Konflikte erfahren in aktuellen Debatten um Rechtspopulismus, Migration und gesellschaftliche Polarisierung eine bemerkenswerte Aufmerksamkeit. Unter dem Schlagwort ‚Integrationsparadox‘ wird etwa das vermehrte Auftreten von Konflikten nicht mehr als ein Zeichen für verdichtete soziale Problemlagen bewertet, sondern als Indikator für eine gelingende Integration.Footnote 1 Migration beschleunigt demnach die gesellschaftliche Entwicklung und macht sie vielseitiger, aber auch unübersichtlicher, komplexer und konfliktreicher. Eine zunehmende Anzahl von Konflikten, so lautet die immer wieder formulierte These, zeige daher vor allem an, dass Integration stattfindet und dass Gesellschaft zusammenwächst. Allgemein mehren sich Stimmen, die Konflikte nicht nur als Normalität, sondern auch als wertvolles Momentum der Demokratie ansehen. Konflikte werden als integraler Bestandteil eines gesellschaftlichen Wandels betrachtet, als eine Spannung, die soziales Lernen provoziert und damit das Potential hat, demokratische Entwicklung zu stimulieren.

In unserem Beitrag bringen wir die Themen Konflikte, Migration und Stadt zusammen. So wollen wir durch eine Zusammenschau von soziologischer Konflikttheorie, radikaldemokratischen Ansätzen, Schriften zur postmigrantischen Gesellschaft sowie zu urbanen Konflikten den Blick auf Konflikte theoretisch und beispielhaft weiten. Städte sind eine Art Kaleidoskop der postmigrantischen Gesellschaft und ihrer Konfliktlinien, und so versteht sich unser Beitrag als multi-perspektivische Erörterung der Frage nach der Konzeption, Codierung und Bewertung von Konflikten. Insbesondere fragen wir dabei, wie plausibel es ist, Konflikte als Hoffnungsträger zu konzipieren. Unsere Verknüpfung klassischer Konflikttheorie und aktueller Forschung legt nahe, dass eine solche These ein Artefakt eines bestimmten Blickwinkels ist.

Aufgebaut ist der Text wie folgt: Zunächst fassen wir kurz die klassischen Texte der Konfliktsoziologie zusammen, die sich mit der Beschaffenheit und der gesellschaftlichen Wirkung von Konflikten beschäftigt. Danach besprechen wir Untersuchungen aus der Migrationsforschung, ausgehend von der frühen Gastarbeiterforschung bis hin zu den jüngsten Studien über die postmigrantische Gesellschaft. Anschließend ziehen wir Texte zu Rate, die unter dem Label der „radikalen Demokratietheorie“ gefasst werden und in denen Konflikte vor allem als eine ontologische Kategorie konzipiert sind. Darauffolgend schauen wir auf verschiedene Bereiche in der Stadtforschung, in denen jeweils der Fokus auf Konflikte gelegt wird. Abschließend diskutieren wir kritisch die Frage, ob Konflikte tatsächlich so etwas wie Hoffnungsträger für Integration, Gesellschaft und Demokratie sein können. Diese Frage ist für unterschiedliche sozialwissenschaftliche Disziplinen von Interesse, die sich mit den Gegenständen Migration, Konflikt, Demokratie und Stadtentwicklung beschäftigen. Wir glauben, dass unsere Literaturschau auch fruchtbar für politik- und geschichtswissenschaftliche Debatten ist und diese beleben könnte.

Eine Soziologie der Konflikte

Dass Konflikte normal und unvermeidbar sind, ist in älteren wie jüngeren konfliktsoziologischen Arbeiten grundlegend.Footnote 2 Ralf Dahrendorf bestimmt den Konflikt als soziales Phänomen, das man überall findet, „wo menschliche Gesellschaften bestehen“. Die genauen Konfliktdefinitionen sind jedoch abhängig von Forschungsfeld und -interesse.Footnote 3 Unterschieden wird unter anderem zwischen weiten und allgemeinen oder vergleichsweise engen und kontextbezogenen Definitionen, wobei sich letztere häufig auf konkrete Streitgegenstände, Erscheinungsformen oder Eigenschaften der Konflikte beziehen. Die Bandbreite reicht von Konflikten als bloße „Uneinigkeit“ zwischen Personen bis hin zu einem Verständnis von Konflikten als „unvereinbare Handlungstendenzen“.Footnote 4 In der umfangreichen konfliktsoziologischen Literatur werden Konflikten eigene Wirkungen zugesprochen, teilweise gelten sie als das Movens der Gesellschaft und werden als produktiv, gar als „schöpferisch“ beschrieben.Footnote 5 Die These, nach der Konflikte gesellschaftlichen Fortschritt befördern, findet sich ebenfalls in etlichen Beiträgen. Meist liegt ihr ein prozesshaftes Konfliktverständnis zugrunde, nach dem bestehende Verhältnisse stets durch Konflikte und Auseinandersetzungen in Bewegung geraten.

Eine explizit vergesellschaftende Wirkung wird Konflikten mindestens seit Georg Simmel zugesprochen, der mit dem Essay „Der Streit“ von 1908 häufig als Begründer der Konfliktsoziologie genannt wird. Lewis A. Coser spricht in Anlehnung an Simmel von einer integrativen Wirkung sozialer Konflikte. Er unterscheidet Veränderungen in einem System und Veränderungen des Systems, die durch Konflikte ausgelöst werden.Footnote 6 Am Beispiel von Arbeitskämpfen zeigt Coser, wie Konflikte unter anderem technologischen Fortschritt fördern können, wie sie neue Institutionen der Aushandlung hervorbringen und wie sie die Gruppenzugehörigkeit sowohl nach innen als auch ihre Einheit nach außen stärken.Footnote 7 Max Weber bestimmt den Kampf als soziales Handeln mit der Absicht einer „Durchsetzung des eigenen Willens gegen Widerstand des oder der Partner“.Footnote 8 Auch für Weber sind Konflikte allgegenwärtig. Für ihn ist ein Konflikt nicht allein von sich verstärkenden Ungleichheiten abhängig, vielmehr treten weitere Faktoren hinzu, die jeweils Einfluss auf die Legitimität einer Herrschaftsordnung ausüben.Footnote 9 Dabei ist der Glaube an die Legitimität einer Macht eine mögliche Erklärung dafür, weshalb es trotz Ungleichheit innerhalb einer Gemeinschaft nicht permanent zum Konflikt kommen muss.Footnote 10 Für Dahrendorf sind vor allem auf asymmetrischer Machtverteilung beruhende Herrschaftskonflikte bedeutsam, die er als die „allgemeinsten, schwerwiegendsten und wirksamsten Arten sozialer Antagonismen“ bezeichnet.Footnote 11 Für ihn ruht im Konflikt stets und ständig die Möglichkeit, eine bestehende (Herrschafts‑)Ordnung zu transzendieren. Konflikte machen aufmerksam auf die ungleiche Verteilung von ökonomischen Ressourcen, von Rang und Status sowie auf die ungleiche Verteilung von Herrschaft in sozialen Verbänden.

In einigen konfliktsoziologischen Arbeiten wird die These diskutiert, dass Konflikte sichtbar machen können, welche Werte und Institutionen von allen Konfliktparteien akzeptiert werden. Schon Simmel betont am Beispiel des Rechtsstreits, dass eine produktive Konfliktaustragung von einer „gemeinsamen Basis“ der Gegner abhängig bleibt. Nach Coser droht, wenn eine solche „basis of consensus“ fehlt, die „Spaltung oder gar Auflösung der Gemeinschaft“.Footnote 12 Nach Helmut Dubiel gibt es ein „ethisches Minimum der Demokratie“, das zunächst „einzig in der Anerkennung der legitimen physischen Existenz des/der Anderen im politischen Raum“ besteht; alle weiteren geltenden „Schlichtungsregeln“ ständen in modernen Gesellschaften, die „sich einzig in der Form von Konflikten in Beziehung setzen“ ständig zur Disposition.Footnote 13 Die gemeinsame Basis gesellschaftlicher Aushandlungs- und Austragungsprozesse ergibt sich somit erst im Konflikt selbst.

Aus unserer Sicht ergeben sich zusammenfassend vier Hauptlinien einer konfliktsoziologischen Theoriebildung: Erstens sind soziale Konflikte in plural-demokratischen Gesellschaften normal und es ist ständig mit ihnen zu rechnen. Zweitens können sie selbst sozialen Wandel auslösen, als Konflikt unter Gleichen, aber auch, in dem Teile (etwa Minderheiten, die bisher nur am Katzentisch sitzen durften) die Legitimität einer etablierten sozialen oder kulturellen Ordnung in Gänze in Frage stellen. Drittens halten Konflikte Beziehungen und Strukturen lebendig, da unterschiedliche Gruppen ständig neu um Teilhabe kämpfen. Schließlich kann viertens durch die Konflikte und in den Konflikten selbst erst eine gemeinsame Basis der Konfliktparteien geschaffen werden.

Migrationsbezogene Konflikte in der Migrationsforschung

Auch in der Migrationsforschung ist das Thema Konflikte allgegenwärtig. Ein Blick in die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der deutschsprachigen Migrationsforschung – bis Ende der 1980er Jahre eine rein westdeutsche Unternehmung – zeigt, dass sie sich seit ihren Anfängen mit sozialen Konflikten im Kontext internationaler Zuwanderung befasst. In den ersten Jahren der sogenannten Flüchtlings- und Vertriebenenforschung waren das beispielsweise die von der Politik befürchteten Verteilungskonflikte in einer von Prekarität geprägten Nachkriegsgesellschaft. Formen politischer Organisierung der Zuwander_innen wurden hier noch als Zeichen der gescheiterten Eingliederung angesehen.Footnote 14 Insbesondere wurde die Frage diskutiert, ob und wie eine Neuzusammensetzung der Gesellschaft gelingen könne.Footnote 15

In den 1970er und 1980er Jahren erfuhr mit der sogenannten „Ausländerforschung“ – später auch als „Gastarbeiterforschung“ bezeichnet – die soziale Differenzierung der Gesellschaft durch Zuwanderung vermehrt Aufmerksamkeit. Gleichzeitig erfolgte mit den Debatten um Assimilation, Integration und Segregation zwar noch keine konzeptionelle, jedoch eine implizite Auseinandersetzung mit Konflikten.Footnote 16 Als Gründe für migrationsbezogene Konflikte gesucht wurden vor allem eine vermeintlich unzureichende Integration und – daraus abgeleitet – angenommene kulturelle, religiöse oder ethnische Differenzen.

Die Jugendforschung befasste sich in den 1980er Jahren explizit mit migrationsbezogenen Konflikten, vor allem im Sinne „ethnischer“ Konflikte.Footnote 17 Eine intensivere Forschung und Theoretisierung begann jedoch erst in den 1990er Jahren, als rassistische Pogrome und Übergriffe sowie gewaltsame Auseinandersetzungen auch zwischen etablierten und neueren Migrantengruppen zunahmen und ins öffentliche Bewusstsein gelangten.Footnote 18 Bei ethnischen Konflikten handelt es sich demnach um soziale Konflikte zwischen Gruppen, „die sich gegenseitig nach ‚ethnischen‘ Merkmalen abgrenzen“.Footnote 19 Die Kategorie des „Ethnischen“ basiert demnach auf der Fremdbeschreibung einer „sozialen Gruppe durch Mitglieder der sie umgebenden Gesellschaft“.Footnote 20

Ende der 1990er Jahre hat sich mit wachsender Anerkennung der Realität einer Einwanderungsgesellschaft der Diskurs über internationale Zuwanderung deutlich verändert. Trotz anhaltender und polarisierender „Leitkultur“-Debatten setzen sich Positionen durch, die sich von der bisherigen Migrationsforschung und deren etablierten Konzepten (zum Beispiel Assimilation und Multikulturalismus) abgrenzen. Kritisiert wird eine DefizitorientierungFootnote 21, eine starre Konzeption von KulturFootnote 22, die homogenisierende und essentialisierende Differenzperspektive.Footnote 23 Migration wird nun zunehmend als Normalfall und grundlegender Bestandteil der modernen Gesellschaft aufgefasst.Footnote 24 Folglich gerät die Einwanderungsgesellschaft als solche verstärkt in den Blick. Nicht mehr ‚die Migranten‘ bilden den Schwerpunkt des Interesses, sondern die (konflikthafte) Aushandlung und Ausgestaltung der pluralen „postmigrantischen Gesellschaft“ selbst.Footnote 25

Im Zuge dieses Perspektivenwandels setzen sich auch neue Konzeptionen von Konflikten in der Forschung durch. Während Konfliktlosigkeit lange als erreichte Gleichheit im Sinne ‚vollzogener Assimilation‘ positiv gedeutet wurde, charakterisieren neuere Arbeiten eine solche Interpretation als „Fehlschluss“.Footnote 26 Mit der Integration nehme die „Konkurrenz ums Gleiche“ zu.Footnote 27 Konflikte werden daher vermehrt auch als Ausdruck einer lebendigen GesellschaftFootnote 28, als ChanceFootnote 29 und als erforderlich für gelingende Integration beschrieben.Footnote 30 Eine solche Integration erfolge „notwendigerweise mit und durch Konflikte“.Footnote 31 Zudem wird gezeigt, wie etwa der berufliche Erfolg von Zugewanderten neue Konflikte hervorruft, da „Etabliertenvorrechte“ in Frage gestellt werden.Footnote 32 Bereits zu Beginn der 2000er Jahre wiesen Studien unter der Bezeichnung „Integrationsparadox“ auf zunehmende soziale Konflikte und deren positive Wirkung hinsichtlich der Integration von Zugewanderten hin.Footnote 33 Aladin El-Mafaalani brachte diesen Begriff in eine breitere Öffentlichkeit. Er nahm dabei Bezug auf die frühe Konfliktsoziologie und formulierte, dass „die positiven Seiten eines Konflikts“ so herauszuarbeiten seien, „dass Fortschritt gewährleistet ist“.Footnote 34

Auch Naika Foroutan konzipiert den Konflikt als etwas Positives und Funktionales. Konflikte werden von ihr als etwas dargestellt, das „systemintegrierend wirken und den sozialen Wandel fördern“ kann. Foroutan berichtet von einem Streitraum, in dem zwar gegnerische Positionen verhandelt werden, diese Gegner_innen sich aber auf einer gemeinsamen Grundlage einigen können. Bei Foroutan ist der Konflikt „gleichzeitig akteurbildend und strukturbildend“. Unterschieden wird dieser stabilisierende Konflikt von Konflikten mit einem „dysfunktionalen Charakter“, die als „unüberwindbare – also antagonistische – Feindschaftskategorien“ beziehungsweise als „Fehlfunktion“ bezeichnet werden.Footnote 35

In der Migrationsforschung spielt der Blick auf Konflikte also allgemein eine zentrale Rolle. Auch in den aktuellen Debatten um die postmigrantische Gesellschaft ist das der Fall. Bei der theoretischen Konzeption der Konflikte wird hier allerdings meist eher konventionell auf die klassische Konfliktsoziologie referenziert. Während der Begriff des Postmigrantischen selbst paradoxal angelegt ist – schließlich geht es darum, das Thema Migration an den Anfang (in den Begriff) zu setzen, es aber gleichzeitig auch hinter sich zu lassen – und diese Paradoxie für die eigene Begriffsbildung fruchtbar gemacht wird, wird der Konflikt nicht-paradoxal als etwas tendenziell Positives angelegt und funktionalisiert. In einer solchen Konzeption wird scharf normativ abgegrenzt in gute, produktive und funktionale Konflikte auf der einen und schlechte, kontraproduktive und dysfunktionale Konflikte auf der anderen Seite.

Konflikte als Grundelemente radikaler Demokratietheorie

Radikale Demokratietheorie kritisiert die Hauptströmungen eines klassischen liberalen Verständnisses von repräsentativer Demokratie und setzt sich zum Ziel, Demokratie zu demokratisieren.Footnote 36

Die wohl einschlägigste Ausarbeitung einer radikalen Demokratietheorie findet sich bei Ernesto Laclau und Chantal MouffeFootnote 37, die das Projekt explizit als eine sozialistische und postmarxistische Idee entwerfen. Diese Idee entspringt den sozialen Bewegungen unserer Zeit, welche, so die Diagnose von Laclau und Mouffe, die theoretischen und politischen Routinen der liberal-kapitalistischen Demokratien ebenso in eine Krise gestürzt haben wie die orthodoxen Versionen eines ganz auf die Ökonomie fixierten Marxismus. Im Innern beider Krisen findet sich eine theoretische Störung, nämlich eine Krise der Objektivität. Diese Störung ist Ausdruck davon, dass eine rein rationalistische und objektivistische Konzeption von Gesellschaft und Geschichte nicht möglich ist und daher immer scheitern muss. Sie ist notwendig begrenzt durch einen grundlegenden Antagonismus, der alle sozialen und historischen Prozesse durchzieht.

Die Betrachtungsebene verschiebt sich damit vom Sozialwissenschaftlichen zum Sozialtheoretischen, die Frage nach der „ontologischen Natur des Konflikts“ rückt in den Mittelpunkt.Footnote 38 Der Konflikt wird zentral für jegliche soziale und historische Entwicklung. Das ist vor allem deshalb so, weil die Prämisse der „notwendigen Kontingenz“ eingeführt wird. Wenn alles auch anders sein könnte (das bedeutet Kontingenz), dann gibt es zu allem und jedem Alternativen, deren Geltungen permanent ausgehandelt werden müssen. Der grundlegende Antagonismus zeigt dabei das „ultimativ kontingente Wesen aller Objektivität“: Immer gibt es mehrere, gegenläufige und auch unvereinbare Positionen; nie gibt es ein objektives und abgeschlossenes Ganzes.Footnote 39Deshalb gibt es Konflikte, und zwar immer und überall. Konflikte werden hier nicht in Gut und Böse oder in produktiv und unproduktiv eingeteilt. Sie haben eine andere Aufgabe: Sie halten den Laden am Laufen, indem sie eine radikale Negativität in jedwede Form von Vergesellschaftung implementieren. Das Soziale, die Gesellschaft, kann nie zu einem geschlossenen Ganzen werden und auch die Demokratie kann nie an ein (positives) Ende gelangen. Diese negative ontologische Grundspannung in jedem historischen Werden, verhindert, dass die Konflikte dauerhaft aufgelöst werden, dass der „leere Platz der Macht in der Demokratie“ dauerhaft besetzt wirdFootnote 40, dass Geschichte zu einem Ende kommt.Footnote 41 In dieser Verhinderung sind Antagonismus und Konflikte konstitutive Antriebsfaktoren des Sozialen.Footnote 42

Seine Weiterführung von Laclaus und Mouffes radikaler Demokratietheorie bezeichnet Oliver Marchart als ‚postfundamentalistisches politisches Denken‘.Footnote 43 Ein solches Denken behauptet, dass – im Bereich des Sozialen – absolute Gründe nicht existieren: kein Gott, kein biologisches Gesetz oder genetischer Code, kein Markt oder ähnliches. Genau diese Unmöglichkeit, so lautet der zweite Teil der Überlegung, ist der Grund für alle sozialen, politischen und historischen Ereignisse. Das zweite Axiom ist ebenso wichtig wie das erste. Die Unmöglichkeit endgültiger Gründe und die Notwendigkeit der Kontingenz – nur wenn sie zusammen gedacht werden, entsteht das postfundamentalistische Momentum.Footnote 44

Auch für Marchart ist der Konflikt (zusammen mit der Kontingenz) das entscheidende Element in der eng an Laclaus Antagonismuskonzeption angelehnten Theoriebildung. In seiner ausführlichen Genealogie des Konflikts unternimmt er auch einen Durchgang durch die „fast schon vergessene bürgerliche Konflikttheorie“Footnote 45, also durch das Feld, das wir weiter vorne skizziert haben. Nach Marchart wurde dort (immerhin) das Wagnis eingegangen, überhaupt über die Beschaffenheit von Konflikt nachzudenken – und damit etwas gemacht, was in weiten Teilen der aktuellen technologiezentrierten Sozialwissenschaften kaum mehr anzutreffen ist. Allerdings erzeugt dieser Versuch ein inhärentes Paradox. Die Konflikttheorie nämlich wird selbst vom „gespenstischen Objekt“ des Antagonismus und „von einer objektivistisch nicht greifbaren Dimension des Konflikts“ heimgesucht. Aus diesem Grund muss der Konflikt in der Konflikttheorie gezähmt, eingehegt und funktional gemacht werden: „Der Spuk wird nun als positiver Beitrag zur Systemstabilisierung gewürdigt“. Marchart schlussfolgert, dass genau in dieser „Funktionalisierung von etwas grundsätzlich Dysfunktionalem“ am Ende die Konflikte dann doch verdrängt werden und zwar sogar „noch effektiver“ als auf jede andere Weise.Footnote 46

Im Kontext von radikaltheoretischen TheorienFootnote 47 gibt es also eine dezidierte Kritik an den Versuchen, Konflikte in positive Hoffnungsträger für die gesellschaftliche Entwicklung umzuwandeln. Dass Konflikte wichtig für alle Prozesse von Vergesellschaftung sind, wird dabei keineswegs bestritten. Im Gegenteil, sie werden sogar als konstitutiv für das Entstehen von Gesellschaft angesehen, als postfundamentalistische und radikaldemokratische Grundessenzen. Produktiv, positiv und funktional – das macht schließlich den Unterschied zu Theoriebildungen im Gefolge der klassischen Konflikttheorie – sind antagonistische Konflikte in der radikal demokratietheoretischen Lesart aber nie: Sie treiben Gesellschaft an, lassen sich jedoch nicht anwendungsorientiert einsetzen für eine irgendwie organisierte positive Fortschrittsplanung.

Urbane Konflikte

Im Folgenden wollen wir uns Konflikte in der Stadt mit dem oben skizzierten Rüstzeug genauer anschauen. Mit Fokus auf migrationsbezogene Konflikte fallen dabei vier – auf den ersten Blick recht weit voneinander entfernt scheinende – Forschungsbereiche ins Auge: (1) die Forschung zu sozialem Zusammenhalt vor Ort, für die Konflikte quasi die Kehrseite des Zusammenhalts sind; (2) die internationale Forschung zu urban riots, die sich mit gewaltsamen Ausbrüchen von Konflikten auf der lokalen städtischen Ebene beschäftigt und sie als Ausdruck struktureller Ungleichheiten wertet; (3) die Debatte um urban citizenship, die sich für die Teilhabe verschiedener urbaner Bewohner_innengruppen engagiert; (4) Arbeiten aus dem Bereich der Konfliktforschung, die lokale Konflikte um Zuwanderung untersuchen.

Das Thema sozialer Zusammenhalt (1) wird auf verschiedenen Ebenen adressiert und gemessen. Dabei geht es in der Regel um soziale Nähe, Einstellungen zum Zusammenleben in heterogenen (Stadt‑)Gesellschaften und die „capacity to live with difference“.Footnote 48 Sozialer Zusammenhalt ist in diesem Kontext auch explizites Ziel politischer Fördermaßnahmen. Das Bund-Länder-Programms „Soziale Stadt“ widmet sich etwa „benachteiligten Quartieren“ mit dem Ziel, „sozialen Zusammenhalt zu stärken“ (BMIBH). Was sozialer Zusammenhalt ist, bleibt hier zwar meist implizit, zwischen den Zeilen lässt sich jedoch die Absicht herauslesen, dass Konflikte zu vermeiden sind. Interessant für unsere Perspektive sind vor allem die skeptischen Stimmen, die den Optimismus solcher Arbeiten und Politikprogramme hinterfragen. Dazu gehört eine deutliche Kritik an der stadtsoziologischen Kontakthypothese, die im Kern besagt, dass Kontakt zur Überwindung sozialer Differenzen führt.Footnote 49 Entgegen dieser Hypothese zeigen Studien wiederholt, dass räumliche Nähe nicht automatisch soziale Nähe erzeugt.Footnote 50 Aus der Beobachtung, dass auch nach längeren Phasen vermeintlicher Eintracht immer wieder lokale Konflikte aufbrechen, folgert etwa Gill ValentineFootnote 51, dass sich in sozial durchmischten Kontexten nur eine „oberflächliche Zivilisiertheit“ bildet. Die stärkere Gruppe toleriere die schwächere meist nur vorübergehend, und zwar vor allem aus Machterhaltungsgründen. Die Beziehungen seien dabei nicht von wechselseitigem Respekt geprägt und häufiger Kontakt könne sich durchaus auch negativ auswirken. Soziale Fronten scheinen sich nach dem Kontakt durch verfestigte Vorurteile sogar häufig zu verhärten. Ähnlich argumentiert auch Ash Amin und ergänztFootnote 52, dass migrationsbezogene Konflikte in Städten unvermeidbar sind, solange diese Orte sozialer Ungleichheit und Deprivation, Segregation sowie Diskriminierung darstellen.

Internationale Arbeiten zu urban riots (2) vertreten die Auffassung, dass Konflikte ein Fenster für die Betrachtung von strukturellen Ungleichheiten und Diskriminierungen bieten, deren Ausdruck sie sind. Diesbezügliche Studien widmen sich meist Quartieren mit hoher Konzentration benachteiligter Gruppen und ethnischer Minderheiten. Hier interessieren mehr die Ursachen von Konflikten und weniger Möglichkeiten ihrer Vermeidung oder Bewältigung. Prominente Arbeiten wie die von Loïc Wacquant oder Mustafa Dikeç untersuchenFootnote 53, wie Macht- und Herrschaftsstrukturen zu Armut, Exklusion und Ausgrenzung führen. Diese Arbeiten verstehen sich als kritische Stadtforschung, die sich gegen eine Kulturalisierung oder Psychologisierung von Armut und abweichendem Verhalten richtet und stattdessen die strukturelle Gewalt hinter Kriminalität und gewaltsamen Ausschreitungen aufzeigt. Als strukturelle Gewalt werden soziale Polarisierung, Verarmung, Segregation, Diskriminierung und nicht zuletzt die Praktiken von staatlichen Institutionen angesehen. An den untersuchten Orten überkreuzen sich „Rassen“- und Klassenunterdrückung und entzünden so Unruhen und Aufruhr. Didier Fassin zeigt für die Pariser Vorstädte, wie sich die Ohnmachtsgefühle von Jugendlichen, die Polizeigewalt als strukturelle Gewalt in entwürdigender Form erleben, in physischer Gewalt entladen.Footnote 54 In den verschiedenen Arbeiten stehen die Institutionen neoliberaler Stadtpolitik in der Kritik. Die Ausschreitungen werden als Akt der Herausforderung bestehender Machtstrukturen interpretiert, als Entzug ihrer Legitimität.Footnote 55 Fragt die Soziale-Zusammenhalt-Perspektive nach dem Grad sozialer Kohäsion und nach Möglichkeiten ihrer Förderung, reflektiert die urban-riots-Forschung explizit gewaltsame Konflikte, die sie als Linse in tiefere Strukturen der Gesellschaft begreift.

Die Debatte um urban citizenship (3) nimmt Konflikte als Aushandlung von beziehungsweise Kampf um bürgerschaftliche Rechte und damit verbundene Teilhabe in den Blick. Die Konstruktion von staatlicher Zugehörigkeit legitimiert nicht nur Rechtsansprüche für Staatsangehörige, sondern schränkt gleichzeitig die gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Teilhabemöglichkeiten von Nichtstaatsangehörigen ein, die bislang lediglich in der Form von Beiräten zumeist eher symbolisch repräsentiert werden.Footnote 56 Die dadurch erzeugte Abstufung von Rechten je nach Aufenthaltsstatus produziert soziale Schichtungen mit privilegierten und marginalisierten Gruppen.Footnote 57 Durch die Neuaushandlung von Rechts- und Beteiligungsansprüchen abseits der Staatsbürgerschaft wird im Konzept der urban-citizenship-Debatte daher die gleichberechtigte Teilhabe aller Bewohner_innen angestrebt, indem Rechte lokal an dem jeweiligen Lebensmittelpunkt der Bürger_innen verankert werden.Footnote 58 Vertreter_innen dieser Debattenrichtung berufen sich unter anderem auf Hannah Arendts Proklamation des „Recht auf Rechte“.Footnote 59 Arendt ging davon aus, dass sich Subjekte unabhängig von ihrem tatsächlichen Rechtsstatus als Bürger_innen emanzipieren können, indem sie ihre Rechte einfordern beziehungsweise sich diese selbst aneignen. Auf dieser Grundlage stellen insbesondere die Konzepte der insurgent citizenshipFootnote 60 und der acts of citizenshipFootnote 61 die alltäglichen Politiken des Rechte-Nehmens und des Zugehörig-Machens in den Fokus der Begriffsbeschreibung und liefern die theoretische Basis einer „citizenship von unten“.Footnote 62 Sabine Hess und Henrik Lebuhn betonen, dass „der städtische Raum […] der primäre Schauplatz und Adressat von Konflikten um Anerkennung, Zugang zu Ressourcen und basaler Infrastruktur sowie Sicherheit“ ist. Sie sind Arenen lokaler Aushandlungen, in denen hegemoniale Teilhabekonzepte in Frage gestellt oder delegitimiert werden. Dabei geht es nicht um die Abschaffung oder Aushöhlung staatsbürgerschaftlicher Rechtsansprüche, sondern vielmehr um „die Anpassung politischer Instrumentarien an die vielfältige Normalität“.Footnote 63 Diese Debatte ist ein exemplarischer Schauplatz dessen, was in radikaltheoretischen Ansätzen als Wirkung von Kontingenz und von radikaler Negativität beschrieben wird, also Vergesellschaftung in Bewegung bringt. Hier wird die hegemoniale Vorstellung von Zugehörigkeit und entsprechenden Rechten durch Negation in Frage gestellt: Zugehörigkeit muss nicht durch Abstammung oder wenigstens langjährige Ortsbindung erworben sein, sie kann sich auch durch schlichte Präsenz am Ort definieren.

Urbane lokale Konflikte (4) werden schließlich auch in der deutschsprachigen Konfliktforschung untersucht, vor allem in Studien aus dem Umfeld des Bielefelder Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung.Footnote 64 Hier wird schon Ende der 1990er auf verstärkte Konfliktdynamiken in den Stadtgesellschaften hingewiesen, wobei sich Auseinandersetzungen, so die Beobachtung, vermehrt am vermeintlich Fremden entzünden. Mit Blick auf hintergründige sozialstrukturelle und -räumliche Entwicklungen spricht Wilhelm Heitmeyer von einer Wende von der Konsens- zur Konfliktgesellschaft. Die ‚Integrationsmaschine‘ Stadt versage insofern, als soziale Polarisierung, Entmischung und Ausgrenzung zunähmen.Footnote 65 Besonders brisant werde solche soziale Krisenentwicklung durch ihre „ethnisch-kulturelle Einfärbung“Footnote 66, wobei die Annahme lautet, dass es sich um „umgeleitete Konflikte“ handelt. Durch die Aufladung als ethnische Gegensätze kann sich eine gefährliche Dynamik entwickeln, die „Mehr-oder-Weniger-Konflikte“ in unteilbare „Entweder-Oder-Konflikte“ transformiere.Footnote 67 Es sei zu erwarten, so Heitmeyer, dass soziale Integration durch strukturelle Desintegration zusätzlich erschwert werde. Heitmeyers Fazit fällt entsprechend pessimistisch aus: Er befürchtet weitere EskalationenFootnote 68, und sieht wenig Chancen auf Spannungsabbau. Möglichkeiten für eine konstruktive Wirkung von Konflikten seien stark im Schwinden begriffen. Das Erstarken rechtspopulistischer Strömungen und zunehmende gesellschaftliche Polarisierung scheinen das zu bestätigen.Footnote 69 Auch Jörg Hüttermann betrachtet lokale Konfliktkonstellationen mit ethnisch-kulturellem Fokus.Footnote 70 Sein Interesse gilt besonders der Konfliktgenese in „urbanen Alltagsarenen“.Footnote 71 Dabei stellt er auf die verdichtete Wirklichkeit städtischer Räume ab, auf deren intermediäre Strukturen die makrostrukturellen Veränderungen gemäß einer eigenen „Soziologik“ auf lokaler Ebene vermitteln.Footnote 72 Hüttermann sieht Konflikte ebenfalls nicht als bloße „Kulturkonflikte“, sondern vielmehr als sozialstrukturell bedingt. Es gelte, sie zu entdramatisieren und sie auf den „Boden des Sozialen“ zurückzubringen.

Insgesamt zeigen die Arbeiten zur lokalen Ebene ein eher ambivalentes Bild. Jenseits politischer Programmschriften und kontaktoptimistischer Heuristiken sowie quer zu den unterschiedlichen wissenschaftlichen Communities scheint sich jedoch die gemeinsame Einsicht abzuzeichnen, dass soziale Konflikte – versteckt hinter oberflächlicher Toleranz und Zivilisiertheit – eine bleibende Tatsache sind, dass sie sich häufiger als ethnisch umgelenkte soziale Konflikte zeigen und dass sie auf tiefgreifende, oft gewaltvolle Macht- und Herrschaftsstrukturen beziehungsweise zunehmende Ungleichheiten zurückgehen. Die These, Konflikte würden Lernprozesse auslösen und integrierend wirken, ist dagegen umstritten.

Konflikte als Hoffnungsträger?

Ausgangspunkt unserer Ausführungen war die derzeit hohe Aufmerksamkeit für migrationsbezogene Konflikte in den gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Debatten und die These, dass solche Konflikte letztlich den „Kit [liefern], der die Gesellschaft zusammenhält“.Footnote 73 Die Stichhaltigkeit der These stellt sich aus der Sicht der untersuchten Forschungsperspektiven und Theorietraditionen unterschiedlich dar. Einige Dinge scheinen jedoch unbestritten zu sein. Erstens ist das die Normalität von Konflikten – Konflikte gibt es überall und permanent, sie sind gesellschaftliche Realität. Zweitens ist es unwidersprochen, dass Konflikte auf irgendeine Weise wirksam für den gesellschaftlichen Wandel sind. Weitgehend akzeptiert ist die Auslegung, dass Konflikte Veränderungen bewirkenFootnote 74, auch wenn diese Veränderungen unterschiedlich bewertet werden. Drittens ist anerkannt, dass Konflikte häufig ein Anzeichen dafür sind, dass die Legitimität einer sozialen Ordnung in Zweifel gezogen wird, etwa, wenn sich die Machtverhältnisse infolge von Zuwanderung wandeln.

Um die komplexen Ursachen und Wirkungen migrationsbezogener Konflikte besser zu verstehen, ist einerseits – den Diskussionen zur postmigrantischen Gesellschaft folgend – die Integrationsfrage aus der Migrationsecke zu holen. Identitäts- und Zugehörigkeitsfragen stellen sich vielschichtiger dar, als nur dichotom auf den Polen von Zugewanderten und Nicht-Zugewanderten. Gerade die Überkreuzung von Migration mit sozialstrukturellen Fragen wird aktuell auf der Suche nach Erklärungen für das Erstarken nationalistischer und rechtspopulistischer Tendenzen diskutiert.Footnote 75 Wie die lokale Konfliktforschung eindrücklich zeigt, haben wir es insgesamt mit deutlich komplexen Konfliktkonstellationen zu tun. Sozialstrukturelle Konfliktlinien überlagern vermeintlich ausschließlich ethnisch-kulturelle. Dadurch gewinnen letztere an Schärfe. Daher sind die eigentlichen Ursachen vieler Konflikte gar nicht so sehr „migrationsbezogen“, sondern vielmehr Ausdruck der sich im Zuge von Globalisierung und Neoliberalisierung stärker polarisierenden Gesellschaft.

Folgt man den Arbeiten zu einer postmigrantischen Gesellschaft in ihrer These, dass in heterogeneren Gesellschaften differente Perspektiven zunehmen beziehungsweise sichtbarer werden und dass daher Konflikte als „normale“ Aushandlungsprozesse zu verstehen sind, dann wird nachvollziehbar, weshalb Konflikte als Zeichen gelingender Integration interpretiert werden (wobei der Terminus der „gelingenden Integration“ zurecht selbst umstritten ist). Einige konflikttheoretische Beiträge gehen von einem grundsätzlichen Potential von Konflikten aus, gesellschaftlichen Wandel zu bewirken. Konflikte sind demnach in der Lage, Zusammenhalt zu stärken oder notwendig gewordene Veränderungen anzustoßen. Damit Konflikte Wandel auslösen können, müssen sie jedoch zunächst eingehegt werden. Gleichwohl gibt es aber – insbesondere in der lokalen (Konflikt‑)Forschung und in der radikalen Demokratietheorie – auch Vorbehalte gegenüber einer solchen Konzeption. Häufig werden ein allenfalls prekärer Zusammenhalt und sich mehrende und vertiefende Abgrenzungsbewegungen in Stadtgesellschaften beobachtet und damit einhergehend die Bildung neuer Konfliktlinien. In der radikaldemokratischen Theorie wird zudem auf die konstitutive Dysfunktionalität von Konflikten verwiesen und darauf beharrt, dass gerade die nicht einhegbaren Konflikte Antriebsmittel für soziale und historische Prozesse sind. Auch muss die Richtung der Veränderung in der Theoretisierung von Konflikten prinzipiell offenbleiben, eine implizite normative Hoffnung auf wie auch immer gerichteten Fortschritt ist daher nicht begründbar. Hier zeigt sich vielleicht am deutlichsten, dass die Frage danach, ob Konflikte Hoffnungsträger sind oder sein können, von der eingenommenen Ausgangsposition abhängig ist. In der Konzeption der radikalen Demokratietheorie ergibt die Frage letztlich keinen Sinn – Konflikte sind konstitutiv, sie sind nicht abstellbar, sie suchen uns heim. Ein Prinzip Hoffnung lässt sich aus ihnen nicht ableiten. Vielmehr bewirkt aus dieser Perspektive der Fokus auf die Untersuchung von Konflikten etwas anderes: Er öffnet ein Fenster zu einer sozialtheoretischen Betrachtungsweise, zu den Fragen, wie Gesellschaft überhaupt konstituiert ist. Und der Blick schärft den Sinn auf die Paradoxien und Negativitäten, die diesen Konstitutionen innewohnen.

Mit einer solchen Perspektive kann möglicherweise auch der Raumbezug der Konfliktforschung gestärkt werden. Es sind häufig konkrete Orte, an denen sich Konfliktlinien überlagern und strukturelle, aber auch physische Gewalt (häufig gegen Migrant_innen) konzentriert auftreten. Wenn derartigen Konflikten in der riots-Forschung, bei der häufig Zugewanderte und sozial deprivierte Milieus im Fokus stehen, so etwas wie eine Funktion zugeschrieben wird, dann häufig die eines Fensters in tieferliegende, strukturell bedingte Machtungleichheiten und historisch gewachsene Konfliktkonstellationen. Hier liegen aus unserer Sicht einige Potentiale für künftige Forschung. Der Fokus auf Konflikte hat das Potenzial, bisher weitgehend unverbundene Forschungsbereiche – etwa die Quartiersforschung und Studien der urban-riots-Forschung, die kommunale Politikforschung und die Migrationsforschung, den Ansatz des urban citizenship, die Konflikttheorie und die Ungleichheitsforschung – in einen stärkeren Austausch miteinander zu bringen. Dabei – das zeigen die Arbeiten zu Konflikten auf der lokalen Ebene – kommt den räumlichen Settings, also dem Raum als Mitspieler gesellschaftlicher Prozesse, eine eigene Rolle zu.

Stellen wir zum Schluss noch einmal die Frage: Können Konflikte als Hoffnungsträger konzeptualisiert werden? Das hängt wie gesagt von der eingenommenen Perspektive ab. Und auch von der Frage, was für eine Hoffnung das sein soll. In Teilen kann der These aus unserer Perspektive vielleicht zugestimmt werden. Nicht, weil Konflikte automatisch zu einer besseren Gesellschaft – was immer das auch genau ist – führen und auch nicht, weil sie „konstruktiv“ sind, sondern weil der Fokus auf Konflikte eine entscheidende Kraft des gesellschaftlichen Geschehens ins Visier nimmt. Als Resümee unserer Literaturstudie können wir festhalten, dass Konflikte – wie schon von Simmel vor über einhundert Jahren festgestellt – tatsächlich die Bänder bilden, die eine Gesellschaft zusammenhalten. Aber sie sind das nicht in einem optimistischen, funktionalen Sinne, sondern auf eine schwierige, unsichere, oftmals ambivalente oder sogar widersprüchliche Art und Weise. Ereignisse und historisch-soziale Prozesse sind immer unterschiedlichen Perspektiven und Wahrheiten zugänglich und bleiben in ihren Ergebnissen stets umstritten. Skepsis zu wahren bleibt aus unserer Sicht jedenfalls angeraten gegenüber allzu fortschrittsoptimistischen Perspektiven innerhalb der Konfliktforschung. Bewertungen von Konflikten sind abhängig von der Position, Wahrnehmung und Erfahrung der Sprechenden. Gerade diese schwierige und komplexe Beschaffenheit sozialer Konflikte, ihre Ambivalenz und auch oft Widersprüchlichkeit, macht sie zu einem faszinierenden Bestandteil und Indikator von dem, was Gesellschaft zusammenhält (indem sie Gesellschaft daran hindert, zu einem Ganzen zu werden).

Besprochene Literatur

  • Clasen, Theresa: Radikale Demokratie und Gemeinschaft. Wie Konflikt verbinden kann, 250 S., Campus, Frankfurt u. a. 2019.

  • Comtesse, Dagmar/Flügel-Martinsen, Oliver/Martinsen, Franziska/Nonhoff, Martin: Einleitung, in: Diesselb. (Hrsg.): Radikale Demokratietheorie, 832 S., Suhrkamp, Berlin 2019, S. 11–26.

  • El-Mafaalani, Aladin: Das Integrationsparadox. Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt, 304 S., Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020.

  • Foroutan, Naika: Die postmigrantische Gesellschaft. Ein Versprechen der pluralen Demokratie, 280 S., transcript, Bielefeld 2019.

  • Heindl, Gabu: Stadtkonflikte. Radikale Demokratie in Architektur und Stadtplanung, 270 S., Mandelbaum, Wien u. a. 2020.

  • Hill, Marc/Yıldız, Erol (Hrsg.): Postmigrantische Visionen. Erfahrungen – Ideen – Reflexionen, 256 S., transcript, Bielefeld 2018.

  • Hüttermann, Jörg: Figurationsprozesse der Einwanderungsgesellschaft. Zum Wandel der Beziehungen zwischen Alteingesessenen und Migranten in deutschen Städten, 358 S., transcript, Bielefeld 2018.

  • Marchart, Oliver: Thinking Antagonism. Political Ontology after Laclau, 258 S., Edinburg UP, Edinburgh 2018.

  • Schwiertz, Helge: Migration und radikale Demokratie. Politische Selbstorganisierung von migrantischen Jugendlichen in Deutschland und den USA, 398 S., transcript, Bielefeld 2019.