1 Soziale Ungleichheiten durch Covid-19?

Die Analyse sozialbedingter Ungleichheiten im Bildungswesen bildet eine ausführlich untersuchte Thematik in der Bildungsforschung. Kinder und Jugendliche aus Familien mit geringen bildungsunterstützenden Ressourcen oder mit migrations- oder sprachbedingten Einschränkungen haben vergleichsweise geringere Chancen eine ihren individuellen Potenzialen entsprechende Bildungslaufbahn zu realisieren. Geringere Chancen auf Bildung zeigen sich aber auch im Bereich der Erwachsenenbildung

Durch Covid-19 sind jedoch eher verdeckte Strukturen von Bildungssystem und Gesellschaft wie in einem Vergrößerungsglas sichtbar geworden – beispielsweise die oft fehlende Ausstattung mit Kommunikationsgeräten ebenso wie nicht ausreichende Kompetenzen bei ihrer Verwendung. In diesem Kontext wurde und wird Covid-19 vielfach als Katalysator oder sogar Verstärker für soziale Benachteiligungen diskutiert. Soziale Benachteiligung kann sich in vielen verschiedenen Facetten zeigen bzw. auswirken: in der schulischen Leistung, bei den sozialen Kontakten, bei eingesetzten Lernstrategien und Elternkontakten oder aber auch bei der Wahrnehmung und Nutzung von außerschulischen Bildungsangeboten.

Das vorliegende Heft thematisiert in vier Schwerpunktbeiträgen die Frage, ob und wie sich Covid-19 auf unterschiedliche Facetten sozialer Ungleichheit auswirkt.

Britta Klopsch und Carsten Rohlfs fanden in ihrer Untersuchung über „Schulbezogene Einstellungen von Kindern aus bildungsfernen Milieus in der Corona-Pandemie“ in einer quantitativen Studie an Grundschulen erfreulicherweise, dass auch Schülerinnen und Schüler aus benachteiligten Schulen überwiegend positive Einstellungen zum Lernen aufweisen, und nur ein relativ geringer Teil in ein Cluster mit geringer Lernfreude fällt, wobei der soziale Hintergrund insgesamt keinen so starken Effekt zeigt.

Fabian Alexander Emde und Kira Elena Weber („Welche Rolle spielen die soziale Herkunft und die Schulform für die Wahrnehmung von digitalem Feedback und das akademische Selbstkonzept während der COVID-19 Pandemie?“) gehen der Frage nach, wie sich Distanzlernen und das damit verbundene Feedback auf das Selbstkonzept der Schüler*innen auswirkt, und ob in diesem Kontext der soziale Hintergrund der Schüler*innen als wirkender Faktor sichtbar wird. Auch sie finden wenig Hinweise auf unmittelbare Effekte des sozialen Hintergrunds, sondern eher zwischen den Schultypen: Schüler*innen an den Gymnasien erleben das erhaltene Feedback als weniger fair und weniger nützlich als die Schüler*innen anderer Schulformen.

Schülerinnen und Schüler sahen sich in der COVID-19-Pandemie wiederholt Maßnahmen wie Schulschließungen und Homeschooling ausgesetzt. In diesem Zusammenhang richtete sich das Forschungsinteresse einer Reihe von Bildungsforscher*innen darauf, ob und wie sich diese Maßnahmen auf die Leistungen der Schüler*innen auswirken. Der Beitrag von Mathias Krammer, Gerald Tritremmel, Martin Auferbauer und Lisa Paleczek („Durch die Coronapandemie belastet? Der Einfluss von durch COVID-19 induzierter Angst auf die sozial-emotionale Entwicklung 12- bis 13-Jähriger in Österreich“) nimmt vor diesem Hintergrund insofern eine andere Perspektive ein, als er die Auswirkungen dieser Faktoren auf die sozial-emotionale Entwicklung der Kinder und Jugendlichen empirisch in den Blick nimmt. Im Fokus stehen dabei Entwicklungen problematischer (internalisierte und externalisierte Verhaltensprobleme) wie prosozialer Verhaltensweisen.

Marie Bickert, Jana Arbeiter, Lena Sindermann und Veronika Thalhammer fragen in ihrem Beitrag „Drop-out in der Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener – Pandemiebedingte Herausforderungen und theoretische Perspektiven“, ob sich auch in der Erwachsenenbildung bzw. dort, wo mit vulnerablen Gruppen gearbeitet wird, die soziale Ungleichheit durch die Pandemie gesteigert hat und wenn ja, was die Risikofaktoren für Drop-out sein könnten. Zur Beantwortung dieser Fragen wurden ein narratives Review durchgeführt und Fachbereichsleitungen aus verschiedenen Einrichtungen der Erwachsenenbildung als Expert*innen befragt. So war es möglich, aktuelle und durch die Pandemie hervorgerufene Herausforderungen mit bisherigen theoretischen und empirischen Arbeiten zu diesem Thema zu kontrastieren. Es kann gezeigt werden, dass bereits bekannte Risikofaktoren (Medienkompetenz und Medienzugang, Kontinuität und Kursstruktur sowie Vertrauen und Kursbindung) auch in der Pandemie Ungleichheiten verstärken. Für die konkrete Arbeit der Einrichtungen bedeutet das, dass die Zielgruppenansprache und Zielgruppengewinnung durch die Pandemie noch schwieriger geworden sind.

2 Empirische Originalarbeiten

Die allgemeinen Beiträge des Heftes weisen ein heterogenes Themenspektrum auf. Sie thematisieren Forschendes Lernen in der Lehrer*innenbildung, Fragen der organisationalen Entwicklung und Themen aus der Berufs- und Erwachsenenbildung.

Forschendes Lernen sieht sich als hochschuldidaktisches Konzept zunehmend der Erwartungshaltung ausgesetzt, zu einer stärkeren Forschungsorientierung in der Lehrer*innenbildung beizutragen. Diesen normativ geprägten Erwartungshaltungen stehen derzeit aber nur wenige fundierte Forschungsbefunde gegenüber. Hier setzt der vorliegende Beitrag von Angelika Paseka, Imogen Feld, Jan-Hendrik Hinzke und Georg Krammer („Forschendes Lernen in der universitären Lehrer*innenbildung“) an. Er stellt die Frage, ob das Konzept des Forschenden Lernens die Forschungskompetenz und das Forschungsinteresse bei Studierenden fördert. Hierzu wurde in Forschungswerkstätten ein Konzept von Forschendem Lernen umgesetzt, das das Durchlaufen eines vollständigen Forschungsprozesses vorsieht. Erste Ergebnisse zeigen, dass die Studierenden zwar einen Anstieg ihrer Forschungskompetenz berichten, zugleich aber ihr Interesse an Forschung gesunken ist.

Stefan Klusemann, Marlena Kilinc und Dieter Nittel verorten in ihrem Beitrag das Thema der Qualität zwischen Marketing und Verbraucher*innenschutz. Dafür unterziehen sie 80 organisationale Selbstbeschreibungen pädagogischer Organisationen einer Dokumentenanalyse. Sie schlussfolgern, dass darin von einer bloßen Ökonomisierung des Systems durch die Adaptierung des Qualitätskonzepts nicht die Rede sein kann. Vielmehr betonen sie, dass pädagogische Organisationen Verbraucher*innenschutz stärker aufgreifen könnten, um dabei das eigene Selbstverständnis in ein positiveres Licht zu rücken und die Anerkennung des Systems zu stärken.

Martin Mayerl und Norbert Lachmayr berichten über „Die curriculare Integration des Lernortes ‚Betrieb‘ am Beispiel des Gegenstandes ‚Betriebspraxis‘ in technisch-gewerblichen Fachschulen“. Hier geht es um den Trend, den Lernort „Betrieb“ stärker in die Berufsschulen zu integrieren. Die Autoren zeigen das hohe Lernpotential, das mit einer stärkeren Verschränkung der beiden Lernorte verbunden ist, arbeiten aber zugleich heraus, was alles notwendig wäre, dieses Potenzial zu nützen: die Klärung schulrechtlicher Fragen, aber auch ein theoretisch abgesichertes Konzept für das verschränkte Lernen.

Datenbasierung hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem Leitbegriff der output-orientierten Steuerungskonzepte im Bildungsbereich entwickelt, auch im Weiterbildungsbereich. Die Datenlage stellt sich aber vor dem Hintergrund sehr heterogener Anbieter- und Teilnahmestrukturen ungleich fragmentierter dar. Der vorliegende Beitrag fragt nach dem Nutzungsverhalten politischer Akteure, Daten der Weiterbildungsstatistik betreffend. Hierzu wurde von Sarah Leonore Widany und Pia Gerhards eine qualitative Sekundäranalyse von Interviews mit weiterbildungspolitischen Akteuren durchgeführt („‚Wer braucht diese Äpfel und Birnen?‘ Wahrnehmung und Nutzung von Daten der Weiterbildungsstatistik durch weiterbildungspolitische Akteure“). Die Ergebnisse werden in ihrer Konsequenz für die Möglichkeiten datenbasierter Steuerung, die Bedeutung integrierter Bildungsberichterstattung und etwaige Forschungsbedarfe weiterführend diskutiert.

3 Think piece

Elisabeth Zehetner, Gerlinde Janschitz und Karina Fernandez laden in ihrem Think Piece mit dem Titel „Bildung zwischen Stadt und Land. Der Mythos Stadt-Land im Spiegel aktueller Forschungsbefunde“ ein zu hinterfragen, wie wir über regionale Disparitäten im Bildungswesen denken und sie beforschen. Sie arbeiten aus der bestehenden Literatur heraus, dass sozialwissenschaftlich sehr elaborierte Raumkonzeptionen vorliegen, diese aber nur schwach Eingang in empirische Studien finden. Übrig bleibt eine Forschung, die sich auf den Mythos Stadt-Land beschränkt, diesen damit selbst aufrechterhält, und dabei wenig aussagekräftig bleibt. Die Autor*innen rufen dazu auf, die Grenzen der Stadt-Land-Dichotomie zu verlassen, und mittels differenzierter quantitativer und qualitativer Daten den Blick auf spezifische Bildungsräume zu schärfen.

In den „Nachrichten aus der ÖFEB“ berichtet Katharina Soulup-Altrichter über die Vorbereitungsarbeiten zum ÖFEB-Kongress 2022 sowie über den dort neu zu vergebenden Dissertationspreis der ÖFEB.