Zusammenfassung

Das zu Beginn des 18. Jahrhunderts entstehende und im Verlauf des Jahrhunderts ständig anwachsende Interesse an der nationalen Vergangenheit der einzelnen europäischen Völker führte im Zusammenhang mit einer zunehmenden Beschäftigung mit Sitten und Gebräuchen der Vergangenheit u. a. zu einer Entdeckung, die für die Entwicklung der europäischen Literatur von großer Bedeutung werden sollte, der Entdeckung der Folklore, insbesondere der Volksdichtung. Die Aufklärung mit ihrer zur Französischen Revolution führenden Maxime von der Gleichheit aller Menschen, die um sich greifende Empfindsamkeit, die sich von der Verherrlichung der ständischen Tugenden und der großen historischen Persönlichkeiten dem Lobpreis der Tiefe des individuellen Gefühls im Schöße der bürgerlichen Familie zuwendete, hatten vereint der Erkenntnis zum Durchbruch verholfen, daß auch der einfache Mensch aus dem Volke „lebhafter Empfindungen“ fähig sei, um eine Formulierung G. E. Lessings zu gebrauchen1. Und solche lebhaften und echten Gefühle glaubte man in der ersten Entdeckerfreude gerade in der sprachlichen und musikalischen Gestaltung des Volksliedes, und den freien Flug der dichterischen Phantasie in anderen Gattungen der Volksdichtung zu finden. Auf die im Zerfall begriffene, streng normierte Poetik des späten Klassizismus mußte eine solche Einschätzung der Volksdichtung befreiend und belebend wirken. Daß den verschiedenen Gattungen der Folklore in Wahrheit ein mindestens ebenso rigoroses Regelsystem zugrunde liegt, blieb den Entdeckern aufgrund der Andersartigkeit dieses Systems zunächst verborgen.

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1990

Authors and Affiliations

  • Friedrich Scholz

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