Zur Theorie der Durchsetzbarkeit sozialer Bedürfnisse

  • Hans Peter Widmaier
Part of the Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie book series (KZSS, volume 19)

Zusammenfassung

Die Forderung Haws Achingers, eine Theorie der Durchsetzbarkeit sozialer Aufgaben zu formulieren, ist bisher nicht erfüllt worden. Meine Vorstellung einer Theorie dieser Art ist kurz gesagt folgende: Da sie im Kontext der Chancen politischer Berücksichtigung sozialpolitischer Bedürfnisse unterschiedlicher Kategorien stehen sollte, muß sie eine systematische Explikation der Logik des politisch-administrativen Systems entwickeln. In Verbindung mit den bekannten Untersuchungen zu den marktwirtschaftlichen Prozessen und ihrer Verzerrung1 bedeutet sie inhaltlich eine Analyse der Machtverhältnisse, der Machtstrukturen im sozialen Kapitalismus. Eine Machtanalyse dieser Art ist Grundlage einer Analyse der sozialpolitischen Handlungsmöglichkeiten im Rahmen der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, sie ist verbunden mit einer Theorie der Politikberatung auch im sozialpolitischen Bereich und schließlich die Voraussetzung für theoretische Reflexionen der Möglichkeiten sozialplanerischer Aktivität2.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. dazu z. B. theoretisch: F. M. Bator, The Anatomy of Market Failure, in: Quarterly Journal of Economics, Bd. 72 (1958), S. 351 ff.Google Scholar
  2. 2.
    Wir sind aus persönlicher Erfahrung der Überzeugung, daß das Scheitern bildungsplanerischer Bemühungen in den 60er Jahren in der Bundesrepublik und in den Bundesländern nicht zuletzt in der Unkenntnis der Machtstrukturen und ihres Einflusses auf den Planungsprozeß begründet lag.Google Scholar
  3. 3.
    M. Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, 1. Halbband, 4. Auflage, Tübingen 1956, S. 28.Google Scholar
  4. 4.
    K. W. Rothschild (Hrsg.), Power in Economies, Harmondsworth 1971, S. 15 f.; vgl. dazu neuerdings: E. Hödl, Das Problem sozio-ökonomischer Macht, Theoretische Grundlegung gesamtwirtschaftlicher Lenkung und Planung, unveröffentlichte Habilitationsschrift, TH Darmstadt, o. J. (1975?); vgl. auch H. Arndt, Wirtschaftliche Macht, München 1974.Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. dazu: M. Olson, Die Logik kollektiven Handelns, Tübingen 1968; C. Offe, Politische Herrschaft und Klassenstrukturen, wiederabgedruckt in: H. P. Widmaier (Hrsg.), Politische Ökonomie des Wohlfahrtsstaates, Frankfurt/Main 1974, S. 264 ff. Außerdem P. Bernholz, Die Machtkonkurrenz der Verbände im Rahmen des politischen Entscheidungssystems, wiederabgedruckt in: H. P. Widmaier (Hrsg.), Politische Ökonomie des Wohlfahrtsstaates, Frankfurt/Main 1974, S. 173 ff.;E. Liefmann-Keil, Zur Aktivität der Interessenverbände — Gesellschaftspolitik als Sozialpolitik, in: H. Arndt (Hrsg.), Sozialwissenschaftliche Untersuchungen, G. Albrecht zum 80. Geburtstag, Berlin 1969, S. 27 ff.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. dazu ausführlich C. Offe, Strukturprobleme des kapitalistischen Staates, Frankfurt 1972, dort insbesondere: Klassenherrschaft und politisches System. Zur Selektivität politischer Institutionen, S. 65 ff. Die Unterscheidung zwischen politischen Gütern und politischen „bads“ könnte normativ, advokatorisch, gemäß objektivistischer Definitionen, komparativ (intertemporär und intersy-stemisch), immanent (Vergleich von Anspruch und Wirklichkeit), durch die Identifizierung von Ausschließungsregeln oder schließlich durch die Aufdeckung von unintendierten aber systematisch auftretenden Mißständen und Überinterpretationen erfolgen. Vgl. dazu C. Offe, a.a.O., S. 85. 7 Vgl. dazu J. K. Galbraith, Der amerikanische Kapitalismus im Gleichgewicht der Wirtschaftskräfte, Stuttgart 1956; D. B. Truman, Governmental Process, 2. Auflage, New York 1971; F. Nu-scheler und W. Steffani (Hrsg.), Pluralismus, Konzeption und Kontroversen, München 1972.Google Scholar
  7. 8.
    Vgl. R. E. Wagner, Pressure Groups and Political Entrepreneurs, A Review Article, in: Papers on Non-Market Decision Making, 1966, S. 161 ff.Google Scholar
  8. 9.
    Vgl. C. Offe, a.a.O., S. 275.Google Scholar
  9. 10.
    Vgl. K. Schmidt, Öffentliche Ausgaben im demokratischen Gruppenstaat, in: Finanzarchiv, NF, Bd. 25 (1966), S. 213 ff.Google Scholar
  10. 11.
    R. E. Wagner, Pressure Groups and Political Entrepreneurs: A Review Article, in: Papers on Non-Market-Decison Making, 1966, S. 161 ff.Google Scholar
  11. 12.
    Vgl. dazu G. Tullock, Entry Barriers in Politics, in: American Economic Review, Bd. 55 (1965), S. 458 ff., wiederabgedruckt in: H. P. Widmaier (Hrsg.), Politische Ökonomie des Wohlfahrtstaates, Frankfurt/Main, 1974, S. 163 ff.Google Scholar
  12. 13.
    Vgl. dazu ausführlich: L. Böckeis, B. Scharf, H. P. Widmaier, Machtverteilung im Sozialstaat, München 1976, insbesondere Teil 1 und die dort angegebene Literatur.Google Scholar
  13. 14.
    Vgl. dazu C. B. Macpherson, The Real World of Democracy, New York-Oxford 1972, S. 9 ff.Google Scholar
  14. 15.
    Vgl. dazu R. Bachrach, The Theory of Democratic Elitism: A Critique, Boston 1967, S. 95; vgl. auch C. Pateman, Participation and Democratic Theory, Cambridge 1970, S. 14.Google Scholar
  15. 16.
    Vgl. dazu C. Pateman, a.a.O., S. 43.Google Scholar
  16. 17.
    Trotz der Ungleichheit unter den Wählern wird vermutet, daß im Wohlfahrtsstaat die Wählerpräferenzen dahin tendieren, daß sie eine Normalverteilung um den Mittelwert 50 bilden (vgl. Figur 1) Es wird angenommen, daß die Partei A bei 25 und die Partei B bei 75 die ideologische Kontroverse beginnen, und bei der vermuteten Präferenzverteilung der Stimmbürger ist zu erwarten, daß die Ideologien der Parteien A und B konvergieren. Das kann auch bedeuten, daß sich etwa die Parteiprogramme der Parteien A und B einander annähern und/oder die großen Parteien um ihre Anerkennung als „Volkspartei“ ringen (vgl. Entwicklung der SPD seit dem Godesberger Programm und Entwicklung der CDU nach dem Ahlener Programm).Google Scholar
  17. 18.
    R. Michels, Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie, 1. Aufl., 1925, Neudruck der 2. Auflage, Stuttgart 1970.Google Scholar
  18. 19.
    Unter Sozialisation verstehen wir einen Lernprozeß, „in dessen Verlauf ein Individuum … sich den sozialen Erfordernissen der Umwelt gegenüber allmählich anpaßt oder dazu veranlaßt wird, in dem es sich die Normen der sozialen Umwelt zu eigen macht und allmählich lernt, diesen kulturellen Normen entsprechend zu handeln“. Vgl. dazu J. Drever und W. D. Fröhlich, Wörterbuch zur Psychologie, München 1969.Google Scholar
  19. 20.
    Vgl. dazu: G. Fleischmann, Ungleichheit unter den Wählern, Zur ökonomischen Perspektive in der Soziologie, in: Hamburger Jahrbuch für Wirtschafts-und Gesellschaftspolitik, Tübingen 1967, 12. Jahrgang, S. 124 ff., wiederabgedruckt in: H. P. Widmaier (Hrsg.), Politische Ökonomie des Wohlfahrtsstaates, Frankfurt/Main 1974, S. 140 ff.Google Scholar
  20. 21.
    „Wir definieren Ideologie als sprachliches Bild der idealen Gesellschaft und der wichtigsten Mittel, die zum Aufbau einer solchen Gesellschaft nötig sind. Die moderne politische Wissenschaft sieht in den Ideologien fast immer auch Werkzeuge, die von sozialen Klassen oder anderen Gruppen zur Erreichung politischer Macht angewendet werden und nicht lediglich eine Darstellung tatsächlicher Zielsetzungen. Keine Weltanschauung wird unmittelbar als das, wofür sie sich ausgibt hingenommen, weil man hinter ihr das Machtstreben ihrer Vertreter sieht“; A. Downs, a.a.O., S. 93. Mehr zum Begriff Ideologie, „nachideologische Epoche“, „Ent-ideologisierung“, „Ideologie der Ideologielosigkeit“ bei K. Lompe, Wissenschaftliche Beratung der Politik, Göttingen 1966, S. 32 ff.Google Scholar
  21. 22.
    Dieser Gedanke wurde bereits bei E. v. Böhm-Bawerk, Positive Theorie des Capitales, 2. Auflage, Innsbruck 1902, S. 248 ff. theoretisch reflektiert.Google Scholar
  22. 23.
    H.-P. Bank, Die Sozialgesetzgebung der Bundesrepublik Deutschland und ihr zeitlicher Zusammenhang mit den Wahlterminen seit 1949, in: Recht der Arbeit, München 1970, Heft 4, S. 101 ff., und H.-P. Bank, Sozialpolitik und Wahlpolitik, Berichte des Deutschen Industrieinstituts zur Sozialpolitik, Jahrgang 2, 1968, Nr. 11, sowie Elisabeth Liefmann-Keil, Politische Ökonomie der Generations-und Wahlzyklen, Saarbrücken 1973, unveröffentlichtes Manuskript, das die statistischen Informationen von Bank bis zum Jahr 1969 weiterführt.Google Scholar
  23. 24.
    Vgl. dazu W. Bogs u. a., Soziale Sicherung in der BRD (Sozialenquête), Stuttgart o. J., S. 303 ff. 25 G. Mackenroth, Die Reform der Sozialpolitik durch einen deutschen Sozialplan, 1952; H.Google Scholar
  24. 25.
    Achinger, J. Hoffner, H. Muthesius und L. Neundörfer, Neuordnung der sozialen Leistungen, 1955; W. Auerbach, Sozialplan für Deutschland (SPD), 1955; vgl. dazu G. Kleinhenz und H. Lampen, a.a.O., S. 127.Google Scholar
  25. 26.
    Vgl. G. Kleinhenz und H. Lampen, Zwei Jahrzehnte Sozialpolitik in der Bundesrepublik Deutschland, in: ORDO, Jahrbuch für die Ordnung der Wirtschaft und Gesellschaft, Band 22, 1971, S. 127.Google Scholar
  26. 27.
    Vgl. dazu H. P. Widmaier, Aspekte einer aktiven Sozialpolitik, Zur politischen Ökonomie der Sozialinvestitionen, in: H. Sanmann (Hrsg.), Zur Problematik der Sozialinvestitionen, Berlin 1970.Google Scholar
  27. 28.
    Vgl. dazu C. Offe, Berufsbildungsreform, Eine Fallstudie, Frankfurt/Main 1975.Google Scholar
  28. 29.
    M. Kalecki, Political Aspects of Fullemployment, in: Political Quarterly, Bd. 14 (1943), S. 322 ff., in deutscher Übersetzung wiederveröffentlicht in: B. S. Frey und W. Meißner, in: Zwei Ansätze der politischen Ökonomie, Frankfurt/Main 1974, S. 176 ff.; A. Rees u. a., The Effects of Economic Conditions on Congressional Elections 1946–1958, in: Review of Economics and Statistics, Bd. 44 (1962), S. 458 ff.; W. D. Nordhaus, The Political Business Cycle, Cowles Foundation Discussion Paper No. 333, New Haven, April 4, 1972; jetzt veröffentlicht in: Review of Economic Studies 1975, S. 169-190.Google Scholar
  29. 30.
    „Der Vollbeschäftigungskapitalismus muß selbstverständlich neue soziale und politische Institutionen entwickeln, die die gesteigerte Macht der Arbeiterklasse widerspiegeln. Wenn der Kapitalismus sich an die Vollbeschäftigung anpassen kann, wird er sich fundamentalen Reformen unterziehen. Wenn nicht, wird er sich als überaltertes System erweisen, das abgeschafft werden muß“ (M. Kalecki, a.a.O., S. 185, und englisches Original).Google Scholar
  30. 30.
    Vgl. dazu J. Hirsch, Funktionsveränderungen der Staatsverwaltung in spätkapitalistischen Industriegesellschaften, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Band 14, Januar 1969, Heft 2, S. 161.Google Scholar
  31. 31.
    A. Downs, Inside Bureaucracy, Boston 1967; W. A. Niskanen, Jr., Bureaucracy and Representative Government, Chicago—New York 1971; G. Tullock, The Politics of Bureaucracy, Washington 1965.Google Scholar
  32. 32.
    Vgl. dazu Ai. Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, 4. Auflage, Tübingen 1956, S. 130.Google Scholar
  33. 33.
    M. Weber, a.a.O., S. 129 f.Google Scholar
  34. 34.
    Vgl. dazu A. Downs, Nichtmarktwirtschaftliche Entscheidungssysteme — Eine Theorie der Bürokratie, in: H. P. Widmaier (Hrsg.), Politische Ökonomie des Wohlfahrtsstaates, Frankfurt/Main 1974, S. 197 ff., hier S. 203.Google Scholar
  35. 35.
    Vgl. dazu das Vorwort von James M. Buchanan, Zu G. Tullock, The Politics of Bureaucracy, Washington 1965, S. 1 ff.Google Scholar
  36. 36.
    Diese Trias der Zentralisierung, ökonomisierung und Verrechtlichung der Sozialpolitik ist sowohl von Hans Achinger herausgearbeitet worden, als auch von Christian von Ferber weitergedacht worden. Eine neuere Untersuchung zu diesem Komplex findet sich in dem Sammelband von A. Murswick, Staatliche Politik im Sozialsektor, München 1976: F. Tennstedt, Zur ökonomisierung und Verrechtlichung in der Sozialpolitik, a.a.O., S. 139 ff.Google Scholar
  37. 37.
    Chr. v. Ferber, Sozialpolitik in der Wohlstandsgesellschaft, Hamburg 1967, S. 47.Google Scholar
  38. 38.
    Vgl. dazu auch Chr. v. Ferber, Bemerkungen zum Verhältnis der Gesellschaftswissenschaften und der Sozialpolitik, in: Karl Dietrich Bracher (Hrsg.) u. a., Die moderne Demokratie und ihr Recht, Festschrift für Gerhard Leibholz zum 65. Geburtstag, 1. Bd. 1966, S. 329 ff.Google Scholar
  39. 39.
    Vgl. dazu Christian von Ferber, a.a.O., S. 47.Google Scholar
  40. 40.
    Vgl. dazu Chr. v. Ferber, a.a.O., S. 51.Google Scholar
  41. 41.
    MEW, Band 4, S. 471.Google Scholar
  42. 42.
    J. Seifert, Verrechtlichte Politik und die Dialektik der Marxistischen Rechtstheorie, in: Kritische Justiz, Nr. 4, 1971, S. 193.Google Scholar
  43. 43.
    Hans Achinger, Sozialpolitik als Gesellschaftspolitik, 1971, neu aufgelegt im Eigenverlag des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge, S. 88.Google Scholar
  44. 44.
    Vgl. dazu V. v. Bethusy-Huc, Das Sozialleistungssystem der Bundesrepublik Deutschland, Tübingen 1965, S.62.Google Scholar
  45. 45.
    V. v. Bethusy-Huc, a.a.O., S. 225 f.Google Scholar
  46. 46.
    Vgl. dazu H. v. Hentig, Die Wiederherstellung der Politik, Stuttgart/München 1973, S. 135–136. 47 Wolfgang Schluchter, Aspekte einer bürokratischen Herrschaft, S. 163.Google Scholar

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Authors and Affiliations

  • Hans Peter Widmaier

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