Advertisement

Orthopädie und Unfallchirurgie

, Volume 7, Issue 5, pp 59–59 | Cite as

AG Ethik, Recht, Geschichte der DGU

Ethische Standards durch Priorisierung?

  • Michael Roesgen
AUS DEN VERBÄNDEN DGU

Das Ziel der AG ist es, zentrale Aspekte der Unfallchirurgie und Orthopädie zusätzlich zu den aktuellen Themen der klinischen und operationstechnischen Forschungen zu behandeln. Diese Themen weisen über den Kernbereich unseres Faches O und U hinaus. Aktuell wird in den Arbeitssitzungen der Themenkomplex einer Priorisierung in der Medizin bearbeitet, und zwar sowohl bezüglich ethischer, klinischer als auch juristischer Aspekte.

Auf dem DKOU in Berlin wird am 26. Oktober 2017 von 11:00 Uhr bis 12:30 Uhr hierzu eine wissenschaftliche Sitzung im Saal London 2 stattfinden. Für alle Themenkomplexe haben hochrangige Referenten zugesagt. Die Mitglieder der AG erwarten eine rege Teilnahme. Das Thema wird uns in der Zukunft wegen der mehr als je zuvor begrenzten Ressourcen stark beschäftigen.

Verteilungsgerechtigkeit

Priorisierung in Diagnostik und Therapie beinhaltet gleichzeitig Posterisierung, also Zurückstellung anderer Maßnahmen und damit von Patientenansprüchen. Das Abwägen dieser mitunter sehr unterschiedlich zu gewichtenden Ansprüche stellt hohe ethische Anforderungen an die Entscheidungsträger. Dies bezieht sich sowohl auf die Verfügbarkeit der apparativen Ausstattung, als auch auf unsere Kernkompetenz einer vernetzten Diagnostik und operativen Therapie.

Aber auch die Qualität der Organisation im Medizinbetrieb beeinflusst die Nutzung der Ressourcen ungemein. Reibungsverluste, zum Beispiel durch Wartezeiten an den Schnittstellen von Diagnostik und Therapie, erschweren den Betriebsablauf, lassen den Patienten leiden und verärgern die Angehörigen. Nicht genutzte oder verschleuderte Ressourcen führen zu Friktionen, Ernüchterung, Unfrieden und Einschränkung der Leistungsbereitschaft und -fähigkeit. Dies gilt sowohl für einzelne Betriebsabläufe als auch für die horizontale Zusammenarbeit von Fachbereich zu Fachbereich sowie für die vertikalen Strukturen im jeweiligen Fachbereich von Mitarbeiter zu Mitarbeiter.

Wenn einzelne Maßnahmen, die bisher im Leistungskatalog gelistet waren, oder solche, die sich aufgrund neuerer Erkenntnis ergeben könnten, ausgesetzt werden, so muss dafür ein gesellschaftspolitischer Konsens geschaffen werden. Dies ist in den skandinavischen Ländern sehr viel weiter gediehen als hierzulande.

Rahmenbedingungen für Priorisierung festlegen

Das Thema „Priorisierung“ weist also weit über unser Fachgebiet der Unfallchirurgie hinaus. Diese grundsätzliche Bedeutung für die Medizin herauszustellen, ist das vornehmste Anliegen unserer Aktivitäten.

Aufgabe ist es, Modelle für eine Verteilungsgerechtigkeit zu entwickeln, die, wie in anderen Ländern bereits geschehen, die Rahmenbedingungen für eine Priorisierung festlegen. Die Akteure im Gesundheitswesen selbst haben dazu allerdings kein direktes Mandat, sondern der gesellschaftliche Disput ist gefordert. Überlegungen zu einem Kosten-Nutzen-Profil sind erst nachrangig anzustellen.

Unantastbar muss bleiben, dass die Notfallmedizin auf keinem Gebiet einer Priorisierung zugänglich ist. Allenfalls beim Massenunfall muss im Sinne einer Triage individuell die Dringlichkeit einer Behandlungsbedürftigkeit mehrerer Patienten gegeneinander abgewogen werden.

Konkrete Empfehlungen, an ethischen Grundsätzen orientiert

Orientierung an ethischen Grundsätzen und bewährtem ärztlichem Verhalten:
  • Aus ethischen Gründen darf keine Zurückweisung als notwendig erachteter, dem anerkannten Standard entsprechenden Behandlungsmaßnahmen erfolgen, selbst auf die Gefahr hin, Kosten nicht erstattet zu bekommen.

  • Bei Leistungsverweigerung droht das Haftungsrecht.

  • Notfälle haben unverändert Priorität und unterliegen keiner Priorisierung oder gar Rationierung.

  • Rationalisierungspotentiale können ausgeschöpft werden, allerdings nicht auf Kosten von Personal, das mit Überstunden und Mehrleistung verplant wird.

  • Die Indikationen zu Behandlungen müssen streng überprüft werden. Von der gesicherten Indikation für eine Maßnahme, so sie einmal gestellt wurde, ist nicht abzuweichen.

  • Verteilungsgerechtigkeit in der Behandlung ist im Hinblick auf eine Gleichberechtigung gegenüber den Patienten, aber auch im Hinblick auf das Personal zu gewährleisten.

  • Die Wartezeit als Ausdruck einer bereits institutionalisierten Priorisierung ist abzubauen.

Künftige Themen

Die zukünftige Arbeit unserer AG wird sich mit Archivarbeit zur Vorbereitung der Jubiläumstagung „100 Jahre Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie“ im Jahre 2022 beschäftigen. Es sollen die historisch gewachsenen Schwerpunkte der DGU dargestellt werden.

Im Zusammenhang mit der aktuellen politischen Diskussion ist darüber hinaus das Thema der verschuldensfreien Arzthaftung und insbesondere deren juristische und wirtschaftliche Folgen lohnenswert, aufgegriffen zu werden.

PD Dr. Michael Roesgen

© M. Rösgen

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH 2017

Authors and Affiliations

  • Michael Roesgen
    • 1
  1. 1.DüsseldorfDeutschland

Personalised recommendations