Zeit und Geld in Goethes Faust

Time and Money in Goethe’s Faust

Zusammenfassung

Die zweite Hälfte der 20er Jahre des 19. Jahrhunderts ist nicht nur für Goethe von der Wahrnehmung einer stetigen Beschleunigung kommunikativer und ökonomischer Weltverhältnisse geprägt. Der Beitrag gilt dem Zusammenhang dieser ambivalenten Erfahrungen mit der Arbeit am zweiten Teil des Faust, für den mit der Schaffung des Papiergelds im 1. Akt und mit Fausts Tod im 5. Akt die Figur des zeitlichen Vorgriffs – die Antizipation – eine entscheidende Rolle spielt. Der Beitrag fragt nach dem Zusammenhang beider Motive und erörtert den Charakter des »höchsten Augenblicks« in der Wette zwischen Faust und Mephisto.

Abstract

Not only for Goethe the second half of the 20s in the 19th century is characterized by the perception of a steady acceleration of communicative and economic global conditions. The article deals with the correlation between these ambivalent experiences and the work on the second part of Faust, for which the figure of anticipation plays a decisive role with the generation of the paper money, in the first act, and Faust’s death, in the fifth act. The article discusses the connection between the two motives and the character of the »highest moment« in the wager between Faust and Mephisto.

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Notes

  1. 1.

    Johann Wolfgang Goethe, Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche, Vierzig Bände, Frankfurt a.M., im Folgenden FA; hier I. Abt.: Sämtliche Werke, Bd. 10: Wilhelm Meisters Wanderjahre, hrsg. Gerhard Neumann, Hans-Georg Drewitz (im Folgenden FA I 10), hier: 563.

  2. 2.

    Die ersten automatischen Druckmaschinen wurden ab 1812 betrieben, Versuche mit dampfgetriebenen Eilkutschen wurden ab 1821 durchgeführt.

  3. 3.

    Dass diese von den Zeitgenossen als unnatürlich und geradezu gewalttätig empfunden wurde, kommt bei Goethe auch zum Ausdruck, wenn er z. B. formuliert, der Freund werde von der »Schnellpost mit an den Mayn gerissen«. An C.F. Reinhard, 7.9.1831. Goethes Werke, hrsg. im Auftrag der Großherzogin Sophie von Sachsen, Böhlau 1887-1919 [Weimarer Ausgabe]. Fotomechanischer Nachdruck, München 1987 [im Folgenden WA], hier Abt. IV, Bd. 49, 60.

  4. 4.

    Vgl. dazu Manfred Osten, ›Alles veloziferisch oder Goethes Entdeckung der Langsamkeit. Zur Modernität eines Klassikers im 21. Jahrhundert, Frankfurt a.M., Leipzig 2003 sowie Michael Jaeger, Fausts Kolonie. Goethes kritische Phänomenologie der Moderne, Würzburg 2004.

  5. 5.

    Eckermann, Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens, FA II 12, 527. Eine ausführliche Darstellung von Goethes ambivalentem Verhältnis zur Zeitungslektüre findet sich im Eingangskapitel von Michael Jaegers oben genannter Studie über »Goethes kritische Phänomenologie der Moderne« (Anm. 4).

  6. 6.

    Ende 1825 beschreibt Goethe den ›viel- und schnelltätigen‹ Kanzler Müller, der »einstimmig mit dem Genius der Zeit, velociferisch zu verfahren geeignet« sei, was nicht nur negativ bewertet wird (an C.F. Reinhard, 26.12.1825, WA IV 40, 198).

  7. 7.

    Aus dem Faszikel zu Carlyles ›Schiller‹. In: FA I 22, 866.

  8. 8.

    An Boisserée, 20.4.1827, WA IV 42, 146.

  9. 9.

    German Romance. In: »Über Kunst und Alterthum« VI 2. Zitiert nach: FA I 22, 434.

  10. 10.

    An Meyer, 30.9.1827, WA IV 43, 93.

  11. 11.

    FA I 22, 868.

  12. 12.

    An Zelter, Juni 1825, WA IV 39, 216.

  13. 13.

    FA I 10, 563.

  14. 14.

    Vgl. u. a. an Christiane, 27.5.1810, WA IV 21, 313 f.

  15. 15.

    Gerhard Müller, »›Diesmal muß mirs nun freylich Ernst und sehr Ernst seyn …‹«, in: Vera Hierholzer, Sandra Richter (Hrsg.), Goethe und das Geld. Der Dichter und die moderne Wirtschaft, Frankfurt a.M. 2012, 204-213, hier: 209 f.

  16. 16.

    28.7.1806 aus Karlsbad an Christiane, WA IV 19, 166.

  17. 17.

    24.5.1810 an den Herzog, WA IV 21, 308.

  18. 18.

    Tag- und Jahreshefte 1811, WA I 36, 69 f.

  19. 19.

    H P 101, FA I 7 (4), 598. Der Canzler warnt: »Der Satan legt euch goldgewirkte Schlingen:/ Es geht nicht zu mit frommen rechten Dingen«, Johann Wolfgang Goethe, Faust. Historisch-kritische Edition, hrsg. Anne Bohnenkamp, Silke Henke, Fotis Jannidis, Göttingen 2018, hier: V. 4941 f. Alle weiteren Versangaben nach dieser Ausgabe.

  20. 20.

    V. 5039 f. So schließlich der Marschalk: »Schafft’ er uns nur zu Hof willkommne Gaben,/ Ich wollte gern ein Bischen Unrecht haben.« (V. 4943 f.).

  21. 21.

    V. 5047. Zur Rolle der Alchemie und der Deutung der modernen Wirtschaft als »Fortsetzung der Alchemie mit anderen Mitteln« vgl. Hans Christoph Binswanger, Geld und Magie. Eine ökonomische Deutung von Goethes ›Faust‹, Hamburg 22009.

  22. 22.

    V. 5709 ff.

  23. 23.

    V. 5849 ff.

  24. 24.

    FA I 6, 868-871.

  25. 25.

    Neben der Rolle des Knaben Lenker auch der Vergleich Mephistos mit Scheherazade (V. 6033), die ihr Ziel mit der jeweils in die Zukunft verschobenen Fortsetzung ihrer Erzählungen erreicht.

  26. 26.

    Vgl. V. 6041 ff.: »Rechnung für Rechnung ist berichtigt,/ Die Wucherklauen sind beschwichtigt,/ […]«.

  27. 27.

    V. 6072 ff.

  28. 28.

    Heinz Schlaffer, Faust Zweiter Teil. Die Allegorie des 19. Jahrhunderts, Stuttgart 1981. Zur Deutung des Faust II als Allegorie der bürgerlichen Wirtschafts- und Lebensformen, hier: 84. Goethe mache sichtbar, »wie das physiokratische Modell einer ursprünglichen, natürlichen Produktion unter kapitalistischen Bedingungen verändert und aufgelöst wird« (ebd., 86).

  29. 29.

    FA I 13, 34.

  30. 30.

    »(Rezension von) Heinrich Thornton, Der Papier-Credit von Großbritannien, nach seiner Natur und seinen Wirkungen untersucht. Aus dem Englischen übersetzt von Ludwig Heinrich Jakob. Nebst einer Zugabe und Prüfung zweier Briefe eines französischen Capitalisten über den englischen Credit, Halle: Ruff 1803«, in: Allgemeine Jenaische Literatur-Zeitung, Nr. 27, 1. Februar 1804, Sp. 209-216, Nr. 28, 2. Februar 1804, Sp. 217-223, Nr. 29, 3. Februar 1804, Sp. 225-228. Vgl. dazu auch Hierholzer, Richter (Hrsg.) (Anm. 15).

  31. 31.

    Siehe Kapitel »Verwahrung« in: Johann Wolfgang Goethe, West-östlicher Divan. Neue, völlig revidierte Ausgabe Teilbd. 1, 204 f. (FA I 3.1, 204 f.).

  32. 32.

    David E. Wellbery, »›Spude dich Kronos‹. Zeitsemantik und poetologische Konzeption beim jungen Goethe«, in: Bernd Hamacher, Rüdiger Nutt-Kofoth (Hrsg.), Johann Wolfgang von Goethe. Lyrik und Drama. Neue Wege der Forschung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007, hier: 78 f. Rückblickend begründet Goethe seinen Abschied aus Frankfurt mit dem »Unverhältniß des engen und langsam bewegten bürgerlichen Kreyses, zu der Weite und Geschwindigkeit meines Wesens«, das ihn »rasend gemacht« hätte (Goethe an seine Mutter, 11.8.1781, WA IV 5, 179).

  33. 33.

    »Kannst du sagen: Das ist! da alles vorüber geht, da alles mit der Wetterschnelle vorüber rollt, so selten die ganze Kraft seines Daseyns ausdauert, ach in den Strom fortgerissen, untergetaucht und an Felsen zerschmettert wird. Da ist kein Augenblik, der nicht dich verzehrte und die Deinigen um dich her, kein Augenblik, da du nicht ein Zerstöhrer bist, seyn mußt.« (FA I 8, 106 u. 108).

  34. 34.

    V. 2351 ff.

  35. 35.

    An Schiller, 5.5.1798 (WA IV 13, 136).

  36. 36.

    Vgl. z. B. den Eintrag im DWB. Den wachsenden Gebrauch hat u. a. Reinhart Koselleck in seiner Studie zur ›Semantik geschichtlicher Zeiten‹ (1979) nachgezeichnet. Vgl. auch Rudolf Wendorff, Zeit und Kultur, Geschichte des Zeitbwußtseins in Europa, Opladen 1985.

  37. 37.

    Vgl. Markus Ciupke, Des Geklimpers vielverworrner Töne Rausch. Die metrische Gestaltung in Goethes Faust, Göttingen 1994.

  38. 38.

    Friedrich Schleiermacher, Über die Religion. Reden über die Gebildeten unter ihren Verächtern, Hamburg 1958, 73.

  39. 39.

    Andreas Anglet, »Augenblick«, in: Goethe-Handbuch, Stuttgart, Weimar 1998, Bd. 4.1, 93.

  40. 40.

    Was ist ein Faulbett? Adelung erläutert »ein kleines schmales Bett, am Tage darauf auszuruhen, und der Faulheit darauf zu pflegen« (Johann Christoph Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Leipzig 1771-1786, Bd. 2, 59).

  41. 41.

    Karl Eibl, Das monumentale Ich – Wege zu Goethes ›Faust‹, Frankfurt a.M., Leipzig 2000.

  42. 42.

    Zum Wandel des »Augenblicks« bei Goethe vgl. u. a. Andreas Anglet, Der ›ewige Augenblick‹. Studien zur Struktur und Funktion eines Denkbildes bei Goethe, Köln u. a. 1991 sowie Bruno Hillebrand, »Der Augenblick ist Ewigkeit«, Goethes wohltemperiertes Verhältnis zur Zeit. (=Abhandlungen der Klasse der Literatur, Mainz 1997.).

  43. 43.

    Bezeichnenderweise sind sich die Faust-Kommentatoren in der Auslegung der zweiten Formulierung der Wettformel keineswegs einig: Die einen sehen hier eine echte Erweiterung im Sinne eines »zweiten Eintretensfall[s]« – »und zwar einen, der über den Horizont des ›armen Teufels‹ hinausgeht« (Eibl [Anm. 41], 126: »Es geht hier nicht mehr ums Faulbett, sondern um etwas weit Höheres«, ähnlich Schings, »Fausts Verzweiflung«, Goethejahrbuch 115 [1998], 97-123), die anderen lesen die Reformulierung der Wette lediglich als rhetorische Steigerung oder »fixierende Auslegung« (so u. a. Schöne, FA I 7.2, 261). Vgl. zur Kontroverse Eibl (Anm. 41), 375.

  44. 44.

    Vgl. z. B. Günter Peters, »Tätigkeit«, in: Goethe-Handbuch, Bd. 4.2, 1035-1037 (vgl. Anm. 39).

  45. 45.

    »Unbedingte Thätigkeit, von welcher Art sie sey, macht zuletzt bankerott« (FA I 13, 40). Vgl. auch die späte Notiz: »Es ist nichts trauriger anzusehn als das unvermittelte Streben ins Unbedingte in dieser durchaus bedingten Welt; es erscheint im Jahre 1830 vielleicht ungehöriger als je.« (FA I 13, 83).

  46. 46.

    V. 3348 ff.

  47. 47.

    Fausts Sonnenaufgangs-Monolog in der Szene ›Anmutige Gegend‹ lässt sich als Gegenstück lesen zu dem in der Szene ›Vor dem Tor‹ angesichts der untergehenden Sonne ausgedrückten Wunsch »Ihr nach und immer nach zu streben« und – einem Adler gleich – »ihr ew’ges Licht zu trinken« (V. 1075 u. 1086).

  48. 48.

    Damals steht die entscheidende Wendung »Zum Augenblicke dürft’ ich sagen« (V. 11581) noch im Indikativ. Vgl. Faustedition, V. 11581 / V H2 (www.faustedition.net).

  49. 49.

    Vgl. die Feststellung von Heinz Schlaffer: »Fausts Ende, durch den Einspruch des natürlichen Todes gegen die Imagination des endlosen Gewinns erwirkt, ist in den Widersprüchen der Mummenschanz vorgezeichnet« (Schlaffer [Anm. 28], 97).

  50. 50.

    Goethe zu Eckermann, 6.5.1827; FA II 12, 615.

  51. 51.

    Vgl. den knappen Überblick über die verschiedenen Spielarten der »perfektibilistischen« Deutungen des Faust als eines »zur Erlösungswürdigkeit führende[n] Läuterungsdrama[s]« im Überblickskommentar von Albrecht Schöne, FA I 7.2, 38-42.

  52. 52.

    Vgl. z. B. in Jochen Schmidts Studienbuch zu Goethes Faust vor allem das Kapitel »Fortschritt als Zerstörungswerk der Moderne« (Jochen Schmidt, Goethes Faust. Erster und Zweiter Teil. Grundlagen – Werk – Wirkung, München 1999, 264-285) sowie die Arbeiten von Michael Jaeger, der den Held als »veritable Unglücksfigur« deutet, »die die Negation der gesamten Philosophie Goethes und aller seiner Zivilisationsideale personifiziert« (Michael Jaeger, Fausts Kolonie. Goethes kritische Phänomenologie der Moderne, 2. Auflage, Würzburg 2005, 5), zugespitzt in: Michael Jaeger, Global Player Faust oder Das Verschwinden der Gegenwart. Zur Aktualität Goethes, Berlin 2008. Zur Betonung der Modernität des Faust-Dramas in der neueren Forschung vgl. jetzt auch den vorzüglichen Überblick von David E. Wellbery, in: Faust-Handbuch. Konstellationen – Diskurse – Medien, hrsg. Carsten Rohde, Thorsten Valk, Matthias Mayer, Stuttgart 2018, 219-226.

  53. 53.

    An Wilhelm v. Humboldt, 17.3.1832 (WA IV 49, 283). Zu Goethes kritischem Blick auf die »veloziferische« Zeit vgl. Osten (Anm. 4).

  54. 54.

    Albrecht Schöne, Faustkommentar, 780.

  55. 55.

    Zu Eckermann, 6.6.1831; FA II, 12, 489.

  56. 56.

    Vgl. Goethes Auffassung »Das Wahre mit dem Göttlichen identisch, läßt sich niemals von uns direkt erkennen, wir schauen es nur im Abglanz, im Beispiel, Symbol, in einzelnen und verwandten Erscheinungen; wir werden es gewahr als unbegreifliches Leben und können dem Wunsch nicht entsagen, es dennoch zu begreifen.« (»Versuch einer Witterungslehre«, FA I 25, 274).

  57. 57.

    2 V H37a, www.faustedition.net.

  58. 58.

    »Die Gottheit aber ist wirksam im Lebendigen, aber nicht im Toten; sie ist im Werdenden und sich Verwandelnden, aber nicht im Gewordenen und Erstarrten. Deshalb hat auch die Vernunft in ihrer Tendenz zum Göttlichen es nur mit dem Werdenden, Lebendigen zu tun; der Verstand mit dem Gewordenen, Erstarrten, daß er es nutze.« (Goethe zu Eckermann, 13.2.1829, FA II 12, 308 f.). Zu Goethes Verbindung von Tätigkeit und Fortdauer nach dem Tode vgl. seinen Brief an Zelter, der ihm vom Tod seines Sohnes berichtet hatte, vom 19.3.1827: »Wirken wir fort bis wir, vor oder nacheinander, vom Weltgeist berufen in den Äther zurückkehren! Möge dann der ewig Lebendige uns neue Thätigkeiten, denen analog in welchen wir uns schon erprobt, nicht versagen! […] Die entelechische Monade muß sich nur in rastloser Thätigkeit erhalten; wird ihr diese zur andern Natur, so kann es ihr in Ewigkeit nicht an Beschäftigung fehlen.« (WA IV 42,95). Oder zu Eckermann am 4.2.1829: »Die Überzeugung unserer Fortdauer entspringt mir aus dem Begriff der Tätigkeit; denn wenn ich bis an mein Ende rastlos wirke, so ist die Natur verpflichtet, mir eine andere Form des Daseins anzuweisen, wenn die jetzige meinem Geist nicht ferner auszuhalten vermag.« (FA II 12, 301). Vgl. auch Albrecht Schöne, Schillers Schädel, München 2002.

  59. 59.

    Jaeger, Fausts Kolonie (Anm. 52), 439.

  60. 60.

    Zur Ambivalenz des Augenblick-Konzepts bei Goethe vgl. jetzt auch die Studie von Andreas Kolle (Instabile Weltverhältnisse. Augenblick und Ambivalenz der Zeitwahrnehmung bei Goethe, Paderborn 2016), der sich im Spätwerk vor allem mit den Wahlverwandtschaften und den Wanderjahren befasst.

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Bohnenkamp, A. Zeit und Geld in Goethes Faust. Dtsch Vierteljahrsschr Literaturwiss Geistesgesch 94, 203–218 (2020). https://doi.org/10.1007/s41245-020-00104-4

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