Das Innenleben eines Pilotprojekts ,

Coronaimpfungen in der Arztpraxis: Ein erster Erfahrungsbericht

Corona vaccination in a family practice: a first experience report

Es ist soweit: Auch Hausärzte steigen in die Impfkampagne gegen SARS-CoV-2 ein. Schon vor Ostern liefen erste Modellprojekte. Eine junge Kollegin aus einer sächsischen Pilotpraxis schildert ihre Erfahrungen und gibt Tipps, wie die zusätzliche Aufgabe in den Praxisalltag integriert werden kann.

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© REDPIXEL, Adobe Stocjk

Wir schreiben einen Donnerstag, Mitte März, 11:30 Uhr: Großer Jubel in unserer Hausarztpraxis, endlich ist der lang versprochene und noch länger erwartete Corona-Impfstoff von AstraZeneca eingetroffen, auch wenn initial mit Moderna geplant wurde.

Als Famulantin und LeiKA-Studentin (Leipziger Kompetenzpfad Allgemeinmedizin) bin ich seit Mitte Februar in der Lehrpraxis tätig und zwischen Blutentnahmen und Check-Up-Untersuchungen erreichen mich schon seit meinem ersten Arbeitstag Nachfragen der Patienten zur Coronaimpfung. Nun bin ich hautnah dabei, wie das Praxisteam in den nächsten Stunden fieberhaft an einem Impfplan arbeitet.

Die Praxis in der Kleinstadt Wurzen nahe Leipzig gehört zu den 39 sächsischen Praxen, die am Pilotprojekt "Impfen in der Hausarztpraxis" beteiligt sind. Das Projekt soll die Umsetzbarkeit und Eingliederung von Impfungen in den Praxisalltag eruieren und wird noch bis zum 15. April 2021 laufen. In meiner Patenpraxis arbeiten zwei Fachärztinnen, die von zwei Assistenzärztinnen unterstützt werden, sowie sechs medizinische Fachangestellte. Für die medizinische Versorgung stehen insgesamt sieben Räume zuzüglich Empfang, Wartezimmer und zwei Ex-traräumen für die Corona-Abstriche zur Verfügung.

Erst Impflisten anlegen, dann Termine vereinbaren

Die Impflisten werden bereits seit Wochen angefertigt, alle über 80-jährigen Patienten wurden telefonisch kontaktiert oder in der Sprechstunde gefragt, ob sie schon geimpft sind und falls nicht, ob sie geimpft werden wollen. Da nun in Sachsen auch die Priorisierungsgruppe 2 freigegeben ist, kommt noch eine weitere Liste mit Patientennamen hinzu. Diese Impfanwärter wurden alle primär nach Alter sowie nach diagnoseabhängigen Auswahlkriterien (z. B. stark erhöhter BMI, Depressionen, Diabetes mellitus) vom Computersystem generiert. Damit konnte bereits ein Großteil der priorisierten Patienten erfasst werden.

Nun heißt es Telefonieren und Impftermine vereinbaren. Pro Impfampulle von AstraZeneca, welche sich im Kühlschrank sechs Monate bei 2 bis 8 °C hält, können ähnlich wie bei dem mRNA-Impfstoff von Moderna, 10 Spritzen aufgezogen werden, welche dann noch genau 48 Stunden im Kühlschrank haltbar sind. Beim Coronavakzin von Pfizer/BioNTech sind 6 Dosen pro Ampulle möglich.

Exakte Planung bei der Impfstoffaufbewahrung

Der Impfstoff wird vor der Sprechstunde vom Praxispersonal aufgezogen und dann jeweils nach Ampulle, aus der die Dosen stammen, in gesonderten Boxen im Kühlschrank aufbewahrt. Durch das Notieren von Datum und exakter Uhrzeit wird gewährleistet, dass die 48 Stunden eingehalten werden können. Vor Hausbesuchen wird abgeklärt, ob eine Impfung gewünscht ist und anschließend genau passend die notwendige Anzahl an Spritzen in Kühlboxen mittransportiert, wobei Erschütterungen durch mehrfachen Schutz der Spritzen vermieden werden. Dabei werden die Spritzen nochmals in kleine Boxen verpackt und diese Boxen mit Schaumstoffmaterial befüllt.

Die regel- und zeitgerechte Aufbewahrung der aufgezogenen Spritzen erfordert eine exakte Planung in der Terminvergabe. Immer mehrere Tage im Voraus werden Impflisten mit genauen Uhrzeiten angelegt, in die die telefonisch benachrichtigten Patienten im 10- bis 15-Minuten-Abstand eingereiht werden, abhängig von der Anzahl aller bestellten Hausarztpatienten. Zusätzlich werden jeden Tag während der Sprechstunde noch etwa 10 bis 20 Patienten in eine Ersatzliste aufgenommen, die beispielsweise pflegebedürftige Angehörige haben oder einen hohen HbA1c-Wert vorweisen und dadurch noch die Gelegenheit bekommen, spontan geimpft zu werden.

Die Terminplanung erfordert aber auch eine hohe Flexibilität seitens der Impfwilligen, da bei den täglichen zwei bis vier Spontanabsagen von Personen, die sich doch noch gegen eine Impfung entscheiden, direkt andere an einer Impfung interessierte Patienten informiert werden und dann innerhalb von wenigen Stunden ihr Impfangebot wahrnehmen können.

Impfen in Serie

Bereits Freitagnachmittag nach der Sprechstunde startet so die erste Impfaktion, bei der 30 Personen geimpft werden können. Sofern die Personalkapazitäten ausreichen, wird versucht, auch während der Sprechstunde eine Impfstrecke zu errichten, ansonsten startet der Impfbetrieb immer erst im Anschluss an die Sprechstunde, um den alltäglichen Praxisbetrieb nicht zu gefährden.

Patienten kommen im 10-Minuten-Takt

Am Samstagvormittag geht es dann direkt weiter. Ab 9:00 Uhr sind Patienten im 10-Minuten-Takt in die Praxis bestellt. Direkt am Eingang werden ein Anamnesebogen, das Aufklärungsmerkblatt und die Impfeinwilligungserklärung verteilt. Alles soll von den Patienten aufmerksam durchgelesen und unterschrieben werden. Die Bögen werden später alphabetisch abgeheftet. Diese Materialien stammen vom Robert-Koch-Institut (RKI) und werden in der Praxis selbst ausgedruckt. Des Weiteren erhalten die impfwilligen Patienten einen von der Praxis erstellten Laufzettel (Tab. 1), der als Gedächtnisstütze für Patient und Arzt zugleich dient.

Tab. 1 Laufzettel

Nach dem Ausfüllen der Papiere durchlaufen die Patienten den ersten Raum, in dem sie von einer Ärztin noch einmal umfangreich aufgeklärt werden und ihre noch offengebliebenen Fragen stellen können. Dann geht es weiter in das nächste Zimmer. Hier erfolgt die Impfung. Schließlich melden sich die Frischimmunisierten am Empfang und nehmen im Wartezimmer 15 Minuten - Personen mit Gerinnungshemmung oder einer Impfkomplikation bei früheren Impfungen 30 Minuten - zur Nachbeobachtung Platz. Als zusätzlichen Warteraum können auch die Räume nach einer Desinfektion genutzt werden, in denen zu anderen Zeiten Patienten abgestrichen werden. Mit einem ersten Stempel auf ihrer Impfbescheinigung und einer aktuellen Eintragung im Impfpass verlassen die Patienten dann nach einer halben Stunde die Praxis. So schaffen wir es auch am Samstag, noch einmal 53 Personen mit einer ersten Injektion des Vakzins gegen COVID-19 zu schützen.

Impfungen im Praxisalltag

Am Montag ist sowohl vormittags als auch nachmittags Sprechstunde, weswegen sich hier die Eingliederung der Impfung in den hausärztlichen Alltag komplizierter gestaltet. Gestartet wird in der Mittagspause, später ist auch ein koordinierter Ablauf während der Sprechzeiten möglich, wobei die Hälfte der Räume zur Immunisierung gegen SARS-CoV-2 genutzt wird und die restliche Kapazität den bestellten Hausarztpatienten gewidmet wird. Prinzipiell wird jeden Tag während und nach der normalen Sprechstunde geimpft sowie zweimal auch samstags, um schnellstmöglich alle Patienten vor der Infek- tionskrankheit zu schützen und den ersten großen Ansturm abzubauen. Ausnahmen werden an den Tagen gemacht, an denen nicht genügend Personal zur Verfügung steht, da für eine Impfstrecke ein Arzt zur Patientenaufklärung und zwei Arzthelfer zur Impfung und Nachbeobachtung vonnöten sind, oder zur Zweitimpfung 12 Wochen später der Kalender der Praxis keinen freien Termin mehr aufweist.

Die Zahl der Immunisierten wird schließlich jeden Abend an die Kassenärztliche Vereinigung (KV) gemeldet. Gleiches gilt für die abgelehnten Impfungen. Die KV reicht die Daten weiter an das Staatsministerium für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt (SMS), welches dann die Informationen ans RKI sendet. Jede Impfung wird mit 20 € vergütet. Während des Pilotprojektes standen insgesamt 400 Impfungen zur Verfügung. Pro Woche konnten etwa 200 Patienten in der Sprechstunde geimpft werden. Eine Limitation bei der Anzahl der Impfungen war dabei die Durchführung der normalen Sprechstunde bzw. Coronasprechstunde, für die auch noch ausreichend Personal und Räumlichkeiten zur Verfügung stehen muss.

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© Lubo Ivanko , Adobe Stock (Symbolbild mit Fotomodell)

Noch eine Frage zur Impfung? Für eine Antwort reicht ein Anruf beim Hausarzt.

Ein sich lohnender Mehraufwand

In diesen Tagen erlebe ich sehr dankbare Patienten, welche keine weiten Distanzen mit dem Auto zurücklegen und sich in unbekannter Umgebung zurechtfinden müssen, sondern in vertrautem Ambiente von ihnen jahrelang bekannten Personen betreut werden. Und falls sich dann doch noch einmal die eine oder andere Frage zur Impfung ergibt oder eine Nebenwirkung auftritt, ist die Antwort nur ein Telefonat oder ein Besuch in der Sprechstunde entfernt.

Priorisierte Patienten rekrutieren und bestenfalls außerhalb der Sprechzeiten zu impfen, um auch den normalen Praxisbetrieb zu sichern, ist zwar ein Mehraufwand, der sich allerdings meinen Beobachtungen nach zugunsten der Patienten lohnt.

Denn so, Herr Spahn, können Hausarztpraxen zum Game-Changer im Kampf gegen das Coronavirus werden.

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Anne Jentzsch

Praxis Dr. Woitek und Kollegen, Wurzen

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Jentzsch, A., Bleckwenn, M. Coronaimpfungen in der Arztpraxis: Ein erster Erfahrungsbericht. MMW - Fortschritte der Medizin 163, 12–17 (2021). https://doi.org/10.1007/s15006-021-9825-7

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Keywords:

  • Corona vaccination
  • family practice
  • prioritization
  • corona outpatient clinic