Einleitung

Bilder spielen eine große Rolle bei der Aneignung von Kultur. Wie intensiv sind doch noch im Erwachsenenalter die Bilder präsent, mit denen die Märchenbücher der Kindheit ausgeschmückt waren. Und was wären die Verse von Wilhelm Busch oder Heinrich Hoffmann ohne deren Zeichnungen. Ein wenig wundert es da, wie selten Bilder und der Umgang mit ihnen aktuell Gegenstand der erwachsenenpädagogischen Diskussion in Wissenschaft und Praxis sind, auch und gerade in Zeiten einer digitalen Bilderflut. Als Ausnahmen sind hier die Arbeiten von Schäffer (2009a, 2009b) und Dörner und Schäffer (2012), von Faulstich (2012) und Umbach (2016) zu nennen – allerdings findet selten eine weitergehende Diskussion statt. In Hand- und Wörterbüchern der Erwachsenenbildung fehlt der Umgang mit Bildern als eigenständiger Beitrag völlig.

Die (wissenschaftliche) Pädagogik beginnt – cum grano salis – mit dem „orbis sensualium pictus“ des Comenius, „Bild“ und „Bildung“ haben nicht nur denselben Wortstamm, sondern sind auch in der (Bildungs‑)Geschichte miteinander verschränkt. Bilder als pädagogisches Programm – oft verbunden mit oder in Ergänzung zur oralen Überlieferung bzw. Erzählung – sind seit dem Mittelalter und der frühen Neuzeit, und umso mehr seit Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg, immer mehr durch geschriebene Texte ersetzt worden. An die Stelle der Fähigkeit, Bilder zu verstehen und zu interpretieren, trat bei lesenden Erwachsenen zunehmend der geschriebene Text (Bannasch 2007). Die „Emblembücher“ des fünfzehnten, sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts stellten ebenso wie die sakrale Fresken- und Glasmalerei „Lehrwerke“ für Erwachsene dar, bevor sie sich zu Bilderbüchern für des Lesens noch unkundige Kinder wandelten. „Mit seiner Zuordnung zum lernenden Kind erfährt das bildende Bild im Buch eine Abwertung, die ihm (…) bis heute anhaftet“ (ebd., S. 297 f.). Die Nutzung des Bildes fällt auseinander: zum einen für Kinder ein bildendes Element, zum anderen für Erwachsene ein Objekt der ästhetischen Betrachtung. „Gebildet“ und „ästhetisch kompetent“ zu sein sind danach zwei unterschiedliche Dinge.

Gesellschaftliche Fragen und Probleme werden seit jeher in der bildenden Kunst aufgegriffen und finden sich auf unterschiedlichste Weise als gestaltetes Bild wieder. Es gibt zahlreiche, oft mythologische oder biblische Motive, die in verschiedenen Epochen auf eine je spezifische Art und Weise von unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstlern verbildlicht wurden. „Gäbe es nur eine Wahrheit, könnte es nicht so viele verschiedene Bilder zum gleichen Gegenstand oder Vorgang geben“ – präziser als mit diesen Worten, die Pablo Picasso zugeschrieben werden, kann der Unterschied zwischen eindeutigen Lehrzielen und Mehrdeutigkeiten kultureller Praxis nicht benannt werden.

Zu diesen Formen der Aufbereitung und bildnerischen Verarbeitung gesellschaftlicher Themen gehören auch Karikaturen.Footnote 1 Schon in Altertum, Mittelalter und früher Neuzeit gab es karikierende Darstellungen in Bildern und Texten und zunehmend auch als in Heften zusammengebundene Sammlungen, die nach Einführung des Buchdrucks und mit Erscheinen erster Zeitschriften weitere Verbreitung fanden. Eng verbunden mit gesellschaftlichen Problemen ist die politische Karikatur, wie sie als Ausdrucksform besonders in totalitären Systemen Kritik ermöglicht und bündelt. „Wahrlich beneidenswert, was die Satire alles sagen darf. Und es wird ihr nicht nur nicht übelgenommen, es wird auch noch über sie gelacht – wenn auch sicherlich manchmal zähneknirschend“ – so Alice Schwarzer über Karikaturen und die Karikaturistin Franziska Becker (Mannheimer Kunstverein 1985, S. 7).

Aber auch in vielen anderen Bereichen wird karikiert, z. B. bei der Auseinandersetzung mit dem Fremden und Unbekannten, bei der Gegenüberstellung vom Eigenen und Anderen oder zur Bearbeitung religiöser Fragen. Die Darstellungsform Karikatur ist auch immer dann hilfreich, wenn es darum geht, die eigene Identität mit Hilfe eines Gegenbildes zu konstruieren (vgl. Glavac 2013, S. 17 ff.). Kultur- und zeitkritische Karikaturen sind Interpretationen aktueller Anlässe und Ereignisse sowie gesellschaftlicher Phänomene, die in der Öffentlichkeit zu Debatten führen werden oder geführt haben. Über das Medium der Karikatur werden Bedürfnisse und Verhaltensweisen der modernen Gesellschaft, Lebensstile, das Spannungsverhältnis zwischen Ökonomie und Ökologie, das Konsum- und Mobilitätsverhalten, Umwelt und Nachhaltigkeit, die Überbewertung von Belanglosigkeiten, ein diagnostizierter Mangel an höheren ethischen und ästhetischen Werten und viele andere gegenwartsrelevante Themen zum Gegenstand der Reflexion (vgl. Fuchs 1901, S. 26; Heuss 1954).

Deutschland blickt – verglichen etwa mit Frankreich (Callot, Daumier, Philipon, Rops u. a.) oder England (Cruikshank, Gillray, Hogarth u. a.) – auf eine vergleichsweise kurze nationale Geschichte der Karikatur. Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich eine entsprechende Tradition (vgl. Hermann 2014). Auch entstanden in dieser Zeit Zeitschriften, die zunehmend satirische Zeichnungen bzw. Karikaturen enthielten. Gerade in München wurden solche Magazine gegründet (Fliegende Blätter, Leuchtkugeln, Münchner Bilderbogen, und natürlich der Simplicissimus), in deren Umfeld sich Gruppen aus nationalen und internationalen Künstlern bildeten. Viele Künstler sind über die Karikatur bekannt geworden, zu nennen etwa Carl Spitzweg und Wilhelm Busch, später dann Heinrich Zille, George Grosz, Klaus Staeck, aktuell etwa Klaus Stuttmann und Tomi Ungerer.

Karikieren: Kunst und Bildung

Das Verfahren der Überfremdung in Karikaturen ähnelt dem aus konstruktivistischen Ansätzen bekannten Prinzip der Perturbation, dem Erzeugen von Aufmerksamkeit über das In-Frage-Stellen vorhandener Deutungen und Deutungsmuster (vgl. Arnold und Siebert 1995). Die Botschaften der Karikatur sind eingebettet in eine gewisse Komik, eine Satire – gerade, wenn es sich um ein sehr ernstes Problem handelt – oder einen „ästhetischen Schock“, „der zur Deutung erst herausfordert“ (Neuber 1993, S. 354). Karikaturen sind auch ästhetische und künstlerische Produkte, sie sind aber vor allem Aussagen, die in „bildender“ Absicht erzeugt werden. Die Karikatur ist ein künstlerisches Genre, das immer zeichnerisch und oft in der Kombination mit kurzen Texten umgesetzt wird. So entsteht häufig ein Porträt, das mittels Deformierung und Übertreibung die Merkmale eines Protagonisten (z. B. sein Äußeres und bestimmte Bewegungen) oder ein gesellschaftliches Phänomen (z. B. Verfallserscheinungen in der Politik) hervorhebt.

Die Karikatur richtet durch diese Überbetonung die Aufmerksamkeit des Betrachters auf ein konkretes Phänomen, eine drängende Frage. Johann Wolfgang von Goethe warnte in seinen Schriften zur Kunst vor solchem Schock: „Man kann mit Verstand und Vorsatz von der Harmonie abweichen, und dann bringt man das Charakteristische hervor; geht man aber weiter, übertreibt man diese Abweichung, oder wagt man sie ohne richtiges Gefühl und bedächtige Überlegung, so entsteht die Karikatur, die endlich Fratze und völlige Disharmonie wird und wofür sich jeder Künstler sorgfältig hüten sollte“ (Goethe 1820, S. 301). Seinem Verständnis nach besteht die Gefahr darin, dass der Überschuss an Charakteristischem gegen den guten Geschmack, gute Sitten und Gebräuche verstößt und damit nicht nur ein ästhetisches Problem ist, sondern auch eines der gemeinsamen kulturellen Werte.

Dem stehen gegenwärtige Auslegungen gegenüber. Das „Ästhetische“ wird heute weiter definiert als zu Goethes Zeiten. Geistige Bewegungen drücken den Protest gegen traditionelle Werte und Normen aus (wie etwa der Surrealismus oder der Expressionismus) oder sie glorifizieren das Triviale und Wertlose, die Welt des Konsums und der Medien (z. B. die Pop Art). „Heute ist das in der klassisch-idealistischen Auffassung von Kunst Unästhetische längst akzeptiert, ja sogar ästhetisiert (…). Hässlichkeit ist in unserer Welt keine Waffe mehr“ (Studt 2008, S. 79).

Karikaturen sind aufgrund ihrer Komplexität nicht leicht zu erschließen. Die entsprechende Kompetenz ist weder weit verbreitet noch uneingeschränkt zugänglich. Karikatur setzt Allgemeinwissen und einen einschlägigen kulturellen Hintergrund beim Empfänger voraus. Ihre Botschaft ist stark kulturell codiert. Friedrich Theodor Vischer, ein Vertreter der philosophischen Ästhetik, verdeutlicht die Spezifik der Karikatur anhand der aus seiner Sicht erforderlichen Kompetenzen, über die ein Autor zur Erarbeitung einer Geschichte der Karikatur verfügen müsse:

„Die Karikatur steht in spezifisch engem Verhältnis zur Kulturgeschichte im weitesten Sinn, politische und soziale Geschichte, Geschichte der Sitte, der Wissenschaft, Dichtung und Religion miteinbegriffen. Beides, Kunst und Leben, müßte der Starke, der diese Arbeit wagen wollte, so tief verstehen, dass er ebenso fähig wäre, eine Geschichte des Ideals – des ästhetischen wie des sittlich religiösen – zu schreiben, denn das Komische ist das umgekehrte Ideal …, und um die Verkehrung zu verstehen, muß man verstehen, was in ihr verkehrt ist“ (Vischer 1981, zit. n. Studt 2008, S. 73).Footnote 2

Die Karikatur ist eine Grafik mit satirischem Inhalt, in der Aspekte, Dinge, Merkmale so überspitzt und übertrieben werden, dass sie nachdenklich machen, dass sie befremden. Die Karikatur verzerrt charakteristische Züge eines Ereignisses oder einer Person, um „durch den aufgezeigten Kontrast zur Realität und die dargestellten Widersprüche den Betrachter der Karikatur zum Nachdenken zu bewegen“ (Hermann 2014). Mit anderen Worten: um zu belehren. „Karikaturen beziehen sich stets auf die Gesellschaft, unabhängig von den künstlerischen Mitteln, die der Karikaturist verwendet. Ihr Hauptmerkmal besteht darin, dass sie etwas bewirken, etwas in Gang setzen wollen“ (Piltz 1976, S. 6). Das Merkmal der Karikatur, eine „Botschaft“ zu enthalten, macht sie auch zu einem probaten Instrument der Werbung und der (politischen) Propaganda. Insbesondere in totalitären Staaten und in kriegerischen Zeiten werden Karikaturen propagandistisch zur Verunglimpfung des Gegners eingesetzt. In so manchen Arbeiten zur Karikatur werden Karikatur und Propaganda geradezu vermengt und nahezu synonym gebraucht oder gleichgesetzt (wie etwa bei Piltz 1976). Demgegenüber dient die Karikatur auch der Aufklärung und des Widerstandes – George Grosz als Karikaturist und Karl Krauss als Satiriker des Wortes mögen hier als Beispiele dienen.

Im Englischen wird die Karikatur auch oft als „Cartoon“ bezeichnet, wobei der „Cartoon“ seltener einen Text beinhaltet und meist weniger eine satirische als komische Dimension hat. Die Wirkung des Komischen war auch Grundlage des englischen Wortes „comic“, wobei dieses selten für einzelne Zeichnungen, sondern meist für sequentielle Bildergeschichten verwendet wird.Footnote 3 Karikaturen sind oft mit Text verbunden, weniger im Bild („pictura“) selbst als in einer Bildunterschrift („subscriptio“), während Comics Texte häufiger in das Bild selbst integrieren.

Als Ausdrucksform haben Karikaturen, Cartoons und Comics eine stark bildende Wirkung, „Bild“ und „Bildung“ fallen hier in besonderer Weise zusammen. Karikaturen wurden mit dem Ziel hergestellt, auf etwas aufmerksam zu machen, etwas hervorzuheben, kritisch zu betonen. Karikaturen ist ein bildender Gestus immanent. Der erzeugte Aha-Moment der Karikatur entsteht durch die intentionale Charakterisierung von Besonderheiten, Auffälligkeiten, Problemen, die kurz und prägnant wahrnehmbar werden. Karikaturen können deshalb auch als Instrument kultureller Bildung verstanden werden, das außerhalb des traditionellen Lehr-Lern-Geschehens auf informelle Weise zur Bildung beiträgt. In organisierten pädagogischen Prozessen werden Karikaturen selten verwendet,Footnote 4 obwohl sie thematisch oft enge Bezüge zur Bildung haben und selbst eigenständige Lernmedien sind, wie wir hier darlegen.

Karikaturen und Illiteralität

Im Folgenden werden zunächst Karikaturen zur LiteralitätFootnote 5 analysiert. „Drastischer Darstellungen bedarf es heute immer noch, um für eine Problematik zu sensibilisieren, die zu einer demokratisch konstituierten, technisch hoch entwickelten Nation mit einem ausdifferenzierten, allen zugänglichen Bildungssystem einfach nicht zu passen scheint“ (Steuten 2016, S. 13) – dies gilt gerade auch für solche gesellschaftliche Sachverhalte wie den Analphabetismus.

Die zeitgenössische Kunst hat dem Phänomen des Analphabetismus in den hoch entwickelten, wohlhabenden Gesellschaften des Westens bisher noch kein besonderes Augenmerk gewidmet. Aber die Karikatur hat sich dieses Themas bereits angenommen. In Bezug auf Analphabetismus gibt es eine Reihe von Karikaturen. Sie verfolgen den Zweck, Tabus zu brechen, den Sachverhalt als gesellschaftliches Problem ins Bewusstsein zu rufen, Sympathie und Verständnis für Betroffene zu wecken, die Mitmenschen für das Problem zu sensibilisieren und die Dimensionen des Problems aufzuzeigen (vgl. Genuneit und Schöber 2010, S. 146 ff.).

Wir verfolgen in diesem Beitrag anhand von ausgewählten Karikaturen die Frage, wie Literalität bzw. literale Kompetenz in der Karikatur thematisiert werden und inwieweit Karikaturen die Aufmerksamkeit des Betrachters auf das individuelle und gesellschaftliche Problem des Analphabetismus lenken.Footnote 6 Literalität wird in Anlehnung an die Arbeiten von Brian Street (1995) und David Barton und Mary Hamilton (1998) als Befähigung der Menschen zur mündigen Teilhabe an diversen gesellschaftlichen Bereichen verstanden, aber auch als soziale Praxis, „die Individuen jeweils mit ihren subjektiven Bedeutungen verknüpfen und die sie entsprechend eigener Vorstellungen ausüben und anwenden, unabhängig von übergeordneten Erwartungen“ (Pabst und Zeuner 2016, S. 60).

Die Auswahl der Karikaturen orientierte sich an den Aspekten: individuelle Illiteralität, Sprache moderner Kommunikationsmedien, Thematisierung von Lesekompetenz und Lebenslangem Lernen. In die Recherche wurden keine Satirezeitschriften, sondern klassische Tageszeitungen einbezogen und eine Auswahl an Beispielen anhand der genannten Kriterien getroffen.Footnote 7 Die Beispiele stehen jeweils nicht oder nur rein formal (thematisch) in Zusammenhang mit anderen Beiträgen der Tageszeitung, sie illustrieren keinen längeren Text. Zu Wirkung und Rezeptionen dieser Karikaturen bei den Lesern und Leserinnen liegen keine empirischen Kenntnisse vor. Die Beschreibung und Interpretation basiert auf den Karikaturen selbst. Die folgenden Karikaturen zum Thema „Literalität“ gehören unterschiedlichen Kategorien der Karikatur an, insbesondere zur „Prozesskarikatur“ und zur „Zustandskarikatur“. „Ereigniskarikaturen“ sind bezogen auf das Thema „Literalität“ seltener zu finden. Nahezu nicht vorhanden sind personale Individualkarikaturen, also Darstellungen, die bekannten Personen zugeschrieben werden können; es handelt sich eher um Sachkarikaturen und personale „Typenkarikaturen“.

Karikaturen zur Literalität sind häufiger zu finden als man erwarten würde. Sie werden in den letzten Dekaden oft verbunden mit einer kritischen Betrachtung der Nutzung neuer Medien, deren Gebrauch – so meist die Botschaft – die Fähigkeit des Lesens und Schreibens einschränke.Footnote 8 Obwohl sie vielfach Stereotypen reproduzieren, so bieten sie doch auch Wissen über das Phänomen und seine sozialen Folgen (vgl. Genuneit und Schöber 2010, S. 146).

Wir interpretieren die Karikaturen segmentanalytisch und gehen in folgenden Schritten vor: Zunächst eine Betrachtung des Kontexts (hier verkürzt), sodann ein erster Eindruck, sodann der Bildaufbau, sodann die präsentierten Elemente im Bild, sodann die Art der Präsentation, sodann das Verhältnis von Bild und Text (vgl. auch Breckner 2012). Nach der Analyse von Bild, Wort und Kontext stellen wir Vermutungen an über die intendierte „Botschaft“ und deren mögliche Rezeption. Im Resümee der Analyse versuchen wir, die „Botschaft“ der Karikatur textlich zu fassen. Es wäre Gegenstand weiterer gerade auch pädagogischer Forschungen, Karikaturen im Rahmen bildwissenschaftlicher Betrachtungen in ihrer Wirkung mit zu untersuchen (Schäffer 2009a, S. 210, 2009b, S. 100 ff.).

Karikaturen zur Illiteralität

Wir stellen zunächst drei Karikaturen vor, die sich der Fähigkeit des Lesens widmen. Die erste Zeichnung befasst sich mit der These eines Rückgangs der Lesekompetenz, dargestellt in der Form eines Dialogs mit Pointe und unterlegt mit Text (Abb. 1).

Abb. 1
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Zum Begriff „Analphabet/Illiterat“. (Quelle: http://www.drybonesblog.blogspot.com)

Über dem englischsprachigen Comic – einer Folge von vier Bildern – ist die Überschrift („inscriptio“) zu lesen: „Trockene Knochen. Begriffsbestimmung“. Es ist die generalisierte Überschrift einer Karikatur-Serie, die seit 1973 in der englischsprachigen israelischen Zeitung „The Jerusalem Post“ von Yaakov Kirschen veröffentlicht wird. Im ersten Bild (oben links) sagt ein Männchen: „‚Analphabet‘ heißt, dass Du nicht lesen kannst.“ Im Bild rechts daneben sagt das gleiche Männchen: „‚Schreibkundiger‘ bedeutet, dass Du lesen kannst“. Und im Bild links unten sagt es: „‚Post-Alphabet‘ besagt, dass Dir, obwohl Du lesen kannst, das Lesen von langen E‑Mails und anderen Online-Nachrichten zu viel Mühe macht.“ Im letzten Bild (unten rechts) meldet sich das zweite Männchen, das bisher nur zuhörte, zu Wort: „Dieses letzte Bild war zu ‚wortreich‘“. Darauf der Sprecher: „Genau“. Es handelt sich um eine Karikatur, die in ihrer pictura sparsam vorgeht und sich auf einen fiktiven Dialog bezieht – heute oft vor allem in der Polit-Karikatur als Form gewählt. Eine subscriptio gibt es nicht, Bild und Text sind integriert.

Es ist die Verknüpfung von inhaltlicher, sprachlicher und bildlicher Dimension, die hier den „komischen“ Effekt beim Betrachter und Leser erzeugen soll. Das mit Buchstaben gefüllte dritte „Panel“ erzeugt den Spannungsknoten, der im vierten Bild („genau“) aufgelöst wird. Inhalt und Form der Aussage fallen zusammen. Die intendierte Wirkung kann nur entstehen, wenn die Wahrnehmung der drei präsentierten Ebenen mit einer vierten Ebene, der inneren Ebene der Erfahrung, zusammenfällt. Eine differenzierte Definition des Begriffs „Illiterat“ ist für die Personen, um die es geht, schon zu komplex.

Die Illustration verweist klar auf das Problem, das bei mangelnder Lese- und Schreibkompetenz vorliegt: differenzierte Sprache und differenziertes Denken sind ebenfalls beeinträchtigt. Empirische Untersuchungen bestätigen das volle Ausmaß des Missstandes (vgl. Grotlüschen und Riekmann 2012) – eine nicht unerhebliche Zahl von Schülerinnen und Schülern verlässt die Schule, ohne ausreichend Lesen und Schreiben gelernt zu haben, um in der auf dem Alphabet basierenden Welt der symbolischen Kultur effizient funktionieren zu können, oder das Erlernte ist in Vergessenheit geraten. Die – bildungspolitisch heiß diskutierte – Frage ist hier, ob die Schule versagt, wenn selbst sie nur das Lesen und Schreiben lehrt, nicht aber die Leidenschaft für das und die Freude am Lesen.

Es scheitert auch die kulturelle Bildung, die nicht mit dem Lesen einhergeht. Lesen bedeutet dabei das Erfassen komplexerer Texte, wie es in den Large-Scale-Analysen der letzten Dekaden definiert ist. PISA z. B. versteht Lesekompetenz als wichtiges Hilfsmittel für das Erreichen persönlicher Ziele, als Bedingung für die Weiterentwicklung des eigenen Wissens und der eigenen Fähigkeiten und als Voraussetzung für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Der PISA-Test erfasst, inwieweit Schülerinnen und Schüler in der Lage sind, geschriebenen Texten gezielt Informationen zu entnehmen, die dargestellten Inhalte zu verstehen und zu interpretieren sowie das Material im Hinblick auf Inhalt und Form zu bewerten. Dabei wird eine breite Palette verschiedener Arten von Texten eingesetzt, die neben kontinuierlichen Texten wie Erzählungen, Beschreibungen oder Anweisungen auch nicht-kontinuierliches Material wie Tabellen, Diagramme oder Formulare umfasst (Schiefele et al. 2004, S. 101).

Richtungweisend in der neueren deutschsprachigen Literatur ist die vom Alphabund vorgelegte Definition des funktionalen Analphabetismus, die als Grundlage für die Operationalisierung der Alpha-Level in der leo. – (Level-One) Studie (Grotlüschen et al. 2012, S. 15 ff.) diente. Dieser Definition nach wird vom funktionalen Analphabetismus ausgegangen, wenn die schriftsprachlichen Kompetenzen von Erwachsenen niedriger sind als diejenigen, die minimal erforderlich sind und als selbstverständlich vorausgesetzt werden, um den jeweiligen gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. Diese schriftsprachlichen Kompetenzen werden als notwendig erachtet, um gesellschaftliche Teilhabe und Realisierung individueller Verwirklichungschancen zu eröffnen. […] wenn eine Person nicht in der Lage ist, aus einem einfachen Text eine oder mehrere direkt enthaltene Informationen sinnerfassend zu lesen und/oder sich beim Schreiben auf einem vergleichbaren Kompetenzniveau befindet (zit. nach Grotlüschen et al. 2012, S. 17).

Unter „Lesen“ ist nach diesen Definitionen nicht das Erkennen von Buchstabengebilden zu verstehen, wie sie im Bereich neuer technischer Kommunikationsmittel zu finden sind und dort zunehmend den Kommunikationsstil bestimmen: „Xtra! Thx 4msg! Gr8 CU2 :)“. Hierbei handelt es sich nicht um Geheimzeichen, die nur von der legendären Enigma zu entschlüsseln wären. Jugendliche und junge Erwachsene können dieses „Englisch“ „lesen“: „Super! Vielen Dank für die Nachricht! Großartig! Wir sehen uns.“

Die Arbeit eines weiteren mit der Zeitung „New Yorker“ zusammenarbeitenden Karikaturisten, Joseph Farris, zeigt in einem Bild zwei personifizierte Buchstaben: den ersten und den letzten des Alphabets (Abb. 2). Sie unterhalten sich, beide einen Drink in der Hand haltend. Der Buchstabe „A“ fragt den Buchstaben „Z“: „Wo sind denn alle?“, wobei er sicherlich an die übrigen, abwesenden Kollegen aus dem Alphabet denkt. Sie schauen suchend allerdings nicht in die Mitte, sondern nach links (A) und nach rechts (Z), sie haben die Mitte des Alphabets verloren. Die subscriptio besteht in der Frage von A, eine inscriptio fehlt.

Abb. 2
figure 2

Die Aufgabe der Buchstaben. (Quelle: www.CartoonStock.com)

Man könnte hoffen: sie tun das, was sie sollen. Schließlich sind Buchstaben dafür da, Worte zu formen, nicht für Small-Talk und einen Drink. Aber genau das macht nachdenklich: Werden Buchstaben für Plattitüden benutzt, haben ihre einstige Macht und Bedeutung verloren, dienen zu wertlosen Worthülsen, zu „postfaktischen“ Beliebigkeiten? Also blieben nur der erste und der letzte Buchstabe zum Small-Talk zurück.

Geschriebene Texte sind nicht möglich, wenn entsprechende Symbole – Buchstaben – fehlen. Schriftlosigkeit ist das eine Extrem. Das andere hat in den 1970er-Jahren der tschechisch-französische Schriftsteller Milan Kundera in seinem Werk „Das Buch vom Lachen und Vergessen“ benannt: das Phänomen der allgemeinen massenhaften Kritzelsucht. Die ganze Gesellschaft, also Politiker, Taxifahrer, stillende Mütter, Liebhaberinnen, Mörder, Prostituierte, Polizeipräfekte, Ärzte und Patienten, so Kundera, verspürten den Drang, sich schriftlich mitzuteilen. Jeder Mensch ohne Ausnahme trägt Schriftstellerei als seine eigene Möglichkeit in sich. So könnte, meint Kundera, „die gesamte Gesellschaft auf die Straße gehen und laut bekunden: Wir alle sind Schriftsteller“ (Kundera 1978, S. 88).

„Die allgemeine Vereinsamung verursacht Graphomanie, die massenweise Graphomanie wiederum verstärkt und steigert die allgemeine Vereinsamung. Die Erfindung des Buchdrucks hat es der Menschheit ermöglicht, sich untereinander zu verständigen. Im Zeitalter der allgemeinen Graphomanie erhält das Bücherschreiben einen umgekehrten Sinn: jeder ist von seinen Buchstaben umzingelt wie von Spiegelwänden, durch die von außen keine Stimme mehr dringt“ (ebd., S. 89).

Aus der heutigen Perspektive scheint Kunderas literarische Vision nur für einen kleinen Teil der Gesellschaft zu gelten. Heute ist bekannt, dass viele Millionen Menschen in Europa nicht ausreichend schreiben und lesen können (alleine in Deutschland gibt es 7,5 Mio. funktionale Analphabeten, vgl. Grotlüschen et al. 2012), um ihren Alltag zu bewältigen und am beruflichen und gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Die dritte hier vorzustellende Karikatur beschäftigt sich mit den Folgen der Illiteralität für die (heranwachsenden) Menschen und setzt den Analphabetismus mit einer Krankheit gleich (Abb. 3).Footnote 9 Die Karikatur von Aaron Bacall enthält (fast als inscriptio lesbar) den Begriff „Leseklinik“ und besteht aus einem Bild. Der minimal angedeutete Hintergrund legt nahe, dass es sich um einen Gang handelt, in dem ein Junge (mit einem Buch unter dem Arm) eine erwachsene Frau fragt: „Wo bitte geht’s zur Leseklinik?“ (formal als subscriptio gesetzt), während an der Wand hinter ihm ein Pfeil mit der Aufschrift „Leseklinik“ prangt.

Abb. 3
figure 3

Illiteralität als Krankheit. (Quelle: www.CartoonStock.com)

Dieser Junge hat wirklich ein Problem. Allerdings ist er auf dem besten Weg zu dessen Lösung – nicht auf dem Weg des Lesens (obwohl er ein Buch unter dem Arm hat), sondern der personalen Unterstützung durch Mitmenschen, eine probate soziale Kompetenz von Analphabeten, wie wir aus vielen Untersuchungen wissen (vgl. Egloff 1997; Egloff et al. 2009; Kleint 2009). Mit dem Verweis auf die Klinik betont diese Karikatur die Ernsthaftigkeit der Illiteralität. Außerdem haben wir es hier mit einer Bedeutungsverflechtung zu tun: Klinik steht als Synonym für Schule, eine Klinik als Institution, die Kindern das Lesen und Schreiben beibringt, wenn die Schule dabei versagt. Das Wort stammt aus dem Griechischen und bezieht sich auf das Bett. Die Klinik ist ein Ort, an dem Medizin am Krankenbett gelehrt wird (die Bedeutung des englischen Wortes „clinic“ liegt aber näher am deutschen Begriff „Arztpraxis“).

Die Alphabetisierungsarbeit geschieht an der „Schnittstelle von Bildungs- und Sozialarbeit“ (vgl. Schiersmann 1984; Schneider 2008). Die Lücke zwischen individuellen Voraussetzungen und Anforderungen der Gesellschaft ist ein Humanproblem (vgl. Hillebrandt 1999; Schneider 2008), das das Zusammenwirken verschiedenster gesellschaftlicher Akteure erzwingt. Nichtsdestoweniger taucht die Frage nach den Grenzen zwischen Erwachsenenbildung, Beratung und Therapie immer wieder auf (vgl. Barz 2000, S. 33 ff.; Arnold 2009, S. 31; Schepers 2014, S. 184).

Karikaturen zur Mediennutzung

Lesen und Schreiben sind zwar eine wichtige Kulturtechnik, aber letztlich nur eine Möglichkeit des Umgangs mit Medien – allerdings, in unserer Gesellschaft, eine unersetzliche Kulturtechnik. Mit dem Auftreten anderer Medien schien sich dies zu relativieren, beginnend mit dem Fernsehen als Volksmedium nach dem Zweiten Weltkrieg. Viele Karikaturen zeichnen verschlechterte Lese- und Schreibkompetenzen von Generation zu Generation, die immer häufiger im allgemeinbildenden Bereich beklagt werden, und problematisieren die Gleichsetzung der entsprechenden Kompetenzen, etwa in Bezug auf Computer, Mobiltelefone etc. zur Literalität.

Die folgende Karikatur (Abb. 4) thematisiert ein mittlerweile schon traditionelles Medium, das Fernsehen, und den übermäßigen Gebrauch desselben durch Jugendliche (vgl. Hoffman et al. 2007; Hoffman und Mikos 2010) – gerade auch als Alternative zum Lesen und Schreiben. Es handelt sich um eine Ein-Bild-Karikatur, wieder ohne Überschrift, wieder in Dialog-Form (eine sehr häufige Karikaturform), als „subscriptio“ keine Frage, sondern eine „coole“ Bemerkung.

Abb. 4
figure 4

Medienkompetenzen. (Quelle: www.CartoonStock.com)

Der Autor dieses Comics ist wieder der für den „New Yorker“ arbeitende Künstler Aaron Bacall. Unter dem Bild ist zu lesen: „Lesen kann ich nicht, aber ich habe sehr gute Fähigkeiten im Fernsehen“ – es spricht der Junge rechts im Bild; der andere hat eine Brille und trägt etwas zum Lesen unter dem Arm – Symbole des Lesens und der Lesenden. Offenbar sind die beiden auf dem Weg in die Schule oder von der Schule. Der Sprechende hat lässig seine Hände in den Hosentaschen vergraben. Der Gesichtsausdruck des Anderen kann – so sparsam er auch gezeichnet ist – durchaus als nachdenklich/erstaunt gesehen werden. Das sichtbare Haus und der verschlossene Zaun signalisieren einen bürgerlichen Vorort. Beide sind kurz davor aus dem Bild zu laufen, wir werden keinen weiteren Ausschnitt aus dem Gespräch hören bzw. lesen.

Es ist die behauptete Gleichwertigkeit der Fähigkeiten zu lesen und fernzusehen, die zum Nachdenken zwingt, weil jede Erfahrung dagegen spricht. Der Effekt der Karikatur entsteht durch die Konfrontation mit der Erfahrung, dass es zum Fernsehen – scheinbar – keiner weiteren Kompetenzen bedarf, im Gegenteil: Fernsehen eher mit intellektueller Degression als kultureller Erweiterung assoziiert wird. Die Frage nach der Kompetenz einer gelingenden Rezeption wird hier – auch wegen des Alters des Sprechenden – allerdings nicht gestellt. Es macht nachdenklich: was, in der Tat, ist der Unterschied der Kompetenzen bei der Rezeption des Buches einerseits und des Fernsehens andererseits?

Aktueller und gravierender als das Fernsehen hat das „Smartphone“ in die menschliche Kommunikation eingegriffen. Es verändert die Wahrnehmung von Entfernungen, von Zeiten, von Räumen. Es verändert soziale Beziehungen, schafft neue lockere Bindungen und raum- und kulturenübergreifende Milieus (Giddens 1996; Bauman 2005; Silverstone 2008). Natürlich ist dieser Sachverhalt Gegenstand fast unzähliger Karikaturen meist mit kritischem Gehalt und der besorgten Botschaft, was alles an kulturellen Gütern dabei zugrunde gehe. Wir haben eine Karikatur ausgesucht (Abb. 5), die nur mäßig „komisch“ ist.

Es ist wieder eine Ein-Bild-Karikatur, relativ differenziert gezeichnet. Wir sehen ein Haus, das aufgrund seiner Türen eher einer Garage ähnelt, eine stilisierte Flagge (sehr wahrscheinlich der USA) auf dem Dach, einen skizzierten Tannenbaum, ein weiteres Haus sowie die Sonne in der Ferne und – im Vordergrund – ein älteres Paar, das offenbar gerade das Haus verlassen hat. Der Mann läuft hinter der Frau und sagt zu ihr: „Neuerdings bedeutet ‚Analphabet‘, dass man kein Smartphone hat“ (subscriptio) – also wieder eine scheindialogische Kommunikation. Es ist keine Frage, sondern eine Feststellung.

Diese Zeichnung von Harley Schwadron ist eine Parodie auf die zeitgenössische Kultur, in der Illiteralität neu definiert wurde: mit der terminologischen „Lufthoheit“ der Medienindustrie ist heute derjenige ein funktionaler Analphabet, der nicht über moderne Technik kommuniziert, sie nicht einmal besitzt.

Abb. 5
figure 5

„Neue“ Medien. (Quelle: www.CartoonStock.com)

Danach kommt es nicht darauf an, was man wie sagt, wenn man denn schon überhaupt etwas zu sagen hat. Es scheint auch nicht von Bedeutung zu sein, zu wem man etwas sagt, da eine physische oder soziale Nähe nicht ausgemacht werden kann. Alles, was zählt, ist es, im Besitz der allerneuesten Geräte zu sein, mit denen medial kommuniziert werden kann. Das Problem ist komplex und betrifft nicht allein das Verschwinden der Lese- und Schreibkultur und damit auch des „schriftlichen Denkens“. Es bezieht sich auch auf das Problem der Ausgrenzung und Marginalisierung von Individuen und sozialen Gruppen, die aus verschiedenen Gründen nicht die auferlegten Standards erfüllen (wie etwa im Bild das ältere Paar). Hier schließt sich sowohl die Frage nach ihrer Partizipation an gesellschaftlichen Diskursen an als auch nach einem bildungspolitischen Konzept, das es ermöglichen würde, der sozialen Spaltung und einer zunehmend ungerechten Verteilung von Wohlstand entgegenzuwirken.Footnote 10 Letztlich geht es auch um die grundsätzliche Frage nach jenen Werten, denen wir heute huldigen: „Haben oder Sein?“. Das Smartphone haben ist Besitz, die Art und Weise der Kommunikation ein Element des Seins. Immanent transportiert die Karikatur damit auch Kapitalismuskritik, einen Hinweis auf die ständig akzelerierte Konsumspirale, vor allem im medialen Bereich. Die Zeichnung unterstützt hier eher den Text, nicht umgekehrt.

Lesen als menschliche Kulturtechnik

Lesefähigkeit und Lesehandeln sind (wie die analogen Kompetenzen beim Schreiben und Rechnen) menschliche Attribute, sie gehören nicht nur zu den fundamentalen gesellschaftlichen Kulturtechniken der Neuzeit (vgl. Debatte um Schlüsselkompetenzen, z. B. der UNESCO und der OECD, sowie den Diskurs um Inklusion und Exklusion, z. B. Zeuner und Pabst 2011, S. 39 ff.). Es sind Eigenschaften, die Menschen von Tieren unterscheiden.Footnote 11 Als besonderes Merkmal von Menschlichkeit wird dies immer wieder thematisiert, in der bildenden Kunst zumal, aber auch in der Karikatur. Dort wird dieses besonders und einzig Menschliche in der Konfrontation mit Tieren präsentiert, vorzugsweise mit dem treuesten Freund des Menschen, dem Hund.

Wir haben eine Karikatur ausgewählt, deren Komik in der Verdrehung von Kompetenz, Rolle und Zuständigkeit liegt (Abb. 6). Es handelt sich um zwei aufeinanderfolgende Bilder, in denen die Erwartung der Betrachter „perturbiert“ wird – den Bildern ist kein Text beigefügt. Im ersten Bild sehen wir eine alltägliche Situation: Ein Mann sitzt mit guter Laune in einem Sessel und streckt die Hand nach der Zeitung aus, die sein Hund apportiert. Im zweiten Bild hingegen dreht sich der Mann konsterniert in seinem Sessel um und sieht auf den Hund, der – gemütlich auf den Hinterpfoten sitzend und an die Wand gelehnt – die Zeitung aufgeblättert liest, mit einem überlegenen „Gesichts“-Ausdruck. Es ist eine Karikatur, die ohne Text auskommt – der Ablauf der Szene spricht (für den Mittelschichtsbürger westlicher Gesellschaften) für sich.

Abb. 6
figure 6

Lesekompetenzen. (Quelle: www.CartoonStock.com)

Diese Karikatur verdreht mit wenigen Strichen nicht nur die erwartete Rollenverteilung, sondern auch das angenommene Kompetenzgefälle. Es bleibt die Frage beim Betrachter, wie das möglich ist oder warum es unmöglich zu sein scheint, dass der Hund liest.

Lebenslang lernen

Lesen und schreiben muss man, wenn es nicht in den jungen Jahren gelernt wurde, als Erwachsener lernen. Oder besser: man muss es nicht lernen, denn für Erwachsene ist das Lernen freiwillig. Aber es gibt Gründe, Versäumtes nachzuholen, sich doch noch der allgemeinen und allgemein gültigen Kulturtechniken zu bemächtigen. Der Begriff des „Lebenslangen Lernens“ entstand zwar nicht in Bezug auf das Nachholen versäumter Lernprozesse (solche Kompensationsfunktionen hat die Erwachsenenbildung bislang noch in keiner Weise erfüllt), sondern mit Blick auf die sich immer schneller ändernden gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse, denen man – ohne „updaten“ – im Lebenslauf nicht gewachsen ist. Aber gerade für diejenigen, die auch die grundlegenden Kompetenzen wie das Lesen und Schreiben nicht beherrschen, ist das Lebenslange Lernen eine lebenslange Herausforderung.

Wir haben eine Karikatur ausgewählt, die sich nicht in engem Sinne nur mit dem Lesen und Schreiben befasst, sondern mit dem Nachholen dessen, was „normalerweise“ an grundlegenden Kulturtechniken in der Jugend gelernt wird. In Abb. 7 sind ein Erwachsener und ein Kind zu sehen, die vor einem Bus, offenbar dem Schulbus, stehen. Es ist eine Ein-Bild-Karikatur ohne Überschrift, einer relativ differenzierten pictura und mit einer Aussage der erwachsenen Person als Bildunterschrift (subscriptio).

Abb. 7
figure 7

Lebenslang lernen. (Quelle: www.CartoonStock.com)

Der Junge, dem ankommenden Schulbus näher stehend, dreht sich um und schaut erstaunt auf den Erwachsenen, der sich hinter ihm aufgestellt hat und ebenfalls den Schulbus besteigen will (insofern handelt es sich um einen realen, wenn auch nicht vollständig verbalen Dialog). Der Erwachsene erklärt: „Ich gehe zurück, um es diesmal richtig zu lernen“. Die Karikatur entfaltet eine Komik, die wieder durch die Verbindung von Bild, Text und Situation entsteht. Schon die Kleidung des Erwachsenen verwundert, nicht nur den Knaben. Es ist das Warten auf den Schulbus, der so ganz unerwachsene Weg in eine Bildungseinrichtung für jüngere Jahrgänge. Und die Botschaft heißt: Lebenslanges Lernen ist möglich.

Allerdings wird auch angedeutet: der Erwachsene wird wieder scheitern, er agiert nicht altersgemäß, weder situativ noch sozial. Befremdlich ist nicht das Lebenslange Lernen, hier offenbar das Nachholen von Schulabschlüssen, sondern ein Mismatching der sozialen Rolle und der Aufgabenzuweisung an die Generationen. Margaret Mead hat Kulturen nach dem Kriterium der Beziehung zwischen den Generationen in postfigurative (Koexistenz von drei Generationen, in der sich die junge Generation anhand der Elterngeneration formt), kofigurative (Eltern und Kinder gehen partnerschaftlich miteinander um) und präfigurative (die Jugend wird zum Lehrer der Erwachsenen) Kulturen unterteilt (vgl. Mead 1970). Die Karikatur verweist darüber hinaus auf das Problem der sozialen Einbindung, auf den Bedarf an Orientierung und Integration in den durch zunehmende Differenzierung und Komplexität der Institutionen gekennzeichneten Gesellschaften (vgl. J. Schneider und Wagner 2011, S. 23 ff.). Es geht nicht nur um individuelle Unterstützung für das erfolgreiche Erlernen der Schriftsprache, sondern auch um gesellschaftliche Strategien gegen die Entfremdung der Individuen von sich selbst und von anderen. Das Gefühl der Vereinzelung und sozialer Isolierung entmutigt und demotiviert, anstatt zum Lernen anzuregen (vgl. Illeris 2010, S. 156 ff.) und den Anreiz dafür zu geben, Anschluss an die gesellschaftliche Mitte zu suchen. Selbst aus der Perspektive der Lernenden gehören zur Grundbildung neben Lesen, Schreiben und Rechnen noch viele andere Fertigkeiten, wie etwa die kommunikative Kompetenz, Umgang mit Informationstechnologien, Fremdsprachen, politische und finanzielle Grundbildung (Tröster und Schrader 2016, S. 49). Und es ist nicht der Kompetenzerwerb allein, der Chancen auf Inklusion eröffnet. Hierzu gehören gleichermaßen Aussichten auf Beschäftigung, berufliche Qualifikationen und professionelle Begleitung des Individuums während seines lebenslangen Lernens. Die Karikatur eröffnet hier Wege: Zu schwer wiegen im Bewusstsein der Fachöffentlichkeit die Belastungen, die zu bewältigen hat, wer erst als Erwachsene bzw. Erwachsener richtig lesen und schreiben lernt. Humor gilt da schnell als unzulässige Bagatellisierung. Dabei erfordert der Schritt aus der Anonymität in den Alphabetisierungskurs ja gerade die Fähigkeit, sich selbst von außen zu sehen (Rustemeyer 2010, S. 296).

Damit ist eine bedeutende Herausforderung der Alphabetisierung angesprochen: die funktionalen Analphabetinnen und Analphabeten für die Teilnahme an entsprechenden Weiterbildungsangeboten zu gewinnen. Zu Hauptgründen ihres passiven Weiterbildungsverhaltens liegen empirische Befunde vor (vgl. Egloff 1997, S. 151 ff.; Linde 2008, S. 138 ff.; Bilger 2012, S. 272 f.; Nuissl und Przybylska 2016). Eine Aufgabe für die Weiterbildungsforschung besteht nun darin, die Ängste der Betroffenen vor Buchstaben und Reaktionen der Umwelt abzubauen. Illiteralität ist weder eine unheilbare Krankheit noch eine unüberwindbare (Schreib‑)Schwäche. Andersherum: ist ein Mangel an Wissen und Kompetenzen nicht jedermanns Sache? Wäre dies nicht der Fall, stellte das Konzept „Lebenslanges Lernen für Alle“ nur eine leere Begriffshülse dar.

Karikatur: Kulturelle Bildung?

Unter Berücksichtigung pädagogischer Aspekte ist zusammenfassend zunächst festzuhalten, dass jede vorgestellte Karikatur eine Aussage, eine Botschaft hatte: es geht um den elaborierten Sprachcode, die notwendige Existenz von Buchstaben, Illiteralität als Krankheit, die unersetzliche Lesekompetenz, die (mediale) Entleerung von Kommunikation und die Möglichkeiten des Nachholens von Nicht-Gelerntem. Der Analphabetismus als gesellschaftliches Phänomen mit all seinen vielschichtigen sozialen Ursachen als Gegenstand ist ein gutes Beispiel für die „Vorsätzlichkeit“, die pädagogische Intention des Bildes, der Karikatur. Sie gibt Denkanstöße, eröffnet weniger belastete Wege zur Kommunikation und Selbstreflexion.

Obgleich (noch) keine Wirkungsanalysen solcher Karikaturen vorliegen (u. E. ein Forschungsdesiderat), sind auf der Seite des intentionalen Inputs die Botschaften klar. Entscheidend ist dabei nicht die Frage, ob mangelnde Kompetenz in der Schriftsprache von den Betroffenen selbst- oder fremdverschuldet ist, sondern die Tatsache, dass es in unserer Gesellschaft immer noch zu viele Menschen gibt, die mit Schriftlichkeit nicht umgehen können, die aufgrund ihres funktionalen Analphabetismus sozialer Ausgrenzung und mannigfaltigem und lange andauerndem Leiden ausgesetzt sind. Dass es Menschen gibt, die infolge des Schriftsprachdefizites von ihren Rechten als Bürgerinnen und Bürger nur unzureichend Gebrauch machen können.

Der Diskurs um literale Benachteiligung hat viel mehr als nur eine soziale Gruppe zum Gegenstand. Er befasst sich mit pluralen Gesellschaftsverhältnissen, Inklusions- und Exklusionszusammenhängen, der Qualität der Politik und der Pädagogik, der Realität, die für den Einzelnen als auch die gesamte Gesellschaft von grundlegender Bedeutung sind. Karikatur hat Potenzial, um zur Aktivierung und Steigerung der kritischen Reflexion beizutragen. Sie kann, dank ihrer aufdringlichen Weise, einen Sachverhalt aufdecken, hinterfragen, kritisieren. Doch sie erhebt nicht den Anspruch, umfassend zu informieren oder gar zu erörtern. Hier ist die kulturelle Bildung gefragt. Sie kann Sensibilisierung, Verständnis und Toleranz fördern, indem sie Zusammenhänge und Schattenseiten aufdeckt. Wer Karikaturen zu entschlüsseln vermag, wird die Probleme und den Witz verstehen, aber auch Distanz zum Alltag und Nachsicht für menschliche Unzulänglichkeiten gewinnen.

Unserer Ansicht nach sollten die Erziehungswissenschaften, insbesondere auch die Erwachsenenbildung, in Forschung (und Praxis!) Karikaturen als Medien kultureller Bildung stärker berücksichtigen. Abschließend daher eine erste Sammlung möglicher Forschungsfragen.

Zum Kontext von Karikatur.

Es gibt keine belastbaren Daten darüber, wo und wie viele Karikaturen erscheinen (etwa mittlerweile auch im Internet), ob sie Gegenstand von pädagogisch relevanten Alltagsdiskursen (also nicht nur gesellschaftspolitischer Diskurse wie im Hinblick auf die dänischen Mohammed-Karikaturen oder Charlie Hebdo) sind und welche pädagogisch relevanten Wirkungen sie zeitigen.

Zur Rezeption von Karikatur.

Es gibt zu wenig belastbare Kenntnisse darüber, wer Karikaturen rezipiert, wie und auf welchen Wegen sie rezipiert werden, ob sie für Fragen und Themen sensibilisieren, ob sie Gedanken und Gespräche anstoßen und welche Wirkungen sie auf die Rezipienten haben. Sind Karikaturen ein angemessenes Mittel zur Sensibilisierung für Illiteralität als ein gesellschaftliches Phänomen? Fördert die Beschäftigung mit Karikatur kognitive, konzeptionelle, analytische, persönliche und soziale Fähigkeiten, die Fähigkeit des abstrakten Denkens usw. der Betrachtenden?

Und zur sozialen Rolle von Karikatur.

Sind Karikaturen „Normwächter“ oder „Normgegner“, ein Mittel der „Normierung“, Ventil für Spannungen, negative oder positive Leuchttürme gesellschaftlicher Reflexion? Sind sie bildhafte Darstellungen in der Ära der ikonischen Wende und treten selbst an die Stelle von Lesen und Schreiben? Bilder besitzen für illiterate Personen eine Aussagekraft – mehr als das geschriebene Wort.