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gynäkologie + geburtshilfe

, Volume 22, Issue 1, pp 59–59 | Cite as

Otto Müller

Eva, braun

  • Bernd Kleine-Gunk
Die letzte Seite Weibs-Bilder
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Um es gleich vorweg zu nehmen: Der Titel stammt nicht von mir. Vielmehr handelt es sich um die Überschrift eines „Spiegel“-Artikels anlässlich der ersten Biografie über Otto Müller. Die erschien im Jahr 1963 und stammte aus der Feder des bekannten Autors, Verlegers und Sammlers Lothar Günther Buchheim. Dem allerdings gefiel das gewagte Wortspiel, charakterisierte es doch vortrefflich den Frauentypus, den Otto Müller über einen Zeitraum von etwa 20 Jahren immer wieder auf die Leinwand bannte. Müller liebte Zigeunermädchen. Er malte sie als Kinder und junge Frauen, als Zigeunermadonna oder eben als Eva — zumeist spärlich oder gar nicht bekleidet, auf jeden Fall immer mit viel nackter, brauner Haut.

Maschka mit Maske, 1919/21, Otto Müller (1874–1930)

© akg-images/picture alliance

Müllers Obsession für das Zigeunerleben ging laut eigenen Angaben auf seine Mutter zurück, in deren Adern angeblich Zigeunerblut floss. Buchheim hat das in seiner Biografie klar als selbstgefertigten Mythos widerlegt. Die angebliche Verwandtschaft zu den Zigeunern war eine reine Wahlverwandtschaft.

Müller hat in seinem ganzen Leben immer Schwierigkeiten gehabt, irgendwo dazuzugehören. Früh schon sah er sich als bildenden Künstler, flog aber zunächst einmal aus allen Kunsthochschulen. Heute gilt er im Wesentlichen als Expressionist. In der Tat gehörte er einige Jahre der Dresdener Künstlergruppe „Die Brücke“ an, die neben dem „Blauen Reiter“ als wichtigste expressionistische Künstlervereinigung gilt. Aber auch da gehörte Müller nicht wirklich dazu. Die Expressionisten entdeckten neue Themen wie die Großstadt, das Varieté und das Leben auf der Straße. Wenn sie die Natur malten, so luden sie diese mit verfremdeten Farben expressiv auf — blaue Pferde, gelbe Berge, rotes Wasser. Nichts davon bei Otto Müller. Er malte seine Nackten in ländlich arkadischen Landschaften, und er tat dies zumeist mit Leimfarbe auf grober Leinwand. Olivgrün und braun in allen Schattierungen sind seine bevorzugten Farbtöne.

Im Übrigen gibt es in Müllers Werk keinerlei Entwicklung. Weder technisch noch inhaltlich. Kaum ein Maler des 20. Jahrhunderts verharrte so konsequent im gleichen Motivkreis. Das gilt auch für die Auswahl seiner Modelle, die fast immer seine Geliebten und gelegentlich auch seine Ehefrauen wurden. Und die auch alle ähnlich aussahen. Nämlich wie Zigeunerinnen — auch wenn sie keine waren. Das gilt vor allem für die hier dargestellte Maschka Meyerhofer, die Müller 1899 in Dresden kennengelernt und 1905 geheiratet hatte. „Maschka mit Maske“ entstand 1921, im Jahr der Scheidung. Es zeigt eine junge, schöne, sinnliche und selbstbewusste Frau mit schlanken, etwas überlängten Gliedern und jenem leicht raubtierhaften Gesichtsausdruck, den Müller immer wieder idealisierte. Die Maske trägt dagegen unverkennbar seine eigenen Gesichtszüge. Mit leeren Augenhöhlen, schmallippig und geradezu versteinert, ist sie das genaue Gegenteil seiner kessen Noch-Ehefrau.

In Müllers leeren Gesichtszügen manifestiert sich wohl mehr als nur die akute Trauer über eine Trennung. Es ist vielmehr das Selbstporträt eines Mannes, der realisiert hat, dass er nie wirklich dazugehört hat, sondern immer nur ein Außenstehender und Betrachter blieb. Aber das, was er von Außen betrachtete, brachte er höchst eindrucksvoll und mit unverkennbar eigener Handschrift auf die Leinwand. Er reiht sich ein in die Gruppe der wichtigsten deutschen Maler des 20. Jahrhunderts. Zu denen gehört er auf jeden Fall.

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© Springer Medizin 2017

Authors and Affiliations

  • Bernd Kleine-Gunk
    • 1
  1. 1.NürnbergDeutschland

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