Darf's noch etwas mehr (Bürokratie und Regulierungswut) sein?

Spricht man in diesen Tagen in einem der vielen Video-Calls mit internationalen Kolleg*innen, kommt unweigerlich spätestens im zweiten Satz die Frage auf "Sag mal, was ist denn da bei Euch in Deutschland eigentlich los mit der Handhabung der Pandemie?" Verwundert reiben sich internationale Wissenschaftler*innen und Ärzt*innen die Augen, wenn sie deutsche Statistiken zu SARS-CoV-2-Impfungen und -Testungen anschauen. Rumänien, Spanien, Serbien, Polen, Chile und Marokko sind weit enteilt mit der Anzahl der Geimpften je 1.000 Einwohner. Von Großbritannien, den Emiraten, USA, Schweiz und natürlich Israel ganz zu schweigen, wo teilweise zehnmal mehr Menschen - bezogen auf die Einwohnerzahl - geimpft wurden.

Was nur ist aus dem hochmodernen, effektiven und weltweit bewunderten deutschen Gesundheitssystem geworden, das doch noch in der ersten Welle der Pandemie weithin als Vorzeigemodell galt? Genau das fragen wir uns selbst auch oft, aber ist diese Entwicklung wirklich so überraschend? Die Politik hat es in unnachahmlicher Weise geschafft, die etablierten Strukturen des Gesundheitssystems auszuhebeln und Parallelwelten zu erschaffen. Anstatt die große Dichte und hohe Qualität der Praxen in der ambulanten Versorgung fürs Impfen und Testen zu nutzen, werden mit riesigem Aufwand Impfzentren und andere Parallelstrukturen geschaffen.

Hausärzte, die seit Jahren Pflegeeinrichtungen betreuen und alle Einwohner*innen regelmäßig gegen viele Erkrankungen impfen, erleben, wie für die Corona-Impfung fremde Ärzte ins Haus kommen, die die Senior*innen nicht kennen. Niedergelassene Hausärzte und Internisten, Kinder- und HNO-Ärzte, auch Betriebsärzte und andere Kolleg*innen mit langjähriger Impferfahrung müssen sich selbst zum Teil in Impfzentren von unerfahrenen Berufsanfängern oder ihren aus dem Ruhestand aktivierten Praxisvorgänger*innen impfen lassen.

Ein Schelm, wer Bürokratie und Regulierungswut als Ursache vermutet, vielmehr soll es ja um die korrekte Kühlung des Impfstoffes und vor allem die "korrekte Priorisierung" gehen. Die hätte man aber mit intelligenter Logistik auch unter Einbeziehung der bestehenden Strukturen des Gesundheitssystems kostengünstiger und effizienter haben können, denn durch die AHA-Maßnahmen fällt die Infektionssaison dieses Jahr nahezu aus und viele Praxen impferfahrener Kolleg*innen haben ausreichend freie Kapazitäten. Dort wird nämlich schon längst die eigentlich wichtige Arbeit rund ums Impfen geleistet: Aufklärung, Information und Ängste nehmen - dann könnte man auch gleich noch schnell impfen.

Überhaupt scheint Überregulierung das eigentliche Problem in dieser Pandemie zu sein. Niemand versteht mehr, warum eine Person ein Paar in dessen Wohnung besuchen darf, dies umgekehrt aber verboten ist. Etwas mehr Pragmatismus könnte helfen - einfach das Ziel nicht aus den Augen verlieren und Regulierung und Bürokratie nicht zum Selbstzweck werden lassen.

Das Allergo Journal bietet Ihnen auch in seiner aktuellen Ausgabe die Fokussierung auf die Wissenschaft und viele praktische Tipps. Das Positionspapier: Schwere allergische Reaktionen nach COVID-19-Impfung der deutschen allergologischen Gesellschaften (S. 24) stellt das aktuelle Wissen zu dieser Problematik dar. Dies gilt auch für den Expertenkonsensus zu praxisrelevanten Aspekten bei der Behandlung der chronischen Urtikaria (S. 40). Ganz neue Behandlungsansätze finden sich im Review "Aktuelle Entwicklungen zur Therapie der Erdnussallergie" (S. 30). Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen. Bleiben Sie gesund und optimistisch!

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Prof. Dr. Ludger Klimek, Zentrum für Rhinologie und Allergologie Wiesbaden

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Prof. Dr. Thilo Jakob, Klinik für Dermatologie und Allergologie, Universitätsklinikum Gießen, UKGM

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Klimek, L., Jakob, T. Darf's noch etwas mehr (Bürokratie und Regulierungswut) sein?. Allergo J 30, 3 (2021). https://doi.org/10.1007/s15007-021-4787-8

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