Corona und die Natur

Beobachtungen eines Vorstandsmitgliedes der DGfK

Am 19. Februar 2020 war alles noch wie zuvor. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kartographie e. V. (DGfK), Jochen Schiewe, besuchte die Sektion Stuttgart und hielt im Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung Baden-Württemberg (LGL) einen sehr gut besuchten Vortrag zu den Fragen, ob man die Kartographie und die DGfK benötigt. Der Vortragssaal war voll und niemand kümmerte sich um Abstände zwischen den Stühlen. Beide Fragen beantwortete Jochen Schiewe am Schluss des Vortrags mit einem klaren „Ja“. Vor dem Vortrag waren Jochen Schiewe und einige Sektionsmitglieder zu Gast bei Robert Jakob, dem Stellvertreter des Präsidenten des LGL. Dort sprachen wir vor allem über Fragen der Ausbildung in allen Bereichen der Geowissenschaften. Nach dem Vortrag trafen sich noch viele Zuhörerinnen und Zuhörer in einer Stuttgarter Pizzeria zum Gedankenaustausch.

Dann überschlugen sich die Ereignisse. Am 25. Februar begann die Corona-Pandemie, sich in der Bundesrepublik Deutschland auszubreiten. In Nordrhein-Westfalen wurde der Kreis Heinsberg unter Quarantäne gestellt. Bald meldete auch Baden-Württemberg die ersten Infektionsfälle. Die Spur führte nach Norditalien und Österreich, wo einige davon zuvor in Urlaub waren. Wir waren schockiert von den Bildern mit den Särgen in Bergamo, später in Madrid und New York.

So kam es zu einer neuen Wirklichkeit. Um die Ausbreitung der Pandemie einzudämmen, wurde uns dringend empfohlen, zu anderen Menschen mindestens einen Abstand von 1,50 Metern einzuhalten, zum Gruß oder Abschied nicht mehr die Hand zu geben, regelmäßig die Hände zu waschen und sich in der Öffentlichkeit möglichst nicht im Gesicht zu berühren.

Unter diesen Bedingungen war ich vom 14. bis 17. März zu einem schon länger geplanten Kurzurlaub am Bodensee. An einem Tag besuchte ich eine ehemalige Klassenkameradin. Nach der Desinfektion gaben wir uns die Hand und hielten den Mindestabstand weitgehend ein. Das Wetter war ab dem 15. März herrlich. Aber an diesem Tag schlossen die Schweiz und Österreich ihre Grenzen. Ich bin in der Bodensee-Region aufgewachsen und kenne sehr wohl die Kontrollen an den Grenzen in den 1950er und 1960er Jahren. Aber damals konnte schließlich jeder die Grenze selbst im Stau irgendwann mal passieren. Jetzt hatte ich diese Möglichkeit nicht mehr. Statt eines Ausflugs auf den Aussichtsberg Pfänder in Vorarlberg wanderte ich am 16. März von Friedrichshafen durch das Naturschutzgebiet „Eriskircher Ried “ nach Eriskirch und zurück. Statt vom Pfänder aus genoss ich vom Strandbad Eriskirch aus den Blick auf den See und die Berge. Und am Nachmittag des 16. März erfuhr ich in einem Restaurant in Friedrichshafen, dass die Bundesregierung den sog. Lockdown beschlossen hatte. Bei einem abendlichen Rundgang durch das Zentrum meiner Heimatstadt Tettnang musste ich feststellen, dass alle Restaurants in Tettnang ab dem 17. März bis auf Weiteres schließen würden. Somit war eine denkbare Urlaubsverlängerung nicht mehr möglich.

Seit dem 18. März vermied ich Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln und ging nur noch zum Einkauf von Getränken und Lebensmitteln in Geschäfte. Als Ersatz für Ausflüge und Reisen wanderte ich regelmäßig durch die Gärten und Wälder und über die Hügel Stuttgarts und machte dabei eine erstaunliche Feststellung: So schön wie 2020 war der Frühling noch nie. Die Farben der Blumen im Gras, der Blüten der Büsche und Bäume und des Laubs der Blätter waren noch nie so intensiv. Gleiches gilt für das Blau des Himmels am Tag. Nachts funkelten die Sterne so schön wie nie zuvor. Und die Aussicht auf Stuttgart und Umgebung war überwältigend.

In diesem Frühjahr habe ich verstanden, warum die Werbebranche die Region um Stuttgart mal als „Schwäbische Toscana “ bezeichnet hat. Was für mich bisher nur ein gelungener Gag war, hat nun einen sinnlich erfahrenen Hintergrund erhalten.

Natürlich ist mir auch bewusst geworden, dass die Gesellschaft für die Schönheit der Natur einen Preis bezahlt. Es ist der Lockdown, der zu einem fast vollständigen Erliegen des Flugverkehrs und damit zu sauberer Luft geführt hat. Auch Geschäftsreisen sind zur Ausnahme geworden. So hat der Vorstand der DGfK seine am 08. Mai geplante Sitzung in Würzburg an diesem Tag mittels einer Video-/Audio-Schaltung abgehalten. Eine am 13. Mai geplante Sitzung der Gemeinsamen Kommission Recht und Geodaten von DGfK, DGPF und DVW in Frankfurt/Main wurde abgesagt und durch einen Gedankenaustausch per E-Mail ersetzt.

10 Millionen Menschen sind in der Bundesrepublik Deutschland derzeit in Kurzarbeit. Arbeitslosigkeit bedroht viele Menschen und die Unzufriedenheit wächst. Die einen wollen mehr und schnellere Lockerungen der Freiheitsbeschränkungen, die anderen halten die bisherigen Lockerungen zumindest teilweise für verantwortungslos. Keiner weiß, ob die Corona-Pandemie nach ihrer Eindämmung in Deutschland, in Europa und in der Welt zu mehr Solidarität und Zusammenhalt führt oder ob eher das Gegenteil der Fall ist und sich Egoismus und Partikularinteressen durchsetzen werden. Ich bin nicht das Orakel von Delphi und wage keine Prognose.

Für mich aber wird eine Erinnerung bleiben: So schön wie 2020 war die Natur im Frühjahr noch nie.

Stuttgart im Mai 2020, Dietrich Diez.

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Dietrich Diez, Vorstandsmitglied der DGfK, Sprecher der Kommissionen.

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Diez, D. Corona und die Natur. KN J. Cartogr. Geogr. Inf. 70, 43–44 (2020). https://doi.org/10.1007/s42489-020-00046-z

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