Erstaufnahmezentren
Die Bedingungen in Erstaufnahme- bzw. Verteilerzentren beeinflussen das Ausmaß weiterer Belastungen einer mitunter bereits im Ursprungsland oder auf der Flucht traumatisierten Population. Räumliche Beengtheit ohne Rückzugsmöglichkeit, eingeschränkte Bewegungsfreiheit und vor allem die Ungewissheit über die eigene Zukunft, bewirken Gefühle von Ohnmacht und Ausgeliefertsein.
Empfehlung
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Betroffene sollen möglichst rasch in reguläre und betreute Unterkünfte weiter geleitet werden. Sie benötigen zeitnah muttersprachliche Informationen über das weitere Geschehen, um so zusätzliche Verunsicherungen und psychische Belastungen zu vermeiden.
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Bei Hinweisen auf psychische Erkrankungen ist es wichtig, die betreffenden Personen innerhalb der Betreuungseinrichtung medizinischem bzw. psychologischem Fachpersonal vorzustellen. Falls nötig, müssen ambulante PsychologInnen bzw. PsychiaterInnen hinzugezogen werden. Bei Bedarf ist eine Behandlung einzuleiten, die in einzelnen Fällen auch eine stationäre Aufnahme im Krankenhaus erfordern kann. Um eine qualitative hochwertige Behandlung zu gewährleisten, müssen DolmetscherInnen herangezogen werden.
Sicherung der Basisbedürfnisse
Trotz deutlich erhöhter Risiken ist es wichtig, zu betonen, dass nicht jeder Flüchtling eine psychische Erkrankung entwickelt oder gar spezialisierte psychiatrische bzw. psychotherapeutische Behandlung benötigt.
Die Sicherung der Grundbedürfnisse ist eine Voraussetzung, die es ermöglicht, die eigenen Ressourcen zu nutzen und die oft extremen Erlebnisse besser zu verarbeiten. Aus diesem Grund sind unter anderem adäquates Wohnen, ausreichende Versorgung mit Nahrung und Zugang zum Gesundheitssystem sehr bedeutsam. Sinnloses Warten ohne Aufgaben und ohne Beschäftigung hingegen verschlechtern das psychische Befinden. Falls erforderlich, sollte anfangs niederschwellige sozialarbeiterische Unterstützung und Begleitung angeboten werden.
Empfehlung
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Integrationsmaßnahmen von Beginn an wie z. B. Deutschkurse, Bildungsangebote und die Möglichkeit den Alltag sinnvoll und selbstverantwortlich zu gestalten tragen zur Fähigkeit Alltagsanforderungen autonom zu bewältigen bei und verringern die Abhängigkeit von fremder Hilfe.
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Ein früher Arbeitsmarktzugang verringert die Abhängigkeit von Sozialleistungen und trägt sowohl zur Entwicklung einer Zukunftsperspektive als auch zur psychischen und sozialen Stabilisierung bei.
Kurze Dauer der Asylverfahren
Langdauernde Asylverfahren steigern die Unsicherheit die eigene Zukunft betreffend. Damit erhöht sich die Vulnerabilität und die Gefahr der Erstmanifestation bzw. der Verschlechterung einer bereits bestehenden psychischen Erkrankung.
Empfehlung
Aktivierung der sozialen Netzwerke der Betroffenen
Die Aktivierung von Ressourcen und Coping-Mechanismen der Betroffenen trägt zur Fähigkeit auch schwierige Alltagsanforderungen autonom zu bewältigen und damit zur psychischen Stabilisierung bei. Beispielsweise können geeignete Personen mit Migrationshintergrund zu MentorInnen geschult werden. Das macht sie zu ExpertInnen in eigener Sache, wodurch sie die Mitglieder ihrer Gemeinschaft unterstützen können. Weiters können unterschiedliche Aktivitäten zu einem (kulturellen) Austausch zwischen Herkunftsland und Ankunftsland beitragen. Dazu gehören auch gemeinsames Kochen, Feste feiern oder schulische und sportliche Veranstaltungen.
Empfehlung
Bedarfsorientierte Versorgung
Extreme Erfahrungen können bei allen Menschen das Risiko erhöhen, eine Belastungsstörung, eine Depression oder eine andere psychische Erkrankung zu entwickeln. Gespräche mit nahestehenden Menschen, sinnvolle Aufgaben im Alltag, Sicherheit vor weiterem Schaden, Rückzugsmöglichkeiten etc. reduzieren das Krankheitsrisiko. Derart hilfreiche Alltagsbedingungen sind in ähnlicher Weise für Flüchtlinge und Asylsuchende von Relevanz und sollten im Sinne einer Prävention für alle bestmöglich zur Verfügung stehen.
Bedarforientierte Versorgung bedeutet in diesem Zusammenhang, dass jeder das bekommt, was er oder sie benötigt. Dabei sollen niederschwellige und einfache Angebote Vorrang vor höherschwelligen und aufwendigen Angeboten haben. Wenn allerdings aufwendigere Hilfen benötigt werden, sollten sie entsprechend verfügbar sein. Auf diese Weise kann vermieden werden, dass unnötig Ressourcen verbraucht werden, die anderswo dringend benötigt werden.
Die sogenannte Interventionspyramide des Inter-Agency Standing Committee [19, 20] verdeutlicht dies auf vier Handlungsebenen, wobei immer zuerst die breite Basis der Pyramide genutzt werden sollte, bevor spezialisierte (in der Abb. 1 weiter oben stehende) und kostenintensive Interventionen zur Anwendung kommen. Damit diese Vorgangsweise funktionieren kann, bedarf es auf jeder Handlungsebene ausreichend qualifizierte Personen.
Personal, das in Kontakt mit Flüchtlingen steht, benötigt kulturelle Sensitivität, kulturspezifisches Wissen und Kompetenz im Erkennen von möglichen Hinweisen auf psychische Erkrankungen. Das erhöht die Sicherheit der Einschätzung von Auffälligkeiten und reduziert Fehlzuweisungen in spezialsiertere und teurere Angebote. Dazu ist es erforderlich, Personal in Betreuungseinrichtungen, Berater in Anlaufstellen, medizinisches Personal und Beamte zu schulen.
Bei Verdacht auf psychische Erkrankungen sollten fachspezifisch geschulte Personen z. B. PsychologInnen, PsychotherapeutInnen, Pflegepersonen beigezogen werden. Hierzu eignen sich mobile Einheiten oder spezialisiertes Personal in Beratungsstellen. Ziel ist es, abzuklären, ob eine weiterführende psychiatrische-psychotherapeutische Behandlung notwendig ist oder eine niederschwelligere Versorgung vor Ort ausreicht.
Falls erforderlich, werden die Betroffenen nach dieser fachlichen Begutachtung an entsprechende Stellen des Versorgungssystems weitergeleitet.
Wartezeiten für ambulante psychotherapeutische und psychiatrische Behandlungen sind in vielen Regionen Österreichs derzeit oft extrem lang. Das erhöht das Risiko für Symptomverschlechterung und Chronifizierung von Erkrankungen.
Empfehlung
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MitarbeiterInnen von Betreuungseinrichtungen sollten basale Informationen über Möglichkeiten fachlicher Unterstützung erhalten.
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Entsprechende Ressourcen müssen im fachspezifischen Regelversorgungssystem auf allen Ebenen zur Verfügung gestellt werden.
Kulturspezifische Aspekte
Der kulturelle Hintergrund der Flüchtlinge beeinflusst die Präsentation und Attribuierung von psychischen Beschwerden und das Krankheitsverständnis wesentlich. Dadurch ergeben sich Behandlungserwartungen, die die Akzeptanz der hierorts angebotenen Therapien beeinflussen. Daher sind Sprach- und Kulturvermittlung durch professionelle Dolmetscher eine wesentliche Basis für die Kommunikation zwischen Gesundheitsberufen und PatientInnen. Dies ist eine wichtige Grundlage, um ein gemeinsames Krankheits- und Behandlungsverständnis zu erarbeiten und damit eine funktionierende Arzt-Patientenbeziehung zu etablieren. Zusätzlich können niederschwellige Informationen in den Muttersprachen bzw. Pictogramme zu Krankheitsbildern und Angeboten auf allen Ebenen hilfreich sein.
Empfehlung
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Sprach- und Kulturvermittlung durch professionelle DolmetscherInnen sind in ausreichendem Umfang sicherzustellen.
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Es ist sicher zu stellen, dass kultursensitves Wissen in die Aus- und Weiterbildung integriert wird.
Anmerkung: Obwohl von großer Bedeutung geht das vorliegende Positionspapier nicht auf die Dokumentation von Folteropfern und die speziellen Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen unter den Flüchtlingen ein. Diesbezüglich finden sich detaillierte Informationen an anderer Stelle [21,22,23].