Die Axt im Haus erspart den Zimmermann, das wusste schon Wilhelm Tell. Ob Evan O'Neill Kane seinen Schiller gelesen hat, ist zwar nicht bekannt. Doch falls ja, scheint er sich gedacht zu haben, was für die Axt recht, sei fürs Skalpell billig. Da Kane als gelernter Chirurg solcherart Werkzeug aus beruflichen Gründen im Haus vorhielt, ersparte er sich den Zimmermann und amputierte, als ihm im Jahr 1919 eine Infektion an der Hand bedrohlich zusetzte, den betroffenen Finger kurzerhand selbst. Und als er zwei Jahre später eine Appendizitis bei sich diagnostizierte, sah er ebenfalls keinen Anlass, deswegen extra einen Kollegen zu behelligen. Die fällige Operation nahm er unter lokaler Anästhesie höchstselbst vor und war damit vermutlich der erste Mensch, der sich den Appendix eigenhändig entfernte [1].

figure 1

© Koldunova_Anna / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodell)

Manche Ärzte setzen anscheinend nur ungern auf das Können von ihresgleichen. Selbstbehandlung auch gegen chronische Krankheiten ist verbreitet, wie es in einer kürzlich publizierten Studie heißt, in der es darum gegangen war, ob und wie viele Ärzte einen Hausarzt haben [2]. Dabei wurden Daten von knapp 20.000 Ärzten mit jenen von rund 98.000 Nichtmedizinern verglichen. Einen Hausarzt hatten 81,8 % der Ärzte und 86,4 % der Nichtärzte, was eine statistisch signifikante Differenz darstellt. In den vorangegangenen zwei Jahren hatten die Mediziner im Median zweimal, die Nichtmediziner hingegen viermal eine Praxis für Allgemeinmedizin aufgesucht, erneut ein signifikanter Unterschied. Ärzte, die das 40. Lebensjahr überschritten, hatten noch seltener einen Hausarzt als jüngere, wie überhaupt Ärzte im Vergleich zu Ärztinnen; und wenn sie doch einen hatten, suchten sie ihn seltener auf. Die einzelnen Fachrichtungen waren zudem unterschiedlich in Hausarztpraxen vertreten. Am ehesten hatte die Gruppe der Hausärzte selbst einen Hausarzt. Das Schlusslicht bildeten die Chirurgen, was nach allem, was von den Do-it-yourself-Eingriffen Evan O'Neill Kanes bekannt ist, kaum noch verwundern dürfte. Sind also Ärzte, die männlichen zumal, besonders anfällig für Arztphobie? Mehr Vertrauen in die eigene Zunft könnte dem vielleicht abhelfen. Die Kollegen haben schließlich schon viele Patienten behandelt. Und einmal muss es ja klappen.

Selbst Kane hat sich Jahre später in die Obhut anderer Ärzte begeben, nachdem er an einem Leiden erkrankt war, das selbst zu kurieren er offenbar nicht imstande war. Die Kollegen allerdings auch nicht: Am 1. April 1932, wenige Tage vor seinem 71. Geburtstag, erlag Kane in der Klinik, wo er einst als Chefchirurg gearbeitet und sich unters eigene Messer begeben hatte, einer Pneumonie.