gynäkologie + geburtshilfe

, Volume 22, Issue 1, pp 42–42 | Cite as

Alles was Recht ist

Besteht Aufklärungspflicht für alternative Behandlungsoptionen?

  • Martin Sebastian Greiff
Praxis konkret
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Aufklärungsrügen erscheinen in der Praxis als besonders haftungsträchtig. Was gilt allerdings, wenn die Indikation einer alternativen Methode aus medizinischer Sicht fraglich erscheint?

Dr. Martin Sebastian Greiff stellt in dieser Rubrik gerichtliche Entscheidungen aus dem Bereich der Gynäkologie und Geburtshilfe vor.

Eine Patientin machte anlässlich einer erfolglosen ICSI-Behandlung Schadensersatz und Schmerzensgeld geltend, da ihr Uterus mit Myomen befallen war und ihre Ärztinnen vor Beginn der Behandlung nicht zwingend zu deren Entfernung geraten hatten. Nach ihrer Ansicht sei dies aber nötig gewesen. Obwohl schon die Gutachter- und Schlichtungsstelle nach Einholung zweier Gutachten ein Fehlverhalten verneinte, beharrte die Klägerin auf ihrem Standpunkt. Neben dem Kernvorwurf rügte sie auch, nicht hinreichend aufgeklärt worden zu sein, da man ihr zumindest hätte erläutern müssen, dass bei vorheriger Entfernung der Myome eine vielleicht — wenn auch noch so geringfügig — höhere Aussicht auf Erfolg bestanden hätte.

So sah das Gericht den Fall

Die Klage wurde letztlich sachverständig beraten vom LG Darmstadt (Urteil vom 14.12.2016, 23 O 292/12) abgewiesen. Nach Einholung eines erneuten Gutachtens sowie Anhörung von Parteien und einem Zeugen konnten weder Behandlungsfehler noch Aufklärungsmängel festgestellt werden. Die Beweisaufnahme ergab vielmehr das Gegenteil. Die Entscheidung, die Behandlung ex ante anfangs noch ohne vorherige Myomenukleation anzugehen, entsprach laut Gutachter aufgrund konkreter Beschaffenheit und Lage der Myome zum Behandlungszeitpunkt fachärztlichem Standard, zumal aufgrund der Gesamtumstände eine OP zu Beginn medizinisch nicht indiziert schien. Myome, die ggf. als kritisch für den Behandlungserfolg hätten angesehen werden müssen, lagen nicht vor. Außerdem sei der Einfluss intramuraler Myome auf den Eintritt und Verlauf von Schwangerschaften nicht völlig klar. Umgekehrt habe zum Behandlungszeitpunkt das fortgeschrittene Alter der Klägerin beachtet werden müssen — was unstreitig erfolgt sei –, da bei einer Myomenukleation erst noch wertvolle Zeit verloren worden wäre. Damit schien schon rechtlich fraglich, ob über eine solche OP vor der Behandlung überhaupt hätte aufgeklärt werden müssen. Nach ständiger Rechtsprechung ist nur über solche Möglichkeiten aufzuklären, die als Alternative ernsthaft in Betracht kommen und in gleicher Weise medizinisch indiziert sind. Vorliegend stellte aber eine ,,ICSI nach vorheriger Myomenukleation“ gegenüber einer „ICSI ohne vorherige Myomenukleation“ ex ante keine solche Alternative dar. Auch die laienhafte Hoffnung, es hätte dann vielleicht doch eine geringfügig bessere Erfolgsaussicht bestanden, fand keine ausreichend statistisch belastbare Stütze.

Was bedeutet das Urteil für den klinischen Alltag?

Patientinnen muss ungefragt nicht immer erläutert werden, welche Behandlungsmethoden theoretisch alle infrage kommen und was jeweils für oder gegen sie spricht. Vielmehr gilt insoweit der Grundsatz ärztlicher Therapiefreiheit. Allerdings wird eine Aufklärung über „echte Behandlungsalternativen“ spätestens dann erforderlich, wenn mehrere gleichermaßen indizierte, sinnvolle Therapien existieren, die sich in den möglichen Risiken und Komplikationen oder auch der Belastung für Patientinnen wesentlich unterscheiden. Um von einer solchen Alternative sprechen zu können, muss trotz allem die Maßnahme aber jeweils eine medizinische Indikation aufweisen. Über diesen Aspekt gehen viele Aufklärungsrügen leichtfertig hinweg. Umgekehrt darf nicht unberücksichtigt bleiben, dass für den Fall, dass der Arzt über Methoden aufklärt, über die er eigentlich hätte gar nicht sprechen müssen, dann diese Erläuterungen natürlich richtig sein müssen. Im vorliegenden Fall war zwischen den Parteien unstreitig trotz allem über Myome und deren fragliche Entfernung gesprochen worden, wenn auch die Details der Gespräche streitig waren und eine Aufklärung mangels Indikation rechtlich eigentlich gar nicht zwingend erforderlich gewesen wäre. Die Ärztinnen konnten diesbezüglich aber letztlich auch beweisen, dass ihre Angaben fachlich richtig und der Situation angemessen waren. Somit gab es für eine Haftung auch in dieser Hinsicht keinen Ansatzpunkt mehr.

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© Springer Medizin 2017

Authors and Affiliations

  • Martin Sebastian Greiff
    • 1
  1. 1.MünchenDeutschland

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