff.Google Scholar
  3. 3.
    Stegmüller gibt den hinreichenden Bedingungen für das Vorliegen einer Disposition D die Form: «Sofern x der Bedingung Bi unterworfen wird, so hat x, falls x in der Weise Ri reagiert, die Eigenschaft D», und den notwendigen Bedingungen die Form: «Wenn x die Eigenschaft D hat, dann wird x unter der Testbedingung BJ in der Weise RJ reagieren.» Stegmüller verteidigt dort auch die Auffassung, daß Aussagen dieser Form empirische Gesetzmäßigkeiten formulieren; sie verwenden Ausdrücke der Beobachtungssprache, und das Dispositionsprädikat D kann bei geeigneter Umforrnulierung sogar weggelassen werden. (W. Stegmüller, Wissenschaftliche Erklärung und Begründung, Berlin/Heidel-berg/New York 1969, 123.)Beispiele für Dispositionsprädikate sind <magnetisch>, <zerbrechlich>, <lösbar>, und in einem weiteren Sinne etwa <gefährlich>, <lernfähig>. Ich verwende den Dispositionsbegriff hier in einem umfassenderen Sinn, als dies die meisten Wissenschaftstheoretiker tun (wie Stegmüller, Hempel, Carnap). Bei den sogenannten reinen Dispositionsprädikaten können die Bedingungen Bi und die Reaktionen Ri in einer extensionalen Beobachtungssprache formuliert werden; Dispositionsprädikate sind deshalb für Carnap keine theoretischen Terme (vgl. R. Carnap, «Theoretische Begriffe der Wissenschaft. Eine logische und methodologische Untersuchung», in: Zeitschrift für philosophische Forschung 14 [1960] 209–233, 571–584; = deutsche Übersetzung eines Aufsatzes in den Minnesota Studies Vol. I, 1956, s. v. § IX «Dispositionsbegriffe»). Wenn ich von Dispositionen des sozialen Verständigens rede, ist die Reduktion auf reine Beobachtungsbegriffe nicht möglich: Die Bedingungen Bi (bestimmte Kommunikationssituationen) und die Reaktionen Ri (z. B. ein Verstehen und Akzeptieren) müssen in theoretischen Begriffen formuliert werden. In einer Nebenbemerkung (S. 575) spricht Carnap in diesem Zusammenhang von theoretischen Dispositionstermen. Wahrscheinlich ist der erweiterte Dispositionsbegriff in dieser theoretischen Weise zu verstehen.Google Scholar
  4. 4.
    Eine der Methoden zu lernen, sich sprachlichen Phänomenen gegenüber bewußt wahrnehmend zu verhalten, besteht darin, die eigene Sprache zu verfremden, sie auf einem Tonband aufzunehmen und dann das Tonband genau abzuhören. Die eigene Sprache hört man gewöhnlich mit der Knochenleitung zwischen artikulierendem Organ und Innenohr; das Mikrophon nimmt jedoch nur die artikulierten Schallwellen der Luft auf. Das Erlernen fremder Sprachen verlangt zwangsläufig erhöhte und bewußte Aufmerksamkeit gegenüber sprachlichen Phänomenen; es kann deshalb auch methodisch zum Schulen sprachlicher Wahrnehmung verwendet werden.Google Scholar
  5. 5.
    In einigen Sprachen gibt es Verben, die die Formen aufmerksamer Wahrnehmung bezeichnen: z.B. <listen> gegenüber <hear> und <look> gegenüber <see> im Englischen; <hinhören> gegenüber <hören> und <hinsehen> gegenüber <sehen> im Deutschen. Im Englischen kann man sagen <listen to me>, <look at that>, aber nicht <hear to me>, <see at that>.Google Scholar
  6. 6.
    Strukturierung eines Problems, Beschreibung von Verhaltensweisen und Erhebung von Daten sind immer theorieorientiert. Über die Art der Theorie setze ich hier nichts voraus. Insbesondere gehe ich von keinem strikten Operationali-sierungsprogramm aus (d. h. daß Beobachtungsbegriffe in strenger Weise theoretischen Begriffen zuzuordnen und nur solche Erhebungsverfahren zugelassen sind, bei denen dies gewährleistet ist).Google Scholar
  7. 7.
    Im Sinne von Kap. 3.3 kann statt beobachtetes Phänomen> allgemeiner <in einem primären Datum erfaßtes Phänomen> verstanden werden.Google Scholar
  8. 8.
    Chomskys Grammatiktheorie ist im Sinne der Einteilung Liebs (vgl. Kap. 1.7) eine Theorie der Sprachbeschreibung. Sie ist aber dennoch als empirische Theorie zu verstehen in dem Sinne, daß in ihr alle wichtigen Gemeinsamkeiten menschlicher Sprachen festgestellt werden — sonst wäre es auch sinnlos, in bezug auf Grammatiktheorien von Erklärungsadäquatheit zu sprechen.Google Scholar
  9. 9.
    N. Chomsky, Aspects of the Theory of Syntax, Cambridge (Mass.) 1965 (dt. Übers. Frankfurt 1969, 41).Google Scholar
  10. 10.
    N. Chomsky, The Logical Basis of Linguistic Theory, in: Proceedings of the 9th International Congress of Linguistics (Cambridge, Mass., 1962), The Hague 1964, 914–1008, 923 f.Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. N. Chomsky, Aspects of the Theory of Syntax, Cambridge (Mass.) 1965 (dt. Übers. Frankfurt 1969, 48). — In Chomskys Verständnis von Grammatiktheorie gehört die Zuordnung von Bedeutungen schon nicht mehr zu den Aufgaben einer Grammatiktheorie; deshalb habe ich den Hinweis auf die Bedeutungen in Klammern angefügt. Im Unterschied zu früheren Arbeiten spricht Chomsky in den «Aspects» von 1965 nicht ausdrücklich von Beobachtungsadäquatheit. Ich habe die Bedingungen (1) und (2) von Chomsky in diesem Sinne ausgelegt, da sie ungefähr dem früheren Begriff entsprechen. Ich verzichte hier auf eine nähere Erläuterung der Bedingungen, die Chomsky gibt (was heißt <Satz einer Spracho, was heißt <Strukturbeschreibung> ?). Einzelheiten können z. T. aus der Diskussion im Kap. 8 entnommen werden, in dem ich ausführlich auf Chomskys Buch «Syntactic Structures» von 1957 eingehe. Auch wenn sich 1965 einige Begriffe gegenüber denen von 1957 geändert haben, ist die grundsätzliche Position doch dieselbe geblieben (besonders bezüglich der Rolle der Grammatiktheorie; vgl. Kap. 8.3).Google Scholar
  12. 12.
    Z. B. R. Carnap, Theoretische Begriffe der Wissenschaft, 1960. Siehe außerdem Kap. 6.4.Google Scholar
  13. 13.
    In der Tat findet man in Abhandlungen und Diskussionen, in denen nur intuitive Urteile berücksichtigt werden, in strittigen Fällen oft den Rückzug auf den eigenen Idiolekt (Dialekt); damit ist der Anspruch, etwas über eine Sprache zu sagen — statt über meinen Idiolekt -, aufgegeben.Google Scholar
  14. 14.
    Vermutlich denkt Chomsky, dieses Problem durch die systematische Zweideutigkeit von Begriffen zum Verschwinden zu bringen: Sie werden als Beobachtungsbegriffe wie als theoretische Begriffe verstanden (z. B. <Grammatik>, <Satz>, <Regel>). Dagegen ist einzuwenden, daß z. B. Regeln (als von Sprechern internali-sierte Prozeduren) gar nicht beobachtet werden können; wohl aber sind sie in intuitiven Urteilen feststellbar. Man müßte also behaupten, daß ein intuitives Urteil einem Beobachtungsurteil gleichkommt. Dies widerspricht aber der allgemeinen Annahme, daß in Beobachtungsurteilen nur Einzelfeststellungen möglich sind, während in intuitiven Urteilen ohne weiteres auch generelle Aussagen gemacht werden können. Intuitive Urteile sind potentiell von stärkerer theoretischer Natur als Beobachtungsurteile. Vermutlich denkt Chomsky, dieses Problem durch die systematische Zweideutigkeit von Begriffen zum Verschwinden zu bringen: Sie werden als Beobachtungsbegriffe wie als theoretische Begriffe verstanden (z. B. <Grammatik>, <Satz>, <Regel>). Dagegen ist einzuwenden, daß z. B. Regeln (als von Sprechern internali-sierte Prozeduren) gar nicht beobachtet werden können; wohl aber sind sie in intuitiven Urteilen feststellbar. Man müßte also behaupten, daß ein intuitives Urteil einem Beobachtungsurteil gleichkommt. Dies widerspricht aber der allgemeinen Annahme, daß in Beobachtungsurteilen nur Einzelfeststellungen möglich sind, während in intuitiven Urteilen ohne weiteres auch generelle Aussagen gemacht werden können. Intuitive Urteile sind potentiell von stärkerer theoretischer Natur als Beobachtungsurteile.Vermutlich denkt Chomsky, dieses Problem durch die systematische Zweideutigkeit von Begriffen zum Verschwinden zu bringen: Sie werden als Beobachtungsbegriffe wie als theoretische Begriffe verstanden (z. B. <Grammatik>, <Satz>, <Regel>). Dagegen ist einzuwenden, daß z. B. Regeln (als von Sprechern internali-sierte Prozeduren) gar nicht beobachtet werden können; wohl aber sind sie in intuitiven Urteilen feststellbar. Man müßte also behaupten, daß ein intuitives Urteil einem Beobachtungsurteil gleichkommt. Dies widerspricht aber der allgemeinen Annahme, daß in Beobachtungsurteilen nur Einzelfeststellungen möglich sind, während in intuitiven Urteilen ohne weiteres auch generelle Aussagen gemacht werden können. Intuitive Urteile sind potentiell von stärkerer theoretischer Natur als Beobachtungsurteile.Google Scholar
  15. 15.
    Vgl. Chomsky 1969 (1965), 48, Bedingungen (3) und (4). Eine beschreibungsadäquate Grammatiktheorie charakterisiert also nicht nur (unabhängig voneinander) Sätze und Strukturbeschreibungen von Sätzen, sondern sie kennzeichnet eine ganze Klasse von Hypothesen (die generativen Grammatiken) hinsichtlich der überhaupt möglichen Strukturbeschreibungen von Sätzen.Google Scholar
  16. 16.
    Siehe S. Kanngiesser, Aspekte der synchronen und diachronen Linguistik, Tübingen 1972. Vgl. dazu Kap. 11.5.Google Scholar
  17. 17.
    Vgl. Stegmüller 1969, 138 ff.Google Scholar
  18. 18.
    J. Passmore, Explanation in Everyday Life, in Science, and in History, in: History and Theory, Vol. 2 (1962), 105–123. Zitiert nach Stegmüller 1969, 138.Google Scholar
  19. 19.
    Auf die Frage: «Warum ist das so?» soll mit einer Erklärung geantwortet werden, auf die Frage: «Wieso weißt du, daß das so ist?» kann mit einer Erklärung geantwortet werden, es können aber audi ganz andere, z. B. auf die Biographie bezogene Antworten gegeben werden. Die eine Frage ist ohne Bezugnahme auf den Angesprochenen, die andere aber mit einer derartigen Bezugnahme formuliert.Google Scholar
  20. 20.
    Vgl. Stegmüller 1969, 131.Google Scholar
  21. 21.
    Vgl. Stegmüller 1969, 84.Google Scholar
  22. 22.
    Auf den Seiten 153 ff. diskutiert Stegmüller insgesamt neun von verschiedener Seite gegen die These von der strukturellen Gleichartigkeit von Erklärung und Voraussage vorgebrachte Argumente. Eines von ihnen führt zu der Konsequenz, daß entweder B4 oder diese These aufzugeben ist. (In Erklärungen wird E als wahr vorausgesetzt, in Voraussagen werden die Ai als wahr vorausgesetzt.) Stegmüller selbst schlägt statt dessen die Modifizierung vor, bei Erklärungen anstelle der Antezedensbedingungen stets von Ursachen, bei Voraussagen stets von Erkenntnis- oder Vernunftgründen zu sprechen (S. 198). Wenn wir diesem Vorschlag folgten, müßten wir bei vielen sprachwissenschaftlichen Erklärungen eigentlich von Voraussagen sprechen, da wir uns genötigt sahen, <Ursache> oft durch <Grund> zu ersetzen. Dies würde jedoch einen merkwürdigen Begriff von Voraussage ergeben, da er sich auch auf vergangene Ereignisse und Sachverhalte beziehen würde. Dies ist auch Stegmüller selbstverständlich klar; deshalb weitet er den Begriff der Ursache aus. So sagt er: «Des Handelnden Gründe sind dem Erklärenden Ursachen (oder Mitursachen)» (S. 380). (Unter den Gründen, die jemand zur Motivierung seiner Handlungen anführen kann, nennt Stegmüller besonders seine Ziele und seine Überzeugungen.) Bei dieser Festlegung des Begriffs Ursache wird es aber schwierig zu unterscheiden zwischen den von jemandem vorgegebenen Gründen, seinen ihm bewußten Gründen (denen er willentlich folgt) und anderen ihm unbewußten Gründen (so kann auch das Befolgen einer Konvention unbewußt sein; insbesondere triebdynamische Gründe sind meistens unbewußt). Nur unbewußte Gründe können kausale Prozesse einleiten, während bewußte oder vorgegebene Gründe zu kognitiven Entscheidungen führen, und diese erst können kausale Prozesse einleiten.Google Scholar
  23. 23.
    Äußerlich (d. h. der Sprachform nach) ist die Unterscheidung natürlich leicht zu treffen: Gesetze sind generelle Aussagen, Daten (z. B. Beobachtungsaussagen) sind singulare (Existenz-) Aussagen. Generelle Aussagen sind nicht direkt verifizierbar (höchstens induktiv zu bestätigen), Existenzaussagen sind direkt verifizierbar. Inhaltlich ist die Unterscheidung aber problematisch, weil in den Existenzaussagen bereits generelle Begriffe verwendet werden; sie sind daher nicht völlig unabhängig von bestimmten generellen Aussagen zu machen.Google Scholar
  24. 24.
    W. Dray, Laws and Explanation in History, Oxford 1957. Zitiert nach Stegmüller 1969, 379 ff., besonders 384.Google Scholar
  25. 25.
    Vermutlich sollte man in (De) «wäre» durch «ist» ersetzen, sonst würde das Schema eher einen Grund zur Anklage gegen x liefern, warum er die Handlung Y unterlassen hat.Google Scholar
  26. 26.
    Stegmüller 1969, 396.Google Scholar
  27. 27.
    Vgl. dazu den kritischen Einwand in Anm. 22 auf S. 100.Google Scholar
  28. 28.
    Stegmüller spricht auch von dispositionellen Merkmalen höherer Ordnung. Es ist fraglich, ob dieser weitere Sinn von <Disposition> in derjenigen theoretischen Weise zu verstehen ist, wie ich das in Kap. 3.2 getan habe (z. B. in dem Begriff der sprachlichen Disposition). Vgl. Anm. 3 auf S. 81 f. Für Hempel sind nämlich Dispositionsbegriffe stets in Ausdrücken von Beobachtungsbegriffen zu fassen.Google Scholar
  29. 29.
    Dispositionelle Erklärungen haben nach Stegmüller 1969, 126, die folgende Form: A1: a befand sich in der Situation B. A2: a besitzt die Eigenschaft D. G: Jedes Objekt, das die Eigenschaft D besitzt, wird in einer Situation von der Art B auf die Weise R reagieren. E: a verhielt sich in der Weise R.Google Scholar
  30. 30.
    Z. B. Stegmüller 1969, 415.Google Scholar
  31. 31.
    Das Problem der Zuordnung von Mengen relevanter Sprachdaten zu bestimmten generativen Grammatiken behandelt Peters unter dem Begriff des Projektionsproblems; er stützt sich dabei u. a. auf eine Analyse der verschiedenen Äußerungen Chomskys zu diesem Thema. — S.: S. Peters, The Projection Problem: How is a grammar to be selected? in: S. Peters (ed.), Goals of Linguistic Theory, Englewood Cliffs (New Jersey) 1972, 171–187. Ich will die Position von Peters hier nur kurz skizzieren und ansonsten zu den Auffassungen Chomskys Stellung nehmen. Das Projektionsproblem besteht für Peters darin, ein generelles Schema anzugeben, das diejenige(n) Grammatik(en) spezifiziert, die Menschen lernen können, wenn sie mit einer möglichen Menge von Basisdaten konfrontiert werden (S. 172). Sei D1, D2,… eine rekursive Aufzählung aller Mengen Di von Basisdaten (oder auch: von repräsentativen Corpora) und sei G1, G2,… eine rekursive Aufzählung formaler Grammatiken Gj aller möglichen natürlichen Sprachen (eingeschlossen alle deskriptiv adäquaten Grammatiken). Dann ist eine Projektionsfunktion π (aus der Menge der Datenmengenindizes in die Menge der Grammatikenindizes) zu spezifizieren, so daß j π(i) dann und nur dann gilt, wenn es Menschen gibt, die Gj erlernen können, wenn sie mit Di konfrontiert werden (für beliebige i und j) (S. 173). Gäbe es eine Prozedur zur Berechnung der Funktion n, dann wäre diese Prozedur identisch mit einer Entdeckungsprozedur für Grammatiken; eine schwächere Forderung besteht darin, eine empirische Bewertung für bestimmte vorgeschlagene Funktionen π zu finden. Aus dieser Erläuterung ist ersichtlich, daß die Projektionsfunktion (bzw. — in der Terminologie Chomskys — die Grammatiktheorie) einen empirischen Gehalt haben muß. Drei Probleme sind nämlich im Zusammenhang zu lösen: (a) Welches sind die Datenmengen, aufgrund deren eine Sprache gelernt werden kann, und wie lassen sich solche Datenmengen in formaler Weise aufzählen? (b) Wie lassen sich die Grammatiken aller möglichen Sprachen in formaler Weise aufzählen? (c) Wie ist die Bedingung, daß Menschen die Grammatiken in der Konfrontation mit einer Datenmenge erlernen, im einzelnen zu verstehen, welche Voraussetzungen über den Spracherwerbsprozeß sind nötig? Diese Fragestellung ist äußerst anspruchsvoll. Schon um nur eine approximative Antwort zu erhalten, ist es nötig, die mögliche Form grammatischer Regeln rigoros einzuschränken und damit weniger Freiheit zu lassen in der Wahl der Eigenschaften formaler Grammatiken (und zwar nach dem Prinzip, daß die Form einer Regel ihrer semantischen Funktion in den Sprachen korrespondiert — d. h. aufgrund substantieller Erwägungen festzulegen ist) (Peters, S. 183).Google Scholar
  32. 32.
    Chomsky 1969 (1965), 48.Google Scholar
  33. 33.
    Zur Kritik der Homogenitätsannahme vgl. Kap. 11.3.Google Scholar
  34. 34.
    Vgl. die von Peters genannten Beispiele (Peters 1972, 180).Google Scholar
  35. 35.
    Vgl. N. Chomsky/M. Halle, The Sound Pattern of English, New York 1968.Google Scholar
  36. 36.
    Vgl. Chomsky 1969 (1965), 41.Google Scholar
  37. 37.
    Auf der Grundlage dieser Analogie verwendet Chomsky dann gewisse Begriffe wie <Grammatik>, <linguistische Theorie>, <Regel> usw. in systematisch zweideutiger Weise: Grammatik ist für ihn einmal ein System von Sprachregeln, die Menschen erlernt haben und denen sie folgen (also ein Konstrukt derjenigen Menschen, die eine Sprache beherrschen), und zum andern ein System zur Beschreibung solcher Sprachregeln (also ein Konstrukt von Wissenschaftlern). Ich verwende hier <Grammatik> immer im ersten Sinn, hingegen generative Grammatik, <Kategorialgrammatik> usw. immer im zweiten Sinn; das schließt zwar mögliche Mißverständnisse nicht gänzlich aus, hat aber den Vorteil, dem Sprachgebrauch Chomskys wenigstens ein Stück weit folgen zu können und dennoch die systematische Zweideutigkeit von Begriffen zu vermeiden. Bei <Regel> halte ich es ebenso (<sprachliche Regel> ist etwas, dem Menschen in ihrem alltäglichen Umgang folgen; <Ersetzungsregel>, <Transformationsregel> usw. sind Vorschriften für wissenschaftliche Tätigkeiten bzw. Beziehungen, die von Wissenschaftlern konstituiert sind); während dinguistische Theorio allein den wissenschaftlichen Kon-strukten vorbehalten ist.Google Scholar
  38. 38.
    Vgl. Kap. 7.Google Scholar
  39. 39.
    Diese Auffassung hat Chomsky vor allem in Auseinandersetzung mit der behavioristischen Lerntheorie entwickelt (Rezension zu B. F. Skinner, Verbal Behavior, New York 1957, in: Language 35 [1957] 26–58); er versucht zu zeigen, daß diese nioht zu erklären vermag, wie ein Kind in wenigen Jahren ein so kompliziertes System wie eine Grammatik von Grund auf nur aus primären Daten heraus rekonstruieren könne.Google Scholar
  40. 40.
    Der Zusammenhang mit der oben gegebenen Bewertungsfunktion kann vielleicht so eingesehen werden: Aus der Voraussetzung für Sprachlernprozesse, zusammen mit einer Menge von primären Daten, ist das Ergebnis eines Momentanlernprozesses völlig ableitbar, jedoch sind die einzelnen Phasen eines Lernprozesses nicht ableitbar.Google Scholar
  41. 41.
    Wie weiter unten besprochen wird, gibt es in der Annahme substantieller Universalien auch eine schwächere Form der Hypothese der universalen Grammatik: Die substantiellen Universalien müssen nicht in allen Sprachen notwendig präsent sein; die Präsenz bestimmter substantieller Universalien in einer Sprache könnte daher als hinreichende Bedingung zur Charakterisierung gerade dieser spezifischen Sprache verstanden werden. Dies würde aber folgendes voraussetzen: erstens, sämtliche spezifischen Struktur-Eigenschaften möglicher Sprachen und aller ihrer Phasen sind der Ausdruck von substantiellen Universalien; zweitens, alle in realen Sprachen vorkommenden Kombinationen substantieller Universalien müssen in der Klasse von Grammatiken, die mit der universalen Grammatik identisch ist, bereits berücksichtigt sein. Beide Annahmen sind nicht nur reichlich spekulativ, sondern auch unplausibel in dem Sinne, daß sie eine historische Weiterentwicklung von Sprachen insgesamt (z. B. in Richtung auf eine «Bereicherung» aufgrund wirtschaftlich-kultureller Entwicklungen und ihrer Notwendigkeiten) offenbar ausschließen.Google Scholar
  42. 42.
    Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang, daß der von Schwarze verwendete Terminus <Sprachvergleichsgrammatik> (z. B. beim Sprachenvergleich Italienisch — Deutsch) genauso problematisch ist wie der Terminus universale Grammatik, da eine derartige Sprachvergleichsgrammatik für sich genommen niemals zwei Sprachen, sondern höchstens ihre Gemeinsamkeiten zu charakterisieren vermag (diese Gemeinsamkeiten selbst aber nicht den Charakter einer zur Verständigung geeigneten Sprache haben). Vgl. C. Schwarze, Grammatiktheorie und Sprachvergleich, in: Linguistische Berichte 21 (1972), 15–29.Google Scholar
  43. 43.
    Habermas’ (1971) Entwurf dialogkonstituierender Universalien gehört z. B. in diesen Bereich von Überlegungen; auch viele andere sprachphilosophische Betrachtungen gehören hierher, vgl. z. B. (Kap. I in) Schnelle 1973.Google Scholar
  44. 44.
    Im Deutschen wird manchmal unterschieden zwischen <universal> und <universelh, der erste Begriff wird in bezug auf das Vorgehen nach (a), der zweite in bezug auf das Vorgehen nach (b) verstanden. In Chomsky 1969 wird übrigens das englische Wort <universal> mit deutsch <universell> übersetzt; da aber das Englische die angesprochene Differenz im allgemeinen in den Wörtern <universal> vs. <general> ausdrückt, ist es auch nicht sicher, ob diese Übersetzung korrekt ist; Chomskys zahlreiche Verweise auf die rationalistische Sprachphilosophie machen dies zumindest fraglich.Google Scholar
  45. 45.
    Vgl. audi die kritischen Bemerkungen in R. Bartsch/T. Vennemann, Semantic Structures, Frankfurt 1972, 6–10.Google Scholar
  46. 46.
    Dieser Interpretationsbegriff ist im theoretischen Sinne zu nehmen: Einer formalen Struktur wird eine konkrete Deutimg gegeben. Davon zu unterscheiden ist der Begriff der Interpretation von Lautgebilden (welche ihrerseits ja konkret sind).Google Scholar
  47. 47.
    Vgl. dazu Kap. 5 und 9.Google Scholar
  48. 48.
    Deshalb wird ja audi die systematische Doppeldeutigkeit von Begriffen wie <Grammatik> betont.Google Scholar
  49. 49.
    Sprachliche Kompetenz ist bei Chomsky ein theoretisches Konstrukt und nicht eine tatsächliche Eigenschaft oder Fähigkeit von Menschen. Die Frage ist jedoch, wie sich dieses theoretische Konstrukt im Hinblick auf die Eigenschaften und Fähigkeiten von Menschen und die Wahrnehmungen und Beobachtungen des Kommunikationsverhaltens von Menschen verstehen läßt.Google Scholar
  50. 50.
    Wir verstehen hier substantielle Universalien als substantielle Strukturen (in demselben Sinne, wie von Bedeutungsstrukturen neben phonologisdien Strukturen gesprochen werden kann). Es sind also nicht isolierte Eigenschaften von Sprachen (etwa einzelne Laute oder Wortbedeutungen, die in ihnen vorkommen), sondern immer mehrere Eigenschaften in bestimmten Beziehungen zueinander (wenn es stimmhafte Laute gibt, dann auch immer stimmlose; wenn es einen Ausdruck zur Bezeichnung des Sprechers gibt, dann auch immer einen Ausdruck zur Bezeichnung des Angesprochenen usw.).Google Scholar
  51. 51.
    Sie werden diskutiert von Kanngiesser 1972, 120–128, 140–141.Google Scholar
  52. 52.
    Chomskys Begriff der universalen Grammatik ist vermutlich in dieser Hinsicht zu verstehen.Google Scholar
  53. 53.
    Natürlich sind Übersetzungen oft möglich, wenn bestimmte Umschreibungen gewählt werden; jedoch handelt es sich dann im allgemeinen um andere zugrunde liegende syntaktische Tiefenstrukturen.Google Scholar
  54. 54.
    Diese Auffassung steht im Gegensatz zu derjenigen mancher Wissenschaftstheoretiker, die besagt, daß die Form von erfahrungswissenschaftlichen Theorien im Prinzip immer die gleiche sein kann; sie sei nur nach Maßgabe bestimmter Ziele und bestimmter Zuordnungsmöglichkeiten zu Beobachtungsbegriffen zu wählen (d. h. empirischen Gehalt haben primär die Zuordnungen zu Beobachtungsbegriffen).Google Scholar
  55. 55.
    Leonard Bloomfield, A Set of Postulates for the Science of Language, in: Language 2 (1926), 153–164.Google Scholar
  56. 56.
    Das jeweils angenommene Alphabet von distinktiven Merkmalen, zusammen mit ihren Beziehungen zueinander, muß hingegen als Menge substantieller Universalien aufgefaßt werden. Vgl. z. B. R. Jakobson/M. Halle, Fundamentals of Language, The Hague 1956;Google Scholar
  57. 56a.
    N. Chomsky/M. Halle, The Sound Patterns of English, New York 1968.Google Scholar
  58. 57.
    Chomsky, Syntactic Structures, The Hague 1957, 34–48; Chomsky, Aspekte der Syntax-Theorie, Frankfurt 1969 (1965), 36 ff.; Chomsky, Sprache und Geist, Frankfurt 1970 (1968), 52 ff., zum Prinzip der zyklischen Regelanwendung 78 ff.; Kanngiesser, Synchrone und diachrone Linguistik, Tübingen 1972, 106, 110, 114, 118; Lakoff, Linguistik und natürliche Logik, Frankfurt 1971 (1970), 85 ff.; Bartsch/Vennemann, Semantic Structures, Frankfurt 1972, 118 ff.Google Scholar
  59. 58.
    Die Begriffe <exozentrisch> und <endozentrisch> wurden von Bloomfield eingeführt. (Die damit getroffenen inhaltlichen Unterscheidungen waren allerdings bereits den traditionellen Grammatikern geläufig.) Eine exozentrische Konstruktion liegt vor, wenn kein Teil dieser Konstruktion für einen größeren, ihn umfassenden Teil (bzw. für die gesamte Konstruktion) substituiert werden kann (dies ist z. B. der Fall in <Peter lebt in Dresden>); eine endozentrische Konstruktion liegt vor, wenn eine solche Substitution möglich ist (z. B. kann in <Mein Bruder lebt und arbeitet in dem schönen Dresden> substituiert werden: <Peter> und <Mein Brüden für <Mein Bruder Peter>; <lebt> und <arbeitet> für <lebt und arbeitete <in Dresden für <in dem schönen Dresden>; <Mein Bruder Peter>, <lebt und arbeitet <in dem schönen Dresden> sind also endozentrische Konstruktionen). Ein Prädikat prädiziert etwas zu seinem Argument: <F (x)> oder <x ist F> (z. B. <Peter ist fleißig> mit <x> = <Peter>; <Daß du wieder arbeiten kannst, ist schön> mit <x> = <Daß du wieder arbeiten kannst>). Ein Operator O operiert auf dem zugehörigen Operanden Q, so daß das Ergebnis von gleicher Kategorie Y wie der Operand ist: <[O[Q y]y]> oder <[[Q y]O y]> (z.B. <[alter[Hut N]N]>; <[[Peter kommt S]nicht S]> mit N für <Nomen> und S für <Satz>). Es erweist sich, daß Argument-Prädikats-Beziehungen im allgemeinen exozen-trischen Konstruktionen entsprechen und Operator-Operand-Beziehungen endo-zentrischen Konstruktionen; die einen sind jedoch rein syntaktisch (auf der Grundlage der Substituierbarkeit), die anderen rein semantisch definiert; man sollte sie daher nicht miteinander verwechseln und auch keine Eins-zu-eins-Entsprechung erwarten.Google Scholar
  60. 59.
    C. J. Fillmore, The Case for Case, in: E. Bach/R. Harms, Universals in Linguistic Theory, New York 1968; ders., Some Problems of Case Grammar, Ohio State University 1971. Siehe ferner W. Abraham (Hrsg.), Kasustheorie, Frankfurt 1971.Google Scholar
  61. 60.
    Es ist allerdings auch nicht klar, ob die Menge der möglichen Kasus als endlich anzusehen ist.Google Scholar
  62. 61.
    Vgl. die Erörterung des Problems in Kap. 1.6.Google Scholar
  63. 62.
    In der Form, die Peters der Hypothese gibt (nämlich als Projektionsproblem zwischen Mengen primärer Daten und Grammatiken), ist sie weniger spekulativ. Gleichzeitig macht die Diskussion durch Peters aber deutlich, daß diese Hypothese zu viele Freiheiten offenläßt, so daß Peters sich zu der Konsequenz geführt sieht, die möglichen Grammatiken aufgrund weiterer substantieller Betrachtungen einzuschränken. In der Sache entspricht das meiner Forderung nach stärkerer Berücksichtigung der Randbedingungen des Sprechens und Verstehens.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1981

Authors and Affiliations

  • Dieter Wunderlich

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