Das Erlernen der deutschen Sprache wird als Schlüsselfaktor bei der Integration von Migrantinnen und Migranten in die deutsche Gesellschaft angesehen. In ihrer Dissertationsschrift untersucht Anja Pietzuch den Zweitspracherwerb von Hochqualifizierten und dessen Zusammenhang mit Identität und Partizipation anhand einer fallstudienbasierten Analyse. Hierbei steht die Frage im Vordergrund, wie hochqualifizierte Migrantinnen und Migranten ihre (sprachliche) Teilhabe an relevanten zielsprachigen Gemeinschaften verhandeln und wie sich die ausgehandelten Positionen auf Selbstbild und (sprachliche) Entwicklungsperspektiven auswirken.

Im theoretischen Teil der Arbeit gibt die Autorin zunächst einen Überblick über die deutsche Integrationspolitik seit den 1990er-Jahren, diskutiert die Bedeutung des Deutscherwerbs für die Integration von hochqualifizierten Migrantinnen und Migranten und hinterfragt, inwieweit Struktur und Inhalte von Integrationskursen den Fähigkeiten und Bedürfnissen dieser Adressatengruppe entsprechen. Nach der Verortung der Forschungsfrage im Feld und einem Überblick über den sogenannten „social turn“ der Spracherwerbsforschung werden das soziokulturelle Paradigma sowie zentrale Dimensionen soziokultureller Forschungsansätze (Lerner, Lernkontext, Identität) und deren Bedeutung für die vorliegende Arbeit vertieft dargestellt. Zudem wird das Modell der alltäglichen Identitätsarbeit von Heiner Keupp und Kollegen eingeführt, welches als Grundlage für die Modellbildung genutzt wird.

Den umfangreichen empirischen Teil der Arbeit bildet eine qualitative Studie. Anhand von drei teilnehmerbezogenen Fallbeispielen wird die Entwicklung des Zweitspracherwerbs, der gesellschaftlichen Partizipation und des Selbstbildes von Akademikerinnen und Akademikern lateinamerikanischer Herkunft über einen ein- bis zweijährigen Zeitraum nachvollzogen, die zum Zeitpunkt der Untersuchung einen Integrationskurs besuchten. Hierbei wurde eine Triangulation von narrativen Leitfadeninterviews und Interaktionsdaten zur Analyse von Identitätskonstruktion und Spracherwerb vorgenommen, wobei die Interaktionsdaten von den Teilnehmenden selbst in zumeist alltäglichen Sprachbegegnungen innerhalb mehrerer Monate aufgezeichnet wurden. Anhand fokussierter Interviews, die einige Monate später durchgeführt wurden, werden Perspektiven in Bezug auf den weiteren Zweitspracherwerb, die gesellschaftliche und berufliche Partizipation sowie die Identitätsentwicklung aufgezeigt.

Aufgrund Ihrer Analyseergebnisse schlussfolgert die Autorin, dass eine erfolgreiche Aushandlung langfristiger sprachlicher Partizipation insbesondere dann gelingt, wenn eine hohe Übereinstimmung zwischen dem sozialen und kulturellen Kapital, welches ein Lernender in eine relevante Gemeinschaft einbringen kann, und der Struktur dieser Gruppe (Handlungsziele, soziale Praktiken, Erwartungen an Mitglieder) besteht. Die Autorin schlägt ein zweitspracherwerbsorientiertes Identitätsmodell als Erweiterung des Modells der alltäglichen Identitätsarbeit vor, in dem zum einen der Lernkontext stärkere Berücksichtigung findet und zum anderen ein direkter Zusammenhang von Handlungsinitiative, sprachlichen Aushandlungsprozessen und Identitätsgefühl angenommen wird. Abschließend diskutiert die Autorin mögliche Anpassungen des Integrationskurssystems an die spezifischen Bedürfnisse Hochqualifizierter und gibt einen Ausblick auf mögliche weiterführende Forschungsprojekte.

Die Dissertationsschrift liefert mit der Untersuchung des bis dato in der Forschung nur wenig berücksichtigten Zweitspracherwerbs hochqualifizierter Migrantinnen und Migranten und der Einbeziehung der individuellen Biographien und Lebenssituationen einen wertvollen Beitrag. Die sprachliche Darstellung ist überzeugend und die Arbeit ist klar und übersichtlich gegliedert. Die Entwicklung der deutschen Integrationspolitik und die Auswirkung gesetzlicher Regelungen auf die Integration dieser Zuwanderergruppe werden strukturiert zusammengefasst und durch die Ergebnisse relevanter Projekte und Studien flankiert. Die Darstellung des theoretischen Hintergrunds, die Ableitung der Forschungsfragen und die Verortung im Feld sind gut nachvollziehbar. Allerdings hätten relevante (quantitative) psycholinguistische und kognitive Forschungsansätze differenzierter dargestellt werden können. Der empirische Teil der Arbeit zeichnet sich durch ein angemessenes Forschungsdesign und eine präzise Beschreibung der Methodik aus. Die Vorstellung der Fallstudien basiert auf einer zumeist gut nachvollziehbaren Analyse und Interpretation der erhobenen Daten. Die wichtigsten Ergebnisse werden prägnant zusammengefasst, ihre Generalisierbarkeit bleibt aufgrund der geringen Fallzahl jedoch beschränkt.

Die Dissertationsschrift ist sicherlich nicht nur für Expertinnen und Experten der Zweitspracherwerbsforschung von Interesse. Sie gibt einen aufschlussreichen Einblick in das „Innenleben“ hochqualifizierter Migrantinnen und Migranten während und kurz nach ihrer Teilnahme am Integrationskurs und macht deutlich, dass auch diese Zuwanderergruppe große Herausforderungen bewältigen muss, um die deutsche Sprache zu erlernen und gesellschaftliche Teilhabe zu erlangen.