Rezensionen zu:

Christian H. Stifter (2014). Zwischen geistiger Erneuerung und Restauration. US-amerikanische Planungen zur Entnazifizierung und demokratischen Neuorientierung österreichischer Wissenschaft 1941–1955. Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 755 Seiten, 49,- €, ISBN 978-3-205-79500-1

Jörg Dinkelaker & Aiga von Hippel (Hrsg.) (2014). Erwachsenenbildung in Grundbegriffen. Stuttgart: W. Kohlhammer, 296 Seiten, 34,99 €, ISBN 978-3-17-022478-0

Agnes Becker (2014). Dozenten im Integrationskurs nach dem Zuwanderergesetz. Rollenkonflikte und Bewältigungsstrategien. München: Herbert Utz, 234 Seiten, 34,- €, ISBN 978-3-8316-4320-2

Dieter Nittel & Astrid Seltrecht (Hrsg.) (2013). Krankheit: Lernen im Ausnahmezustand? Brustkrebs und Herzinfarkt aus interdisziplinärer Perspektive. Berlin, Heidelberg: Springer, 581 Seiten, 99,95 €, ISBN 13 978-3-642-28200-3

Fritz Borinski (2014). The German Volkshochschule. An Experiment in Democratic Adult Education under the Weimar Republic. Herausgegeben, eingeleitet und mit Annotationen und einem prosopographischen Anhang versehen von Martha Friedenthal-Haase. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 285 Seiten, 18,90 €, ISBN 978-3-7815-1968-8

Katharina Maag Merki, Roman Langer & Herbert Altrichter (Hrsg.) (2014). Educational Governance als Forschungsperspektive. Strategien. Methoden. Ansätze. Wiesbaden: Springer VS, 2. Aufl., 360 Seiten, 29,99 €, ISBN 978-3-658-06443-3

Wilhelm Filla: Christian H. Stifters Studie ist von der Qualität her eigentlich eine Habilitation

Die Entnazifizierung der Universitäten zählte zu den zentralen Fragen der gesellschaftlich-politischen Entwicklung nach 1945 – in Österreich wie in Deutschland. Die Rolle der Alliierten, insbesondere der USA, war dabei bedeutsam. Ebenso bedeutsam war der Umgang mit den emigrierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, der „Vertriebenen Vernunft“, wie es in der österreichischen Emigrationsliteratur heißt. Christian H. Stifter, Direktor des Österreichischen Volkshochschularchivs, hat sich in seiner zeithistorischen Dissertation mit dem Titel „Zwischen geistiger Erneuerung und Restauration“ mit diesen Aspekten der Nachkriegszeit auseinandergesetzt. Ausdruck der österreichischen politischen Realität und diese zugleich prägend, handelte es sich laut Stifter weit mehr um eine Restauration als um eine intellektuelle Erneuerung, trotz des alliierten Einflusses, der nicht ohne Widersprüche und vielfach halbherzig verlief.

Das Buch bezieht sich vorrangig auf die Universität Wien, stellt jedoch wichtige Bezüge zu Deutschland und zur Erwachsenenbildung her. Die Studie ist vom Umfang und von der Qualität her eigentlich eine Habilitation, dabei inhaltlich und vom Schreibstil beeindruckend. Sie ist eine gewichtige Anregung, Entnazifizierung und die Rolle der Alliierten für alle gesellschaftlichen Bereiche auf einer breiten Quellenbasis zu untersuchen und dafür internationale Archive zu nutzen. Sie fußt nämlich, und das verleiht ihr einen singulären Charakter, zu einem guten Teil auf US-amerikanischen Quellen, die noch nie ausgewertet wurden.

Der große Arbeitsaufwand des Autors hat sich vom Erkenntniswert her gelohnt. Für die Erwachsenenbildung sind vor allem die Erforschung der Emigration und die Rolle der Emigrantinnen und Emigranten nach 1945 von Bedeutung. Für Österreich gibt es noch das historische Sonderproblem, das Stifter über sein Thema hinaus kurz anschneidet, das jahrzehntelange „Überleben“ austrofaschistischer Inhalte.

Die Arbeit ist in sechs Abschnitte gegliedert. Der erste ist von grundsätzlicher Bedeutung und reicht weit über die Frage der Entnazifizierung hinaus. Unter den Stichworten Images, Stereotype und Vorurteile geht es um „Herkunft und Veränderung der kulturellen Geringschätzung der USA in Europa seit dem 18. Jahrhundert“, wobei sich zum Stichwort Anti-Amerikanismus auch aktuelle Bezüge auftun. Danach werden unter dem Titel „Education for Victory“ die „US-Demokratisierungs-Konzepte und die zivilen Reeducation-Planungen für ein post-totalitäres Europa, 1941–1945“ untersucht. Der dritte Abschnitt bezieht sich auf den „Beginn der US-Reorientierung nach 1945 – die Education Division als zentrale US-Militärbehörde“. Erst auf S. 277 beginnt nach diesen über Österreich hinaus relevanten Abschnitten der im engeren Sinn auf Österreich bezogene Teil: „‚The democratic way of life in Austria‘ – erste Umsetzungsphase bis zum Nationalsozialistengesetz 1947: Zwischen Laissez Faire, strenger Observation und milder Beurteilung“. Der lange Titel macht den Inhalt deutlich. Unter anderem wird an drei sehr aufschlussreichen Fallbeispielen – darunter das des „Jahrhundertjuristen“ Hans Kelsen, der auch in Deutschland tätig war – „Rückkehr unerwünscht?“ untersucht. Die beiden letzten, vergleichsweise kürzeren Abschnitte betreffen die „US-Reorientierungs-Planungen im Frühen Kalten Krieg: Zwischen Popularisierung des ‚American Way of Life‘ und Psychologischer Kriegsführung, 1947–1950“ und die „Endphase der Besatzung: Akademische Austauschprogramme und ihre Umsetzung in Österreich, 1950–1955“.

Dass Österreich nach 1945 eine sehr unzureichende Entnazifizierung an seinen „Hohen Schulen“ durchgeführt hat, war schon vor diesem Buch bekannt, hier wird es aber über weite Strecken sogar spannend im Detail abgehandelt und vor allem im Einzelnen und analytisch belegt. Dass aber die US-Militärverwaltung ungenügend, vielfach konfliktvermeidend agierte, ist in der dargestellten Detailhaftigkeit weitgehend neu.

Dem Autor gelingt es trotz der Ausleuchtung zahlreicher Details, sich nie in diesen zu verlieren und stets einen großen Blick zu bewahren. Für Österreich handelt es sich um ein Standardwerk, über Österreich hinaus ist es ein wichtiges Werk zur historischen Methodik und vor allem eine Anregung, auf diesem inhaltlichen Gebiet unter Einbeziehung der Erwachsenenbildung Grundlagenforschung – national, regional und lokal – zu betreiben.

Die erste Rezeption des Buches zeigt, wie in der Erwachsenenbildung tätige Wissenschaftler mit Studien über die Erwachsenenbildung hinaus in andere Wissenschaftsdisziplinen und in die Öffentlichkeit wirken können. Das ist von genereller Bedeutung für die Erwachsenenbildung und ihre Wissenschaft.

Elke Gruber: Jörg Dinkelaker und Aiga von Hippel beweisen eine hohe Sach- und Fachkompetenz

In der Wissenschaft der Erwachsenenbildung wird in jüngerer Zeit nachgeholt, was in älteren und etablierteren Disziplinen zum Standard gehört: das Verfassen von einschlägigen Handbüchern, Einführungen und Wörterbüchern. Das ist ein gutes Zeichen, wird doch damit deutlich, dass sich die Wissenschaft der Erwachsenenbildung auf dem Wege einer disziplinären Verankerung befindet, auch wenn sie einem permanenten dynamischen Wandel unterliegt. Trotzdem – oder gerade deshalb – ist es wichtig, dass sich die Erwachsenenbildung ihrer Wurzeln bewusst ist und grundlegendes Wissen über ihren Gegenstand generiert. Der von Jörg Dinkelaker und Aiga von Hippel herausgegebene Band setzt hier an.

Charakterisiert wird der Sammelband von den Herausgebern als ein Nachschlagewerk, das Elemente des Handbuchs, der Einführung und des Wörterbuchs in sich vereint. Entlang von 32 zentralen Begriffen wird der Gegenstandsbereich der Erwachsenenbildung entfaltet. Beispiele für die Begriffe sind unter anderem Aneignen, Subjekt, Lernen, Bildung, Beraten, Lernorte, Medien, Wissen und Beruf – hier handelt es sich vielfach um allgemeine Begriffe, deren Deutung und Bedeutung für die Erwachsenenbildung dargestellt wird. Außerdem werden Begriffe aufgegriffen, die spezifisch für die Erwachsenenbildung sind. Dazu gehören unter anderem Erwachsenenalter, Weiterbildungsmanagement, Weiterbildungspolitik, Erwachsenenbildungsforschung und Forschungsmethoden. Da es bislang keine Verständigung darüber gibt, welche Begriffe als zentral für die Erwachsenenbildung gelten, haben die Herausgeber die wissenschaftliche Auseinandersetzung zum Lernen Erwachsener als Maßstab für die Begriffswahl festgesetzt. Diese bezieht sich auf fünf thematische Felder: 1) AdressatInnen und Teilnahme, 2) Pädagogisches Handeln und Profession, 3) Institutionen, 4) Begründungen, Funktionen und Kontexte sowie 5) System und Reflexion.

Die Ausführungen zu den Begrifflichkeiten sollen einen systematischen Einblick in die Erwachsenenbildung aus wissenschaftlicher Perspektive ermöglichen. Freilich könnte aus der Sicht der verschiedenen Nutzerinnen und Nutzer des Handbuchs eingewendet werden, dass wichtige und aktuelle Begriffe fehlen oder manche überrepräsentiert sind. Diese Argumentation scheint in Anbetracht der Tatsache, dass ein solcher Band pointiert, exemplarisch und auch vom Umfang her handhabbar bleibt, jedoch vernachlässigbar. Vielmehr muss man den Herausgebern – wie auch den einzelnen Autorinnen und Autoren – zugestehen, dass sie aufgrund ihrer hohen Sach- und Fachkompetenz eine Entscheidung über die aufzunehmenden Begrifflichkeiten getroffen haben – und diese ist durchaus gelungen.

Um eine gewisse Einheitlichkeit zu ermöglichen, die freilich nicht durchgängig haltbar ist, wurde ein bestimmtes Muster für die inhaltliche Darstellung der einzelnen Themen gewählt. Jeder Begriff wird in seiner historischen, theoretischen und empirischen Bedeutung vorgestellt. Auch die aktuelle Diskussion sowie künftige Entwicklungen werden aufgezeigt. Die Autorinnen und Autoren, unter denen sich viele bekannte Namen finden, kommen fast alle aus dem deutschen Wissenschaftsbetrieb der Erwachsenenbildung sowie aus angrenzenden Disziplinen. Umso bedeutsamer ist es, dass die einzelnen Beiträge auch einen Blick auf den internationalen Diskurs zum jeweiligen Begriff werfen. Allerdings ist dieser nicht durchgängig gelungen. Manche Autoren haben darauf Sorgfalt verwandt, bei manchen ist dieser Abschnitt eher fragmentarisch. Bei einigen wenigen fehlt er ganz. Das freilich führt zu den Charakteristika solcherart von Publikationen, die auch der vorliegende Band als Handbuch aufweist. Dazu gehört einerseits die Konzentration auf das Wesentliche, auf große Linien, im Sinne einer grundlegenden Orientierung, andererseits werden durch eine Vielzahl an Autorinnen und Autoren auch deren unterschiedliche Perspektiven eingebracht. Durchgängig sind die einzelnen Beiträge, die jeweils etwa acht bis zehn Seiten umfassen, nachvollziehbar und verständlich. Sie geben zumeist nicht nur einen guten Überblick über das jeweilige Thema, sondern vermitteln auch den Eindruck eines soliden Wissensstandes der jeweiligen Autorinnen und Autoren. Zwei Doppelungen von Grafiken fallen beim Durcharbeiten des Handbuchs zwar optisch auf, sie stören aber nicht den soliden Gesamteindruck des Werks.

Stellt sich am Schluss noch die Frage nach der Leserschaft, der das Handbuch empfohlen werden soll: Da sind zum einen die Vertreterinnen und Vertreter der Wissenschaft der Erwachsenenbildung und angrenzender Disziplinen, die es zum Nachschlagen und zu einem schnellen Überblick gebrauchen können. Daneben sei es Studierenden empfohlen, die eine grundlegende und systematische Orientierung über das Fach Erwachsenenbildung benötigen. Und schließlich kann der Band auch in der Praxis der Erwachsenen-/Weiterbildung von Nutzen sein, wenn es darum geht, sich aktueller und verlässlicher Informationen zum Feld der wissenschaftlichen Erwachsenenbildung zu bedienen.

Sigrid Nolda: In Agnes Beckers Dissertation über Integrationskurse fehlt die Rezeption der Rollentheorie

Die an der LMU München entstandene Dissertation zieht angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen besondere Aufmerksamkeit auf sich. Die hier behandelte Gruppe der Dozenten in Integrationskursen wird ebenso wie das Volumen der Kurse anwachsen. Umso wichtiger ist es, differenziert bisherige Probleme in einem Bereich zu identifizieren, der von der Politik als wichtiger Faktor bei der Lösung von Zuwanderungsproblemen gesehen wird. Im Zentrum der Studie steht die Frage, in welchen Situationen sich Dozenten in diesem Bereich Rollenkonflikten ausgesetzt sehen und wie sie diesen begegnen. Damit ist bereits die theoretische Basis der Untersuchung benannt: die soziale Rollentheorie. Insofern dürfte der Überblick, der nach Einleitungskapiteln zu Migration und Integration allgemein, zur Situation in Deutschland und zur Einrichtung des Integrationskurses nach dem Zuwanderergesetz speziell gegeben wird, für einen Großteil der Leser durchaus informativ sein. Die Autorin wendet sich dabei vor allem dem Modell zu, das von R. L. Kahn u. a. in ihrer 1964 erschienenen Studie über „Organizational Stress“ entwickelt wurde. Mit dessen Hilfe wurden Rollenkonflikte als Konfrontation zwischen unterschiedlichen Erwartungen an Rolleninhaber, in Abhängigkeit von organisationalen, persönlichen und interpersonellen Faktoren beschreibbar. Es werden aber auch Coping-Strategien dargestellt. In Anwendung auf den Bereich der Integrationskurse geht es dabei vorrangig um die Kursleiterrolle und Selbstständigenrolle sowie die Bezugsgruppen Kursträger, Kursleiter und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, das die nach einem vereinbarten Rahmencurriculum durchgeführten Integrationskurse finanziert.

In einer ersten Forschungsphase wurde das Tätigkeitsfeld der Dozenten in Integrationskursen näher eruiert: zum einen über qualitative Interviews mit über 20 Verantwortlichen von durchführenden Einrichtungen in acht Städten zu Rahmenbedingungen der Beschäftigung und Kursdurchführung, zum anderen über einen quantitativen Fragebogen zur Einstellung von (knapp 80) Dozenten zur Unterrichtsgestaltung und zur Kooperation in den Einrichtungen. Beides bildete die Grundlage für die in der zweiten Phase durchgeführten qualitativen Interviews mit elf Dozenten unterschiedlicher Altersstufen in unterschiedlichen Einrichtungen (knapp die Hälfte in öffentlicher Trägerschaft) aus einer Stadt. Die Ergebnisse der Auswertungen, die in Anlehnung an die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring ausgeführt wurden, geben eine vertiefte Einsicht in ein bedeutendes Professionsfeld der Erwachsenenbildung, das fast durchgehend von unzureichender Bezahlung einerseits und hohem Selbstverwirklichungspotenzial andererseits gekennzeichnet ist. Als Schutzfaktoren, die trotz der hier fast notwendig auftretenden Interrollen, Intrarollen und Rollenkonflikten eine teilweise hohe Arbeitszufriedenheit ermöglichen, konnten festgestellt werden: eine mit der Selbstständigkeit verbundene Chance der relativen Unabhängigkeit, die Freiheit bei der konkreten Unterrichtsgestaltung, die Unterstützung durch den Kursträger (vor allem auch bei Problemen mit Kursteilnehmern), eine gute Zusammenarbeit mit Kollegen als Unterstützung bei fachlichen Fragen und Problemen mit Teilnehmenden und nicht zuletzt möglichst klare Vorstellungen über die eigene Rolle in den Kursen sowie über die eigene Motivation. Diese Ergebnisse verweisen auf Möglichkeiten, wie die Arbeit von Dozenten zumindest teilweise durch die Organisation der Einrichtungen positiv bestimmt werden kann, und verdeutlichen die hohe Bedeutung selbstverantwortlich-autonomen Handelns. Sie machen aber auch den Stellenwert des personality factors der Klarheit über die eigene Rolle erkennbar, der bei der Abwägung zwischen den Rollen Kursleiter und Selbstständiger Diffusionsprobleme vermeiden hilft.

Ein bemerkenswertes (Neben-)Ergebnis dieser durch Triangulation mit der quantitativen Befragung und durch die repräsentative Auswahl der Gesprächspartner Verallgemeinerungen erlaubenden Interviewstudie liegt in der Beobachtung, dass bei jüngeren Dozenten die Selbstständigkeit eher als finanziell prekär erlebt wird, zu Kursträgern und Kollegen ein weniger gutes Verhältnis besteht und die Persönlichkeitsfaktoren weniger stark ausgebildet sind. Bei der fraglosen Bedeutung der Studie für die erwachsenenpädagogische Professions- und Organisationsforschung ist es bedauerlich, dass die Autorin es versäumt hat, auf diese und die dortige, wenn auch nicht sehr intensive Rezeption der Rollentheorie zu verweisen und Anschlussmöglichkeiten für den disziplinären Diskurs aufzuzeigen. Dies und das Fehlen einer formalen Schlussredaktion vermindern den Wert einer Untersuchung, die ein wichtiges und aller Wahrscheinlichkeit noch wichtiger werdendes Feld beleuchtet.

Anne Schlüter: Dieter Nittels und Astrid Seltrechts Studie über den Zusammenhang von lebensbedrohlichen Krankheiten und Lernen ist in vielerlei Hinsicht empfehlenswert

Es braucht Überwindung, dieses 581 Seiten umfassende Werk lesen zu wollen und auch zu rezensieren. Nicht allein wegen des Umfangs, sondern auch aufgrund des Themas. Brustkrebs und Herzinfarkt werden von Dieter Nittel und Astrid Seltrecht als zwei Volkskrankheiten thematisiert, und zwar mit der Frage nach dem Zusammenhang von Krankheit und Lernen. Dafür haben sie Biografien von Herzinfarkt- und Brustkrebspatienten analysiert. Basis der Darstellungen im Buch sind das ausgewertete Quellen- und Datenmaterial aus einem DFG-Projekt, die Ergebnisse aus der Dissertation von Astrid Seltrecht und eingeholte Aufsätze von Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Disziplinen, denen empirisches Material aus dem DFG-Projekt „Lebenslanges Lernen im Kontext lebensbedrohlicher Erkrankungen“ zur Bearbeitung angeboten und von ihnen auch manchmal angenommen wurde.

Die Phänomene „Gesundheit“ und „Lernen“ sind für jedes Individuum universell und generell von großem gesellschaftlichem Interesse, so die Ausgangsthese. Daraus leitet sich die Notwendigkeit eines inter- und transdisziplinären Austauschs und der entsprechenden empirischen Forschung ab (S. 4). Neben Nittel und Seltrecht haben 52 Autorinnen und Autoren Beiträge geliefert, sowohl aus der medizinischen Praxis als auch aus der Wissenschaft. Außer der Erziehungswissenschaft sind u. a. die Sportmedizin, Sozialmedizin, Medizinische Psychologie, Gesundheit- und Pflegewissenschaft, Kardiologie, Soziologie und Recht, Bildungsphilosophie, Geschichte sowie die Sonderpädagogik vertreten. Das Buch ist in vier große thematische Blöcke gegliedert. Neben den Standpunkten wissenschaftlicher Disziplinen im ersten Block werden im zweiten die Patientenperspektiven präsentiert. Der dritte Block zeichnet die Sicht der Professionellen nach und der vierte nimmt die Arzt-Patienten-Interaktion auf.

Warum sind Personen mit lebensbedrohlichen Krankheiten für die Erziehungswissenschaften interessant? Nittel und Seltrecht formulieren, dass Krisen das Verhältnis des Ichs zur Welt durcheinanderwirbeln und bei vielen Betroffenen eine gesteigerte Fähigkeit zur Selbstbeobachtung auslösen. Daher seien sie zu einem Lernvorgang in der Lage (S. 5). Die Aufschichtung von Wissen und die nachhaltigen Verhaltensveränderungen haben Nittel und Seltrecht in den extrem krisenhaften Ausnahmesituationen im Lebenslauf von Frauen und Männern mit den Instrumenten der Biografieforschung untersucht. Neben dem grundlagentheoretischen Erkenntnisinteresse, das Lernen Erwachsener zu erforschen, geht es ihnen auch um den Vergleich des Prozesses und der Verarbeitung des Erleidens bei den Patienten und Patientinnen mit den Krankheiten Krebs und Herzinfarkt.

Ihre Rekonstruktion biografischer Lernprozesse führte zu einem Analyseschema, das eine Unterscheidung von Lernprozessen nach strukturellen und prozessualen Lerndimensionen, Lernmodi und Lernkontexten ermöglicht. Die strukturellen Lerndimensionen beziehen sich auf das Was des Lernens im Sinne der Wissensaneignung und Veränderung der Identitätsstruktur. Die prozessuale Lerndimension meint die Art des Lernens, z. B. leidvolles, schöpferisches, verwaltendes Lernen. Lernmodi sind dann Neulernen, Umlernen, Verlernen, Nicht-Lernen. Sie führen zu Wie-Fragen. Lernkontexte betreffen Wo-Fragen des Lernens, diese beziehen sich auf institutionelle oder außerinstitutionelle Verortungen des Lernens (S. 7). Dieses Analyseschema stellt eine Innovation für weitere Rekonstruktionen von Prozessstrukturen dar, die von Nittel und Seltrecht weiterhin für biografische Forschungen zum Einsatz kommen sollen. Schon allein dafür hat es sich gelohnt, das Buch zu lesen. Doch es bietet noch mehr an Informationen zu den Aspekten lebensbedrohlicher Krankheiten aus den ausgewählten wissenschaftlichen Fachgebieten. Denn natürlich dürfen Fakten und Zahlen zu Brustkrebs und Herzinfarkt nicht fehlen. Daher wird quantifizierend über Ursachen, Diagnoseverfahren, Behandlungsstandards, Prognosen und Risiken berichtet. Themen sind auch Finanzierung von Prävention sowie Behandlung von Herzinfarkt und Brustkrebs, Qualitätsmängel in der Versorgung, seriöse und unseriöse Praktiken der Therapie, aber auch die Wirksamkeit und Steuerung körperlicher Aktivität in der Therapie. Nach den Ausführungen aus ökonomischer und komplementärmedizinischer Sicht folgen die Disziplinen der Bildungsphilosophie, Biografieforschung und Literatur.

Ist Krankheit ein biografischer Ausnahmezustand? Wie Krankheit subjektiv verstanden werden kann, beantwortet der Umgang mit dem Biografischen. „Die biografische Anamnese ist allerdings keine Erklärung, sondern eine Art der beobachtenden Wahrnehmung“ (S. 135). Der Mensch muss somit seine Krankheit nicht lieben, aber annehmen, um im biografischen Kontext erleidend und gestaltend tätig werden zu können und um körperliche, seelische und geistige Anteile für den Heilungsprozess mobilisieren zu können. Doch in einem Arbeitsbündnis mit dem Arzt scheint es nicht ausgeschlossen zu sein, dass der Patient an seinem biografisch erworbenen Selbstbild festhalten und seine Krankheit verleugnen kann.

Dieses Werk ist nicht nur umfangreich, sondern auch inhaltlich reich an Anregungen, wie mit lebensbedrohlichen Krankheiten umgegangen wird bzw. umgegangen werden kann. Der Seitenumfang entspricht der Komplexität des Unterfangens, sich mit lebensbedrohlichen Krankheiten zu beschäftigen, um Lernprozessen auf den Grund zu gehen. Es ist in jeder Hinsicht aufklärend und spannend in den Ausführungen und lässt sich sicherlich sinnvoll für die Ausbildung von kasuistischer Kompetenz im Gesundheitsbereich einsetzen. Auch ist es für weitere interdisziplinäre Forschungen zu Prozessen von Lernen und Nicht-Lernen anregend. Lernen im Ausnahmezustand, so lässt sich resümieren, ist einerseits immer abhängig von den Erlebnissen im Ausnahmezustand, andererseits aber auch von den Ausprägungen der Prozessstrukturen des Lebenslaufs. Ein sehr empfehlenswertes Buch, nicht nur für die Erwachsenenbildung.

Käthe Schneider: Fritz Borinskis hier erstmals veröffentlichte Schrift ist eine Bereicherung für das fachliche Wissen über die deutsche Erwachsenenbildung des 20. Jahrhunderts

Der von Martha Friedenthal-Haase editierte vorliegende Band bildet den Auftakt in der von den Augsburger Professorinnen für Erziehungswissenschaft, Eva Matthes und Elisabeth Meilhammer, begründeten Reihe „Beiträge zur internationalen, interkulturellen und historischen Erwachsenenbildung“. Im Mittelpunkt des Bandes steht Fritz Borinskis bislang unveröffentlichtes Manuskript „The German Volkshochschule: An Experiment in Democratic Adult Education under the Weimar Republic“.

Fritz Borinski, Protagonist der demokratischen Volkshochschulbewegung, hat Martha Friedenthal-Haase, der er in den letzten Jahren seines Lebens freundschaftlich verbunden war, das Manuskript wenige Monate vor seinem Tod, im Jahre 1988, als Geschenk vermacht. Dass diese Schrift, die Fritz Borinski 1944/1945 im Londoner Exil in englischer Sprache für eine internationale Leserschaft verfasst hat, nun der Öffentlichkeit übergeben wurde, stellt eine fachliche Bereicherung für die Theorie und Praxis der Erwachsenenbildung dar.

Fritz Borinski wurde 1903 in Berlin geboren und verstarb 1988 in Bremen. Er studierte Erwachsenenbildung und Rechtswissenschaft an der Universität Leipzig. Von Oktober 1931 bis 1933 war Borinski Leiter des Seminars für freies Volksbildungswesen an der Universität Leipzig, das seinerzeit zu einer der profiliertesten Einrichtungen der akademischen Ausbildung in der Erwachsenenbildung zählte. Im Sommersemester 1933 wurde er als Opfer der nationalsozialistischen Politik seines Amtes enthoben und emigrierte 1934 nach London. Im Londoner Exil entstand die hier editierte Schrift zur deutschen Volkshochschulbewegung. Nach dem Krieg kehrte Borinski nach Deutschland zurück, wo er von 1956 bis 1970 als Professor für Erziehungswissenschaft an der Freien Universität in Berlin tätig war. Friedenthal-Haase charakterisiert Fritz Borinski als einen homo politicus und verweist auf die von ihm veröffentlichte Selbstdarstellung aus dem Jahre 1976 „Zwischen Pädagogik und Politik“. Dass Erwachsenenbildung und Demokratie im Leben und Denken von Borinski eng verwoben sind, spiegelt sich in dem programmatischen Ausblick seiner Schrift wider.

Die Schrift von Fritz Borinski umfasst sechs Kapitel. Das erste Kapitel „The German Volkshochschulbewegung – A Democratic and Spiritual Movement“ bezieht sich auf die Entstehungsgeschichte der Volkshochschule. Die beiden nächsten Kapitel sind den Erscheinungsformen „The Abendvolkshochschule (Evening Folk High-School)“ und „Residential Colleges“ gewidmet. Im vierten Kapitel erörtert Borinski Problemdimensionen der Deutschen Volkshochschulbewegung: „Some problems of the German Volkshochschule Movement“, und im fünften Kapitel „The Fatal Shamp“ thematisiert er den Niedergang der Volkshochschule in der Weimarer Republik. Das letzte Kapitel „Some Reflections on the Future of German Adult Education“ bildet einen programmatischen Ausblick auf die demokratische Erwachsenenbildung.

Friedenthal-Haases Band zeichnet sich durch eine komplexe Perspektive aus: In der Einführung des Bandes skizziert Friedenthal-Haase die Geschichte der Exilschrift, das editorische Vorgehen, die Biografie Fritz Borinskis und die Besonderheiten der Schrift. Daneben bettet die Herausgeberin Borinskis Text profund in die Fachgeschichte ein und erörtert demokratietheoretische Perspektiven mit Bezug zur Erwachsenenbildung. Neben der Einleitung und den sorgfältig recherchierten und erklärenden weiterreichenden Kommentaren stellt die Herausgeberin im prosopografischen Anhang rund 130 Personen vor, die entweder in Borinskis Schrift Erwähnung finden oder deren Wirken im zeitlichen Zusammenhang bedeutungsvoll war. Dieser Anhang, der vor allem auch wegen der in Vergessenheit geratenen Personen mit großem Gewinn zu lesen ist, wird ergänzt um einen für den Leser hilfreichen Index mit einem umfangreichen Personen- und Sachregister.

Mit diesem Band, so die Herausgeberin, will Borinski einen Beitrag zur Förderung der Demokratie und zur Weiterentwicklung der Erwachsenenbildung leisten. Die Volkshochschule in der Weimarer Republik versteht Borinski als „Experiment“, aus dem gelernt werden kann, nicht nur nach 1945, sondern auch heute noch. Wenn Borinski die Volkshochschulbewegung als „Experiment“ bezeichnet, betrachtet er sie in der Rolle der bewussten Prüfung oder des Versuchs einer Betrachtung, die aus einer Meta-Perspektive auch den bedeutungsvollen Akademisierungsprozess der Erwachsenenbildung dieser Zeit unterstreichen kann.

In einer Einbettung dieser Studie in die Fachgeschichte verdeutlicht Friedenthal-Haase den herausgehobenen Stellenwert dieser Publikation, in der die Konzepte von Demokratie und Erwachsenenbildung theoretisch anspruchsvoll integriert werden. Die Dimensionen von Denken und Glauben, von sozialer und spiritueller Integration, von moralischer und intellektueller Integrität sowie von ethischem Humanismus und politischer Handlung bringt Borinski in einen komplexen Zusammenhang von Erwachsenenbildung und Demokratie, der von grundlegender Bedeutung ist. Insgesamt hat Martha Friedenthal-Haase einen Band vorgelegt, der eine bisher so nicht gewürdigte Sicht eines rassisch verfolgten, politischen Emigranten auf die Volksbildung der Weimarer Republik und den Neubau demokratischer Bildung nach 1945 perspektivenreich für die Forschung erschließt. Der editierte Exilband von Fritz Borinski zur Geschichte der deutschen Volkshochschule in der Weimarer Republik und zur Programmatik für den Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg stellt eine Bereicherung für das fachliche Wissen über die deutsche Erwachsenenbildung des 20. Jahrhunderts dar und sei nachdrücklich zur Lektüre für Forschung und Lehre empfohlen.

Klaus Schömann: Katharina Maag Merki, Roman Langer und Herbert Altrichter ist ein interessanter, umfassender Überblick über die Governance-Forschung gelungen

Der Band „Educational Governance als Forschungsperspektive“ hat sich als wichtiger Beitrag in der Bildungsforschung etabliert. Das zeigt sich in der 2. erweiterten Auflage. Auch für die Weiterbildungsforschung liest sich der Band nach wie vor gewinnbringend. Ein Einstieg für die primär Weiterbildungsinteressierten ist der Beitrag von Schemmann, der Governance in der Weiterbildung von der historischen Perspektive bis hin zu aktuellen theoretischen Erweiterungen des Governance-Konzepts vorstellt. Aufbauend auf der klassischen Definition von Weiterbildung des Deutschen Bildungsrates von 1970 wird das „Defizit kooperativer Formen“ (S. 113) betont. Schemmann beschreibt eine in der Definition der Weiterbildung inhärente Steuerungsillusion, die in dem Gedanken der Verzahnung von Angeboten der Weiterbildung mit Maßnahmen von Schulen und Hochschulen liegt. Diesem hohen Anspruch an Koordination von verschiedenen Ebenen der primären, sekundären, tertiären und quartären Bildung konnte eine Steuerung von Bildungssystemen in sich pluralisierenden und individualisierenden Gesellschaften nur schwer gerecht werden.

Bereits der Verweis auf ein Bildungssystem von primär bis quartär legt nahe, dass es bei Steuerungsfragen vorwiegend um staatliche Steuerung geht. Was in den anderen Bereichen des Bildungssystems in Deutschland überwiegend zutreffend ist, hat jedoch gerade in der Weiterbildung wahrscheinlich am wenigsten Steuerungsrelevanz. Zumindest weiten sich Bereiche des informellen Lernens zusehends aus und staatliche Akteure wie der Bund, Länder und Kommunen üben eine Mehrebenen-Governance aus, die sich in vielfältigen Variationen in föderalen Strukturen ergibt. Das Mehrebenensystem der Weiterbildung wird daher zu einer zentralen Referenz in diesem Beitrag. Die Betonung der Bedeutung von unterschiedlichen Governance-Regimen, die es zu identifizieren und in ihren Veränderungen zu untersuchen gilt, beschreibt ein fruchtbares Forschungsfeld. Die verschiedenen Governance-Mechanismen, die von staatlicher Regulierung, mit oder ohne staatliche Finanzierung, bis zu wettbewerblicher Koordination reichen, füllen das gesamte Spektrum der Mechanismen und bieten eine interessante empirische Basis für Vergleiche der Governance, die viel breiter in die quartäre Bildung streut als in andere Bereichen des Bildungssystems.

Ausgehend von diesem direkt auf die Weiterbildung bezogenen Kapitel lassen sich mehrere methodisch interessante Kapitel aufführen, die dem Leser einen guten Einstieg in das reiche Methodenspektrum von Governance-Forschung aufzeigen. Dazu gehören die Überblickskapitel aus verschiedenen disziplinären Perspektiven. Die Herausgeber haben eine gut durchdachte Struktur über die Einzelkapitel gelegt, die sie in der Einleitung erläutert haben, welche in gewisser Weise eine Priorisierung in der Kapitelabfolge begründet. Der Band beginnt in Teil 1 mit zwei Kapiteln zur Analyse von Wirkungen spezifischer Steuerungskonstellationen oder -instrumente. Teil 2 behandelt die thematischen Felder der Multilevel-Governance und des akteurszentrierten Institutionalismus, der Weiterbildung und der Professionalisierung. Teil 3 führt eine Reihe von spezifischen methodischen Analyseinstrumenten ein, die von Mixed-Methods-Designs über Diskursanalyse bis hin zu dokumentarischer Evaluationsforschung reichen. Insgesamt bietet der Band eine methodische Fülle an, die sich ohne Weiteres auf den Bereich der Weiterbildungsforschung anwenden lässt.

Den Herausgebern ist ein interessanter, umfassender Überblick über die Governance-Forschung gelungen, der annähernd die ganze Breite an substanziellen und methodischen Ansätzen aufzeigt. Die große Spannbreite ist anregend und lässt sich inhaltlich gut nachvollziehen. Sie reicht von der internationalen Ebene des Einflusses von internationalen Organisationen, beispielsweise der OECD, auf nationales Agenda-Setting, den nationalen Akteurskonstellationen oder dem wettbewerblichen versus staatlichen Koordinationsmechanismus bis hin zu föderalen oder lokalen Einflussfaktoren. Der thematische wie methodische Fächer ist weit aufgespannt und bietet ein fruchtbares Feld für vertiefende Anwendungen der Governance-Ansätze gerade für die Weiterbildungsforschung.

Bleibt abschließend nur noch zu erwähnen, dass den Herausgebern und Autoren eine weiterhin große Leserschaft zu wünschen ist, damit die nächste, dann aktualisierte Auflage in diesem rasch wachsenden Feld der Governance-Forschung Literaturhinweise auf aktuelle Anwendungen und Veröffentlichungen beinhalten kann.