Wunschkinder – Fördernde und hemmende Einflüsse medizinisch assistierter Reproduktion auf die Persönlichkeits- und Beziehungsentwicklung

Planned children—supporting and inhibiting influences on the development of personality and relationships after technology-assisted reproduction

Zusammenfassung

In den westlichen Industrieländern nehmen immer mehr Paare mit unerfülltem Kinderwunsch reproduktionsmedizinische Hilfe in Anspruch. Diese fokussiert auf somatische Abläufe und sieht psychologisch-psychotherapeutische Beratung und Begleitung nicht ausreichend standardmäßig vor.

Durch das weitgehende Aussparen der psychischen Dimension stellt die medizinisch assistierte Reproduktion per se eine Risikokonstellation für die emotionale Entwicklung eines Kindes dar.

Nach einer Einführung in die Thematik, Zahlen zur aktuellen Situation und einem Überblick über die Gesetzeslage werden drei Bereiche mit hohem Risikopotential und ihr Zusammenwirken in Bezug auf Beziehungs- und Persönlichkeitsentwicklung beschrieben:

•Die behandlungsimmanenten psychischen Belastungen der Eltern.

•Wünsche nach Perfektion und hohe Erwartungen an das Kind, die bereits normative Krisen zu großen Problemen werden lassen.

•Eine verbreitete Tabuisierung der Behandlung, die als Familiengeheimnis zwischen Eltern und Kind steht.

Den Abschluss bilden Überlegungen zu Prävention und Behandlung.

Alle im Kinder- und Jugendbereich tätigen Personen können zu einer gesunden psychischen Entwicklung der Wunschkinder beitragen, indem sie die elterlichen emotionalen Belastungen anerkennen, zu deren Bearbeitung beitragen und bezüglich einer notwendigen Enttabuisierung, wie sie im Adoptions- und Pflegebereich bereits lange verpflichtend ist, aufklärend wirken.

Summary

In the western industrial countries more and more couples with an unfulfilled desire for a child use assisted reproductive technology (ART). This focusses on physical processes and doesn’t sufficiently provide necessary supportive psychological/psychotherapeutic guidance.

Neglecting the psychological dimension causes ART to enhance the risk for negative processes of emotional development of a child.

After a brief overview of prevalence and summarizing the legal situation three areas will be discussed which involve a high risk potential and their influences on relationship- and personality development will be described:

•The psychological burden for potential parents during the treatment.

•Wishes of perfection and high expectations concerning the child which can turn normative crises into severe problems.

•The frequent handling of the treatment as a taboo which can become a destructive family secret between parents and child.

The paper will conclude with thoughts concerning prevention and treatment.

Every person working in the field of childhood and adolescence can contribute to a healthy psychological development of these children. This means acknowledging and working through the emotional burden and the wishes and explaining about the dangers of taboos like in foster care and adoption.

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Lebersorger, K.J. Wunschkinder – Fördernde und hemmende Einflüsse medizinisch assistierter Reproduktion auf die Persönlichkeits- und Beziehungsentwicklung. Neuropsychiatr 30, 33–41 (2016). https://doi.org/10.1007/s40211-016-0171-4

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Schlüsselwörter

  • Reproduktionsmedizin
  • Wunschkinder
  • Imaginäres Kind
  • Familiengeheimnis
  • Beziehungsentwicklung
  • Persönlichkeitsentwicklung

Keywords

  • Assisted reproductive technology (ART)
  • Wanted children
  • Imaginary child
  • Family secret
  • Relationship development
  • Personality development