neuropsychiatrie

, Volume 26, Issue 3, pp 91–94 | Cite as

Suizidprävention Austria (SUPRA)

Umsetzung eines nationalen Suizidpräventionsplanes
schwerpunkt suizidforschung

Zusammenfassung

Suizidprävention Austria (SUPRA) ist die Formulierung eines Maßnahmenpaketes, das dem Bundesministerium für Gesundheit die Umsetzung eines evidenzbasierten nationalen Suizidpräventionsprogrammes ermöglichen soll. Der Auftrag von Seiten des Ministeriums wurde erteilt, da aufgezeigt werden konnte, dass der Suizid in Österreich die zweithäufigste Todesursachen bis zum 40. Lebensjahr ist und welche gesundheitsökonomischen Konsequenzen sich daraus ergeben. Im Konzept selbst werden erfolgreiche nationale Programme beschrieben, die im Falle einer Umsetzung in Österreich suizidpräventive Effekte erwarten lassen. SUPRA hat bereits nach kurzer Zeit Wirkung gezeigt. Es wurde im Auftrag des BmG eine Koordinationsstelle für Suizidprävention etabliert, die gemeinsam mit einer fix eingerichteten Expertenkommission die Umsetzung operativer Maßnahmen plant und gemeinsam mit der Koordinationsstelle in die Wege leitet.

Schlüsselwörter

SUPRA Suizidprävention Austria Nationales Programm Gesundheitsministerium 

Suicide Prevention Austria (SUPRA)

The implementation of a national suicide prevention program

Summary

Suicide Prevention Austria (SUPRA) is a package of measures which should help the Austrian ministry of health to realize an evidence based suicide prevention program. That such a program is indispensible can be seen on the fact that suicide is on the second position as cause of death in male Austrians up to the age of forty. The concept itself summarizes successful national programs which fit to the Austrian situation. In the meantime the Austrian ministry of health established an office for coordination of the SUPRA program and a commission of experts which is responsible for the first activities of the national Austrian suicide prevention program.

Keywords

Suicide prevention Austria SUPRA National program Ministry of health 

Grundlagen

Auf Anregung der Österreichischen Gesellschaft für Suizidprävention (ÖGS) und der AG Suizidprävention und Krisenintervention der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (ÖGPP) erteilte das Österreichische Bundesministerium für Gesundheit (BmG) im Herbst 2009 den Auftrag einen Umsetzungsplan für den Suizidpräventionsplan Austria (SUPRA) zu formulieren. Der Auftrag des BmG lautete Maßnahmen zu formulieren, die dem Bundesministerium für Gesundheit unter Einbeziehung der Bundesländer die Umsetzung einer evidenzbasierten nationalen Suizidprävention ermöglichen [7].

Dass die Umsetzung eines Suizidpräventionsplanes wichtig ist, ergab sich aus den epidemiologischen Zahlen, die zeigten, dass der Suizid in Österreich eine der häufigsten Todesursachen bis zum 50. Lebensjahr ist und dass in Österreich doppelt so viele Menschen durch Suizid wie im Straßenverkehr versterben, das sind in den letzten Jahren jährlich ca. 1250 Todesfälle (Abb. 1 und 2) [4].

Abb. 1

Suizid im Vergleich zu anderen Todesursachen bis zum 50. Lebensjahr bei Männern [1]

Abb. 2

Suizid im Vergleich zu anderen Todesursachen bis zum 50. Lebensjahr bei Frauen (Haring)

Dass Suizide bzw. Suizidversuche zu einem erheblichen volkswirtschaftlichen Schaden führen, belegt eine Schweizer Studie, die zeigt, dass pro Suizidversuch Kosten von ca. 350.000 CHF entstehen, pro Suizid ca. 50.000 CHF. Die Kosten für Suizidversuche liegen deshalb so hoch, da in der hier zitierten Studie auch die Pflegekosten für Schwerstbehinderte nach Suizidversuchen eingerechnet wurden [8].

Nationale Suizidpräventionsprogramme zeigen Wirkung

Als Grundlage für SUPRA wurde eine Analyse nationaler Suizidpräventionsprogramme von Deutschland, Schweden, Australien, Estland, Finnland, Frankreich und Großbritannien durchgeführt und die Maßnahmen, die die Wirksamkeit ausmachen, zusammengefasst [1, 2, 3, 5, 9]. Dies waren strukturell ein schriftlich vorliegendes Programm, ein politisches Bekenntnis zum jeweiligen Programm und eine verantwortliche umsetzende Institution. Operativ umgesetzt wurden in den „erfolgreichen Nationen“ in erster Linie die Bereitstellung einer guten epidemiologischen Datenlage, eine breite Öffentlichkeitsarbeit und Aktivitäten zur Kompetenzsteigerung von PsychiaterInnen, AllgemeinmedizinerInnen, PsychologInnen und PsychotherapeutInnen sowie andere Personen, die in der Prävention tätig sind.

Das Aufzeigen dieser drei doch eindrucksvollen Fakten, nämlich die Bedeutung des Suizides als Todesursache auch bei jungen Menschen, die dabei entstehenden hohen Kosten (gesundheitsökonomische Aspekte) und die Beispiele gelungener nationaler Suizidpräventionsprogramme haben im BmG das politische Interesse für ein nationales Suizidpräventionsprogramm enorm gesteigert [7].

Die Autoren von SUPRA

SUPRA beschäftigt sich primär damit, wie ein nationaler Suizidpräventionsplan umgesetzt werden kann. Es wurden Personen aus den verschiedensten Bereichen gewonnen ihre Expertise in dieses Umsetzungskonzept einzubringen. Die Autoren kamen aus den diversen mit der Suizidprävention in Österreich beschäftigten Gremien (Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Österreichische Gesellschaft für Suizidprävention, Universitäten und Forschungsgruppen), aber auch Fachbereichen (Krisenintervention, Psychiatrie, Soziologie, schulische Prävention und Öffentlichkeitsarbeit). Namentlich sind diese Experten Gernot Sonneck (Die 10 Felder der Suizidprävention), Claudius Stein (Krisenintervention), Carlos Watzka (Soziologie), Gerhard Gollner (Schulische Prävention), Nestor Kapusta (Epidemiologie), Thomas Niederkrotenthaler (Suizid und Medien), Josef Wolf (Aktive Medienarbeit) und Christian Haring (internationaler Überblick, Ökonomie und Umsetzung des nationalen Programms). Alle Autoren haben ausführliche Publikationen aus ihren Spezialbereichen verfasst, die dann redaktionell von Christian Haring zu einem einheitlichen Konzept zusammengefasst wurden. Sämtliche Beiträge sind explizit für dieses Programm erstellt worden. Das Geleitwort der veröffentlichten Version von SUPRA hat der Bundesminister für Gesundheit Alois Stöger verfasst.

Wie ist SUPRA im Detail aufgebaut

Ein Präventionskonzept, das die klassischen 10 Punkte der Suizidprävention genau beschreibt, hat Gernot Sonneck bereits im Jahre 1999 verfasst [6]. SUPRA beinhaltet diese 10 Punkte, beschäftigt sich aber in erster Linie mit den notwendigen Schritten der Umsetzung. Die großen Überkapitel von SUPRA sind wie folgt:

  1. A.

    Internationale Grundlagen (UNO, WHO, EU) [11]

     
  2. B.

    Eine Metaanalyse nationaler Suizidpräventionspläne [2, 3, 5, 7, 9]

     
  3. C.

    Soziologie und Epidemiologie des Suizids in Österreich: Zahlen, Daten und Entwicklungen [4, 5, 10]

     
  4. D.

    Kosten-Nutzen-Rechnung [8]

     
  5. E.

    Die zehn Arbeitsgebiete der Suizidprävention [6]

     
  6. F.

    Entwicklung einer nationalen Suizidpräventionsstrategie

     

Dabei kommt dem letzten Punkt, Entwicklung einer nationalen Suizidstrategie, in SUPRA verständlicherweise eine besondere Bedeutung zu. Die wichtigsten Inhalte dieses Kapitels widmen sich den Themen Umgang mit dem Tabu Suizid, Identifikation bereits aktiver Strukturen in der Suizidprävention und Nutzung von Strukturen, die in der Suizidprävention bisher noch nicht aktiv sind, aber einen wichtigen Beitrag leisten könnten (z. B. Arbeitslosenhilfe).

SUPRA wirkt

SUPRA hat sofort Effekte gezeigt. Tatsächlich wurde im Rahmen eines Entschließungsantrages des Österreichischen Nationalrates das nationale Suizidpräventionsprogramm bereits im Juli 2011 beschlossen. Das Bundesministerium für Gesundheit hat im Rahmen von Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) eine Koordinationsstelle für die nationale Suizidprävention geschaffen. Diese Koordinationsstelle ist ein zentrales Anliegen von SUPRA, da im internationalen Vergleich jene Nationen mit zentralen Koordinationsstellen in der Umsetzung nationaler Suizidpräventionspläne besonders positiv abschneiden. Im Rahmen dieser Koordinationsstelle wurde eine Expertenkommission eingerichtet, die die Aktivitäten von SUPRA wissenschaftlich begleiten wird. Die Besetzung dieses Expertengremiums besteht aus zwei Vertreterinnen des Bundesministeriums für Gesundheit, fünf VertreterInnen von GÖG, aus Autoren von SUPRA (Christian Haring, Nestor Kapusta; Gernot Sonneck, Claudius Stein und Carlos Watzka) und je eine Vertretung der PsychiatriekoordinatorInnen der Bundesländer, dem Bundesverband der Österreichischen PsychologInnen (BÖP), der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (ÖGPP), der Kinder und Jugendpsychiatrie, der Medizinischen Universität Wien, und der schulischen Prävention.

Diese Expertenkommission hat sich seit März 2012 drei Mal in Wien getroffen und hat bisher folgende Inhalte beschlossen:

  1. 1.

    Im Rahmen des GÖG soll ein Suizidregister aufgebaut werden.

     
  2. 2.

    Die Kommission soll sich 2012 noch drei Mal treffen, um möglichst schnell erste Schritte in die Wege leiten zu können. In den folgenden Jahren sind zwei Treffen pro Jahr vorgesehen.

     
  3. 3.

    Erste Erfahrungen in der Integration von Suizidprävention in die Suchtprävention sollten weiterentwickelt werden, da hier eine Reihe von Ressourcen zur Verfügung steht, die gut genutzt werden kann.

     
  4. 4.

    Das Konzept der Arbeit mit JournalistInnen der Wiener Werkstätte soll mit den notwendigen regionalen Adaptierungen auf ganz Österreich ausgeweitet werden.

     
  5. 5.

    Ein Standard für Obduktionen bei Menschen, die durch Suizid verstorben sind, soll mit Hilfe von GerichtsmedizinerInnen erstellt werden.

     
  6. 6.

    Ein Kurrikulum für Suizidprävention soll entwickelt und umgesetzt werden.

     
  7. 7.

    Es sollten in allen Bundesländern Teams gebildet werden, die mit professionell und privat Betroffenen Suizide aufarbeiten.

     

SUPRA hat somit einen nationalen Suizidpräventionsplan mit seinen Umsetzungsinhalten auf Schiene gebracht. Die wichtigsten Grundlagen eines nationalen Suizidpräventionsplanes wie ein politisches Bekenntnis zur Suizidprävention und eine institutionelle Verankerung sind geschaffen. Wir werden gerne in weiterer Folge über die Entwicklungen der Suizidprävention in Österreich berichten.

Notes

Interessenkonflikt

Es besteht kein Interessenkonflikt.

Literatur

  1. 1.
    Anderson M, Jenkins R. The role of the state and legislation in suicide prevention. In: Wasserman D, Wasserman C, Herausgeber. Oxford textbook of suicidology and suicide prevention, a global perspective. Oxford: Oxford University Press; 2009. S. 373–9.Google Scholar
  2. 2.
    Jenkins R, Singh B. Policy and practice in suicide prevention. Br J Forensic Pract. 2000a;1:3–11.CrossRefGoogle Scholar
  3. 3.
    Jenkins R, Singh B. General population strategies of suicide prevention. In: Hawton K, Heeringen Kv, Herausgeber. The international: book of suicide and attempted suicede. Surrey: John Wiley and Sons Ltd.; 2000b. S. 597–615.CrossRefGoogle Scholar
  4. 4.
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  5. 5.
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  6. 6.
    Sonneck G. Österreichischer Suizidpräventionsplan. Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales. In: Sonneck G, Herausgeber. Krisentintervention und Suizidverhütung. Wien: Facultas; 2000. S. 240–79.Google Scholar
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  8. 8.
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    Wasserman D, Wasserman C. Oxford textbook of suicidology and suicide prevention, a Global Perspective. Oxford: Oxford University Press; 2009. S. 369–71.CrossRefGoogle Scholar
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  11. 11.
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Copyright information

© Springer-Verlag Wien 2012

Authors and Affiliations

  1. 1.Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie BLandeskrankenhaus Hall i. TirolHall i. TirolÖsterreich
  2. 2.KriseninterventionszentrumWienÖsterreich

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