Zeitschrift für Grundschulforschung

, Volume 11, Issue 1, pp 23–38 | Cite as

Macht Diagnostik Selektion?

  • Brigitte Kottmann
  • Susanne Miller
  • Marianne Zimmer
Forschungsbeitrag Schwerpunkt I

Zusammenfassung

Gerade bei Übergangsentscheidungen spielen diagnostische Kompetenzen von Lehrkräften eine zentrale Rolle. Im vorliegenden Beitrag geht es um den Entscheidungsprozess im Rahmen einer möglichen Feststellung von sonderpädagogischem Förderbedarf im Bereich Lernen. Auf der Basis einer qualitativen Interviewstudie mit Grundschullehrkräften und mit administrativen Fachvertretern aus Schulverwaltungen in Nordrhein-Westfalen (NRW) wird das jeweilige Verständnis von Diagnostik rekonstruiert. Dabei wird gefragt, welche diagnostischen Kompetenzen sich bei Grundschullehrkräften im Entscheidungsprozess widerspiegeln, welche Diagnostik aus Sicht der Fachvertreter tatsächlich eine Wirkmacht hat und ob im Zuge von Inklusion Statusdiagnostik in Form von Intelligenzdiagnostik an Bedeutung verloren hat.

Schlüsselwörter

Diagnostik Sonderpädagogischer Förderbedarf Lehrkräfte Profession Inklusion 

Significances of diagnostics and assessments in inclusive education

Abstract

The present paper reconstructs the understanding of diagnostics using the example of the testing procedure for special educational needs. It is based on a qualitative interview study with primary school teachers and experts from school administration in North Rhine Westphalia. The research-guiding question is whether and to what extent the profession of primary school teachers and the experts from school administration reflect what significance diagnostic (assessment) and which diagnostic competencies gain in the context of inclusive education.

Keywords

Diagnostics Special educational needs Teachers Profession Inclusion 

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Authors and Affiliations

  • Brigitte Kottmann
    • 1
  • Susanne Miller
    • 1
  • Marianne Zimmer
    • 1
  1. 1.Universität Bielefeld, Fakultät für ErziehungswissenschaftBielefeldDeutschland

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