Ansturm auf „gute“ Schulen? Die Auswirkungen der Veröffentlichung von Abiturnoten auf die Zusammensetzung von Schülerinnen und Schülern an Berliner Schulen

Mad dash for “good” schools? Consequences of publishing High School grades for the composition of students at schools in Berlin

Zusammenfassung

Das Bundesland Berlin veröffentlicht seit dem Schuljahr 2013/14 die durchschnittlichen Abiturnoten der einzelnen Schulen. In unserem Beitrag analysieren wir in einem quasi-experimentellen Design, ob diese Veröffentlichung von Leistungsdaten für Einzelschulen Auswirkungen auf die Anmeldungen an den Berliner Schulen und für Veränderungen in der Zusammensetzung der Schüler*innen hatte. Unsere Analysen zeigen, dass die Zahl der Schüler*innen tendenziell in jenen Schulen am stärksten gestiegen ist, die gute durchschnittliche Abiturnoten erzielten und da am stärksten abnahm, wo die Abiturnoten am schlechtesten waren. Für die Zusammensetzung der Schüler*innen mit Lernmittelbefreiung oder nach nichtdeutscher Herkunftssprache hatte die Veröffentlichung der Abiturnote keinen eindeutigen Einfluss. Allerdings zeigen unsere Analysen auch, dass Abiturnoten nicht einfach miteinander verglichen werden können, ohne den Kontext zu berücksichtigen, in dem diese erreicht wurden. Denn die durchschnittlichen Abiturnoten lassen sich sehr stark über die soziale und ethnische Zusammensetzung der Schulen aufklären.

Abstract

The State of Berlin has begun publishing the mean Abitur grades of single schools since the school year of 2013/14. The present paper analyses the impact of the release of achievement data of individual schools on school enrollments as well as the change of composition of students by means of quasi-experimental design. We observe a trend of the strongest increase in students at schools with good Abitur grades and a marked decrease in schools with worse Abitur grades. The publication of grades did not have a distinct effect on the composition of students who are exempt from learning material costs or students with languages of origin other than German. However, our analyses additionally reveal that Abitur grades cannot simply be compared with each other without considering the context of the individual schools, since the average Abitur grades are strongly accounted for by the social and ethnic composition at school level.

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Abb. 1

Notes

  1. 1.

    Hierzu gehören die Noten von Gymnasien, beruflichen Gymnasien, Integrierten Sekundarschulen mit eigener gymnasialer Oberstufe und Gemeinschaftsschulen mit einer gymnasialen Oberstufe. Seit dem Schuljahr 2014/15 werden auch die Noten des Mittleren Schulabschlusses veröffentlicht.

  2. 2.

    Gemeinschaftsschulen haben besondere Aufnahmekriterien.

  3. 3.

    Die Oberstufe an ISS kann auch in zweijähriger Form angeboten werden.

  4. 4.

    Wenn wir im Folgenden von Abiturnoten sprechen, sind immer die durchschnittlichen Abiturnoten gemeint, die veröffentlicht werden. Die Noten der einzelnen Schüler*innen werden nicht veröffentlicht.

  5. 5.

    Hierzu gehören „1. Schulbücher, 2. ergänzende Druckschriften (beispielsweise Wörterbücher, Lektüren, Arbeitshefte, Atlanten, Notenblätter) und 3. andere Unterrichtsmedien (beispielsweise Lernkarteien, digitale Datenträger)“ (GVBl 2012).

  6. 6.

    Für diesen Indikator gibt es keine einheitliche Erfassung. So beruhen diese auf Angaben der Eltern bei der Schulanmeldung und/oder Einschätzungen der Schulen (TSP 2014; AGH 2012).

  7. 7.

    Zudem gehört der Anteil von Schüler*innen mit ndH zu der am meisten aufgerufenen Kategorie im Online-Portal der Senatsverwaltung zu den Porträts der Berliner Schulen (TSP 2014).

  8. 8.

    Dies ergab eine Umfrage bei allen Kultusministerien der Länder im Mai–Juli 2016. Insgesamt antworteten zum Stand der Umsetzung des Kerndatensatzes 12 von 16 Bundesländern. Der KMK war es dabei nicht möglich, eine koordinierte Antwort zum Kerndatensatz zu formulieren.

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Danksagung

Wir danken den Gutachter*innen für hilfreiche Kritiken und Anregungen. Im Falle von Rita Nikolai erfolgte die Arbeit an dem Beitrag im Rahmen eines geförderten Heisenberg-Stipendiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft (Förderkennzeichen: NI 1371/4-1). Wir danken der SenBJF für die Bereitstellung der Daten, die unseren Analysen zugrunde liegen.

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Tab. A1 Verteilung verschiedener Merkmale in den 7. Klassen Berlins nach durchschnittlichen Abiturnoten der jeweiligen Schulen

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Helbig, M., Nikolai, R. Ansturm auf „gute“ Schulen? Die Auswirkungen der Veröffentlichung von Abiturnoten auf die Zusammensetzung von Schülerinnen und Schülern an Berliner Schulen. Z f Bildungsforsch 7, 115–130 (2017). https://doi.org/10.1007/s35834-017-0183-6

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Schlüsselwörter

  • Abiturnoten
  • Segregation
  • Schulwahl
  • Berlin
  • Sekundarschulen

Keywords

  • Abitur grades
  • Segregation
  • Choice of school
  • Berlin
  • Secondary schools