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Pädiatrie

, Volume 30, Issue 3, pp 49–49 | Cite as

Ist Erziehung zwecklos?

  • Walter Dorsch
  • Klaus Zierer
Fortbildung

? Oft beklagen sich Eltern in der Praxis über ihren Nachwuchs, dass er nicht gehorche. Sie fragen, ob elterliche Gebote und Maßregelungen überhaupt Sinn machen. Sollten Eltern die Erziehung vielleicht besser sein lassen, da sich Kinder ohnehin alles abschauen und so am besten lernen?

Prof. Dr. med. Walter Dorsch

Prof. Dr. phil. Klaus Zierer

! Prof. Dorsch: Diese Art der Klage ist Jahrtausende alt und scheint sich in jeder Generation zu wiederholen. Unerfahrenen Eltern versuche ich, das Problem aus der Perspektive der Kinder zu schildern: Elterliche Gebote sind ein meist soziales Geräusch, das man mehr oder weniger gekonnt überhören kann. Daneben gibt es eine Fülle von Themen, über die ausgiebig diskutiert werden kann und muss. Zu guter Letzt sind einige wenige Regeln zu beachten, deren Einhaltung sich trotz aller Bemühungen nicht vermeiden lässt, vorausgesetzt, die Eltern halten sich auch daran.

Manche Eltern erteilen stündlich Dutzende von Ermahnungen und Befehlen, die sich niemand merken kann, sie selbst am wenigsten. Die Fokussierung auf das Wesentliche spart Zeit und Energie. Wir Eltern müssen uns aber über unsere Erziehungsziele im Klaren sein. Unsere Kinder sollen zu freien, selbstverantwortlichen, selbstbestimmten und sozial kompetenten Erwachsenen heranwachsen. Sie sollen den Erfahrungsschatz der Vergangenheit nutzen (also auch unseren gemeinsamen Wertekanon), ohne alte Fehler zu wiederholen. Sie sollen ohne Angst anders sein dürfen. Sie sollen standhaft allen möglichen Manipulationen widerstehen; deshalb darf Erziehung nicht manipulativ sein.

Der Wertekanon einer Familie entsteht durch Beziehung und nicht durch Belehrung. Wir müssen als Eltern vorleben, welche Werte wir für verbindlich halten, den gegenseitigen Respekt und vieles mehr. Insofern stimmt es, wenn es heißt: Erziehung ist zwecklos! Die Kinder machen ohnehin (fast) alles nach.

! Prof. Zierer: Eltern haben über ihre Vorbildrolle viele Karten in der Hand. Damit Erziehung gelingt, müssen sich Eltern dieser Rolle bewusst sein: ob das den eigenen Medienkonsum, die Tischmanieren, die Körperpflege im Bad oder die Ordnung auf dem Schreibtisch betrifft. Eltern stehen unter ständiger Beobachtung. Dabei ist die eigene Vorbildrolle nicht immer leicht, sondern eine tagtägliche Herausforderung. Machen Sie Eltern auf ihre Vorbildrolle aufmerksam und stellen Sie Fragen, die sichtbar machen, wo Möglichkeiten und Grenzen sind. Diskutieren Sie mit den Eltern die Probleme im Lebensalltag und ermutigen Sie sie, diese Probleme immer wieder mit den Kindern und Jugendlichen ebenso wie mit dem Lebenspartner zu thematisieren. So lernen Kinder und Jugendliche am Vorbild der Eltern, was es heißt, Grenzen zu erkennen, Fehler zu begehen und über beides nachzudenken. Schritt für Schritt kann darauf aufbauend Verantwortung sichtbar gemacht und an die Kinder übergeben werden. Und Eltern reflektieren auf diese Art und Weise gemeinsam das eigene Erziehungsdenken und Handeln.

Es ist das Ziel von Erziehung, Kinder zu befähigen, selbstbestimmt durchs Leben zu gehen. Eines der wichtigsten, aber auch am häufigsten missverstandenen Postulate in der Pädagogik lautet: „learning by doing“ — Kinder sollen das, was sie lernen sollen, machen. Dies stellt nicht selten eine Überforderung dar. Und deswegen erweist sich so manche Erziehungsidee zwar als theoretisch schön, aber als praktisch wirkungslos. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig zu wissen, dass Menschen nicht nur lernen, wenn sie etwas machen. Sondern sie lernen auch — und das sogar bis ins hohe Alter hinein — wenn sie etwas beobachten: „Lernen am Modell“ heißt die Praxis.

Fragen Sie uns!

Kinderärzte sind häufig Ansprechpartner der Eltern, wenn es um Schulprobleme, Medienkonsum und andere Erziehungsfragen geht. In unserer neuen Rubrik beantworten die Experten auch Ihre Fragen. Schreiben Sie uns unter: nicola.zink@springer.com

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© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  • Walter Dorsch
    • 1
  • Klaus Zierer
    • 2
  1. 1.Kinder- und JugendarztMünchenDeutschland
  2. 2.Ordinarius für Schulpädagogik UniversitätAugsburgDeutschland

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