gynäkologie + geburtshilfe

, Volume 22, Issue 1, pp 3–3 | Cite as

Engpässe lähmen den Spielaufbau

  • Springer Medizin
Editorial

„Bei der erfolgreichen Besetzung von Chefarztpositionen wird der Außenstehende gelegentlich an die Fußball-Bundesliga und ihren Umgang mit Trainerstellen erinnert.“

Prof. Dr. med. Peter Mallmann Direktor der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Universitätsklinikum Köln (AöR), Kerpener Str. 34, 50931 Köln

Zu Jahresbeginn überschlagen sich wieder einmal die positiven Schlagzeilen vom Arbeitsmarkt: „Arbeitslosenzahl sinkt auf Rekordtief“, „Deutscher Arbeitsmarkt läuft so gut wie seit 1991 nicht mehr“, „Zahl der Erwerbstätigen steigt auf Rekordhoch“. In dieser Euphorie erscheint es zunächst nicht nachvollziehbar, warum viele fürchten, dass diese positive Entwicklung des Arbeitsmarktes zu einer Bedrohung des Gesundheitssystems führen könnte, denn dort fehlen zunehmend Bewerber und immer häufiger können freie Stellen nicht mehr besetzt werden. In unserem Fach sind es neben Stellen in der allgemeinen Krankenpflege vor allem Hebammenstellen, die nicht mehr besetzt werden können. Ähnlich sieht es in der Op.-Pflege aus und noch bedrohlicher ist die Situation in der Kinderintensivpflege — eine Entwicklung, die offenbar auch das höchste Entscheidungsgremium des Gesundheitssystems, der Gemeinsame Bundesausschuss, nicht berücksichtigt hat. Seine Forderung nach einer 1:1-Betreuung in der neonatologischen Intensivmedizin scheitert derzeit in der Umsetzung daran, dass bei Weitem nicht genügend Kinderintensivschwestern zur Verfügung stehen. Ein von einigen Kliniken versuchter Lösungsansatz in Form der Erweiterung der Ausbildungskapazitäten für Pflegeberufe zerschlägt sich deshalb, weil nach vorsichtigen Schätzungen nur weniger als 20 % der Ausgebildeten tatsächlich im Beruf bleiben, die anderen wechseln meist zu Studium oder beruflichen Alternativen. Bei den dringenden Bemühungen, Positionen zu besetzen, wird inzwischen zu Maßnahmen gegriffen, die bislang nur in der freien Wirtschaft vorstellbar waren: die Beauftragung professioneller Headhunter oder das Abwerben von Mitarbeitern anderer Kliniken.

Auch bei der Besetzung von Fach- und Oberarztstellen sowie von Chefarztpositionen macht sich ein eklatantes Nachwuchsproblem bemerkbar, das mancherorts bereits zu Abteilungsschließungen geführt hat. Bei der Besetzung von Chefarztpositionen wird der Außenstehende gelegentlich an die Fußball-Bundesliga und ihren Umgang mit Trainerstellen erinnert. Ein Wechsel wird zur Routine, das Beibehalten einer Position bis zur Rente ist eher selten. Inzwischen ist ein regelrechter Chefarzt-Transfermarkt entstanden. Ähnlich wie bei der Bundesliga wundert sich der Außenstehende bisweilen, worin die Hoffnung begründet ist, dass ein bei Verein A erfolgloser Trainer (respektive Chefarzt) dann bei Verein B auf einmal so viel erfolgreicher sein soll. Eine weitere Folge dieses Prozesses: Immer wieder werden Chefarztpositionen aufgrund fehlender Bewerbungen, oftmals ohne große Ausschreibung, hausintern besetzt. Die vielzitierte Generation Y erreicht jetzt das potenzielle Chefarzt alter und ist offenbar nicht mehr bereit, diese Position unter allen Umständen zu übernehmen.

Auch unsere niedergelassenen Kollegen werden von diesem Trend nicht verschont. Es gibt zwar eine große Nachfrage nach Assistentenstellen in der Praxis, vor allem nach Teilzeitstellen, das Interesse an einer Praxisübernahme mit voller wirtschaftlicher Verantwortung wird jedoch immer geringer.

In unserer älter werdenden Gesellschaft mit wachsendem Bedarf an pflegerischer und ärztlicher Versorgung und der zunehmenden Unattraktivität der „Pflege“ als anzustrebendes Berufsbild, ist es schwer, eine Lösung zu finden. Die von vielen geforderte (z. T. bei Privatunis auch umgesetzte) Erweiterung der Zahl der Medizinstudienplätze wird dieses Problem nur teilweise lösen. Führungspositionen in Kliniken oder der Aufbau einer eigenen Praxis erfordern im Regelfall persönlichen Einsatz, der oft nur mit Abstrichen an Lebensqualität möglich ist, wozu immer weniger Kollegen bereit sind. Die Besetzung durch ausländische Bewerber, vor allem im Pflegebereich und beim ärztlichen Nachwuchs, ist auch nicht ohne Hindernisse, die Sprachbarriere nur ein Aspekt.

Gesundheitspolitisch wird es ein wichtiges Ziel der nächsten Jahre sein, die Pflege und den Dienst am Mitmenschen wieder attraktiv zu machen: „Make Nursing great again!“.

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