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Im Focus Onkologie

, Volume 21, Issue 5, pp 30–30 | Cite as

Register der Initiative Geriatrische Hämatologie und Onkologie

Einschätzung der Patienten einbeziehen

  • Springer Medizin
Allgemeine Onkologie Kongressbericht
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Im Rahmen der Initiative Geriatrische Hämatologie und Onkologie (IN-GHO) versuchen Hämatologen, Onkologen und Geriater seit vielen Jahren, für das Thema Krebs im Alter zu sensibilisieren. Prof. Dr. Carsten Bokemeyer fasst im Interview wichtige Ergebnisse des IN-GHO-Registers zusammen.

? Herr Professor Bokemeyer, Sie haben in Ihrer Registerstudie Daten zu über 3.000 älteren Tumorpatienten aus über 90 Zentren zusammengetragen. Was sind das für Patienten? Wie fit sind sie?

Prof. Carsten Bokemeyer: Das sind Krebspatienten aller Indikationen. Zwei von drei hatten solide Tumoren. Jeder Vierte war über 80 Jahre alt. Sie mussten zumindest so fit sein, dass sie sich in medizinische Behandlung begeben haben, um die Frage einer Krebstherapie zu erörtern. Die Patienten waren entweder in einer Arztpraxis oder in einem Krankenhaus. Wir haben am Anfang einen ausführlichen Status erhoben, dann noch ein weiteres Mal nach relativ kurzer Zeit und nochmal abschließend nach sechs Monaten. Insgesamt waren die Patienten so von ihrer Krankheit betroffen, dass etwa 30 % innerhalb dieser sechs Monate verstarben.

? Auf welcher Basis wurde die Therapieentscheidung getroffen?

Bokemeyer: Letztlich war bei zwei von drei Patienten die Behandlung gut durchführbar. Wir hatten drei Parameter. Die Entscheidung wurde getroffen anhand einer Selbsteinschätzung des Patienten. Also: Hält er sich selbst für fit genug? Es gab eine Einschätzung des Arztes und eine Einschätzung auf Basis eines vorgegebenen, geriatrischen Score-Systems in Kurzform.

? Wie gut waren die jeweiligen Einschätzungen im Hinblick auf die Verträglichkeit der Therapien?

Bokemeyer: Das Score-System hat mehr Patienten mit besonders ungünstigen Charakteristika identifiziert und vorhergesagt, dass sie die Therapie nicht gut durchstehen werden. Das war also die negativste Einschätzung. Die Einschätzung des Arztes war von allen die positivste. Und die Einschätzung der Patienten lag dazwischen, aber eher bei der Einschätzung des Arztes. Die Details werden wir demnächst publizieren, aber in der Summe waren die Einschätzungen des Patienten und des Arztes besser hinsichtlich der Vorhersage, ob die Patienten die Therapie und die Nebenwirkungen der Therapie gut überstehen, als das Score-System.

? Was sind Ihre praktischen Konsequenzen daraus?

Bokemeyer: Die Ergebnisse zeigen, dass so ein Score nur ein Instrument ist, und nicht automatisch das Nonplusultra. Wichtig scheint mir, dass wir unbedingt die Einschätzung des Patienten mit einbeziehen, denn die Patienten liegen in unserer Studie relativ gut mit ihrer Einschätzung. Wir versuchen jetzt, aus den Gesamtdaten des Patienten, des Arztes und des Scores das heraus zu extrahieren, was in einer multivariaten Analyse immer noch eine Vorhersagekraft hat. Das wäre dann sozusagen ein neuer, kombinierter Score um die Therapiefähigkeit vorherzusagen, ein Score, der einfach und kompakt sein sollte.

? Lässt sich der Faktor Alter von anderen Faktoren isolieren?

Bokemeyer: Wenn man andere Faktoren — also die Einschätzung des Patienten und des Arztes und das Scoring inklusive Ernährungszustand, Demenz und Mobilität — berücksichtigt, dann fällt das Alter als alleiniger Einflussfaktor komplett raus. Es ist alleine überhaupt nicht prädiktiv, nur in Zusammenhang mit anderen Faktoren, die mit dem Alter einhergehen.

? Welche Scores nutzen Sie konkret im Alltag bzw. welche würden Sie empfehlen?

Bokemeyer: Wir nutzen eine abgekürzte Form des geriatrischen Assessments. Das Wichtigste sind aus unserer Sicht eine Beurteilung der Ernährungssituation des Patienten und seiner Mobilität. Hierzu nutzen wir am liebsten den „Timed Up and Go“-Test. Der Patient wird aufgefordert, von einem Stuhl aufzustehen, drei Meter zu laufen und sich wieder zu setzen, und es wird gemessen, wie lange er dafür braucht. Wir machen auch eine sehr ausführliche Sozialanamnese des Patienten: Wie ist seine Umgebung? Wer unterstützt ihn? Wo geht er nach der Therapie hin? Wie kann er da versorgt werden? Das sind ganz entscheidende Faktoren, die erheblichen Einfluss auf die Therapiefähigkeit haben.

„Das Alter ist alleine überhaupt nicht prädiktiv, nur in Zusammenhang mit anderen Faktoren, die mit dem Alter einhergehen.“

Prof. Dr. med. Carsten Bokemeyer Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO)

© Lucia Bartl

! Vielen Dank für das Gespräch!

Literatur

  1. Das Interview führte Philipp Grätzel von GrätzGoogle Scholar

Copyright information

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Authors and Affiliations

  • Springer Medizin

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