Einleitung

Die Herausgeberin und die Herausgeber der Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik diagnostizieren im Call for Papers zum vorliegenden Heft eine »Krise des Textverstehens«Footnote 1, die sie zu einer Reihe von Fragen führt.Footnote 2 Drei davon lauten so:

  1. 1.

    »Wäre eine Rückkehr der Hermeneutik angesichts der allseits zu beobachtenden tiefgreifenden Probleme des Verstehens in und zwischen den Kulturen, ihren Diskursen und Medien nicht auch wissenschaftlich ein Gebot der Stunde?«Footnote 3

  2. 2.

    »Ist [die Germanistik] daher überhaupt methodisch in der Lage, sich angemessen auf die aktuellen Verstehens- und Verständnisprobleme einzustellen?«Footnote 4

  3. 3.

    »Oder befindet sie sich bereits so grundsätzlich in einem post-hermeneutischen Zeitalter, dass ältere, philosophische oder rekonstruktive Vorstellungen des Textverstehens für sie als obsolet scheinen müssen?«Footnote 5

Diese Fragen sind zurecht als »dringlich« apostrophiert, sie ergeben unserer Ansicht nach aber keinen »veritablen Gordischen Knoten«, sondern sind klar und einfach zu beantworten. Unsere Antworten lauten:

  1. 1.

    Ja.

  2. 2.

    Ja.

  3. 3.

    Nein.

In unserem Beitrag wollen wir erläutern, wie wir zu diesen Antworten kommen. Dazu gehen wir wie folgt vor: Zunächst werden wir fragen, worin die »tiefgreifenden Probleme des Verstehens«, die die Philologien aktuell heimzusuchen scheinen, genau bestehen. Dazu diskutieren wir einige zentrale Passagen aus dem ausführlichen Beitrag Bindestrich-Hermeneutiken – Neue Verortungen der Lektüre?, mit dem die Herausgeberin und die Herausgeber ihren Debattenaufruf begleitet haben.Footnote 6 Die dort geschilderten Krisensymptome stellen, so werden wir argumentieren, eher äußerliche Rahmenbedingungen des Textverstehens dar, die man nicht durch eine Anpassung hermeneutiktheoretischer Grundlagen ändern kann. Daraus folgern wir, dass es für die Hermeneutik nicht angebracht ist, sich im Sinne einer weiteren modischen »Hermeneutik der/des Xens« oder eines weiteren Bindestrich-Labels neu zu erfinden.Footnote 7 Wenn es eine »Krise des Textverstehens« speziell innerhalb der Philologien geben sollte, dann liegen ihre Ursachen nicht in den theoretischen Grundlagen der Hermeneutik, sondern in falschen Annahmen über einen theoretischen (und seltener auch methodischen) Pluralismus sowie in dem Umstand, dass sich die Philologien – hier beziehen wir eine klare Gegenposition zum Aufsatz über Bindestrich-Hermeneutiken – eher zu wenig auf Prinzipien »universaler Rationalität«Footnote 8 besonnen haben, die theorien- und methodenübergreifende Gültigkeit haben. Anders als es der erwähnte Aufsatz nahelegt, scheinen uns diese Rationalitätsprinzipien, die in grundlegenden Standards von Wissenschaftlichkeit resultieren, nicht (um im Bild der Krisen- und Krankheitsmetaphorik zu bleiben) part of the disease, sondern part of the cure zu sein.Footnote 9 Anhand von drei Handlungsmaximen führen wir dann in exemplarischer Absicht praktisch vor, wie eine Rückbesinnung auf theorieübergreifende Rationalitäts- bzw. Wissenschaftlichkeitsstandards im Fall der philologischen Bereichshermeneutik konkret aussehen könnte. Wenn man eine tatsächliche »Krise des Textverstehens« verhindern bzw. beheben möchte, sollte man sich dementsprechend auf simple Grundtugenden der Hermeneutik besinnen: Man sollte sich beim Textverstehen an Richtigkeit, nicht an der Spektakularität und anderen nebensächlichen Gütekriterien für Textinterpretationen orientieren. Man sollte stärker die argumentative Auseinandersetzung mit anderen Textinterpret*innen suchen. Und man sollte sich bei all dem so klar und verständlich wie möglich ausdrücken.

Worin besteht die »Krise des Textverstehens«?

Dass sich Fragen nach einer Rückkehr zur Hermeneutik, zu ihrer Aktualisierung oder post-hermeneutischen Verabschiedung überhaupt stellen, erklärt sich, so legen es der Call und der begleitende Aufsatz nahe, aus einer akuten Krise des Textverstehens. Soweit wir sehen, identifiziert der Aufsatz dafür im Wesentlichen zwei Ursachen: Zum einen liege der Ursprung der Krise im aktuellen Medienwandel, insbesondere in der Digitalisierung. Zum anderen sei sie durch einen »Glaube[n] an eine universale Rationalität«Footnote 10 bedingt. Wiederholt wird deshalb auf das »alltägliche[] Scheitern[] der Aufklärung«Footnote 11, das »tiefgreifende Dilemma aufgeklärter Rationalität«Footnote 12, das »gescheiterte Projekt der Aufklärung«Footnote 13 oder einen »Orientierungsverlust [verwiesen] der nicht nur technisch-rational erklärlich, sondern auch technisch-rational bedingt«Footnote 14 sei.Footnote 15 Wir wollen beide Punkte kurz ansprechen.

  • (1) Medienwandel als Krisenauslöser: Eine erste Herausforderung für die Hermeneutik wird im aktuellen Medienwandel gesehen, insbesondere in der Digitalisierung. Diese führe unter anderem dazu, dass »Sprache und Text nicht mehr durchschaut und hinlänglich beherrscht werden, weil die Begriffe von Lektüre und Textverstehen szientifisch verkürzt werden, wo man sich stattdessen etwa der diskreten Vorauswahl und Lenkung der Algorithmen anvertraut«Footnote 16. Durch die Tendenz zu »Vereinfachungen« durch digitale Benutzeroberflächen werde eine kritische Lektüre von Texten immer weiter in den Hintergrund gedrängt – es sei mittlerweile oft nicht einmal mehr angemessen, »statt vom einfachen Lesen von einer Lektüre zu sprechen«.Footnote 17 Die »neuen Leser*innen« verzweifelten oft an den komplexen Anforderungen vertiefter Lektüre, »weil sie inzwischen an scheinbar widerspruchsfreie, systematisch vereinfachende Lösungen gewöhnt sind.«Footnote 18 Der Punkt ist nun, dass es »höchst zweifelhaft« sei, ob man aus diesen »technischen Textproblemen herauskommt, wenn man nur erneut an den kritischen Geist der Aufklärung appelliert«Footnote 19.

Für den Bereich von Schule und Studium wäre zunächst zu zeigen, dass die kulturpessimistische Diagnose einer hermeneutischen Unfähigkeit »diese[r] neuen Leser*innen« empirisch überhaupt erhärtet werden kann.Footnote 20 Doch selbst wenn man for the sake of argument annimmt, dass sie zutreffend wäre, gäbe es deswegen dennoch keinen Grund zur Sorge um die Grundlagen der Hermeneutik. Solche Sorgen erklären sich aus einer Konfundierung von pragmatischen Problemen der Literaturdidaktik und Bildungspolitik – und darunter fallen die genannten »technischen Textprobleme[]« – mit Problemen der hermeneutischen Theoriebildung. Eine Krise des Textverstehens, die durch Faktoren bedingt wird, die der hermeneutischen Theoriebildung und den konkreten textwissenschaftlichen Verfahren äußerlich sind (ergänzen ließen sich hier etwa: Zeitknappheit, Konkurrenz um Aufmerksamkeit durch die Allgegenwart der Kommunikationsmedien, unterschiedliche soziale und Bildungsvoraussetzungen usw.), kann nicht durch eine wie auch immer geartete neue hermeneutische Theoriebildung behoben werden. Bei den genannten Phänomenen – darin stimmen wir mit der Verfasserin und den Verfassern überein – handelt es sich um ernsthafte und fundamentale gesellschaftliche Probleme. Gelöst werden diese jedoch nicht in der Methodologie oder Hermeneutiktheorie, sondern in der Sprach- und Literaturdidaktik, in Kultusministerien, Kitas und Elternbeiräten.

  • (2) »Glaube an eine universale Rationalität« als Krisenauslöser: Weiterhin legt der Aufsatz nahe, der »Glaube an eine universale Rationalität« sei (mit)verantwortlich für die gesellschaftlichen Verwerfungen rund um fake news und alternative Fakten. Im Aufsatz heißt es:

»So ist der unbeirrte Glaube an eine universale Rationalität offenbar schon für jene alltägliche Empörung mit verantwortlich, aus der heraus einerseits unliebsame Darstellungen der Wirklichkeit als fake news beschimpft, andererseits aber auf der Möglichkeit von ›alternativen Fakten‹ beharrt wird, die jene Unsicherheiten angesichts dieser Wirklichkeit nur wieder vermehren, mit denen sich die Empörung dann erneut befeuern lässt. Intuitiv beutet bereits dieser emotionstheoretisch durchschaubare, hysterische Rückkoppelungsmechanismus eben jenen Orientierungsverlust, der nicht nur technisch-rational erklärlich, sondern auch technisch-rational bedingt ist.«Footnote 21

Diese Überlegungen überzeugen uns nicht. Eine »universale Rationalität« im Kontext der Debatte um fake news und alternative Fakten zur Angeklagten zu erklären, hieße die Sache von den Füßen auf den Kopf zu stellen. Was ist in einer Situation der Fall, in der eine enge Beraterin der damaligen US-Regierung behauptet »Bei Donald Trumps Inauguration waren mehr Zuschauer dabei als bei Barack Obamas Inauguration«, diese Aussage dann mit Verweis auf ›alternative Fakten‹ zu rechtfertigen sucht und gegenteilige Berichte als fake news abqualifiziert? Die Antwort ist einfach: Entweder lügt diese Person oder sie verhält sich irrational.Footnote 22 Wenn sie lügt, tut sie das, um sich Vorteile zu verschaffen, z. B. um kritische Nachfragen zu unterbinden, die eigene Machtposition zu stärken usw. In diesem Fall liegt das Problem nicht in dysfunktionalen Prinzipien universaler Rationalität, sondern in der defizitären Moral der Beraterin. Wenn die Beraterin aufrichtig in ihren Aussagen sein sollte, verhält sie sich irrational, weil sie an etwas glaubt, das begrifflich widersprüchlich ist: alternative Fakten. Auch in diesem Fall sind Prinzipien universaler RationalitätFootnote 23 nicht ursächlich für das Verhalten der Beraterin. Im Gegenteil: Sie verletzt vielmehr eine Maxime universaler Rationalität – ›Vermeide Widersprüche!‹ – in offenkundiger Weise. Und dadurch, dass eine Person ein Prinzip verletzt, wird dieses nicht in seiner allgemeinen Gültigkeit tangiert.

Das Problem einer Gesellschaft, die sich über fake news und alternative Fakten empören muss, ist nicht »der unbeirrte Glaube an eine universale Rationalität« und auch kein »übers Ziel hinausschießender […] aufklärerischer Rationalitätsimpetus«,Footnote 24 sondern ein defekter moralischer Kompass oder eine Geringschätzung, wenn nicht gar Missachtung der Prinzipien universaler Rationalität.Footnote 25 Betreffenden Teilen der Gesellschaft einen »Orientierungsverlust« zu unterstellen, ist durchaus berechtigt. Dieser Orientierungsverlust ist aber nicht »technisch-rational bedingt«, sondern durch die fehlende Rationalität der betreffenden Personen. Wären wir alle rationale Personen (mit funktionierendem moralischem Kompass), existierten erst gar keine Unsinns-Konzepte von »alternativen Fakten« und keine mutwillige Missachtung des Unterschieds von wahren und falschen Aussagen. Dass dem nicht so ist und dass Gesellschaften sehr wohl an benannten Aberrationen leiden, berührt in der Tat ernste soziale und politische Probleme. Analog zum ersten Beispiel der abnehmenden Lektürekompetenz durch Medienwandel und Digitalisierung ist aber auch hier festzuhalten: Epistemologische Fragen rund um die Grundlagen von Rationalität und methodologische Fragen zu deren disziplinärer Implementierung sind von derartigen sozialen und politischen Fragen unabhängig. Die Fragen, die hier zu klären sind, lauten nicht »Braucht es eine neue Hermeneutik?« etc., sondern »Wie kann man das Schul- und Universitätssystem verbessern, um Kindern und Studierenden die Prinzipien rationalen Denkens besser zu vermitteln?« oder »Wie entschärft man finanzielle Ungleichheiten, um den Zugang zu Bildung zu vereinfachen?«.

Die beiden genannten Fälle können die Notwendigkeit einer »neuen Hermeneutik« also nicht überzeugend begründen. Sie weisen eher auf der hermeneutischen Theoriebildung äußerliche Rahmenbedingungen des Verstehens oder auf ein Rationalitätsdefizit im Rahmen des gesellschaftlichen Zusammenlebens hin. Eine Krise der Hermeneutik und die Notwendigkeit innovativer »Bindestrich-Hermeneutiken« existiert aber nur dann, wenn rationales Verhalten im Bereich des Textverstehens problematisch sein sollte.

Theorienpluralismus als Krisenauslöser? Der argumentative Diskurs als common ground der Philologien

Gibt es also keine Krise des Textverstehens bzw. zumindest keine Krise, die den Kern der philologischen Fächer beträfe? Wie auch immer die Antwort darauf am Ende lauten mag: Wenn es eine Krise des Textverstehens gibt, dann ist sie nicht durch die problematisch gewordenen theoretischen Grundlagen des Verstehens bedingt, sondern durch die falsche, aber im Fach immer wieder einmal artikulierte Überzeugung, dass es den Philologien an einem common ground fehle, auf dem man sinnvoll und zielführend über besseres und schlechteres (Text‑)Verstehen diskutieren kann. Darauf scheint auch der Call an einer Stelle hinzuweisen, an der es heißt, dass sich »die Vertreter*innen der einzelnen wissenschaftlichen Ausrichtungen [innerhalb der Philologien; S. D./T. P.] gegenseitig immer weniger verstehen«Footnote 26. Dies dürfte dem altbekannten Topos entsprechen, dass der sogenannte ›Theorien- und Methodenpluralismus‹ der Literaturwissenschaften zu einer Zersplitterung in zahllose Sub-Communities geführt habe, die sich untereinander wenig zu sagen hätten. Prominent formuliert ist diese Diagnose etwa im Vorwort zu David Wellberys Einführung Positionen der Literaturwissenschaft. Acht Modellanalysen am Beispiel von Kleists Erdbeben in Chili. Wellbery erläutert dort, er habe seinen Band als loses Nebeneinander theoretisch unterschiedlich motivierter Kleist-Interpretationen konzipiert, weil »jeder Versuch, die verschiedenen literaturwissenschaftlichen Positionen systematisch zu vermitteln, der Überzeugungskraft entbehren muß.«Footnote 27

Sollten derartige Diagnosen zutreffend sein, hätten wir es tatsächlich mit einer Krise des Textverstehens bzw. der textverstehenden Disziplinen zu tun. Die Auseinandersetzung damit erfordert selbstverständlich eine deutlich umfangreichere Diskussion, als wir sie hier leisten können. Im Sinne des Calls, der ausdrücklich zu pointierten Stellungnahmen aufruft, wollen wir unsere Position dazu aber zumindest in Grundzügen entfalten: Wir sind nicht der Auffassung, dass die theoretische Ausdifferenzierung als solche in irgendeiner Weise dazu führen kann, dass ein gemeinsamer Diskurs über das richtige Verstehen literarischer Texte unmöglich wird, selbst wenn sie zweifellos zu erschwerten Bedingungen geführt hat, insofern man angesichts unterschiedlicher theoretischer Rahmenannahmen eben nicht ›nur‹ über das richtige Verstehen eines Textes diskutieren muss, sondern in vielen Fällen auch über die theoretischen Grundlagen selbst. Um dies zu sehen, sei das skizziert, was man als ›hermeneutische Standardsituation‹ betrachten könnteFootnote 28: Wenn sich ein Verstehensproblem in Bezug auf einen literarischen Text einstellt – und das ist aufgrund der Komplexität, der poetischen Sprache, der symbolischen Gehalte, der schon zeitlich bedingten Alterität usw. bei literarischen Texten typischerweise der Fall –, dann wird man nach Interpretationshypothesen suchen, die dieses Problem beheben oder zumindest erklären können. Bei dieser Suche nach Interpretationshypothesen (darunter verstehen wir hier also Vorschläge, wie ein Verständnisproblem gelöst oder zumindest erklärt werden könnte) spielen Literaturtheorien in vielfacher Weise eine Rolle. Insbesondere funktionieren sie in diesem Szenario wie Filter, die die Aufmerksamkeit auf bestimmte Phänomene des Textes lenken, die bestimmte interpretative Spielzüge oder bestimmte Indizien zur Begründung einer Interpretation zulassen, andere dagegen ausschließen. Wer beispielsweise mit Roland Barthes und anderen vom »Tod des Autors« überzeugt ist und daher eine anti-intentionalistische Literaturtheorie vertritt, wird Intentionsbekundungen des realen Autors im Rahmen seiner Textinterpretation ›herausfiltern‹, d. h. sie nicht als Belege für seine Interpretationshypothesen anerkennen. Eine Intentionalistin verwendet diesen Filter dagegen nicht. Sie wird derartige Hinweise ganz selbstverständlich in ihre Interpretation einbeziehen. Dass die verschiedenen theoretischen Ausrichtungen dennoch nicht dazu führen müssen, dass sich deren Vertreter*innen nicht mehr verstehen können, liegt an zwei Punkten:

Erstens ist es immer möglich, über seinen literaturtheoretischen Schatten zu springen, d. h. literaturtheoretische Filter zu ›entfernen‹ bzw. ›einzusetzen‹. Noch die überzeugteste Anti-Intentionalistin sollte in der Lage sein, die Arbeit eines Studenten aus dem Einführungskurs zu verstehen, der Goethes Willkommen und Abschied anhand einer intentionalistisch orientierten Argumentation auf Friederike Brion bezieht. Und im Rahmen der Korrektur einer solchen Interpretation ist es offensichtlich ebenfalls möglich, kurzzeitig von den theoretischen Überzeugungen, die man selbst für die plausibelsten hält, zu abstrahieren und die entsprechende Hausarbeit sozusagen ›theorieimmanent‹ zu evaluieren.

Der zweite Punkt ist wichtiger: Die Entscheidung für diesen oder jenen literaturtheoretischen Filter ändert nichts daran, dass es eine Basis gibt, die allen Teilnehmer*innen am literaturwissenschaftlichen Projekt gemeinsam ist. Dieser common ground ist der rationale bzw. argumentative Diskurs, dessen Spielregeln für alle Fachvertreter*innen dieselben sind.Footnote 29 Zu diesen fundamentalen Regeln gehören die Regeln des Argumentierens im engeren Sinne ebenso wie basale epistemische Normen, etwa: »Wähle diejenigen Überzeugungen, für die du die besten Gründe hast!«, »Versuche, falsche Überzeugungen aus deinem Überzeugungssystem auszusortieren!«, »Versuche, Widersprüche in deinem Überzeugungssystem zu vermeiden!« usw. Wer diese Regeln – die den Kern dessen bilden, was man tatsächlich als »universale Rationalität« bezeichnen könnte – nicht akzeptiert, muss massive Erklärungslasten und (Selbst‑)Widersprüche in Kauf nehmen, ja verabschiedet sich sogar aus dem Feld der Wissenschaft.Footnote 30

Der argumentative Diskurs ist der Ort, an dem Verstehensprobleme jeder Art nach bestem Vermögen aller Beteiligten geklärt werden müssen. Ganz generell gilt: Wenn ein Verstehensproblem im Umgang mit einem literarischen Text auftaucht, dann sollte man versuchen, es zu beheben, indem man in den argumentativen Diskurs eintritt, d. h. Gründe für oder gegen eine Interpretationshypothese sucht, die das Problem potenziell auflöst oder erklärt. Sollte sich dabei im Rahmen der oben geschilderten ›hermeneutischen Standardsituation‹ herausstellen, dass die Verstehensdivergenzen zwischen verschiedenen Interpret*innen auf unterschiedliche theoretische Vorannahmen zurückzuführen sind, endet dieser Diskurs nicht, sondern wird auf einer anderen Ebene fortgeführt: In diesem Fall muss man nach den besten Gründen für bzw. gegen diese theoretischen Vorannahmen suchen. Dieses Geschäft ist mühselig, komplex und führt in der Praxis wohl auch nur selten unmittelbar zu befriedigendem Erfolg. Dass der argumentative Austausch aber nicht immer unmittelbar zu einer Einigung führt, liegt nicht daran, dass sich die Teilnehmer*innen dieses Diskurses aus prinzipiellen Gründen nicht verstehen könnten, sondern daran, dass es eben ein langwieriger und ergebnisoffener Prozess ist, Argumente für und gegen literaturtheoretische Positionen abzuwägen. Oft kennt man noch nicht alle relevanten Informationen und Argumente oder es herrscht ein argumentativer Gleichstand, der es noch schwieriger macht, sich begründet für eine Position zu entscheiden. All das ändert aber nichts daran, dass gegenseitiges Verstehen innerhalb des Rahmens des argumentativen Diskurses prinzipiell möglich ist und dass es dieser mühselige Weg ist, der gegangen werden muss, wenn man Literaturwissenschaft als eine (rationale) Wissenschaft begreifen will, die auf Erkenntnisgewinn ausgerichtet ist.

Dieser common ground sorgt auch dafür, dass es einige Gütekriterien für Interpretationen gibt, die unabhängig von literaturtheoretischen Hintergründen gelten: Jede Interpretation eines literarischen Textes, ob sie von Jacques Derrida stammt oder von Benno von Wiese, hat z. B. in sich widerspruchsfrei zu sein oder sachlich richtig in der Beschreibung des Texts und anderer interpretationsrelevanter Sachverhalte.Footnote 31 Es ist diskutabel, welche Kriterien genau theorieübergreifende Gültigkeit haben (wobei Widerspruchsfreiheit und sachliche Korrektheit allerdings sehr gute Kandidaten sein dürften) und es ist möglicherweise zutreffend, dass sich nur ein sehr überschaubares Set geteilter Gütekriterien zwischen verschiedenen Literaturtheorien etablieren lässt – aber immerhin: auch mit einem kleinsten gemeinsamen Nenner kann man weiterrechnen.

Nun ist es zwar prinzipiell möglich, auch die ›prä-literaturtheoretische‹ Festlegung auf einen argumentativen Diskurs zu verweigern bzw. die genannten ansatzübergreifenden Gütekriterien für Interpretationen zu leugnen. Zwei Dinge sollte man sich dabei allerdings bewusst machen. Zum einen hat derjenige, der allen Ernstes die Auffassung vertritt, eine Interpretation dürfte in sich widersprüchlich sein (und z. B. behaupten, dass Friedrich Mergel aus Droste-Hülshoffs Die Judenbuche den Juden Aaron ermordet hat und Friedrich Mergel den Juden Aaron nicht ermordet hat) oder sachlich falsche Prämissen verwenden (und z. B. behaupten, dass Eichendorffs Taugenichts nicht »gen Italien«, sondern »gen Kasachstan« wandert), eine, wir möchten es höflich formulieren, große Erklärungslast zu tragen.

Zum anderen führt die Verweigerung eines argumentativen Diskurses dazu, dass man sich aus dem Spiel der Wissenschaft verabschiedet bzw. sich lediglich zu einer »fröhlichen Wissenschaft« bekennt, die allenfalls noch den Namen mit Wissenschaft gemein hat. Wenn man nämlich unter ›Wissenschaft‹ (und auch unter ›Literaturwissenschaft‹) in einem sehr basalen Sinne das systematische und methodisch geleitete Bemühen um Erkenntnisgewinn sieht, und zwar das Bemühen um Erkenntnisse, die möglichst gut gerechtfertigt sind, dann folgt aus dieser Anerkennung eines zentralen Ziels der Wissenschaft auch, dass man die nötigen Mittel zur Erreichung dieses Ziels ergreifen sollte. Und das beste, wenngleich natürlich fehlbare Mittel ist nun einmal der argumentative Diskurs, und zwar selbstverständlich auch in den Philologien: Wenn man Erkenntnisfortschritt im Sinne eines bestmöglichen Verstehens von literarischen Texten anstrebt, sollte man in den argumentativen Diskurs einsteigen, d. h. Verständnisprobleme auf rationale Weise durch das Aufstellen und argumentative Prüfen von Interpretationshypothesen nach bestem Vermögen zu beheben suchen. Verweigert man den argumentativen Diskurs, kann Erkenntnisfortschritt nicht mehr als Ziel des Spiels verstanden werden. Und damit ändert man die Regeln des Spiels ›Wissenschaft‹ so sehr, dass man letztlich ein anderes Spiel spielt. Um es mit einer Analogie zu sagen: Natürlich kann man ein Spiel spielen, in dem man mit der Hand Tore erzielen darf. Aber dann sollte man es nicht mehr ›Fußball‹ nennen.

Selbst vor dem Hintergrund eines Pluralismus divergierender theoretischer Überzeugungen gibt es also keinen Grund, die Unausweichlichkeit einer Krise des Textverstehens konstatieren zu müssen, in der gegenseitiges Verstehen und die gemeinsame Suche nach richtigen und falschen Interpretationen unmöglich wäre. Die Rückbesinnung auf eine gemeinsame rationale Basis, die der pluralistischen Ausdifferenzierung in verschiedene Literaturtheorien vorausgeht, weist auf einen common ground hin, der einen produktiven Diskurs über die Grenzen von Literaturtheorien hinweg ermöglicht.

Drei Vorschläge zur Förderung des argumentativen Diskurses

Auf die einleitend zitierte Frage »Ist [die Germanistik] überhaupt methodisch in der Lage, sich angemessen auf die aktuellen Verstehens- und Verständnisprobleme einzustellen?« ist unsere Antwort also deswegen ein (emphatisches!) »Ja«, weil es eine theorieunabhängige Methode gibt, um Verstehensprobleme bestmöglich zu lösen: den rationalen Diskurs bzw. das Argumentieren. Damit dieser Diskurs – die gemeinsame Suche nach den besten Gründen für oder gegen eine Interpretationshypothese – erfolgreich sein kann, müssen allerdings, wie eben schon in allgemeiner Hinsicht erläutert, einige wissenschaftliche Spielregeln und Werte akzeptiert werden, d. h. ein basales Verständnis von Wissenschaftlichkeit, auf das sich alle oder zumindest die meisten Vertreter*innen des Fachs einigen können sollten. Drei dieser Spielregeln, die uns besonders wichtig zu sein scheinen, wollen wir im Folgenden in Form von drei Thesen ausbuchstabieren und Gründe geben, weshalb es zweckmäßig ist, sich an ihnen zu orientieren, wenn man mit Krisen des Textverstehens bestmöglich umgehen will. Man sollte, erstens, die Orientierung an Richtigkeit und Falschheit in Bezug auf Textinterpretationen nicht über Bord werfen und nicht zu viel Wert auf nebensächliche Kriterien für gelungene Interpretationen legen wie beispielsweise deren Spektakularität. Zweitens sollte man die argumentative Auseinandersetzung mit anderen Interpret*innen (stärker) suchen und fördern. Und man sollte sich, drittens, bei all dem klar und verständlich ausdrücken.

Da wir glauben, dass diese wissenschaftlichen Spielregeln und Werte im Fach nicht immer berücksichtigt werden, sind wir in gewisser Hinsicht tatsächlich der Auffassung, dass die Germanistik die »Schwierigkeiten« des Verstehens, von denen der Call spricht, »nicht nur zu beklagen hat, sondern […] auch durch ihre eigenen Verfahren«Footnote 32 dazu beiträgt. Die Lösung, wie gesagt, ist jedoch keine Abkehr von, sondern eine Besinnung auf grundlegende wissenschaftliche Tugenden, die einem rationalen, argumentativen Diskurs über Verstehensprobleme förderlich sind.

These 1: Interpret*innen sollten auf richtige Interpretationen abzielen, nicht auf spektakuläre!

Wer Texte besser verstehen will, der sollte nicht (oder jedenfalls nicht nur) auf spektakuläre Interpretationshypothesen abzielen, sondern auf richtige. Die Auffassung, dass Interpretationshypothesen richtig oder falsch sein können, wird nicht überall im Fach geteilt. Dies scheint auch für den Beitrag über Bindestrich-Hermeneutiken zu gelten, in dem es heißt, dass »Interpretationen der Literatur in der Dichotomie von richtig und falsch generell nicht aufgehen.«Footnote 33 Diese Formulierung lässt sich auf Weisen verstehen, die unproblematisch sind, sie hat jedoch auch eine problematische Lesart. Unproblematisch ist die Auffassung, dass es in epistemischer Hinsicht schwierig sein kann, Interpretationen als richtig oder falsch zu klassifizieren. Es ist eben manchmal nicht so leicht herauszufinden, was für und was gegen eine Interpretation spricht. Oft gibt es sogar mehrere gute Interpretationsoptionen. Allen Studierenden und Lehrenden ist diese Situation aus dem philologischen Alltag bekannt. Sie ist es ja gerade, die die Hermeneutik überhaupt erst auf den Plan ruft und einen argumentativen Diskurs darüber erfordert, welche Interpretationsvorschläge besser (d. h. zumindest potenziell richtig) oder schlechter (d. h. vermutlich falsch) sind. Zutreffend und gleichfalls unproblematisch wäre die Auffassung, dass Richtigkeit nicht das einzige Qualitätskriterium für Interpretationen ist.Footnote 34 Und weiterhin lässt sich die Sichtweise diskutieren, dass Richtigkeit nicht als Alles-Oder-Nichts-Kriterium verstanden werden sollte, sondern als graduierbares Kriterium, das mehr oder weniger richtige Interpretationen zulässt.

Die unplausible Lesart hingegen lautet, dass die Dichotomie von Richtig und Falsch generell fehl am Platz ist, d. h., dass Interpretationen prinzipiell nicht richtig oder falsch sein können. Sie wird in den Geisteswissenschaften und zumal den Philologien immer wieder einmal vertreten,Footnote 35 scheint uns aber aus einer ganzen Reihe von Gründen unplausibel, ja mit den Zielen des Projekts ›(Literatur‑)Wissenschaft‹ grundsätzlich unvereinbar zu sein. Der erste Grund ist sehr einfach und keineswegs neu: Wenn man Verstehen für ein wichtiges, vielleicht sogar zentrales Ziel im Umgang mit literarischen Texten hält – und darin scheinen sich, wie auch aus dem Call und dem begleitenden Aufsatz hervorgeht, Fachvertreter*innen ja weitgehend einig zu sein –, dann folgt schon aus begrifflichen Gründen, dass man die »Dichotomie von richtig und falsch« nicht über Bord werfen kann. Denn der Begriff des Verstehens impliziert bereits, dass man etwas richtig oder falsch verstehen kann: Verstehen kann gelingen oder misslingen, und wenn man etwas verstanden hat, dann hat man auch etwas richtig gemacht. Daher gilt auch, was Oliver R. Scholz pointiert festgehalten hat: »Für jemanden, der glaubt, Verstehen komme nie vor, es gebe gar nicht den Unterschied zwischen Verstehen (Richtigverstehen) und Nichtverstehen (Falschverstehen), hat es kaum Sinn, an Gesprächen teilzunehmen, oder Bücher zu lesen«Footnote 36. Dieser Einwand gegen einen radikalen Skeptizismus in Bezug auf die Möglichkeit des (Richtig‑)Verstehens ist schlagend. In seinem Lichte wird auch fraglich, wie man einerseits eine Krise des Textverstehens konstatieren kann und gleichzeitig (zumindest im Sinne der oben erläuterten zweiten Lesart) bestreitet, dass man einen Text richtig bzw. falsch verstehen kann.Footnote 37

Neben diesem begrifflichen Punkt gibt es weitere Argumente, warum ein genereller Skeptizismus gegenüber der Möglichkeit des (Richtig- bzw. Falsch‑)Verstehens literarischer Texte verfehlt ist und warum man an Richtigkeit als Maßstab für Interpretationen bzw. für das Verstehen festhalten sollte. Vor allem gibt es dazu keine überzeugende Alternative, wenn man Literaturwissenschaft als eine auf Erkenntnisgewinn angelegte Unternehmung verstehen möchte bzw., bezogen auf das Kerngeschäft des Verstehens literarischer Texte, als Unternehmung, die besseres von schlechterem Textverstehen unterscheiden möchte. Um dies zumindest kurz an einem Beispiel zu illustrieren, sei auf einen Beitrag Christoph Parets hingewiesen, der vor Kurzem in der Lettre International erschienen ist. Der Verfasser kritisiert darin ganz allgemein die Annahme, Richtigkeit sei ein wichtiges Qualitätskriterium für gelungene wissenschaftliche Forschung, und schlägt provokativ die folgenden alternativen Beurteilungskriterien vor:

»Das Erkennungsmerkmal einer herausragenden wissenschaftlichen Arbeit besteht weniger darin, daß sie Einwänden widersteht, als vielmehr, daß sie einen Sprung der Imagination bewirkt. Ein glänzender wissenschaftlicher Vortrag ist einer, der eine lebhafte Diskussion entfesselt. Ein geniales Paper ist eines, das die Kollegen zu den unterschiedlichsten Ergänzungen, wenn nicht Einwänden verführt. Ein ›führender‹ Wissenschaftler ist einer, dem möglichst viele Wissenschaftler die intellektuelle Gefolgschaft gerade verweigern und der Heerscharen an Kritikern und Kommentatoren hinter sich herzieht. Kurzum: Gute Forschung ist nicht einwandfrei, gute Forschung setzt Einwände frei.«Footnote 38

Die hier artikulierte Auffassung, dass Spektakularität – diesen Begriff verwenden wir im Folgenden als Sammelbegriff für Kategorien wie ›neu‹, ›anregend‹, ›innovativ‹, ›interessant‹, ›spannend‹, ›fruchtbar‹, ›provokativ‹ oder, mit den Worten Parets, »Einwände freisetzend«, »lebhafte Diskussionen entfesselnd«Footnote 39 usw. – wichtiger sei als Richtigkeit, halten wir jedoch für falsch. Natürlich sei damit nicht behauptet, dass Spektakularität (bezogen auf den Fall des Textverstehens) eine schlechte Eigenschaft von Interpretationen sein muss. Spektakularität ist nur per se keine erstrebenswerte Eigenschaft von Interpretationen. Sie ist lediglich ein sekundäres Kriterium und damit weniger wichtig als Richtigkeit. Dies liegt u. a. daran, dass die Eigenschaft einer Interpretationshypothese, spektakulär zu sein, nicht distinkt ist.Footnote 40 Eine Interpretation ist nämlich z. B. auch dann ›innovativ‹, ›neu‹ etc., wenn sie einfach Zufallsaussagen kompiliert, »provokativ« wenn sie moralisch anstößige Aussagen enthält usw. Bezogen auf die von Paret gewählte Formulierung lässt sich generell festhalten: Einwände werden von jeder falschen Interpretation freigesetzt (aber eben, weil sie falsch ist!), Diskussionen können von jeder noch so unplausiblen Interpretation entfesselt werden (aber eben, weil sie falsch ist!), und ›spannend‹ oder ›interessant‹ kann eine Interpretation prinzipiell auch und vielleicht sogar gerade dann sein, wenn sie über die Wanderungen von Pinguinen berichtet, statt sich auf den Text zu beziehen, den sie eigentlich interpretieren wollte (aber eben, weil sie sachfremd ist und daher erst gar keine richtige oder falsche Interpretation sein kann!). In diesem Sinn kann Spektakularität nicht per se eine erstrebenswerte Eigenschaft von Interpretationen sein.

Wie gesagt, sprechen solche Überlegungen nicht grundsätzlich dagegen, Interpretationshypothesen auch an Spektakularitätskriterien zu messen, und es sei nicht bezweifelt, dass die Spektakularität von Interpretationen durchaus positive Effekte für den Verstehensprozess haben kann. Ein etwas entschärfter Ruf nach spektakulären Hypothesen könnte etwa so aussehen: »Achte beim Interpretieren erstmal nicht auf Richtigkeit, sondern lege eine Interpretation vor, die in dem Sinn ›spektakulär‹ ist, dass sie die Leser*innen zum Nachdenken provoziert und einen Diskurs entzündet, der dann wiederum in the long run die Produktion richtiger Interpretationen anregt.« Diese Formulierung macht spektakuläre Unsinns-Interpretationen unwahrscheinlicher – um den Preis, dass das Kriterium der Richtigkeit nur vorläufig hintangestellt wird, ohne es als Ziel des Forschungsdiskurses gänzlich zu verabschieden. Doch selbst diese entschärfte Variante, bei der man das Ziel der Richtigkeit gewissermaßen ›einklammert‹, dürfte keine Rettung für Argumentationen wie diejenige Parets sein. Bezogen auf das Projekt des Verstehens literarischer Texte ist auch dieser entschärften Variante entgegenzuhalten, dass sie für das Ziel gelingenden Textverstehens einfach nicht zielführend ist: Anstatt nach spektakulären Interpretationen zu suchen, ohne zunächst auf Richtigkeit zu achten, um einen Diskurs anzustoßen, der in the long run dann eventuell doch zu richtigen Interpretationen führen könnte, wäre es wesentlich zweckmäßiger, sich von Anfang an bereits um richtige Interpretationen zu bemühen (die dann auch, als Sahnehäubchen und um unsere Sensationslust zu befriedigen, spektakulär sein dürfen). Dieses Vorgehen ist in Hinblick auf das Ziel des hermeneutischen Prozesses – eine richtige Interpretation bzw. gelungenes Verstehen – schlicht effizienter.Footnote 41

Auch scheint es uns nicht unwesentlich zu sein, dass die Verabschiedung von Richtigkeit zugunsten von Spektakularität unwissenschaftliches Vorgehen und Scharlatanerie befördern dürfte: Wer sich nicht an Richtigkeit orientieren muss, sondern an Spektakularität, der wird besser damit fahren, einfach nur solche Dinge über literarische Texte zu sagen, die beim Publikum die gewünschten Reaktionen auslösen, auch wenn es sich dabei, um noch einmal Oliver R. Scholz zu zitieren, lediglich um »höheren Stuss«Footnote 42 handeln sollte. Davon braucht es in den Philologien wahrlich nicht mehr.

Schließlich sei noch einmal betont, dass die Orientierung an Richtigkeit kompatibler mit plausiblen Zielen von Wissenschaft ist: Richtigkeit höher als Spektakularität zu veranschlagen, erlaubt es, (Literatur‑)Wissenschaft als auf den Gewinn von Erkenntnissen angelegte Unternehmung zu verstehen.

Pointiert können wir die Überlegungen in diesem Abschnitt auch so zusammenfassen: Wenn man tatsächlich an Erkenntnisfortschritt in Bezug auf das Verstehen literarischer Texte interessiert ist, sollte man keine Götzen verehren und sich nicht von einem Feuerwerk spektakulärer Interpretationen blenden lassen. Die Aussage »Diese Interpretation war überzeugend!« ist im Rahmen der Wissenschaft eine höhere Auszeichnung als die Aussage »Vielen Dank, das war aber wieder einmal anregend!«

These 2: Interpret*innen sollten stärker die argumentative Auseinandersetzung miteinander suchen!

Wenn man das Argumentieren als das beste Mittel im Umgang mit Verständnisproblemen akzeptiert, sollte man es auch tatsächlich machen – und zwar nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit anderen Teilnehmer*innen am wissenschaftlichen Diskurs. Echte Kontroversen in Interpretationsfragen gibt es, so würden wir behaupten, allerdings zu selten, obwohl sie manchmal mit Händen zu greifen sind. Um diese Einschätzung auch empirisch zumindest ansatzweise zu untermauern, möchten wir Ergebnisse eines studentischen Forschungsprojekts vorstellen, das im Wintersemester 2016/17 an der Universität Göttingen durchgeführt wurde. Dort wurde anhand von 71 Interpretationen zu Kleists Michael Kohlhaas aus den Jahren 1995–2015 die Frage untersucht, wie häufig Interpret*innen in die argumentative Auseinandersetzung mit anderen Interpret*innen einsteigen. Gesucht wurde nach Passagen, in denen sich Interpret*innen auf einen anderen Forschungsbeitrag beziehen (z. B. durch Zitat oder Verweis) und sich in einem Umfang von mindestens 300 Zeichen (dies entspricht etwas mehr als der typischen Satzlänge in wissenschaftlichen Forschungstexten) kritisch oder affirmativ, in jedem Fall aber argumentativ mit diesem auseinandersetzen. Das Ergebnis: In 29 von 71 untersuchten Interpretationen (= 40,85 %) findet überhaupt keine argumentative Auseinandersetzung mit anderen Beiträgen der Kleist- bzw. Kohlhaas-Forschung statt. Und auch in den verbleibenden rund 60 % aller Interpretationen ist diese Auseinandersetzung eher selten.Footnote 43

Dieser Befund hätte eine längere Kommentierung verdient, die wir hier nicht leisten können. Intuitiv einleuchtend sollte jedoch sein, dass die argumentative Auseinandersetzung mit anderen Interpretationen nicht stark ausgeprägt ist. Gestützt wird der Befund durch Ergebnisse eines vor Kurzem abgeschlossenen DFG-Projekts, das nach Plausibilisierungsstrategien in literaturwissenschaftlichen Interpretationstexten fragt und ebenfalls zu dem Ergebnis kam, dass die kontroverse argumentative Auseinandersetzung mit anderen Interpretationsvorschlägen erstaunlich selten gesucht wird.Footnote 44

Auch wenn die zweite These unseres Erachtens selbstverständlich sein sollte, liefert dieser deskriptiv-empirische Blick auf die Praxis möglicherweise einen Hinweis darauf, dass diese These so selbstverständlich nicht ist. Welche Argumente lassen sich also dafür geben, dass Interpret*innen stärker die argumentative Auseinandersetzung miteinander suchen sollten? Wir möchten vier Punkte anführen. (1) Die argumentative Auseinandersetzung hat, wie mehrfach erwähnt, eine funktionale Rolle für die Ziele der Wissenschaft: Sie ist das beste Mittel zum Zweck, nämlich Erkenntnisfortschritt. Bezogen auf die textinterpretierenden Fächer heißt das: Die argumentative Auseinandersetzung ist das beste Mittel, um richtige von falschen Interpretationen so gut wie möglich zu unterscheiden. (2) Die argumentative Auseinandersetzung hat eine wissenschaftsethische Dimension: Mit gegenseitiger Kritik zeigt man zugleich, dass man andere Diskussionsbeiträge als solche ernst nimmt und wertschätzt. (3) Stärkere Auseinandersetzung führt zudem zu höherer Homogenität mit anderen Arbeitsfeldern des Fachs: Gegenseitige Kritik ist in vielen Bereichen selbstverständlicher Bestandteil des Fachs (man denke etwa an das Rezensions- und Gutachterwesen), und warum sollten Interpretationen hier die Ausnahme sein? (4) Schließlich führt eine stärkere argumentative Auseinandersetzung zu einer höheren Konsistenz von Forschung und Lehre: Wenn man für studentische Haus- und Abschlussarbeiten einfordert, dass sie sich argumentativ mit der bestehenden Forschung auseinandersetzen, dann sollte man dies auch in der professionellen Interpretationspraxis vorleben.

Diese vier Gründe (mehr ließen sich geben) sprechen dafür, These 2 zu akzeptieren. Wenn man Krisen des Textverstehens im Rahmen der Philologien lösen möchte, sollte man also nicht nur versuchen, richtige Interpretationen vorzulegen, sondern diese auch in kritischer Auseinandersetzung mit der Forschung zu plausibilisieren. Dafür ist die Bereitschaft erforderlich, andere zu kritisieren und sich selbst kritisieren zu lassen. Vielleicht ist es dazu auch fachkulturell nötig, die sachliche, nicht ad personam gerichtete Kritik als wichtigen Bestandteil des wissenschaftlichen Prozesses generell noch stärker wertzuschätzen.

These 3: Interpret*innen sollten sich um Klarheit der Darstellung bemühen!

Wenn man mit anderen diskutieren will, sollte man sich klar ausdrücken. Zum Teil mag es nämlich auch an der immer wieder einmal beobachtbaren Tendenz zu obskurantistischer Sprache liegen, dass sich die Fachvertreter*innen tatsächlich »gegenseitig immer weniger verstehen«.Footnote 45 Wenn man dies als Mangel empfindet, dann ist es eine gute Idee, mehr Wert auf Klarheit und Verständlichkeit zu legen.

Dass man sich klar ausdrücken sollte, wird selten explizit bestrittenFootnote 46, aber unserer Einschätzung nach in der Praxis nicht immer beachtet.Footnote 47 Daher mag es auch hier zweckmäßig sein zu überlegen, welche Gründe für Klarheit als wichtigen Wert im Rahmen der hermeneutischen Praxis sprechen.Footnote 48 Besonders kompliziert scheint uns dies allerdings nicht zu sein, weshalb wir uns kurzfassen werden: Die hermeneutische Praxis hat es, wie gesagt, mit Verständnisproblemen zu tun. Verständnisprobleme kann man am besten angehen, indem man, erstens, das jeweilige Verständnisproblem formuliert, zweitens Hypothesen aufstellt, die das Problem potenziell beheben können, und drittens Argumente sucht, um die Hypothesenspreu vom Hypothesenweizen zu trennen. Dieser Prozess wird besser laufen, je klarer man sich in allen drei Teilschritten – Problemformulierung, Hypothesenformulierung, Argumentformulierung – ausdrückt, zumal es sich dabei um einen sozialen Aushandlungsprozess handelt: Die hermeneutische Praxis ist (genauso wie die Literaturwissenschaft als Ganze, ja jede Wissenschaft) ein Mannschaftssport, bei dem man im Diskurs mit anderen nach dem besseren Verständnis sucht. Damit diese soziale Praxis möglichst reibungsfrei abläuft – bzw. Reibungen nur da stattfinden, wo es sachlich sinnvoll ist –, ist Klarheit eine wichtige Voraussetzung: Denn sie erleichtert es, Interpretationshypothesen (und ganze Interpretationstexte) im Rahmen dieses gemeinsamen Diskurses als Antworten auf Verstehensprobleme mit komplexen literarischen Texten überhaupt verstehen und evaluieren zu können.

Darüber hinaus gibt es weitere Gründe, die Klarheit im Ausdruck zu einem wichtigen Wert im Rahmen der hermeneutischen Praxis machen. Angedeutet seien lediglich zwei Punkte: Unklarheit kann zu logischen Defiziten von Argumenten für eine Interpretationshypothese führen, etwa durch uneinheitliche Begriffsverwendungen bzw. Äquivokationen. Ferner lassen sich wissenschaftsethische Gründe anführen, z. B. dass Klarheit Interpretationen zumindest potenziell inklusiver machen kann, weil sie besonders vielen Menschen die Möglichkeit eröffnet, am wissenschaftlichen Diskurs teilzunehmen. Esoterisches Geraune unter Eingeweihten tut dies nicht.

Auch hier gilt also: Wer Texte (besser) verstehen möchte und den argumentativen Diskurs als bestes Mittel zu diesem Zweck akzeptiert, der sollte den Diskurs entsprechend einrichten. Dazu gehört nicht nur die Orientierung an Richtigkeit und die Bereitschaft zur argumentativen Auseinandersetzung, sondern auch das Bemühen um Klarheit in der Darstellung.

Fazit

Es braucht unseres Erachtens keine »neue Hermeneutik«. Um einer Krise des Textverstehens – so es sie denn gibt – zu begegnen, sollten sich die ›textverstehenden Fächer‹ stärker auf grundlegende, wissenschaftskonstituierende Werte besinnen, die zwar weitgehend akzeptiert, aber in der Praxis nicht immer ausreichend beachtet werden. Wenn wir Literaturwissenschaft als Wissenschaft begreifen wollen, die auf Erkenntnisfortschritt im Bereich des Verstehens literarischer Texte abzielt, dann sollten wir den argumentativen Diskurs als Mittel der Wahl akzeptieren und die Interpretationspraxis so einrichten, dass dieser Diskurs bestmöglich funktioniert. Aus diesem wissenschaftlichen Selbstverständnis resultiert eine Verpflichtung auf bestimmte Normen bzw. Werte von Rationalität, die heute genauso Gültigkeit haben wie seit jeher. Wir haben diesbezüglich drei konkrete Vorschläge gemacht: Man sollte sich beim Textverstehen an Richtigkeit orientieren, man sollte die kritische Auseinandersetzung mit anderen Diskursteilnehmer*innen stärker suchen und man sollte sich möglichst klar ausdrücken.

Wissenschaftlicher Austausch kann trotz der verstärkten Besinnung auf Vorschläge wie diese zu Missverständnissen oder zum gegenseitigen Nicht-Verstehen führen, hitzige Diskussionen ohne Ergebnis nach sich ziehen und oft genug auch Frustrationen auslösen. Das ist so. Deshalb ist das Projekt der Aufklärung aber nicht gescheitert. Es ist vielmehr wesenhaft work-in-progress, zu dessen Gelingen rationales, gemeinschaftliches, an wissenschaftlichen Grundtugenden orientiertes Verhalten seinen Teil beiträgt – auch in Bezug auf Fragen des Textverstehens.