Pflegezeitschrift

, Volume 71, Issue 3, pp 57–57 | Cite as

Reduktion diabetesbedingter Major-Amputationen

Impuls der Wissenschaft
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Gut 20% der Menschen mit Diabetes haben aufgrund einer Neuropathie ein hohes Risiko für die Entstehung von Fußulzerationen. Bei ca. 7% besteht aufgrund vorangegangener Ulzerationen ein verstärktes Rezidiv-Risiko. Insbesondere bei begleitenden Gefäßerkrankungen können Ulzerationen zu Amputationen führen. Senken spezielle Versorgungsangebote die Anzahl an Amputationen?

Die vorliegende Studie von Paisey et al. widmet sich der Inzidenz von Major-Amputationen in Abhängigkeit spezieller Versorgungsangebote in Süd-West-England. Die Region weist historisch sehr hohe Amputationszahlen auf, die mit Werten von 0,5–2,5 auf 1.000 Personen mit Diabetes pro Jahr stark variieren.

In England werden Fußversorgungsangebote durch klinisch geführte gesetzliche Gremien des National Health Service für die Regionen geplant und beauftragt. Fehlende Standards hierfür werden als Ursache für die unterschiedlichen Amputationsraten identifiziert. Am Beispiel des Gebiets South Devon, welches mit > 3/1.000/Jahr zwischen 2005 und 2007 im Vergleich zu 1,1 im Mittel für England extrem hohe Major-Amputationsraten aufwies, wurde der positive Effekt der Implementierung von zehn Schlüsselelementen der Fußversorgung auf die Amputationsinzidenzen gezeigt.

Eine Ursachenanalyse zu den Major-Amputationen in South Devon hat 2005/06 ergeben, dass es auf allen Ebenen Verzögerungen in der Behandlung diabetesbedingter Fußulzerationen gab. Problematisch waren ein Bewusstseinsmangel für das Fußrisiko bei Betroffenen, die verzögerte Vorstellung des Ulcus sowie die verspätete Überweisung an Podologen, fehlende Behandlungspfade und die zögerliche Weiterleitung an eine multidisziplinäre Fußklinik.

Problem: Behandlung beginnt nicht rechtzeitig

Zur Verbesserung der Versorgung wurde 2007 mit der jährlichen Schulung von Patienten und Fachpersonal begonnen, die Anzahl an ambulanten Podologen erhöht und diese im Rahmen wöchentlicher Einsatzplanungen mit Rotationsprinzip in das multidisziplinäre Team (MDT) der Fußklinik einbezogen. Orthopädietechniker wurden integraler Bestandteil des MDT. Die Gefäßversorgung bei diabetischen Fußerkrankungen mit Ischämie wurde über die Zusammenarbeit mit speziellen Gefäßzentren abgesichert. Behandlungspfade wurden implementiert und Versorgungspläne mit den Patienten besprochen. Ein administrativer Support über entsprechendes Verwaltungspersonal unterstützte koordinierend. Zu allen Ulzerationen wurden zudem gemeinsam Daten erfasst sowie Ursachenanalysen für alle Amputationen durchgeführt.

Mit diesen Maßnahmen konnte eine signifikante Reduktion der diabetesbedingten Major-Amputationen erreicht werden. Die benannten zehn Schlüsselelemente wurden aufgrund des Erfolgs als Standard im Rahmen von Peer Reviews zur Bewertung aller Fußversorgungsangebote der gesamten Region Süd-West eingesetzt. Die Erstbewertung für den Zeitraum 2009–2012 erfolgte 2013, eine zweite für 2012–2015 sowie ausschließlich für 2015 erfolgte 2015. Nach jedem Peer-Review wurden Empfehlungen zur weiteren Entwicklung der Versorgungsangebote unterbreitet. Für alle drei Erhebungen zeigte sich eine signifikante negative Korrelation zwischen Major-Amputationsinzidenzen und der Anzahl an realisierten Maßnahmen. Zudem zeichnete sich auch eine Senkung der Ulzerationsinzidenzen ab. Zusätzlich zur multidisziplinären Fußklinik müssen mindestens fünf der zehn Maßnahmen umgesetzt werden, um einen Reduktionseffekt zu erzielen. Trotz getätigter Investitionen ging der Rückgang der Amputationen auch mit Kosteneinsparungen einher. Die Autoren empfehlen auf Basis der Ergebnisse dringend eine breite Umsetzung der genutzten Maßnahmen zur Versorgung des diabetischen Fußsyndroms.

Kommentar

In Deutschland gibt es gute Erfahrungen mit ähnlichen Versorgungsmodellen für Menschen mit Diabetes und Fußproblemen. Fußnetze wie in Köln, Berlin oder München zeigen auch hier, wie die multidisziplinäre Zusammenarbeit mit gemeinsamen Behandlungsstandards erfolgreich zur Reduktion der Amputationsraten bei Menschen mit Diabetes beiträgt. Entwicklungspotential aber besteht bei der Versorgung besonderer Zielgruppen, beispielsweise von Pflegebedürftigen mit Diabetes, die noch immer kaum oder zu spät Zugang zu spezialisierter Versorgung erhalten. Eine Integration kann durch den gezielten Einbezug zentraler Berufsgruppen, wie auf Diabetes spezialisierte Pflegende, gelingen.

Quelle

  1. Paisey et al. Diabetes-related lower limb amputation incidence is strongly related to diabetic foot service provision and improves with enhancement of services: peer review of the South-West of England. DiabeticMedicine (2017); doi: 10.1111/dme.13512Google Scholar

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Authors and Affiliations

  1. 1.BerlinDeutschland

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