Zum einhundertjährigen Jubiläum (2023) rückt die Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte die Vergangenheit und Zukunft der Zeitschrift in einer Reihe von thematischen Heften in den Fokus. Im Anschluss an Heft 97/1 (Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte: eine Provokation?) fragt das vorliegende Heft 97/2 (Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte: Perspektiven auf Mittelalter- und Frühneuzeitforschung) danach, wie in den Gründungsjahren der Zeitschrift mediävistisch oder frühneuzeitbezogen Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte verbunden worden sind und wie dies in der Gegenwart unter veränderten Bedingungen und Begrifflichkeiten weiterhin möglich sein könnte. Im weiteren Verlauf des Jubiläumsjahres folgen ein Heft zur Geschichte der Deutschen Vierteljahrsschrift (97/3) sowie eines zu dem von der Zeitschrift lange programmatisch Ausgeschlossenen: Gegenwartsliteratur als Herausforderung des Literarischen (97/4). Im Rahmen einer Festtagung möchten wir darüber hinaus im Juni 2023 über die Zukunftsperspektiven der »Literaturwissenschaft im 21. Jahrhundert« diskutieren.

Mit dem ersten Band der Deutschen Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte von 1923 setzten sich Erich Rothacker und Paul Kluckhohn zum Ziel, den disziplinären, spezifisch literaturwissenschaftlichen Zugang zu stärken und dafür einen neuen »gemeinsame[n] Wirkungsboden« zu schaffen. Zugleich forderten sie eine Öffnung der Literaturwissenschaft auf »andere Gebiete der Geistesgeschichte« wie die »Geschichte der Philosophie, Religion […], bildenden Kunst, Musik«. Auch sollte mit »besonderem Nachdruck […] die Literatur des Mittelalters in die geistesgeschichtliche und stilanalytische Literaturbetrachtung einbezogen werden«. Die Ausdifferenzierung von Fachteilen und Fächern und deren geistesgeschichtliche Entdifferenzierung gehen hier Hand in Hand. Die dabei aufgeworfenen methodischen Fragen prägen die Literaturwissenschaften im Allgemeinen – wenn sie auch mittlerweile meist unter anderen Stichworten verhandelt werden: Ideengeschichte, Problemgeschichte, Intellectual History, Begriffs- oder Metapherngeschichte, Wissensgeschichte etc. Sie prägen die mediävistischen und frühneuzeitbezogenen Philologien im Besonderen: Diese pflegen nicht zuletzt aufgrund des Fehlens eines autonomen historischen Literaturbegriffs auf weitere Kontexte und Zusammenhänge, Materialitäten, Diskursivitäten oder Mentalitäten auszugreifen. Auch haben sie trotz der Ausdifferenzierung und methodischen Verästelung der Literaturwissenschaften im 20. Jahrhundert oft inter- oder transdisziplinäre Züge, die allerdings selten explizit reflektiert werden.

Vor diesem Hintergrund möchte das Heft den Rückblick auf die mediävistische und frühneuzeitbezogene literaturwissenschaftliche Geistesgeschichte in den ersten Jahrzehnten der DVjs mit dem Blick auf gegenwärtige Diskussionen um die Zukunft dieser Philologien verknüpfen. Leitend ist die Frage: Welche Prämissen und Probleme, aber auch langfristigen Weichenstellungen und Potenziale sind in den vielfältigen Ansätzen der 1920er-Jahre erkennbar und wo kommen sie in der aktuellen Forschung zum Austrag?

Die erste Hälfte der Beiträge setzt beim Rückblick an und ergänzt die bisherigen Fachgeschichten, meist auf Forschungen zur Literatur ab 1800 beschränkt, um Studien, die von den mediävistischen oder frühneuzeitbezogenen Aufsätzen in der DVjs ausgehen. Weniger ›Geist‹ oder ›Leben‹ als vielmehr ›Epoche‹ und ›Form‹ erweisen sich als verheißungsvolle Begriffe, um methodische Probleme zu verdichten, Syntheseangebote zu ermöglichen und Pluralismen zuzulassen. In welchen Kontexten diese Ansätze standen, welche Auswirkungen sie hatten und welche Anregungen sie bis heute enthalten, erörtern die ersten vier Beiträge des Heftes.

Die zweite Hälfte der Beiträge fragt nach aktuellen Optionen, Einzelanalysen in gelungener, reflektierter Weise auf größere historische Zusammenhänge hin zu öffnen – ohne schlichtweg mit einem epochenspezifischen Geist oder mit allgemein verbreiteten Ideen oder Mentalitäten zu operieren. Ausgehend von je spezifischen Materialien und Konstellationen wird eine Reihe vielversprechender Herangehensmöglichkeiten sichtbar, die gerade in ihrer Methodenpluralität an die Beiträge in der DVjs der 1920er-Jahre anschließen.