"Es ist Arznei, nicht Gift, das ich Dir reiche"

Man könnte fast vermuten, dass schon Gotthold Ephraim Lessing in "Nathan der Weise" an Botulinumtoxin dachte, als von "Arznei, nicht Gift" die Rede war. Kennen Sie Clostridium botulinum, Erreger des Botulismus und Produzent von Botulinumtoxin bzw. BT-A? Nie gehört? Nun, vielleicht kennen Sie aber den Handelsnamen von BT-A: Botox®.

Botox® ist eine beliebte Schönheitswaffe der Stars und Sternchen für ewige Jugend sowie beliebtes Mittel für viele weitere medizinische Zwecke. Das war aber nicht immer so…

Botulinumtoxin ist das tödlichste bekannte Gift für Säugetiere. Die Giftwirkung von Substanzen wird in der "LD50" gemessen, das ist die Menge an Substanz, bei der die Hälfte der Betroffenen sterben. Wird es intravenös verabreicht, sind bereits 3 pg/kg tödlich. Das sind drei billionstel Gramm pro Kilogramm Körpergewicht. Ziemlich tödlich also. Botulinumtoxin hemmt die Signalübertragung, vor allem an den Muskeln, so dass diese bei vollem Bewusstsein schlaff und gelähmt sind.

In Deutschland gibt es jährlich ca. zehn Fälle und ein bis zwei Todesfälle durch Botulismus durch selbstgemachte Konserven. Dabei sind die Hauptinfektionsquellen verdorbene Fleischkonserven. Sie brachten dem Botulinumtoxin auch den Namen "Wurstgift" ein, da es im 19. Jahrhundert, als die Dosenkonservierung noch recht unprofessionell und fehlerbehaftet war, häufig zu Todesfällen nach dem Verzehr von Dosenwurst kam und "Wurst" auf Lateinisch "botulus" bedeutet. Erstmalig beschrieb ein schwäbischer Dichter das Gift im Jahre 1817, lange bevor Robert Koch seine mikrobiologischen Forschungen durchführte.

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© Grafik: Eva Künzel

Die Dosis macht das Gift

Aber wie Paracelsus schon sagte: "Allein die Dosis macht das Gift". Wo eine Infektion zum Tod führen kann, da kann die richtige Dosis zur Heilung oder Linderung führen. Die Therapie setzt genau dort an, wo Muskelerschlaffung die Heilung fördern kann. Seit den 1980er Jahren wird es in der Dermatologie zur Faltenreduktion eingesetzt. Dazu wird Botox an Stirn und Schläfen injiziert. Die Gesichtsmuskeln erschlaffen und Mimik-Falten bilden sich zurück. Da das Toxin allerdings nach und nach vom Körper resorbiert wird, werden die Muskeln wieder aktiver und die Falten kommen zurück. So wird nach etwa sechs Monaten die nächste Dosis fällig…

Ursprünglich wurde das Toxin jedoch zuerst in der Augenheilkunde therapeutisch eingesetzt, um Strabismus (Schielen) zu korrigieren und schwere Formen von Lidkrämpfen zu behandeln. Auch der sehr schmerzhafte sogenannte Schiefhals (Tortikollis), der auf spastischen Muskelkrämpfen beruht, sowie spastische Gesichtslähmungen können mit Botulinumtoxin therapiert werden. Ebenso konnten die durch Verkrampfungen der Beckenbodenmuskulatur bedingten Schmerzen bei Endometriose deutlich gemildert werden.

Durch die Blockade der Nervenübertragung wirkt Botox® jedoch auch auf Schweißdrüsen, die dadurch in ihrer Funktion unterdrückt werden. Daher können Ärzte auch bei krankhaftem Schwitzen (Hyperhidrosis) Botox®-Behandlungen einsetzen und es direkt in die betroffenen Areale wie Achseln oder Handinnenflächen injizieren.

Die Grenzen der Wunderkraft

Ermutigt durch die vielen Erfolge, fanden Ärzte und Wissenschaftler im Laufe der Zeit immer neue Anwendungsgebiete und es gab fast keine Körperregion und keine Krankheit, die nicht nachgeprüft wurden. Seit etwa zehn Jahren sind Botoxinjektionen daher auch in der Migränebehandlung zugelassen. Allerdings zeigte sich, dass nur bei Patienten mit fast täglichen Migräneanfällen die Häufigkeit, aber nicht die Schwere der Anfälle reduziert werden konnte.

Letztendlich fand aber auch das Botulinumtoxin seine Grenzen. Amerikanische Wissenschaftler testeten Botulinuminjektionen in die Magenwand zur längeren Verweildauer der Nahrung im Magen und damit zur Bekämpfung von Heißhungerattacken. Aber gegen die Lust auf Süßes war sogar das stärkste Gift der Welt zu schwach, sodass weitere Versuche eingestellt wurden und die magische Anziehungskraft von Schokolade weiterhin unbesiegt bleibt.

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Jessen, A. "Es ist Arznei, nicht Gift, das ich Dir reiche". Pflegez 74, 66 (2021). https://doi.org/10.1007/s41906-021-1075-x

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