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gynäkologie + geburtshilfe

, Volume 23, Issue 2, pp 3–3 | Cite as

Arztpraxis 4.0

  • Springer Medizin
Editorial
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„Die Arztpraxis 4.0 wird kommen. Wir sollten uns darauf vorbereiten. Andernfalls laufen wir Gefahr, sehr schnell Geschichte zu werden.“

Prof. Dr. med. Bernd Kleine-Gunk

Leiter der Gynäkologie am Metropol Medical Center, Nürnberg, und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Anti-Aging-Medizin (GSAAM)

Der Fotokonzern Kodak beschäftigte vor 25 Jahren 140.000 Menschen. 1996 hatte er einen Börsenwert von 30 Milliarden US-Dollar. Im Jahr 2012 meldete Kodak Konkurs an. Sämtliche Arbeitsplätze gingen verloren, die Firma löste sich im wahrsten Sinne des Wortes in nichts auf. Der Grund: Die Firmenleitung hatte den digitalen Wandel der Branche verschlafen. Eine 2010 gegründete kleine Firma namens Instagram hatte dagegen die Zukunft der digitalen Fotografie erkannt und eine Online-Plattform gegründet, auf der man digitale Fotos hochladen konnte. 2013 wurde Instagram von Facebook für 1 Milliarde Dollar gekauft. Zu dem Zeitpunkt zählte die Firma 13 Mitarbeiter.

Der Fall Kodak ist ein klassisches Beispiel dafür, wie radikal die Digitalisierung die Arbeitswelt verändert und dabei ganze Branchen und Berufsgruppen aussterben lässt. Das gilt inzwischen für eine Vielzahl von Bereichen. Angesichts des bevorstehenden Durchbruchs selbstfahrender Autos ist wohl auch Taxi- oder LKW-Fahrer kein Job mehr mit einer lebenslangen Perspektive.

Verglichen damit ist der Arztberuf bisher durch die Digitalisierung nur verhältnismäßig wenig verändert worden. Freilich — auch wir schreiben unsere Befunde inzwischen nicht mehr in eine Karteikarte, sondern tippen sie in das Praxisprogramm unseres Rechners. Und — um beim Beispiel Fotodokumentation zu bleiben — Röntgenbilder hängen wir nicht mehr vor einen Leuchtschirm, sondern schieben die entsprechende CD in ein Laufwerk und betrachten dann die Bilder auf dem Monitor. Dass sich durch derartige Veränderungen die ganze Branche geändert hätte, kann man jedoch nicht behaupten. Doch das kann noch kommen.

Die Firma IBM, die seit vielen Jahren im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) tätig ist, hat seit Jahren ein Computerprogramm namens Watson im Angebot. Berühmt wurde Watson 2011, als es in der populären amerikanischen Quizshow „Jeopardy“ sämtliche menschlichen Champions schlug. Inzwischen hat IBM Watson weiterentwickelt zu „Dr. Watson“. Das entsprechende Programm hat alle ärztlichen Leitlinien gespeichert und wird ständig mit neuester medizinischer und wissenschaftlicher Literatur gefüttert. Schon jetzt übertrifft Dr. Watson als Diagnostiker sämtliche medizinischen Fachkoryphäen. Da stellt sich natürlich die Frage: Braucht es demnächst an Onkologischen Zentren tatsächlich noch interdiszipinäre Tumorboards, die anhand der Charakteristika einer Karzinomerkrankung die optimale Therapie festlegen? Das kann ein entsprechender Algorithmus inzwischen bereits sehr viel schneller und präziser.

Ein anderes Beispiel: In China schickte Mao Tse Tung vor 50 Jahren Zehntausende von „Barfußärzten“ in die entlegenen Provinzen, um dort die Landbevölkerung medizinisch zu versorgen. Heute verteilt man dort elektronische Tablets, die jederzeit ein „Telekonsulting“ mit den großen medizinischen Zentren Chinas ermöglichen. Vieles lässt sich bereits auf diesem Wege lösen. Für weitergehende Diagnosen und Therapien werden dann gegebenenfalls zielgerichtet die entsprechenden Anlaufstellen genannt.

Auch wenn unsere Landärzte sicherlich alles andere als Barfußärzte sind — es bleibt abzuwarten, ob das derzeitige begrenzte Diagnose- und Therapieprogramm, das in durchschnittlichen Arztpraxen angeboten wird, auf Dauer noch für Patienten attraktiv ist.

Digitalisierung, Vernetzung, Telekommunikation und die Nutzung künstlicher Intelligenz stehen also definitiv für den medizinischen Bereich auf der Agenda. Das gilt nicht zuletzt auch für niedergelassene Ärzte. Die Arztpraxis 4.0 wird kommen. Wir sollten uns darauf vorbereiten. Andernfalls laufen wir Gefahr, sehr schnell Geschichte zu werden. Der Fall Kodak kann sich auch in anderen Branchen wiederholen.

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