Politische Traditionen
Zusammenfassung
Kein Volk der Erde hat seine Vergangenheit als politische Tradition (pT) präsent. Phasen und Ereignisse, die nicht geschichtsmächtig waren, werden leicht vergessen. Ein Raster für das, was als pT im kollektiven Gedächtnis einer → Nation bewahrt wird, liefern auch gegenwärtige Identitätsbedürfnisse (→ Geschichtsbewußtsein). Auf der Suche nach Identitätsangeboten (→ Identität) aus der Politikgeschichte begegnet die BRD großen Schwierigkeiten. Worauf Ausdrücke wie „Geschichtslo-sigkeit“, „brüchige Tradition“, „Herkunftsschwäche“, „verspätete Nation“verweisen, sind im wesentlichen zwei Schwierigkeiten: die Kurzatmigkeit deutscher Geschichte und ihr einseitig autoritärer Charakter. Keines der drei Regime, die einander seit 1871 ablösten, liefert dem heutigen Bundesbürger Identifikation, auch die Weimarer Republik nicht, die in Umfragen am schlechtesten abschneidet. Jedes politische System war der Feind des anderen und zog wesentliche Kräfte aus dem Kampf gegen das vorhergehende, an dem es sich abarbeitete (→ Geschichtliche Phasen der BRD). Auch andere Nationen sind durch politikgeschichtliche Wechselbäder gegangen, z.B. Frankreich. Der rasche Regimewechsel hat dort aber die Ausbildung und Fortführung zweier großer Traditionen nicht verhindert: Die pT von Autorität und Majorität erlauben den Franzosen rechts wie links gegenwärtige politische Orientierung. Die Umbrüche und Verwerfungen der deutschen pT weisen zwar in der pK der BRD immer weniger Spuren auf.
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