Pflegezeitschrift

, Volume 71, Issue 3, pp 60–60 | Cite as

Notaufnahmen als Hausarztersatz

Impuls der Wissenschaft
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In Deutschland können Zentrale Notaufnahmen (ZNA) von Patienten mit ambulantem Behandlungsbedarf bedingungslos rund um die Uhr an jedem Tag der Woche in Anspruch genommen werden. Dies führte in den letzten Jahren zu steigenden Behandlungszahlen durch Patienten mit akut-, aber nicht notfallmedizinischem Versorgungsbedarf. Eine nicht unproblematische Entwicklung für die Notaufnahmen.

Auf Grund der steigenden Behandlungsfälle in den ZNA, ist den Rettungsstellen verstärkt die Funktion der ambulanten Versorgung zugewiesen worden. Doch dafür sind sie weder personell noch finanziell ausgestattet. Die vorliegende Studie der Charité Universitätsmedizin Berlin hat nun die individuellen Gründe für das Aufsuchen der ZNA durch Patienten mit nicht-dringlichem Behandlungsbedarf untersucht. Die Forschergruppe wählte hierfür ein qualitatives Design mit der entsprechenden Methodik (leitfadengestützte Interviews, Qualitative Inhaltsanalyse). Die Interviews wurden im Frühjahr und Sommer 2014 in zwei Notaufnahmen der Charité geführt.

Die Interviewpartner waren ausschließlich Patienten, deren Behandlungsdringlichkeit aufgrund ihrer Einstufung in die Kategorien des Manchester Triage System als normal und nicht-dringlich eingeordnet war. Insgesamt wurden 40 Interviews, mit einer Dauer von durchschnittlich 7,44 Minuten geführt. Die Gespräche fanden innerhalb der Rettungsstellen in einem separaten Untersuchungsraum mit apparativer Ausstattung während der Wartezeit zwischen Triage und ärztlicher Behandlung statt. In die Auswertung flossen neben den vollständig transkribierten Gesprächen auch die nonverbalen Eindrücke (als Interpretationshilfe) ein.

Der niedrigschwellige 24h/7d-Zugang überzeugt

Das Forscherteam kam zu folgenden Ergebnissen: Einige Probanden gaben an, dass niedergelassene Ärzte sowohl zur Mit- oder Weiterbehandlung als auch zur Überbrückung von Wartezeiten auf die Ressourcen der ZNA verwiesen. Die Mehrheit der Befragten gab außerdem den guten medizinischen Ruf beziehungsweise die persönlich guten Erfahrungen mit der Klinik als ein Motiv zum Aufsuchen der Rettungsstelle der Charité an. Bei anderen Befragten wurden der niedrigschwellige 24h/7d-Zugang genannt: Zugezogene Patienten oder Patienten mit kurzfristigem Aufenthalt in Berlin fanden den Zugang zur ZNA leichter als in das ambulante Versorgungssystem. Jüngere Befragte gaben an, dass die regulären Sprechstundenzeiten mit den Anforderungen ihrer Erwerbsarbeit schwer zu vereinbaren seien.

Aber auch die Möglichkeit der Hightech-Medizin der Universitätsklinik führte vor allem bei chronisch Kranken oder Menschen mit akut stark belastenden Beschwerden zu der Hoffnung einer professionellen Behandlung. Bei Probanden, die nach vergeblichen Terminbemühungen bei niedergelassenen Ärzten die Notaufnahmen aufsuchten, gab es eher Unterschiede, die sich aus der Dringlichkeit des Behandlungswunsches heraus ergaben.

Unter den Interviewpartnern konnten insofern zwei Gruppen von Patienten herausgefiltert werden: 1. Patienten mit akutem Behandlungsbedarf, die außerhalb von Sprechstundenzeiten kurzfristig eine haus- oder fachärztliche Behandlung benötigten und 2. Patienten, die seit längerem über anhaltende Beschwerden klagten und entweder nicht bis zu mehrere Monate auf einen Facharzttermin warten wollten oder unzufrieden mit ihrer ambulanten Versorgung waren. Als weitere Begründung gaben die Forscher an, dass über die Hälfte der Befragten an chronischen Krankheiten litt. So könnte das Aufsuchen der ZNA im Zusammenhang mit der durch die Krankheitserfahrung ausgebildeten höheren Sensibilität gegenüber körperlichen Beschwerden stehen.

Kommentar

Zwischen April und Juli 2014 wurden in zwei universitären Notaufnahmen 40 qualitative Patienten-Interviews mit akut- aber nicht notfallmedizinischem Versorgungsbedarf geführt, um deren individuellen Gründe für das Aufsuchen der ZNA zu ermitteln. Allerdings kann man ohne aktuelle thematisch assoziierte quantitative Forschungsergebnisse die Frage nach der Relevanz dieser Studie nur schlecht beantworten. Es ist also unbedingt erforderlich, beispielsweise im Rahmen einer multizentrischen Studie, den tatsächlichen Anteil der Patienten zu quantifizieren, die die Notaufnahmen als primäres Versorgungsangebot dem ambulanten Angebot vorziehen. Des Weiteren ist abschließend festzustellen, dass die Ergebnisse dieser Studie, was allerdings für die meisten qualitativen Studien gilt, keine oder nur bedingt Rückschlüsse auf Patientenverhalten in anderen Regionen und Krankenhäusern erlauben.

Quelle

  1. M. H. Schmiedhofer, J. Searle, A. Slagman, M. Möckel. Inanspruchnahme zentraler Notaufnahmen: Qualitative Erhebung der Motivation von Patientinnen und Patienten mit nichtdringlichem Behandlungsbedarf. Gesundheitswesen 2017; 79: 835–844CrossRefPubMedGoogle Scholar

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Authors and Affiliations

  1. 1.JenaDeutschland

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