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Zeitschrift für Bildungsforschung

, Volume 6, Issue 3, pp 219–223 | Cite as

Editorial

  • Christoph Helm
  • David Kemethofer
  • Herbert Altrichter
  • Ferdinand EderEmail author
Editorial
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Schwerpunktthema: Wirkungen von Kontexten im Mehrebenensystem Schule

Die Personen-Umwelt-Beziehung stellt in vielen Forschungsdisziplinen ein zentrales Erklärungsmodell für menschliches Verhalten dar. So wird die Individuum-Umwelt-Interaktion sowohl in der Psychologie als auch in der Soziologie bereits seit Langem erforscht. Auch in der Bildungsforschung hat die Analyse von Kontexten und deren Einfluss auf das Lernen Tradition (Coleman et al. 1966; Ditton und Krecker 1995; Fend 2008; Rutter et al. 1979), erlebt aber aktuell aufgrund des Trends zu internationalen Large-Scale Untersuchungen und neuer methodischer Zugänge einen noch nie dagewesenen Aufschwung (bspw. Baumert et al. 2000; Fiege et al. 2011; Nilsen und Gustafsson 2016; Reynolds et al. 2014). Bekannte Forschungsfragen beziehen sich auf die Analyse des Einflusses bspw. von Merkmalen der Schule bzw. des Unterrichts (z. B. Instruktionsqualität, Lehrerwissen) oder der Mitschülerschaft (z. B. Big-Fish-Little-Pond-Effekt). Nicht zuletzt ist auch durch die Hattie-Studie (2009) die Bedeutung von Lernkontexten in das Zentrum der Aufmerksamkeit der Bildungsforschung gerückt. Eine Vielzahl von dort berichteten Meta-Studien verweist auf hohe lernrelevante Effekte, die dem Bereich der „Schule“ bzw. dem „Elternhaus“ zuordenbar sind.

Das vorliegende Themenheft sammelt einige weiterführende Beiträge zur Wirkung von Kontextvariablen auf System-, Schul- und Klassenebene. Christoph Weber, Doris Danninger und Ewald Feyerer widmen sich in ihrem Beitrag dem Zusammenhang zwischen Segregation und Chancengerechtigkeit auf Länderebene. Sie thematisieren die Frage, ob Länder mit geringem Segregationsausmaß ein höheres Ausmaß an Chancengerechtigkeit aufweisen, und suchen nach Effekten dieser unterschiedlichen Ausprägungen auf die Schülerleistungen in Mathematik und Lesen. Auf der Grundlage von PISA 2012-Daten aus 27 Ländern können die Autor/inn/en zeigen, dass der Einfluss des wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Status der Schüler/innen bzw. ihrer Eltern auf die schulische Leistung u. a. durch soziale Segregation moderiert wird. Ein geringeres Ausmaß an Segregation geht demnach mit einer höheren Chancengerechtigkeit einher. Ferner weisen Weber, Danninger und Feyerer in einem Dreiebenenmodell nach, dass in Ländern mit einer stärkeren sozialen Segregation der Effekt des Sozialstatus einer Schule auf die mittlere Schulleistung (Mathematik) stärker ausfällt, jedoch dieser Effekt innerhalb von Schulen schwächer ist. Die Befunde bestätigen Annahmen zur geringeren Bildungschance der Segregierten. Die Autor/inn/en diskutieren die Implikationen der Studie im Kontext der Diskussion zur inklusiven Bildung.

Christoph Helm, David Kemethofer, Robert Moosbrugger, Sandra Bröderbauer und Susanne Luthe nutzen in ihrem Beitrag Aussagen österreichischer Schulleitungen als Informationsquelle für Bedingungskonstellationen, die potentiell hemmend für Schülerlernen sind. Das Design der Studie geht davon aus, dass die wahrgenommenen Belastungsfaktoren standortspezifische Rahmenbedingungen darstellen, die sich negativ auf den Unterricht und damit auf Schülerleistung sowie Schulzufriedenheit auswirken. Die Autor/inn/en zeigen, dass eine höhere soziale Belastung der Schule mit einem stärker schülerzentrierten Unterricht einhergeht, jedoch negativ mit der fachlichen Leistung (in Mathematik) korreliert. Darüber hinaus beeinflussen die im Zusammenhang mit der Schülerklientel erlebten Belastungen sowie ein Mangel an Unterstützungspersonal die Schülerleistung. Abgeleitet aus den Ergebnissen votieren Helm und Kollegen für indexbasierte Mittelzuweisung sowie erhöhte schulische Handlungsspielräume.

Christine Schmid, Daniel Paasch und Michaela Katstaller gehen vor dem Hintergrund der Literatur zur Bezugsnormorientierung von Lehrpersonen der Frage nach, inwiefern die Leistungszusammensetzung einer Schulkasse Einfluss auf die Notengebung nimmt. Auf der Grundlage von Daten der österreichischen Bildungsstandardüberprüfung 2013 in der 4. Schulstufe wird der Zusammenhang zwischen Noten und Testleistungen in Mathematik untersucht. Ergebnisse logistischer Mehrebenenanalysen liefern Evidenz für die Anwendung kriterialer als auch sozialer Bezugsnormen im Rahmen der Leistungsbeurteilung. Bezüglich letzterer werden Referenzgruppeneffekte berichtet, die zeigen, dass Schüler/innen in leistungsstarken Klassen tendenziell schlechtere Noten erhalten als Schüler/innen mit gleicher Leistungsfähigkeit in weniger leistungsstarken Klassen. Darüber hinaus werden ein positiver Einfluss der sozialen Herkunft und ein negativer Einfluss des Migrationshintergrundes von Schüler/inne/n auf die individuelle Leistungsbeurteilung der Lehrpersonen beobachtet. Diskutiert werden methodische Herausforderungen, die sich bei derartigen Kontextanalysen ergeben (z. B. der zu beobachtende Deckeneffekt durch im oberen Leistungsbereich wenig differenzierende Noten).

Tobias Kärner, Julia Warwas und Anna-Lena Geck widmen sich der Analyse von hemmenden und förderlichen Faktoren für intrinsisch motiviertes Lernen an bayrischen Berufsschulen. Als zentrale Faktoren werden dabei Merkmale der Auszubildenden und des Unterrichts in den Blick genommen. Die Analysen auf Basis von 847 Auszubildenden aus 41 Berufsschulklassen in Bayern zeigen, dass die intrinsischen Lernmotivation – bedingt durch die geringe Interklassenvarianz – ausschließlich durch Prädiktoren der Individualebene, insbesondere durch das Geschlecht, die Selbstwirksamkeit und den wahrgenommenem Verwertungsnutzen der Lerninhalte, vorhergesagt werden kann. Abschließend diskutieren die Autor/inn/en didaktische Implikationen ihrer Befunde.

Die Studie von Andrea Kulmhofer, Roman Freunberger und Ursula Itzlinger-Bruneforth untersucht schließlich den Einfluss des Sprachhintergrunds von Schüler/inne/n auf den Erwerb von Leseverständnis. Konkret wird auf Basis einer repräsentativen Stichprobe überprüft, ob (1) die Leseleistung in Deutsch die Leistung in Englisch als Fremdsprache beeinflusst und (2) ob diesbezüglich ein Unterschied zwischen Deutsch als Erst- bzw. Deutsch als Zweitsprache besteht. Als Referenz für die Lesefertigkeit dienen die Ergebnisse der Bildungsstandardsüberprüfungen sowie curriculare Vorgaben in den beiden Fächern. Mittels mehrebenenanalytischer Auswertungsverfahren konnten die Autor/inn/en zeigen, dass die Leseleistung in Deutsch jene in Englisch beeinflusst. Der Migrationshintergrund spielt hingegen eine untergeordnete Rolle für die Lesekompetenz in der Fremdsprache. Die Autor/inn/en führen ihre Ergebnisse auf den Transfer der Lesefertigkeit von der Erst- bzw. Zweitsprache auf die Fremdsprache zurück und diskutieren vor diesem Hintergrund mögliche Implikationen für den Unterricht.

Die Beiträge zum Schwerpunkt des vorliegenden Heftes geben Einblicke in Effekte ausgewählter Kontextmerkmale verschiedener Ebenen des Schulsystems auf sowohl fachliches als auch überfachliches Lernen. Damit tragen sie wesentlich zum Wissen über die Funktionsweise des Bildungssystems bei und skizzieren aktuelle Herausforderungen, deren Bewältigung eine permanente Weiterentwicklung der Schule erfordert.

Allgemeiner Teil

Die Beiträge des allgemeinen Teils thematisieren Rahmenbedingungen von Schule und Unterricht. Passen die Interessen von Studierenden der Sonderpädagogik zu den beruflichen Anforderungen des sonderpädagogischen Lehrerberufs? Diese Frage untersuchen Karolina Urton, Jürgen Wilbert, Michael Grosche & Thomas Hennemann an einer Stichprobe von Studierenden des Lehramtes für Sonderpädagogik zweier deutscher Universitäten. Die beruflichen Anforderungen werden durch eine Befragung von Leitungspersonen von Studienseminaren für Sonderpädagogik erhoben. In den Kategorien der Berufswahltheorie von Holland zeigt sich, dass Studierende mehrheitlich soziale, künstlerisch-sprachliche und unternehmerische Interessen aufweisen, während im Anforderungsprofil konventionellen Interessen eine größere, und künstlerisch-sprachlichen Interessen eine geringere Bedeutung zugeschrieben wird. Zur Frage der Kongruenz der studentischen Interessenstruktur mit den Anforderungen des sonderpädagogischen Lehrerberufs werden heterogene Ergebnisse berichtet.

Giang Pham, Roman Freunberger, Alexander Robitzsch, Ursula Itzlinger-Bruneforth und Michael Bruneforth, alle aktuelle oder ehemalige Mitarbeiter/innen des BIFIE (Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des österreichischen Schulwesens), befassen sich mit der Entwicklung und Validierung des Index der sozialen Benachteiligung (ISB), der zur Beschreibung der unterschiedlichen Belastung der einzelnen Schulen durch die soziale und ethnische Zusammensetzung der Schülerschaft entwickelt wurde. Er dient einerseits zur Klassifizierung der Schulen im Hinblick darauf, welche Lernleistungen aufgrund der sozialen Zusammensetzung der Schülerschaft erwartet werden können, ist aber auch dafür gedacht, bei entsprechender Messqualität als Grundlage für eine kompensatorische Zusatzfinanzierung der einzelnen Schulen verwendet zu werden. Die Ergebnisse liefern Hinweise auf eine hohe Stabilität und Messgenauigkeit des Index und können auch belegen, dass seine Ausprägung mit relevanten Unterschieden in den Schülerleistungen zusammenhängt.

Rezensionen und ein Bericht aus der ÖFEB komplettieren das vorliegende Heft. Die ÖFEB, das zeigt der kurze Bericht von Florian Müller, ist eine Erfolgsgeschichte: Innerhalb einer relativ kurzen Zeit zu einer wissenschaftlichen Gesellschaft mit mehr als 500 Mitgliedern angewachsen, setzt sie vor allem durch die Organisation von wissenschaftlichen Tagungen laufend bildungswissenschaftliche und auch bildungspolitische Impulse.

Dank an die Gutachterinnen und Gutachter der Zeitschrift für Bildungsforschung

Alle eingehenden Manuskripte werden in einem Doppel-Blind-Verfahren mindestens zwei Gutachter/innen vorgelegt, im Falle einer anschließenden Überarbeitung ein weiteres Mal. Gutachterinnen und Gutachter bilden das Qualitätsfundament einer Zeitschrift. Sie gewährleisten und sichern ihr wissenschaftliches Niveau und tragen durch kritische Anregungen dazu bei, die Qualität der einzelnen Beiträge zu steigern. Der dafür notwendige Arbeitsaufwand ist beträchtlich und wird zusätzlich zu den vielfältigen Aufgaben, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu bewältigen haben, unentgeltlich geleistet. Seit unserem letzten Dankschreiben an dieser Stelle sind zwei neue Jahrgänge der Zeitschrift für Bildungsforschung erschienen. Wir nehmen dies zum Anlass, uns bei folgenden Kolleginnen und Kollegen für die Begutachtung von Beiträgen in diesem Zeitraum zu bedanken:

Hermann Josef Abs, Herbert Altrichter, Franz Baeriswyl, Ulrich Bartosch, Ralf Benölken, Nils Berkemeyer, Tanja Betz, Horst Biedermann, Peter Birkel, Uwe Bittlingmayer, Sigrid Blömeke, Margit Böck, Andreas Bonnet, Inka Bormann, Wilfried Bos, Stefan Brauckmann, Georg Breidenstein, Thomas Brüsemeister, Jürgen Budde, Ursula Christmann, Marten Clausen, Colin Cramer, Ulrich Deinet, Hartmut Ditton, Jörg Dollmann, Ferdinand Eder, Birgit Eickelmann, Günter Eissing, Marcus Emmerich, Stefan Engeser, Hannelore Faulstich-Wieland, Benjamin Fauth, Tobias Feldhoff, Robert Fischbach, Natalie Fischer, Michael Gaidoschik, Miriam M. Gebauer, Markus Gebhardt, Andreas Gegenfurtner, Julia Gerick, Hartmut Giest, Michaela Gläser-Zikuda, Burkhard Gniewosz, Mechtild Gomolla, Joachim Grabowski, Anke Grotlüschen, Elke Gruber, Sabine Gruehn, Gerda Hagenauer, Barbara Hanfstingl, Bea Harazd, Ute Harms, Tina Hascher, Martina Hechinger, Benedikt Hell, Frank Hellmich, Christoph Helm, Werner Helsper, Barbara Herzog-Punzenberger, Franz Hofmann, Marianne Horstkemper, Stephan Gerhard Huber, Vera Husfeldt, Till-Sebastian Idel, Manuela Keller-Schneider, Fabian Kessl, Eckhard Klieme, Raingard Knauer, Michel Knigge, Hans-Christoph Koller, Olaf Köller, Julia Kosinár, Rolf-Torsten Kramer, Hans-Peter Kuhn, Harm Kuper, Roman Langer, Andrea Liesner, Frank Lipowsky, Kai Maaz, Uwe Maier, Johannes Mayr, Nele McElvany, Wolfgang Meseth, Astrid Müller, Florian H. Müller, Martin Neugebauer, Erich Neuwirth, Birgit Nieskens, Marianne Nolte, Andreas Oehme, Tuulia Ortner, Fritz Oser, Hans Pechar, Michael Pfeifer, Maximilian Pfost, Marcus Pietsch, Anna-Katharina Praetorius, Sibylle Rahm, Astrid Rank, Franz Rauch, Thomas Rauschenbach, Christian Reutlinger, Hans-Joachim Roth, Martin Rothland, Matthias Rürup, Andreas Sarcletti, Katja Scharenberg, Thomas Scherndl, Peter Schlögl, Christine Schmid, Thorsten Schneider, Michael Schratz, Claudia Schuchart, Heinz Schuler, Marc Schulz, Susanne Schwab, Martin Schweer, Knut Schwippert, Jens Siemon, Jörn Sparfeldt, Reinhold Stipsits, Michaela Stock, Dagmar Strohmeier, Tobias C. Stubbe, Benedikt Sturzenhecker, Christian Tarnai, Ewald Terhart, Anita Thaler, Klaus-Jürgen Tillmann, Matthias Trautmann, Ulrich Trautwein, Martin Venetz, Thamar Voss, Petra Wagner, Andreas Walther, Julia Warwas, Rainer Watermann, Christoph Weber, Georg Weißeno, Jürgen Wilbert, Beate Wischer, Erol Yildiz, Birgit Ziegler.

Literatur

  1. Baumert, J., Bos, J., & Lehmann, R. (2000). TIMSS/III: Dritte Internationale Mathematik- und Naturwissenschaftsstudie – Mathematische und naturwissenschaftliche Bildung am Ende der Schullaufbahn. Opladen: Leske + Budrich.CrossRefGoogle Scholar
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  3. Ditton, H., & Krecker, L. (1995). Qualität von Schule und Unterricht. Empirische Befunde zu Fragestellungen und Aufgaben der Forschung. Zeitschrift für Pädagogik, 41(4), 507–529.Google Scholar
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  8. Reynolds, D., Sammons, P., De Fraine, B., Van Damme, J., Townsend, T., Teddlie, C., & Stringfield, S. (2014). Educational effectiveness research (EER): a state-of-the-art review. School Effectiveness and School Improvement: An International Journal of Research, Policy and Practice, 25(2), 197–230. doi: 10.1080/09243453.2014.885450.CrossRefGoogle Scholar
  9. Rutter, M., Maughan, B., Mortimore, P., & Ouston, J. (1979). Fünfzehntausend Stunden. Schulen und ihre Wirkungen auf Kinder. Weinheim: Beltz.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016

Authors and Affiliations

  • Christoph Helm
    • 1
  • David Kemethofer
    • 2
  • Herbert Altrichter
    • 1
  • Ferdinand Eder
    • 3
    Email author
  1. 1.Johannes Kepler Universität LinzLinzÖsterreich
  2. 2.Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des österreichischen SchulwesensSalzburgÖsterreich
  3. 3.Universität SalzburgSalzburgÖsterreich

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