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Soziale Ungleichheit in der Wortschatzentwicklung von der ersten zur dritten Jahrgangsstufe

Social inequity in vocabulary development from first to third grade

Zusammenfassung

Der vorliegende Beitrag untersucht, ob sich Leistungsdifferenzen zwischen Schülerinnen und Schülern verschiedener sozialer Herkunft in der Grundschulzeit reduzieren. Dabei beschränkt sich der Beitrag auf die Untersuchung sprachlicher Kompetenzentwicklung. Auf Basis von Daten des Nationalen Bildungspanels werden dazu Value-Added Modelle im Mehrebenendesign geschätzt. Angelehnt an Bourdieus Theorie der kulturellen Reproduktion wird der Einfluss von Indikatoren ökonomischer und kultureller Ressourcen und Aktivitäten im Elternhaus auf die Wortschatzentwicklung zwischen der ersten und dritten Jahrgangsstufe analysiert. Es zeigt sich, dass sich die herkunftsbezogenen Unterschiede im Wortschatz in diesem Zeitraum nicht verringern – sie vergrößern sich sogar.

Abstract

This article examines whether performance differences between pupils from different social backgrounds are reduced during primary school attendance. The contribution focusses on the development of linguistic skills. Using data from the German National Education Panel Study, value-added models in multi-level design are estimated. Based on Bourdieu’s theory of cultural re-production, the contribution analyzes the influence of economic and cultural resources and activities at home on vocabulary development between the first and third grade. Results show that social differences in vocabulary skills do not decrease – they even increase.

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Notes

  1. 1.

    Diese Arbeit nutzt Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS): Startkohorte Kindergarten. https://doi.org/10.5157/NEPS:SC2:5.1.0. Die Daten des NEPS wurden von 2008 bis 2013 als Teil des Rahmenprogramms zur Förderung der empirischen Bildungsforschung erhoben, welches vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziert wurde. Seit 2014 wird NEPS vom Leibniz-Institut für Bildungsverläufe e. V. (LIfBi) an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg in Kooperation mit einem deutschlandweiten Netzwerk weitergeführt.

  2. 2.

    Werte des Reliabilitätsmaßes Cronbachs Alpha von über 0,6 gelten als zufriedenstellend, Werte über 0,7 werden als gut interpretiert (Blömeke et al. 2008, S. 278).

  3. 3.

    Eine Herausforderung stellen Fälle dar, bei denen die Beantwortung einer Aufgabe verweigert wurde. Da die Lösungswahrscheinlichkeit bei Raten 25 % beträgt, wird diesen Fällen ein Wert von 0,25 zugewiesen. Dieses Vorgehen wurde für die Klassenstufen 1 und 3 angewandt. Ein Ausschluss der Fälle bei der Bildung des Anteils korrekt gelöster Aufgaben könnte zu erheblichen Verzerrungen führen, wenn z. B. einzelne Kinder nur Antworten liefern, wenn sie sich ihrer Lösung sicher sind, und Aufgaben auslassen, die sie nicht kennen.

  4. 4.

    Dieses gewichtete Pro-Kopf-Einkommen ermöglicht die Vergleichbarkeit des Wohlstandsniveaus von Haushalten mit unterschiedlicher Zusammensetzung. Das erste erwachsene Haushaltsmitglied erhält ein Gewicht von 1, jedes weitere Mitglied ab 14 Jahren ein Gewicht von 0,5 und jüngere Haushaltsmitglieder einen Wert von 0,3. Anschließend wird das Haushaltsnettoeinkommen durch die aufsummierten Gewichte geteilt (Kott und Kuchler 2016, S. 170).

  5. 5.

    Im Datensatz wird lediglich das Datum des ersten Testtags in der dritten Klasse, jedoch nicht der des zweiten Testtags, an dem der Wortschatz erhoben wurde, bereitgestellt. Deshalb werden hier näherungsweise die Datumsangaben des ersten Testtags genutzt.

  6. 6.

    Als zweite Ebene könnten ebenso Klassen gewählt werden. Dazu allerdings müssten zusätzliche Bedingungen erfüllt sein, etwa der Ausschluss von Kindern, die zwischen der ersten und dritten Klassenstufe ihre Klasse wechselten – das jedoch ist mit dem NEPS-Datensatz nicht möglich. Deshalb wird als zweite Ebene die Schule gewählt.

  7. 7.

    Alle Modelle wurden mit der Statistik-Software Stata (Version 14; StataCorp 2015) und dem Befehl mixed gerechnet.

  8. 8.

    Als Vergleich wurde zusätzlich ein Random-Intercept Modell geschätzt, das den Einfluss auf die Wortschatzkenntnisse in der dritten Jahrgangsstufe, nicht auf die Wortschatzentwicklung zeigt. Die Effekte auf Wortschatzkenntnisse sind darin deutlich stärker ausgeprägt und weisen höhere Signifikanzniveaus auf als die Effekte auf die Wortschatzentwicklung.

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Barthel, A. Soziale Ungleichheit in der Wortschatzentwicklung von der ersten zur dritten Jahrgangsstufe. ZfG 12, 213–228 (2019). https://doi.org/10.1007/s42278-019-00041-y

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Schlüsselwörter

  • Kompetenzentwicklung
  • Rezeptiver Wortschatz
  • Grundschule
  • Bildungsungleichheit
  • Nationales Bildungspanel

Keywords

  • Competence development
  • Receptive Vocabulary
  • Primary school
  • Educational inequality
  • National Educational Panel Study