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DNP - Der Neurologe & Psychiater

, Volume 19, Issue 2, pp 10–10 | Cite as

Alzheimer: Schau mir in die Augen, Doc!

  • Thomas Müller
Medizin aktuell
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Die nicht invasive Alzheimer-Diagnostik macht Fortschritte: Ein Blick in das Auge verrät, ob sich im Gehirn Amyloid ablagert und per Bluttest lässt sich nicht nur eine Alzheimer-Pathologie, sondern auch das Erkrankungsstadium erkennen.

Während Forscher bislang vergeblich nach neuen Wirkstoffen gegen Morbus Alzheimer suchen, gerät die Diagnostik in Bewegung. Zwar lässt sich eine Alzheimer-Pathologie mit der bereits etablierten Liquoranalyse auch schon vor Beginn der klinischen Symptome zuverlässig nachweisen, allerdings scheuen viele Patienten diesen Eingriff, zudem ist die Liquordiagnostik als invasives Verfahren für ein großflächiges Screening ungeeignet.

Auf der Fortbildungsveranstaltung Neuro Update in Mainz hat Professor Jörg Schulz vom Universitätsklinikum Aachen auf neue Ansätze hingewiesen. Vielversprechend sei etwa die Amyloiddetektion in der Retina. So ist seit einigen Jahren aus Post-mortem-Untersuchungen bekannt, dass Alzheimer-Kranke Beta-Amyloidagglomerate in der Retina bilden. Retinale Amyloidplaques lassen sich jedoch auch in vivo nachweisen — und zwar mithilfe des Gelbwurzelinhaltsstoffs Curcumin. Dieser lagert sich an Amyloidplaques an und fluoresziert im Laserlicht. Forscher um Dr. Josef Kornoyo aus Los Angeles haben daraus ein Verfahren zur Laser-Scanning-Ophthalmoskopie entwickelt [1]. Sie verabreichten 16 Patienten mit leichter bis moderater Alzheimer-Demenz 1 g Curcumin pro Tag oral über mehrere Tage hinweg und bestimmten vollautomatisch einen retinalen Amyloidindex. Die Alzheimer-Kranken hatten doppelt bis dreifach so viele Amyloidplaques in der Retina wie gesunde Kontrollpersonen. Allerdings gab es keine Korrelation mit dem Demenzstadium nach dem Mini-Mental-Test.

Bluttest in greifbarer Nähe

Auch ein Bluttest auf Alzheimer erscheint erstmals in greifbarer Nähe. Schulz verwies auf eine vor kurzem in „Nature“ publizierte Arbeit. Ein Team um die Professoren Colin Masters aus Melbourne und Katsuhiko Yanagisawa aus Ōbu hat ein Massenspektroskopieverfahren zum Nachweis von Beta-Amyloidfragmenten sowie Bruchstücken des Amyloidvorläuferproteins APP im Serum validiert und damit eine diagnostische Genauigkeit von über 90 % erzielt [2]. „Das ist eine extrem hohe Treffsicherheit“, so Schulz. Sollte sich damit tatsächlich eine Alzheimer-Erkrankung bereits im präklinischen Stadium nachweisen lassen, „wäre dies ein kleiner Durchbruch“. Schulz hält einen Alzheimer-Nachweis per Bluttest in wenigen Jahren für möglich. Er geht aber davon aus, dass die eher aufwändige Massenspektroskopie durch simplere ELISA-Tests ersetzt wird.

NfL als Prognosemarker

Amyloidtests können zwar eine Alzheimer-Erkrankung aufspüren — definiert als Präsenz einer Amyloidpathologie —, nicht aber eine Alzheimer-Demenz. Weder die Amyloidwerte im Hirn noch in der Retina oder im Blut korrelieren gut mit den klinischen Symptomen, was nach dem derzeitigen Erkenntnisstand auch wenig verwunderlich ist, da die Amyloidpathologie der klinischen Symptomatik lange vorausgeht. Wenn erste Demenzsymptome auftreten, ist das Gehirn in der Regel weitgehend mit Amyloid gesättigt und die Neurodegeneration läuft dann amyloidunabhängig — wird das Peptid mit Antikörpern aus dem Gehirn „gesaugt“, bremst dies den klinischen Verlauf kein bisschen.

Als Verlaufsindikator für die Alzheimer-Demenz sind andere Biomarker aussagekräftiger, etwa die leichte Kette des Neurofilaments (NfL). Mit hochsensitiven Immunassays lässt sich NfL mittlerweile sehr gut im Blut nachweisen, die Werte korrelieren recht präzise mit den Liquor-NfL-Konzentrationen. Forscher konnten bereits erhöhte NfL-Werte im Liquor von Patienten mit leichten kognitiven Einschränkungen (MCI) zeigen: Je höher die Konzentrationen, umso schneller schritten kognitive Defizite und Hirnatrophie voran.

Offenbar steigen die NfL-Werte rund fünf Jahre vor Symptombeginn bereits deutlich an. Das geht aus einer Analyse aus dem DIAN-Projekt bei Betroffenen mit familiärer Alzheimer-Demenz hervor [3]. NfL eigne sich daher als Prognosemarker, so Schulz. Im präklinischen und prodromalen Stadium gebe NfL Auskunft über den Beginn der Demenz, im fortgeschrittenen Stadium über das Demenzstadium. Allerdings ist NfL im Gegensatz zu Beta-Amyloid nicht alzheimerspezifisch. Das Protein wird aus verletzten Axonen freigesetzt und markiert damit primär axonalen Schaden und Neurodegeneration. Bei frontotemporaler Demenz und ALS werden teilweise deutlich höhere Werte als bei Morbus Alzheimer festgestellt.

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Literatur

  1. 1.
    Koronyo Y et al. JCI Insight. American Society for Clinical Investigation; 2017 Aug 17; 2(16)Google Scholar
  2. 2.
    Nakamura A et al. Nature 2018, epub 31.1.2018, doi:10.1038/nature25456.CrossRefPubMedGoogle Scholar
  3. 3.
    Weston PSJ et al. Neurology 2017; 89 (21): 2167–75CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

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Authors and Affiliations

  • Thomas Müller
    • 1
  1. 1.

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