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Intrauterine Alkoholexposition: Es gibt keine „sichere“ Trinkmenge

Eine große Längsschnittstudie bestätigt den Einfluss genetischer Faktoren auf das Ausmaß der Auswirkungen von maternalem Alkoholkonsum auf die Ausbildung einer fetalen Alkohol-Spektrum-Erkrankung der Nachkommen.

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Dr. Björn Kruse Psychiatrische Institutsambulanz am Behandlungszentrum für psychische Gesundheit bei Entwicklungsstörungen, Berlin

Dass Fetale Alkohol-Spektrum-Erkrankungen (fetal alcohol spectrum disorder, FASD) durch maternalen Alkoholkonsum ausgelöst werden, ist mittlerweile weitgehend unbestritten. Unklar war jedoch weiterhin, ob es eine sichere Alkoholkonsummenge in der Schwangerschaft gibt. Auch führen offensichtlich ähnliche Alkoholexpositionen in sehr unterschiedlichem Ausmaß zur Ausbildung eines FASD.

Besonders gut vergleichbar ist der Einfluss von gleicher pränataler Alkoholexposition (PAE) bei Zwillingen, der in der vorliegenden retrospektiven Studie untersucht wird.

Für die Studie wurde die Datenbank aller im „Fetal Alcohol Syndrome Diagnostic & Prevention Network“ (FASDPN) der Universität von Washington untersuchten Patienten ausgewertet. Es wurden alle Patienten eingeschlossen, die

  • Zwillinge, Voll- oder Halbgeschwister mit gleicher Mutter waren,

  • in ähnlichem Alter diagnostiziert wurden,

  • eine ähnliche pränatale Alkoholexposition hatten sowie

  • möglichst gemeinsam aufgewachsen waren.

Unter den etwa 3.000 in dem Netzwerk untersuchten Personen fanden sich 84 Geschwisterpaare, davon neun eineiige und 29 zweieiige Zwillingspaare, 27 Voll- und neun Halbgeschwister. Die FASD-Diagnose erfolgte nach dem aktuellen Standard für die Diagnostik bei Erwachsenen, dem „4 Digit-DiagnosticCode“.

Die neun eineiigen Zwillinge hatten zu 100 % die gleiche (= konkordante) FASD-Diagnose, die zweieiigen Zwillinge nur zu 56,4 %. Die Vollgeschwisterpaare hatten noch zu 40,7 % eine übereinstimmende Diagnose, die Halbgeschwister lediglich zu 22,2 %.

Kommentar

Die vorliegende Studie ist die bisher größte Zwillingsstudie zum FASD und die einzige, die nach dem aktuellen Standard der Erwachsenendiagnostik erfolgt ist. Sie leistet damit einen essenziellen Beitrag zum Verständnis der Erkrankung. Die einzige anderere Zwillingsstudie zu FASD [Streissguth AP et al. Am J Med Genet 1993;47:857-61] stammte aus der Zeit vor der Etablierung des „4 Digit Diagnostic Code“ und beschrieb die Daten von 16 Zwillingspaaren.

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Alkohol in der Schwangerschaft? Es gibt keine noch so geringe Menge, die als „sicher“ bezeichnet werden kann.

© Daria Filiminova / Fotolia

Die maximal hohe Rate der konkordanten Befunde bei eineiigen Zwillingen mit hochgradig abnehmender Konkordanz der Befunde von 100 % auf 22,2 % mit Abnahme der genetischen Übereinstimmung (etwa 100 % bei eineiigen Zwillingen zu etwa 25 % bei Halbgeschwistern) bei weitgehend gleicher Alkoholexposition beweist den Einfluss genetischer Faktoren auf die Ausbildung eines FASD.

Die Kandidatengene für das Ausmaß der Vulnerabilität des Ungeborenen gegenüber Alkohol sind dabei noch nicht vollständig identifiziert und eine Vorhersage, auf welchen Fetus der Alkohol mehr oder weniger toxisch wirkt, ist somit nicht möglich. Entgegen einiger Leitlinien ist damit die Angabe einer „sicheren“ Alkoholmenge in der Schwangerschaft nicht möglich, einzig sicher ist die komplette Alkoholkarenz. Dies wird durch die vorliegende Studie eindrucksvoll gezeigt.

Literatur

  • Hemingway SJA et al. Twin study confirms virtually identical prenatal alcohol exposures can lead to markedly different fetal alcohol spectrum disorder outcomes- fetal genetics influences fetal vulnerability. Adv Pediatr Res. 2019;5:23. doi:https://doi.org/10.24105/apr.2019.5.23

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Kruse, B. Intrauterine Alkoholexposition: Es gibt keine „sichere“ Trinkmenge. DNP 20, 24 (2019). https://doi.org/10.1007/s15202-019-2235-3

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  • DOI: https://doi.org/10.1007/s15202-019-2235-3