Soziologie und Sozialpolitik pp 438-462 | Cite as
Zur Theorie der Durchsetzbarkeit sozialer Bedürfnisse
Zusammenfassung
Die Forderung Haws Achingers, eine Theorie der Durchsetzbarkeit sozialer Aufgaben zu formulieren, ist bisher nicht erfüllt worden. Meine Vorstellung einer Theorie dieser Art ist kurz gesagt folgende: Da sie im Kontext der Chancen politischer Berücksichtigung sozialpolitischer Bedürfnisse unterschiedlicher Kategorien stehen sollte, muß sie eine systematische Explikation der Logik des politisch-administrativen Systems entwickeln. In Verbindung mit den bekannten Untersuchungen zu den marktwirtschaftlichen Prozessen und ihrer Verzerrung1 bedeutet sie inhaltlich eine Analyse der Machtverhältnisse, der Machtstrukturen im sozialen Kapitalismus. Eine Machtanalyse dieser Art ist Grundlage einer Analyse der sozialpolitischen Handlungsmöglichkeiten im Rahmen der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, sie ist verbunden mit einer Theorie der Politikberatung auch im sozialpolitischen Bereich und schließlich die Voraussetzung für theoretische Reflexionen der Möglichkeiten sozialplanerischer Aktivität2.
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Anmerkungen
- 1.Vgl. dazu z. B. theoretisch: F. M. Bator, The Anatomy of Market Failure, in: Quarterly Journal of Economics, Bd. 72 (1958), S. 351 ff.Google Scholar
- 2.Wir sind aus persönlicher Erfahrung der Überzeugung, daß das Scheitern bildungsplanerischer Bemühungen in den 60er Jahren in der Bundesrepublik und in den Bundesländern nicht zuletzt in der Unkenntnis der Machtstrukturen und ihres Einflusses auf den Planungsprozeß begründet lag.Google Scholar
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- 6.Vgl. dazu ausführlich C. Offe, Strukturprobleme des kapitalistischen Staates, Frankfurt 1972, dort insbesondere: Klassenherrschaft und politisches System. Zur Selektivität politischer Institutionen, S. 65 ff. Die Unterscheidung zwischen politischen Gütern und politischen „bads“ könnte normativ, advokatorisch, gemäß objektivistischer Definitionen, komparativ (intertemporär und intersy-stemisch), immanent (Vergleich von Anspruch und Wirklichkeit), durch die Identifizierung von Ausschließungsregeln oder schließlich durch die Aufdeckung von unintendierten aber systematisch auftretenden Mißständen und Überinterpretationen erfolgen. Vgl. dazu C. Offe, a.a.O., S. 85. 7 Vgl. dazu J. K. Galbraith, Der amerikanische Kapitalismus im Gleichgewicht der Wirtschaftskräfte, Stuttgart 1956; D. B. Truman, Governmental Process, 2. Auflage, New York 1971; F. Nu-scheler und W. Steffani (Hrsg.), Pluralismus, Konzeption und Kontroversen, München 1972.Google Scholar
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- 17.Trotz der Ungleichheit unter den Wählern wird vermutet, daß im Wohlfahrtsstaat die Wählerpräferenzen dahin tendieren, daß sie eine Normalverteilung um den Mittelwert 50 bilden (vgl. Figur 1) Es wird angenommen, daß die Partei A bei 25 und die Partei B bei 75 die ideologische Kontroverse beginnen, und bei der vermuteten Präferenzverteilung der Stimmbürger ist zu erwarten, daß die Ideologien der Parteien A und B konvergieren. Das kann auch bedeuten, daß sich etwa die Parteiprogramme der Parteien A und B einander annähern und/oder die großen Parteien um ihre Anerkennung als „Volkspartei“ ringen (vgl. Entwicklung der SPD seit dem Godesberger Programm und Entwicklung der CDU nach dem Ahlener Programm).Google Scholar
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- 19.Unter Sozialisation verstehen wir einen Lernprozeß, „in dessen Verlauf ein Individuum … sich den sozialen Erfordernissen der Umwelt gegenüber allmählich anpaßt oder dazu veranlaßt wird, in dem es sich die Normen der sozialen Umwelt zu eigen macht und allmählich lernt, diesen kulturellen Normen entsprechend zu handeln“. Vgl. dazu J. Drever und W. D. Fröhlich, Wörterbuch zur Psychologie, München 1969.Google Scholar
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- 22.Dieser Gedanke wurde bereits bei E. v. Böhm-Bawerk, Positive Theorie des Capitales, 2. Auflage, Innsbruck 1902, S. 248 ff. theoretisch reflektiert.Google Scholar
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- 30.„Der Vollbeschäftigungskapitalismus muß selbstverständlich neue soziale und politische Institutionen entwickeln, die die gesteigerte Macht der Arbeiterklasse widerspiegeln. Wenn der Kapitalismus sich an die Vollbeschäftigung anpassen kann, wird er sich fundamentalen Reformen unterziehen. Wenn nicht, wird er sich als überaltertes System erweisen, das abgeschafft werden muß“ (M. Kalecki, a.a.O., S. 185, und englisches Original).Google Scholar
- 30.Vgl. dazu J. Hirsch, Funktionsveränderungen der Staatsverwaltung in spätkapitalistischen Industriegesellschaften, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Band 14, Januar 1969, Heft 2, S. 161.Google Scholar
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- 35.Vgl. dazu das Vorwort von James M. Buchanan, Zu G. Tullock, The Politics of Bureaucracy, Washington 1965, S. 1 ff.Google Scholar
- 36.Diese Trias der Zentralisierung, ökonomisierung und Verrechtlichung der Sozialpolitik ist sowohl von Hans Achinger herausgearbeitet worden, als auch von Christian von Ferber weitergedacht worden. Eine neuere Untersuchung zu diesem Komplex findet sich in dem Sammelband von A. Murswick, Staatliche Politik im Sozialsektor, München 1976: F. Tennstedt, Zur ökonomisierung und Verrechtlichung in der Sozialpolitik, a.a.O., S. 139 ff.Google Scholar
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- 38.Vgl. dazu auch Chr. v. Ferber, Bemerkungen zum Verhältnis der Gesellschaftswissenschaften und der Sozialpolitik, in: Karl Dietrich Bracher (Hrsg.) u. a., Die moderne Demokratie und ihr Recht, Festschrift für Gerhard Leibholz zum 65. Geburtstag, 1. Bd. 1966, S. 329 ff.Google Scholar
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