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Zeitschrift für Politikwissenschaft

, Volume 28, Issue 1, pp 31–48 | Cite as

Bundesratsreform und gemischte Länderkoalitionen

Zum Bargaining-Potenzial der Bundesregierung bei absoluter, relativer und umgekehrter Mehrheitsregel in der „Länderkammer“
  • Volker Best
Aufsatz
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Zusammenfassung

Die meisten Vorschläge zu einer strukturellen Bundesratsreform nehmen die Abstimmungsregeln in den Fokus, da sich Landesregierungen „quer zum Bundesmuster“ bei Nichteinigung zu enthalten pflegen, diese Enthaltungen bei Zustimmungsgesetzen aber faktisch wie Nein-Stimmen wirken. In der Diskussion des Für und Wider verschiedener Reformvorschläge fand eine empirische Potenzialanalyse für eine effektivere Bundesgesetzgebung bisher nur in Ansätzen statt und blieb im Statischen verhaftet. Zwecks einer Dynamisierung werden die Bargaining-Chancen der Bundesregierung unter der (geltenden) absoluten, der relativen und der umgekehrten Mehrheitsregel für den Zeitraum seit 1998 untersucht. Dabei wird in Anbetracht des gehäuften Auftretens großer Koalitionen im fluiden Vielparteiensystem und des Nichtauftretens reiner Oppositionsländer in Zeiten großer Koalitionen zwischen den unterschiedlichen Koalitionsformaten (kleine und große Koalitionen) differenziert. Die umgekehrte Mehrheitsregel würde die Bundesgesetzgebung nicht nur vergleichsweise am effektivsten machen, sondern auch am besten zur strukturellen Konzeption des Bundesrats passen.

Bundesrat reform and mixed state coalitions

An analysis of the German Federal Government’s bargaining potential under absolute, relative and inverse majority voting in the “Federal Council”

Abstract

Most proposals for a structural reform of the German Bundesrat focus on voting rules. This is due to the role of state coalitions including parties that are part of the Federal Governement as well as parties that are in opposition at the federal level. These “mixed” state coalitions tend to abstain in votings in case of non-agreement of the coalition partners. But with the Bundesrat’s approval needed for a lot of laws to pass, those abstentions have the same effect as nays. Despite discussions on the pros and cons of diverse reform proposals, their empirical potential for more effective federal legislation has only been analyzed in a very static fashion. The more dynamic approach chosen here is to compare the Federal Government’s bargaining chances under absolute, relative and inversed majority voting.

Notes

Danksagung

Der Autor dankt den beiden anonymen Gutachtern für wertvolle Hinweise.

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Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für Politische Wissenschaft und SoziologieRheinische Friedrich-Wilhelms-Universität BonnBonnDeutschland

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