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Editorial

Heft 2/2021 der „Zeitschrift für Bildungsforschung“ sollte ursprünglich Beiträge eines Schwerpunktes bringen, der unter dem Titel „Mythos Stadt – Land?“ ausgeschrieben war und in einem breiten Zugang die Probleme und spezifischen Rahmenbedingungen von Bildungsprozessen in ländlichen im Kontrast zu urbanen Bereichen zum Thema zu machen sollte. Entgegen unseren Erwartungen erwies sich diese Fragestellung als wenig produktiv: die insgesamt geringe Zahl an Einreichungen konnte das Reviewverfahren nicht rechtzeitig oder nicht erfolgreich abschließen.

Der Fokus des vorliegenden Heftes liegt daher in eher etablierten Feldern der Bildungsforschung: Schulentwicklung, Ausbildung und professionelles Arbeiten von Lehrpersonen bzw. Entwicklung von Schüler*innen und Studierenden in Bildungseinrichtungen.

Kathrin Dedering befasst sich in ihrer Studie „Unterstützung von Schulen durch Schulaufsicht. Zur Ausdifferenzierung eines Handlungsfeldes“ mit den Aufgaben der Schulaufsicht, die sich in den vergangenen Jahren deutlich verschoben haben, konkret in Richtung Unterstützung und Beratung von Schulen. Die Befragung von Personen aus dem Bereich der Schulaufsicht dokumentiert, dass deren Aufgabenspektrum sehr breit ist und – aus Sicht der Schulaufsicht – durchaus die Bereitschaft zur Beratung und Unterstützung der Schulen signalisiert wird. Die Befragung von Schulleitungen zeigt hingegen, dass dies an den Schulen nicht immer so wahrgenommen wird und Angebote zur Beratung offensichtlich von diesen nur teilweise angenommen werden. Solchen Divergenzen liegen unterschiedliche Vorstellungen von den Aufgaben von Schulaufsicht zugrunde, sie deuten aber auch darauf hin, dass möglicherweise auch die Schulaufsicht Beratung für einen konstruktive(re)n Umgang mit Beratung benötigt.

„Bildungslandschaften“ im Verständnis einer Vernetzung von schulischen und außerschulischen Bildungsakteuren bzw. damit verbundener Angebote und Maßnahmen zielen vor allem darauf ab, Kindern und Jugendlichen faire Bildungsverläufe zu ermöglichen. Anja Koszuta, Ricarda Werner und Stephan Gerhard Huber analysieren in ihrer Studie über „Aktivitäten von Akteuren in Schweizer Bildungslandschaften – Welchen potenziellen Beitrag zu mehr Chancengerechtigkeit könnten sie leisten?“ Dokumente von 19 Schweizer Bildungslandschaften, die von einer privaten Stiftung initiiert und unterstützt wurden, mit der Blickrichtung, inwieweit sie darauf abzielen, Chancengerechtigkeit (im Verständnis des „Chancenspiegels“ von Berkemeyer et al. 2012)Footnote 1 zu fördern. Die Autor*innen können auf Basis einer qualitativen Inhaltsanalyse zeigen, dass in den einschlägigen Dokumenten vor allem Aspekte der sozialen Integration und der (außerschulischen) Kompetenzförderung im Vordergrund stehen, aber auch die anderen Dimensionen des Chancenspiegels angesprochen werden.

Wie angehende Lehrpersonen in verschiedenen Formen von Schulpraxis hilfreich und wirkungsvoll unterstützt werden können, ist eine durchgehende Herausforderung in der Lehrer*innenbildung. Vor dem Hintergrund einer während des Schulpraktikums avisierten Kompetenzerweiterung der Lehramtsstudierenden richten Gabriele Frühwirth, Daniela Martinek und Matteo Carmignola in ihrem Beitrag „Selbstbestimmung in Schulpraktika – Motivationale Prozesse in der Interaktion von Studierenden und Mentor/inn/en“ den Blick auf die Interaktionsqualität zwischen Mentor*innen und Studierenden. In Anlehnung an die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan wird untersucht, welche Kommunikationsformen und Handlungen der Mentor*innen von den Studierenden in besonderer Weise als autonomiefördernd empfunden werden. Hierbei steht vor allem das Verhalten der Mentor*innen in den Planungs- und Reflexionsgesprächen im Fokus des Untersuchungsinteresses. Die Erkenntnisse sind den Autor*innen zufolge handlungsrelevant, da durch die Einführung einer differenzierenden Sichtweise auf Motivationsstrategien im Schulpraktikum beispielsweise Diskussionsangebote bezüglich der Weiterentwicklung von Coachingformaten unterbreitet werden.

Während das Praxissemester des Lehramtsstudiums in Deutschland eingeführt wurde, um den Einstieg in den Beruf u. a. bezüglich des Beanspruchungserlebens zu erleichtern, scheint das begleitende Mentoring nicht ausschließlich beanspruchungsabpuffernde Effekte zu haben. Vor diesem Hintergrund hinterfragen Marike Bruns, Simon Küth, Daniel Scholl und Christoph Schüle in ihrem Beitrag „Ressource oder Belastung? Die Bedeutung verschiedener Mentoringformen für das Beanspruchungserleben angehender Lehrkräfte im Praxissemester“ in einer Längsschnittstudie die Effekte unterschiedlicher Mentoringformen. Die Autor*innen zeigen, dass transmissives bzw. konstruktivistisches Mentoring sich auf die positiven und negativen Beanspruchungsreaktionen der Mentees auswirkt – teilweise direkt und teilweise mediiert über deren Basic-Need-Satisfaction. Die Autor*innen plädieren dafür, anerkennende Beziehungsformen nachdrücklich in den Fokus entsprechender Mentor*innenqualifikationen zu rücken.

Jennifer Quast, Charlott Rubach und Rebecca Lazarides adressieren in ihrem Beitrag „Lehrkräfteeinschätzungen zu Unterrichtsqualität mit digitalen Medien“ die Forschungslücke, inwiefern Lehrkräfte digitale Medien im Unterricht zur Umsetzung von Unterrichtsqualitätsdimensionen nutzen. Dafür untersuchen die Autor*innen, ob und wie Schulmerkmale vermittelt über Lehrkräftemerkmale dazu beitragen, dass Lehrkräfte digitale Medien nutzen, um im Unterricht zu strukturieren, kognitiv zu aktivieren, konstruktiv zu unterstützen sowie zu individualisieren. Zudem kann der Beitrag als ein Aufruf verstanden werden, die Forschungslücken in diesem Gebiet weiter zu schließen: Die Autor*innen stellen interessierten Forscher*innen ihr Inventar für die theoriegeleitete Erfassung der Nutzung digitaler Medien zur Umsetzung der Unterrichtsqualitätsdimensionen zur Verfügung.

Die Entwicklung heterogenitätssensibler Lehr-Lernumgebungen hat nicht nur in der Schweiz gegenwärtig Hochkonjunktur. Nicht zuletzt mit Einführung der integrativen Schulform wird dort die Bedeutung eines individuell lernförderlichen Unterrichts sowie eine diversitätssensible Schulkultur in besonderer Weise akzentuiert. Demgegenüber steht relativ wenig empirisch fundiertes Wissen über prozessqualitätsbezogene Merkmale, die beispielsweise bei der Entwicklung von bottom-up Lehr-Lernumgebungen Berücksichtigung finden müssen, zur Verfügung. Vor diesem Hintergrund gehen Rita Stebler, Marco Galle, Christine Pauli und Kurt Reusser in ihrer längsschnittlichen Mixed Method-Study („‚Ohne Zusammenarbeit würde das gar nicht gehen‘ – Kokonstruktive Lehrpersonen-Kooperation bei der Unterrichtsentwicklung zu personalisiertem Lernen“) der Frage nach, ob und welche Änderungen bei der kokonstruktiven Lehrpersonen-Kooperation zu beobachten sind, in deren Entwicklungsfokus eine stärkere Personalisierung des Lernens steht.

Wie Schüler*innen und Studierende ihre Zeit in Bildungseinrichtungen erleben und wie sich persönlichkeitsbezogene Merkmale in dieser Zeit entwickeln, findet zunehmend Beachtung in der Bildungsforschung. Melike Ömeroğulları und Michaela Gläser-Zikuda thematisieren die „Entwicklung affektiv-motivationaler Merkmale am Übergang in die Sekundarstufe“ und spezifizieren dabei insbesondere die Verläufe bei bildungsbenachteiligten Kindern. Sie stützen sich dazu auf eine umfangreiche Stichprobe aus dem NEPS-Bildungspanel und können zeigen, dass beim Übergang von der 4. in die 5. Klasse (Stufe) zunächst ein Anstieg in der Schulfreude erfolgt, nach gut einem Jahr aber das (niedrigere) Ausgangsniveau der 4. Klasse wieder erreicht wird. In der Anstrengungsbereitschaft wird in dieser Phase des Übergangs ein eher genereller Abwärtstrend kurz gemildert. Besonders interessant: Kinder mit benachteiligenden Voraussetzungen – Migrationshintergrund, geringe familiäre Unterstützung etc. – zeigen keine wesentlich anderen Verläufe. Auf die diesbezüglich eher positive Selektion der NEPS-Stichprobe wird ausdrücklich verwiesen.

Sven Thiersch und Mirja Silkenbeumer fassen in ihrem Beitrag „Familie und Schule in der Adoleszenz. Ergebnisse qualitativer Längsschnittuntersuchungen zu Bewährungsanforderungen von der Grundschule bis zum Übergang in die Ausbildung bzw. das Studium“ drei qualitativ-rekonstruktiv arbeitende Studien zur Adoleszenzwerdung unter einer neuen Perspektive, der Bewährung, zusammen. Konkret geht es um Bewährungsanforderungen und Formen ihrer Bearbeitung. Adoleszenz wird als zentraler Ort der Bewährung des Subjekts verstanden. Die Jugendlichen müssen Entscheidungen treffen: Entscheidungen im Bereich Schule, Beruf und Studium, aber auch Entscheidungen über ihre Lebensführung. Um eine solche Entscheidung herbeizuführen, müssen sie sich mit Haltungen und Praktiken von Eltern, weiteren Bezugspersonen, aber auch von Mitgliedern ihrer Peergroup auseinandersetzen. Sie können an deren Haltungen und Praktiken anknüpfen, sich aber auch davon abgrenzen. Anhand von konkreten Ergebnissen aus den drei vorgestellten Studien werden solche Bewährungen exemplarisch erläutert. Bewährungsdynamiken, Autonomisierungsanforderungen und -zumutungen werden so sichtbar gemacht ebenso wie Prozesse der Selbstpositionierung und Ich-Findung.

Um die Persönlichkeitsentwicklung bei Studierenden der Sozialen Arbeit bestmöglich zu fördern und diese zu Studienbeginn zielgerichteter unterstützen zu können, ist Caroline Pulver und Thomas Matti („Soziodemografische Herkunft, Persönlichkeitsmerkmale und Studienwahlmotive von Studierenden der Sozialen Arbeit“) zufolge eine empirisch fundierte Beantwortung folgender Fragen erforderlich: Welche sozialen und schulischen Vorerfahrungen bringen die Studierenden mit? Was hat sie eigentlich zu einem Studium in Sozialer Arbeit bewogen? Welche Persönlichkeitsmerkmale weisen sie im Einzelnen auf? Das grundsätzliche Erkenntnisinteresse ist folglich darauf ausgerichtet, das Bild von Personen, die sich für die Aufnahme eines solchen Studiums entscheiden, zu schärfen und überdies deren Motivation für die Studienwahl sowie deren Interessensspektrum, die verschiedenen Handlungsfelder der Sozialen Arbeit betreffend, zu verdeutlichen und transparenter zu gestalten. Das von Pulver und Matti gewählte Panelstudiendesign ermöglicht dabei intra- wie interpersonelle Datenauswertungen, die auch als eine Reflexionshilfe bei der Weiterentwicklung von Studiencurricula verstanden werden können.

Zwei Rezensionen ergänzen das vorliegende Heft: Alexander Holste bespricht Stephan Weddings Buch „Das didaktische Prinzip der Digitalität. Ein allgemeindidaktischer Beitrag zum bildenden Unterricht mit und zu digitalen Medien“, und Josef Thonhauser befasst sich eingehend mit dem von Vasileios Symeonidis und Johanna F. Schwarz herausgegebenen Band „Erfahrungen verstehen – (Nicht‑)Verstehen erfahren. Potenzial und Grenzen der Vignetten- und Anekdotenforschung in Annäherung an das Phänomen Verstehen.“

Die „Nachrichten aus der ÖFEB“ bringen einen ausführlichen Bericht über die Organisation und Durchführung einer virtuellen Tagung zur Lehrer*innenbildungsforschung unter Covid19-Bedingungen. Die hier berichteten Erfahrungen und Reflexionen enthalten prozedurale Anregungen für virtuelle Tagungen während der Pandemie, machen aber auch sichtbar, welches Potenzial virtuelle Zugangsweisen und tools auch für die Gestaltung von Veranstaltungen außerhalb und nach Covid19 aufweisen.

Notes

  1. 1.

    Berkemeyer, N., Bos, W., Manitius, V., & Strietholt, R. (2012). Chancenspiegel: Zur Chancengerechtigkeit und Leistungsfähigkeit der deutschen Schulsysteme (2. Aufl.). Gütersloh: Bertelsmann Stiftung.

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Eder, F., Brauckmann-Sajkiewicz, S., Krammer, G. et al. Editorial. Z f Bildungsforsch 11, 231–234 (2021). https://doi.org/10.1007/s35834-021-00317-3

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