Donation Siemens an Die Neue Sammlung pp 12-19 | Cite as
Aufgaben für das Industriedesign am Ende des 20. Jahrhunderts — aus der Sicht der Unternehmen
Zusammenfassung
Für dieses Thema drängt sich zuerst die Frage auf: Kann man aus der Geschichte dieses Tätigkeitsfeldes, das insgesamt ja nur etwa eineinhalb Jahrhunderte alt ist, etwas lernen? Kann man in dieser Geschichte Strukturen erkennen, die beispielhaft oder sogar prognostisch als Arbeitsgrundlagen verwendet werden können? Das ist keineswegs eine ausschließlich theoretisch-akademische Frage, sondern auch eine eminent praktische. Viele Unternehmer, aber ebenso auch praktizierende Designer empfinden dieses ihr Arbeitsgebiet und seine Genese wohl als eine Art von Chaos, als ein fast unzugängliches und für sie unüberschaubares Dickicht. Ein paar Messebesuche im Jahr, ein paar durchgeblätterte Fachzeitschriften, ansonsten stürzt man sich in die »schöpferische Tagesarbeit«. Der selbsterlebbare Ausschnitt aus dieser riesenhaften, ständig bewegten Wirklichkeit ist aber denkbar gering. Erst in den letzten Jahren beispielsweise kann man Entwicklungen des Industriedesign in musealer Präsentation studieren, und das immer noch lediglich ansatzweise. Die zentrale Bedeutung des Museums, für das diese Donation bestimmt ist, wird auch so gesehen deutlich.
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Anmerkungen
- 1.Stark vereinfacht kann man einen Markoff-Prozeß so beschreiben: Während eines Zeitintervalls bewegt sich in einem »Raum« ein »zufalls-gesteuertes Teilchen«. Dieses Teilchen bewegt sich zu einem Punkt in seinem Raum, wo es zu einem bestimmten Zeitpunkt neue Informationen, welche sein weiteres Verhalten steuern, aufnimmt. Dabei setzt man in der Vorstellung der mathematisch fundierten Markoff-Prozesse voraus, daß die Informationen aus der Vergangenheit keinen Einfluß auf die Bewegungsprognose nach dem Beobachtungs-Augenblick haben — also ein Gegensatz zum Verlauf historischer Prozesse, bei welchen die »Zukunft« sehr wohl von den ausgewerteten Informationen in der Vergangenheit abhängt. Siehe hierzu: Dynkin E. B., Die Grundlagen der Theorie der Markoffschen Prozesse, aus dem Russischen von J. Wloka, Berlin-Göttingen-Heidelberg 1960, 20f.Google Scholar
- 2.Kant Immanuel, Kritik der Urteilskraft. Leipzig 1924, 413 (S. 314).Google Scholar
- 3.Willement, Thomas, 1786–1871. Solche Neu-Errichtungen und verbunden damit Neu-Einrichtungen in historisierenden Formen sind ein auf dem Kontinent weniger zu beobachtender Wirkungsfaktor in Invention und Diffusion dieser Stilwelle. Hierzu die Ausführungen zum Phänomen des »Creative Antiquary« bei Jervis Simon, High Victorian Design, Ottawa 1974, 19 ff. und die Abb. 29 ff.Google Scholar
- 4.Das läßt sich besonders am Beispiel des italienischen Faschismus aufzeigen, deutlich präsentiert in der umfänglichen Dokumentation der Ausstellung »Gli ANNITRENTA« in Mailand 1982 und dem gleichnamigen Katalog, Mailand (Verl. Mazzotta) 1982, 658 S.Google Scholar
- 5.Spiegl Walter, Böhmische Gläser, München 1980, 179 f.Google Scholar
- 6.Siehe hierzu die Darstellung der Zusammenhänge zwischen Produktionswirtschaft, Absatzwirtschaft und Bedarfsbildung bei Leitherer Eugen, Betriebliche Marktlehre, 2. Aufl. Stuttgart 1985, 123-132.Google Scholar
- 7.Ein bekanntes Beispiel für eine Systemüberforderung (Systemüberlastung) und ihre Folgen ist das Schicksal des schweren Bombers He 177 Greif im Zweiten Weltkrieg. Wegen geringeren Luftwiderstandes mußten je zwei aneinander gekoppelte Doppelmotoren eine vierblättrige Luftschraube antreiben. Das riesige Flugzeug sollte, mit 31 m Spannweite und 22 m Länge, dazu noch sturzflugfähig sein. Die Folgen waren, daß die Doppeltriebwerke wegen unlösbarer Kühlprobleme bis Kriegsende nicht betriebssicher wurden, was dem Typ den unwillkommenen Spitznamen »fliegendes Feuerzeug« oder »brennender Sarg« eintrug. Für die Überwachung der Kühlung waren besondere Ölkühler-Spezialisten nötig (Sekundärsystem zur Aufrechterhaltung des Hauptsystems). Auch waren Material und Konstruktion der gewaltigen 4,50 m-Luftschraube den fast 3000 PS des jeweiligen Doppelmotors nicht gewachsen (Überforderung eines einzelnen Teiles, welches das ganze System in Frage stellt). Nach dem Krieg wurde Korruption der Heinkel-Direktoren (40000 RM Bestechungsgeld für den geschönten Bericht eines Testpiloten) festgestellt, was die Auswirkungen des technischen Systems auf seine soziale Steuerung zeigt. Bei Kriegsende standen 800 Exemplare dieses schweren Bombers unbenützbar auf den Basen herum. Vgl. Munson Kenneth, Die Weltkrieg-ll-Flugzeuge, Stuttgart 1977, 141 f. und Kens Karlheinz, Die Flugzeuge des Zweiten Weltkriegs, München 1969, 184ff., Berlin-Wien 1970, 375. Ähnliche Systemüberforderungen wurden auch der amerikanischen General Dynamics F 111, in den Konzeptionen als taktisches Kampf-und Aufklärungsflugzeug (F 111 A) und als strategischer Bomber (FB-111 A) nachgesagt, zwei Versionen eines »fliegenden Wollmilchschweins«. Die Idee für ein solches Allzweckflugzeug soll auf den Präsidenten John Kennedy zurückgehen, dem ein eher charismatisches Systemverständnis zugebilligt wird. Vgl. Green William und Punnet Dennis, Flugzeuge der Welt, Ausgabe Zürich-Stuttgart 1968, 108 ff.Google Scholar
- 8.Der schwierige Komplex des »ästhetischen Systems« wird meist viel zu naiv angegangen, insbesondere wenn ungare Ideen der Marktpsychologie und-Soziologie mit verkocht werden; etwa in dem Fall von Büro-Organisationsmitteln, welche immerwährenden Statusnutzen verleihen sollen: »Für Spitzenkräfte mit Aufstiegschancen. Aus spiegelblankem rostfreien Stahl mit tiefschwarzen Akzenten. Perfekt poliert und verarbeitet, um leitenden Angestellten ein Leben lang zu dienen. Modulartige Komponenten stimmen vollständig mit den Arbeitsflächen von Bürosystem-Möbeln überein.« (Texteines Firmenprospekts).Google Scholar
- 9.Diese häufig zitierte Bemerkung hier nach Molderings Herbert, Marcel Duchamp, Frankfurt am Main und Paris 1983, 23f.Google Scholar
- 10.Krön Joan-Slesin Suzanne, High-Tech, New York 1980.Google Scholar
- 11.Conran Terence, The Bed and Bath Book, London 1978. Soweit Conran verstehbar ist, beginnt das mit einer Typologisierung der Alltagsprodukte, also beim Komplex »Bad und Schlafzimmer« beispielsweise: Stil des einfachen und gehobeneren Bauernhauses, des Stadthauses, »internationaler Stil«, Eklektizismus, fernöstlicher Stil, Filmarchitektur, historische Formen, mediterraner Stil usw., a.a.O. bes. 54 ff.Google Scholar
- 12.Das alles setzt natürlich voraus, daß eine qualitativ hochwertige Alltagskultur, wie etwa in Japan und China vorhanden, sich von ihrer Formenwelt her für eine Umsetzung anbietet. Häufig zitiert werden solche Beispiele, wie traditionelle Modelle der keramischen oder textilen Künste in Japan industriell ausgebaut werden — ohne ihren Charakter zu zerstören! Das vielleicht bedeutendste Anschauungsmaterial enthält die Sammlung japanischer Alltags-Produkte (die von Museen früher weniger erworben wurden) von Edward Sylvester Morse (1828–1925), begonnen 1877, s. hierzu Hickman Money and Fetchko Peter, Japan Day by Day, Peabody Museum of Salem, Mass. 1977. Zur Umsetzung von japan-spezifischen Prinzipien ins Industriedesign: Yoshida Mitsukuni, Japan Style, London (Serindia Publications) 1980.Google Scholar
- 13.Vasari Giorgio, Künstler der Renaissance, Leipzig 1940, 270 f.Google Scholar