1 Der Kontext: die Völkerpsychologie

Wilhelm Wundt vertrat bekanntlich die These, dass es zwei Arten Psychologie zu betreiben geben müsse (Wundt 1913, S. 29):

Wenn man die elementaren Gebiete der Psychologie die „experimentelle Psychologie“ nennt und in ihr ein wichtiges Unterschiedsmerkmal von der älteren Psychologie sieht, die sich dieses Hilfsmittels nicht bediente, so ist das gewiß vollkommen berechtigt. Wenn man aber die ganze Psychologie die experimentelle nennt, so ist dies ebenso gewiß eine falsche Bezeichnung, weil es Gebiete gibt, die der Natur der Sache nach dem Experiment unzugänglich sind. Dazu gehört in erster Linie die Entwicklung des Denkens, dazu gehören dann aber auch eine Reihe weiterer damit zusammenhängender Entwicklungsprobleme, wie z. B. der künstlerischen Phantasie, des Mythus, der Religion und der Sitte.

Ziel der Wundtschen Forschung war, analog zur Naturwissenschaft allgemeingültige Gesetze zu erfassen und zu formulieren. Und dies auf beiden Gebieten der Psychologie. Der eine Zugang war insofern die „zergliedernde“ bzw. „Elementen“-Psychologie als sie davon ausging, dass sich das Psychische aus einzelnen Elementen zusammensetze und sich der gemessene physikalische Anteil vom Psychischen subtrahieren lasse (Wundt 1911, S. 28):

Es kann daher die erste Aufgabe einer jeden Wissenschaft, die es mit der Untersuchung empirischer Tatsachen zu tun hat, die Ermittlung der Elemente der Erscheinungen, als die zweite die Erforschung der Gesetze, nach denen diese Elemente zu Verbindungen zusammentreten, betrachtet werden. Die ganze Aufgabe der Psychologie ist so in den zwei Problemen enthalten: Welches sind die Elemente des Bewusstseins? Welche Verbindungen gehen diese Elemente ein und welche Verbindungsgesetze lassen sich hierbei feststellen.

Die Völkerpsychologie befasst sich dagegen mit „den Menschen in allen den Beziehungen, die über die Grenzen des Einzeldaseins hinausführen, und die auf die geistige Wechselwirkung als ihre allgemeine Bedingung zurückweisen“ (Wundt 1900, I, S. 1).

Wundt stellt darüber hinaus fest, dass „die Völkerpsychologie diejenigen psychischen Vorgänge zu ihrem Gegenstande hat, die der allgemeinen Entwicklung menschlicher Gemeinschaften und der Entstehung gemeinsamer geistiger Erzeugnisse von allgemeingültigem Werte zugrunde liegen“ (1900, I, S. 6).

Wie das erste Zitat zur Elementen-Psychologie allerdings anschaulich zeigt, handelt es sich bei der Völkerpsychologie nicht um etwas von der Elementen-Psychologie vollkommen Verschiedenes oder um ein Spätwerk, wie oft behauptet, denn dieses könnte ohne Weiteres auf die Völkerpsychologie angewendet werden, denn auch „Wundts Völkerpsychologie will empirisch sein; aber man findet, es sei ein unzulänglicher Empirismus; er sei noch viel zu sehr systematisch gebunden und durch den planmäßigen Fortschritt des Gedankenaufbaus eingeengt“ (Ostertag 1914, S. 226). Und erst jüngst stellt Jochen Fahrenberg wieder fest: „Die Völkerpsychologie ist also kein Spätwerk, wie gelegentlich dargestellt, sondern sie ist von Anfang an programmatisch mitgedacht. Bereits vor den Grundzügen der physiologischen Psychologie (1874) war in den Vorlesungen ein erster thematischer Aufriss publiziert worden“ (2018, S. 136f.).

Wie lässt sich nun die Wundtsche Völkerpsychologie historisch einordnen und charakterisieren?

Wundt ist durch den an Herbart orientierten Psychologen Moritz Lazarus (1851) und die im Jahr 1860 von diesem und dem Sprachforscher Heymann Steinthal gegründete Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft angeregt. […] Andererseits hatte er Publikationen von Herbert Spencer rezensiert und sich mit den Berichten von Theodor Waitz befasst. Dieser hatte von 1859 an eine Reihe von Werken über die Anthropologie der Naturvölker und über die Völker der Südsee publiziert. Damit wurde eine Basis geschaffen, die Lazarus und Steinthal in dieser Art fehlte (Fahrenberg 2018, S. 137).

Wundt band in seine Analysen systematisch ethnologische Beobachtungen und Artefaktanalysen ein, die bei der Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft zumeist fehlten. Wundt selbst hatte bereits in Heidelberg Vorlesungen über Anthropologie gehalten. Ab 1875 hielt er auch in Leipzig Vorlesungen zur Anthropologie (vgl. Fahrenberg 2018, S. 137). Bei Theodor Waitz und Adolf Bastian schließlich findet er seinen eigenen Gedanken nach Entwicklungsgesetzen der höheren geistigen Erzeugnisse wieder, denn diese glaubten an die psychische Einheit der Menschheit und wollten diese durch ihre Forschung belegen. Auch wenn beide den Begriff Völkerpsychologie verwendeten, so meinten sie damit klar etwas anderes: Um diese Differenz hervorzuheben, gründete Bastian 1869 die Zeitschrift für Ethnologie. Und Wundt machte sich die Ethnologie zunutze.

Die Kulturgeschichte „nimmt daher die Ethnologie zu Hilfe, um Einblick in Anfangszustände zu gewinnen, die der geschichtlichen Überlieferung entzogen sind, dafür aber in den gegenwärtigen Zuständen der Naturvölker mannigfache ergänzende Zeugnisse finden“ (Wundt 1920, S. 5).

Wundt schafft also aus der Synthese beider Ansätze eine ganz eigene Art Völkerpsychologie, die mit einiger Berechtigung auch gelegentlich als Kulturpsychologie bezeichnet wird, denn (Wundt 1900, I, 2f.):

Der Einzelne ist nicht bloß Mitglied einer Volksgemeinschaft. Als nächster Kreis umschließt ihn die Familie; durch den Ort, den Geburt und Lebensschicksal ihm anweisen, steht er inmitten noch anderer mannigfach sich durchkreuzender Verbände, deren jeder wieder von der erreichten besonderen Kulturstufe mit jenen Jahrtausenden alten Errungenschaften und Erbschaften abhängt.

Eine abschließende Bewertung hierzu steht jedoch noch aus, da kaum jemand die zehnbändige Völkerpsychologie gelesen hat, sondern Publikationen hierzu sich meist auf die Probleme der Völkerpsychologie (1911) oder die Elemente der Völkerpsychologie (1912) beziehen. Und wie verheerend das ist, zeigt Fahrenbergs Urteil: „Wer nur die Elemente der Völkerpsychologie zur Kenntnis genommen hat […], kann gewiss keinen adäquaten Zugang zu Wundts Kulturpsychologie gewonnen haben“ (2018, S. 143f.). Sonst hätte er oder sie wahrgenommen, dass die Völkerpsychologie mit einem revanchistischen Kapitel zur Zukunft der Kultur abschließt, in dem sich ein verbitterter Kriegsverlierer Wundt als Anhänger des Kaiserreichs und Ablehner von parlamentarischer Demokratie und Völkerbund präsentiert (Wundt 1920, S. 30):

Aber wenn es jemals einem Schuldigen geglückt ist, das Verbrechen, das er selber begangen, auf den abzuladen, gegen den er es verübt hat, so ist es diesmal geschehen. Deutschland sollte den Krieg nicht nur erklärt, sondern von langer Hand vorbereitet haben. Und nicht nur dies, sondern die Neutralen der ganzen Welt wurden allmählich durch die Ententepresse aufgeboten, um dem Deutschen Reich als dem allgemeinen Friedensstörer den Krieg zu erklären. Zu den Künsten, deren man sich bediente, um die Deutschen als die blutigen Barbaren zu denunzieren, die plötzlich und ohne eine vernünftige Ursache über die zivilisierte Welt hergefallen, gehörte unter anderem das Märchen, die deutschen Schriftsteller seien, soweit sie überhaupt als nationale Patrioten in Betracht kommen, samt und sonders einem eroberungsgierigen Chauvinismus ergeben gewesen.

Als Zeuge seiner Zeit verteidigt Wundt in dem Kapitel auch den Anschluss Österreichs, den die Siegermächte mit Verweis aus den Vertrag von Versailles verhinderten und der dennoch gut 18 Jahre später in die Tat umgesetzt wurde (Wundt 1920, S. 37):

So glaubten unsere verbündeten Feinde den von beiden Seiten erstrebten Anschluss der deutsch-österreichischen Lande an Deutschland verhindern zu sollen, während wir selbst die freie Selbstbestimmung beider Teile des deutschen Volkes um so mehr wünschen müssen, weil wir in der Gründung eines großdeutschen Reiches eine neue Aufgabe sehen dürfen, die die gegenwärtige Niederlage in einen künftigen Sieg der deutschen Kultur verwandeln könnte.

Den Sieg der deutschen Kultur schließlich meint Wundt hier in der Tat, denn er ist überzeugt, dass die deutsche Kultur über der der Engländer, Amerikaner und Franzosen stehe und dass deshalb die Einführung der parlamentarischen Demokratie zu einem Kulturverfall in Deutschland führen werde. Ja, Deutschland verlöre seine Vormachtstellung als die höchstentwickeltste Kultur: „Für den deutschen Staat wird diese Forderung um so mehr gelten, als die deutsche Kultur noch in höherem Grade als eine eigenartige derjenigen dieser anderen Völker gegenübersteht“ (Wundt 1920, S. 37).

Für Deutschland empfiehlt er deshalb ein Zwei-Kammer-System, bestehend aus einem Volkshaus und einem Ständehaus, wobei letzteres „ein zweckmäßig festgelegtes System von Vertretungskörpern der Berufe und Landschaften“ (Wundt 1920, S. 38) sein sollte. Dieses System würde der „höheren Wertung der geistigen Interessen entsprechend, die der nationalen Eigenart der Deutschen am meisten adäquate parlamentarische Form sein“ (Wundt 1920, S. 38).Footnote 1 Und weiter (Wundt 1920, S. 38f.):

Ihre Mischung würde infolge der Tendenz eines Volkshauses zur Vorherrschaft immer wieder die Neigung zu einem Übergewicht der bloßen Zahl über den inneren Wert der Faktoren mit sich führen, während umgekehrt ein Ständehaus der gedachten Art vermöge des natürlichen Einflusses, den sich die sachverständigen Vertretungskörper über die bloß nach lokalen oder parteipolitischen Interessen gewählten verschaffen, dem Gemeinwohl ohne Frage besser dient, analog wie aus anderen Gründen in der Verfassung der amerikanischen Union der Senat das Übergewicht über das Repräsentantenhaus besitzt.

Schließlich endet das Kapitel mit einer klaren, revanchistischen und die deutsche Unschuld vertretenden Prognose für die Zukunft der Kultur (Wundt 1920, S. 40):

Wie die europäische Weltrevolution ausgehen wird, lässt sich noch nicht voraussehen. Begonnen hat sie mit der Verschwörung der Entente gegen Deutschland, ihren Kulminationspunkt hat sie erreicht, als es derselben Entente gelungen war, ihre eigene Schuld dem friedliebenden Deutschen Reich unter dem Vorgeben aufzubürden, dieses sei der Vertreter des Imperialismus und Militarismus gegen die Demokratie. Nachdem die deutsche Republik in der Aufrichtung der Demokratie vorangegangen ist, sind umgekehrt unsere Feinde die offenkundigen Vertreter des Kapitalismus und Imperialismus geworden, und auf welche Seite endgültig der Sieg fällt, bleibt schließlich dahingestellt.

Wenn man dies zur Kenntnis genommen hat, so bin ich überzeugt, wird man nicht mehr wissenschaftlich neutral auf Wundts Völkerpsychologie als eine Vorläuferin der heutigen Kultur- und Religionspsychologie verweisen können (vgl. van Belzen 2015, S. 45f.).

2 Die genetische Religionspsychologie

Wie verhält es sich nun mit der genetischen Religionspsychologie als kulturelles Zeitzeugnis? Zunächst erscheint interessant, wo Wundt die Religion in seiner zehnbändige Völkerpsychologie einordnet:

Band 1:

Die Sprache. Erster Teil

Band 2:

Die Sprache. Zweiter Teil

Band 3:

Die Kunst

Band 4:

Mythus und Religion. Erster Teil

Band 5:

Mythus und Religion. Zweiter Teil

Band 6:

Mythus und Religion. Dritter Teil

Band 7:

Die Gesellschaft. Erster Teil

Band 8:

Die Gesellschaft. Zweiter Teil

Band 9:

Das Recht

Band 10:

Kultur und Geschichte (vgl. Fahrenberg 2018, S. 138–139)

Dabei ist zu beachten, dass Band 3 erst in der zweiten Auflage platziert wurde, denn nur ohne diesen Band wird die innere Denklogik sichtbar: die in Sage und Märchen erzählten Mythen bilden den Übergang von der Sprache zur Religion. Dabei ist Wundt aber wichtig, dass Religion und Mythus nicht identisch sind, sondern dass das mythische Denken der Religion vorausgeht, „und umfaßt eben, solange das mythologische Denken allein das Bewußtsein beherrscht, die gesamte Weltanschauung eines Volkes: er ist ebensogut Vorstufe künftiger Wissenschaft, wie er das Handeln an Stelle der ihn später ablösenden praktischen Maximen leitet“ (Wundt 1909, S. 730; zum Mythus bei Wundt s. auch Allesch 2006). Warum sich beide aber nicht trennen lassen, erklärt Wundt so (Wundt 1909, S. 731):

Am dauerndsten bleibt der Mythus begreiflicherweise bei den Vorstellungen bestehen, die sich auf eine Welt jenseits der wirklichen und auf ein Leben nach dem Tode, kurz auf einen Inhalt beziehen, der jeder erfahrbaren Wirklichkeit entzogen ist. Insofern nun dieser Inhalt zugleich dem Gebiet der Religion angehört oder an es angrenzt, ist es verständlich, daß unter allen Lebensgebieten die Religion am dauerndsten mit mythologischen Elementen verwebt ist. Je schwieriger es aber darum sein mag, im einzelnen Fall Religiöses und Mythisches zu sondern, um so notwendiger ist dies, soll der Begriff der Religion überhaupt gegenüber solchen mythologischen Trübungen klargestellt werden. Da nun Mythus und Religion beide psychologische Bildungen sind, so ist diese Sonderung ebenso eine mit Hilfe der ethnologischen und historischen Tatsachen zu lösende psychologische Aufgabe, wie es auf der andern Seite eine historische Aufgabe ist, auf Grund psychologischer Merkmale und geschichtlicher Zeugnisse die mythologischen von den tatsächlichen Bestandteilen historischer Sagen und Legenden zu scheiden.

Im letzten Satz formuliert also Wundt, dass es ihm in seiner Analyse darauf ankomme, Geschichte und Psychologie zusammen zu denken.

3 Religionsgeschichte und genetische Religionspsychologie

Noch im 19. Jahrhundert war es üblich, Religionsgeschichte als eine Geschichte der Höherentwicklung (Teleologie) zu schreiben, die sich am soziobiologischen Darwinismus orientierte und die phylo- bzw. soziohistorische Genese dem ontogenetischen Entwicklungsverlauf parallelisierte. Wilhelm Wundt lehnte eine so verstandene Religionsgeschichte nicht ab, sondern stellt ihr eine genetische Religionspsychologie zur Seite (vgl. Wundt 1911, S. 116).

Anders als die Religionsgeschichte, die ein einfaches Ablösemodell der Phänomene unter teleologischem Blickwinkel zugrunde legte, zielt Wundts genetische Religionspsychologie auf ein (psychisches) Transformationsmodell, das Phänomene früherer Entwicklungsstufen aufnimmt und in das je neue Phänomen inkorporiert – entwicklungsleitendes Prinzip hierbei ist nach Wundt die Entwicklung vom Konkreten/Primären zum Abstrakten/Sekundären (vgl. Wundt 1911, S. 114).

Nach Wundt stehen der genetischen Religionspsychologie zwei methodische Wege offen (Wundt 1911, S. 114):

Sie kann entweder die religiöse Entwicklung in eine Anzahl einander folgender Stufen und ihre Übergänge in aufsteigender Richtung zuordnen, also gewissermaßen einzelne Querschnitte durch den gesamten organischen Zusammenhang der Religionsgeschichte zu legen suchen. Oder sie kann […] Längsschnitte ziehen, indem sie je eine Gruppe bedeutsamer Erscheinungen von den noch erreichbaren Anfängen an in ihren Wandlungen verfolgt. So unentbehrlich die erste dieser Methoden ist, so muss sie doch durch die zweite teils vorbereitet, teils ergänzt werden.

Auch wenn Wundt damit den Phänomenen in ihrer Gleichzeitigkeit gerecht werden will, indem er diese nicht schlicht als Abfolgemodell begreift, bleibt er dem teleologischen Denken seit der Aufklärung, einer Geschichtsphilosophie, die dem Fortschritt verpflichtet ist, treu.

Je einfacher die zur Entstehung von Kulturwerten führenden Willenshandlungen sind, um so deutlicher trete diese „teleologische Kausalität“ in den Willenshandlungen hervor, an komplexeren Vorgängen sind noch Zwischenglieder beteiligt „gemäß der Natur der in dieses Gebiet herüberreichenden Trieb- und Instinkthandlungen, ohne direkt nachweisbare psychische Motive“ (Band 10, S. 218f.; Fahrenberg 2018, S. 147).

Sein Querschnitt durch das Phänomenpotpourri dient nicht ausschließlich der Systematik der Motive, wie er zuvor schreibt, sondern gleichzeitig der Hierarchisierung, womit er ihre Gleichzeitigkeit negiert, indem er sie historisch verlängert (Wundt 1912, S. 4; Herv. LAN):

Darum ist es auch irrig, wenn man meint, die Psychologie des Kindes könne diese letzten Probleme der Psychogenese lösen. Das Kind des Kulturvolks ist von Einflüssen umgeben, die sich niemals von dem sondern lassen, was spontan im Bewusstsein des Kindes selbst entsteht. Dagegen führt uns die Völkerpsychologie in der Betrachtung der verschiedenen Stufen geistiger Entwicklung, die die Menschheit noch heute bietet, den Weg einer wahren Psychogenese. Sie zeigt uns hier in sich abgeschlossene primitive Zustände, von denen aus sich durch eine nahezu kontinuierliche Reihe von Zwischenstufen die Brücke schlagen lässt zu den verwickelteren und höheren Kulturen. So ist die Völkerpsychologie im eminenten Sinne des Wortes Entwicklungspsychologie.

Das heißt: Gleichzeitig vorhandene Phänomene werden entwicklungslogisch gedeutet. Für Letzteres benötigt Wundt den beschriebenen zweiten Weg: die Zurückverfolgung eines Einzelphänomens in die Vergangenheit. Dazu identifiziert er „zentrale geistige Motive“, Vorstellungen und Gefühle, die sich um einzelne Erscheinungen gruppieren und die sich transformiert auf allen Entwicklungsstufen finden lassen, die mit dem primitiven Menschen beginnen, da dieser „den niedrigsten Grad der Kultur, besonders der geistigen Kultur repräsentiert“ (Wundt 1912, S. 7).

Häufig genannte Motive sind: Arbeitsteilung, Beseelung, Glücksbedürfnis, Herstellung und Nachahmung, Jungenpflege, Kunsttrieb, Lebensfürsorge, magisches Motiv, Rettung und Erlösung, Schmuck, Schuld, Strafe, Sühne, (Selbst‑)Erziehung, Spieltrieb, Vergeltung. […] Doch im Gesamteindruck dominieren nicht diese Themen […], sondern die Verbindungen mit der Religion. Wundt wendet seine Interpretationsansätze sehr häufig in diese Richtung, indem er nicht nur zu Kunst, Phantasie, Tanz und Ekstase, sondern auch zu Familien- und Herrschaftsformen Verbindungen herstellt mit Seelenglauben, Unsterblichkeit, Dämonenglauben und Gottesglauben, Mythen und Weltreligionen, Kulthandlungen, Opferriten, Zauberei, Animismus und Totemismus. Diese häufige Präsenz der religiösen Überzeugungen in allen Bänden (der Völkerpsychologie – LAN) spricht dafür, dass Wundt hierin ein wesentliches verknüpfendes Band der Werte und Motive sieht (Fahrenberg 2018, S. 146).

Damit, so Fahrenbergs noch zu prüfende These, stelle die Religion den Kitt dar, der die Kultur zusammenhalte. Dies ist durchaus plausibel.

Spätestens aber mit der Entstehung der auf den Sumerern basierenden babylonischen/assyrischen Religion gilt dieses Prinzip nicht mehr, denn die Religion überschreitet die lokalen und nationalen Grenzen und wird – gewaltsam oder friedlich – zum Gemeingut vieler Kulturen.

Dass ab diesem Zeitpunkt (weiter) eine Binnenlogik der Entwicklung am Werke sein soll, lässt sich so nicht behaupten, sondern hängt an den soziohistorischen Bedingungen, in denen sich diese Entwicklung vollzieht. So ist die Ausdifferenzierung des Christentums, die viel breiter gefasst ist, als Wundt dies in den Blick nimmt (er bezieht sich nur auf Katholizismus, Luthertum und Calvinismus), als ebensolche zu begreifen und nicht als Höherentwicklung. So sind die Beschlüsse des Konzils von Chalcedon (451) und die ihnen folgenden christlichen Konfessionen nicht „in ihrer Entwicklung weiter“ als beispielsweise die Armenische Apostolische Konfession, die die Beschlüsse dieses Konzils ablehnte. Sie sind schlicht in den Grundüberzeugungen anders.

Neben aller Kritik bleibt dennoch hervorzuheben, dass Wundt nicht versuchte, Religion als Einzelphänomen genetisch in den Blick zu bekommen, sondern „die Hauptstufen völkerpsychologischer Entwicklung nacheinander und jede in dem gesamten Zusammenhange ihrer Erscheinungen“ (Wundt 1912, S. 7) zu betrachten; was nicht minder heißt, als Grundlinien einer psychologischen Entwicklungsgeschichte der Menschheit – so der Untertitel der Elemente der Völkerpsychologie (1912) – in Bezug auf Familien- und Gesellschaftsformen, Sprache, Denken, Religion, Kunst sowie Sitte herauszuarbeiten.

Nach Wundt lassen sich nun folgende Entwicklungsstufen finden (Tab. 1).

Tab. 1 Völkerpsychologische Entwicklungslinie

Wundts historische Interpretation von Einzelphänomenen führt dazu, dass sie, statt aus der Geschichte zu sprechen, in die Geschichte hinein verlängert werden. Nur so können sie als Vorläufer der späteren Phänomene verstanden werden; was gleichzeitig bedeutet, ihnen ihren eigenständigen Charakter zu rauben. Zudem kann man die grobe Einteilung, die oft mehrere Entwicklungsschritte beinhaltet, kritisieren, ebenso, ob man den Beginn der Völker- bzw. genetischen Religionspsychologie beim primitiven Menschen ansetzen kann.

Dennoch täte man Wundt Unrecht, wenn er sich nicht auch hierzu Gedanken gemacht hätte. So reflektiert er einerseits (Wundt 1912, S. IVf.):

Wenn wir z. B. annehmen, die Göttervorstellungen seien aus einer Verschmelzung des Heldenideals mit dem zuerst vorhandenen Dämonenglauben hervorgegangen, so ist das eine Hypothese, da der direkte Übergang eines Dämons in einen Gott nirgends mit absoluter Sicherheit nachzuweisen ist. […] Hier kann fast überall nicht das Gegebene entscheiden, das unserer direkten Beobachtung zugänglich ist, sondern das psychologisch Wahrscheinliche: das heißt, diejenige Annahme ist die gebotene, die mit der Gesamtheit der bekannten Tatsachen der Individual- wie der Völkerpsychologie am besten übereinstimmt.

Andererseits stellt er fest (Wundt 1912, S. 7):

Es gibt kein bestimmtes ethnologisches Merkmal, das dieses primitive Stadium von der weiteren Entwicklung scheiden kann, sondern es ist nur eine Summe psychologischer Eigenschaften, die eben weil sie den Charakter des Ursprünglichen an sich tragen, zugleich den Begriff des Primitiven ausmachen. […] Man wird daher diese zentralen geistigen Motive herausgreifen müssen, um eine einigermaßen zutreffende Periodeneinteilung erreichen zu können.

Dies zeigt meines Erachtens wieder einmal eindrücklich, dass die Wundtsche Völker- und Religionspsychologie noch nicht ausreichend untersucht und gewürdigt wurde und einer ausgiebigen Untersuchung bedürfte.