Liebe Leserin, lieber Leser,
520 Wochen in die Zukunft: Wie empfinden Sie diesen vor Ihnen liegenden Zeitraum, kurz oder lang? Diese Frage stellte der Zukunftsforscher Lars Thomsen unter anderem den Entscheidern auf dem AVL-Kongress „Motor & Umwelt“ in Graz. Zehn Jahre erscheinen den meisten ausreichend lang, um Neues zu erfinden oder gar abzuwarten, wie sich denn die Märkte so entwickeln werden.
In der Retrospektive allerdings fühlen viele Menschen anders: Die letzten zehn Jahre sind vergangen wie im Flug. Thomsen motiviert die Ingenieure deswegen, ihre Entwicklungen genau in diesem Bewusstsein zielstrebig und zügig voranzutreiben, denn es könne schnell zu spät sein. Noch wichtiger sei, ein Gefühl für die sich ändernden Trends zu entwickeln. Denn Trends können schlagartig brechen, an den sogenannten Tipping Points, wie sie Thomsen nennt. Dann schlägt das Pendel plötzlich in eine andere Richtung aus.
Zehn Jahre zurück, da schmetterten Ingenieure die Ideen des autonomen Fahrens ab. Der Fahrer will und wird sich nie bevormunden lassen. 2003 wetterten Manager in der Autoindustrie gegen den Hybridantrieb, die Physik würde auf den Kopf gestellt werden. Gegenteilige Meinungen zumindest ernstzunehmen, wäre damals angebracht gewesen. Die unumkehrbaren Treiber für strengere Emissionsregelungen beispielsweise wurden von der Industrie ja schließlich auch gesehen und fleißig dokumentiert.
Literatur gab es genug: Der Autohersteller ist im zweiten Jahrtausend nur konkurrenzfähig, wenn er nicht nur Autos baut, sondern auch Mobilität ermöglicht. Dies schrieb Frederick Vester in seinem Buch „Ausfahrt Zukunft 2000“. Die Basis des Buchs war eine Studie, die der damalige Ford-Europa-Chef Daniel Goeudevert bei ihm in Auftrag gegeben hatte.
Die Fahrzeugindustrie steht kurz vor einem Tipping Point, sagt Thomsen, ein überzeugter Tesla-Model-S-Fahrer. Provokant gibt er dem batteriegetriebenen E-Auto mehr Chancen als dem Plug-in-Hybrid-Antrieb: „Plug-in-Hybride werden bereits 2017 ihren Zenit erreichen, denn spätestens dann merken die Kunden, dass sie am Ende eines Monats stolz sind, rein elektrisch gefahren zu sein.“
Man muss dem Zukunftsforscher nicht bedingungslos an den Lippen kleben. Seine Thesen regen aber zu Diskussionen an. Was bringt es beispielsweise heute überhaupt noch, den E-Antrieb mit Braunkohlekraftwerken schlecht zu rechnen? Der Anteil regenerativ erzeugter Energie wird unweigerlich steigen und intelligent gesteuert werden. So sieht die Zukunft aus.
Den Medien kommt hier eine moderierende und kommentierende Rolle zu. Lesen Sie auch diese Ausgabe der ATZelektronik mit diesem Bewusstsein.
Herzlichst,
